Sechs Monate Frankreich: From Paris with Love

Am 14. Juli: Der Eiffelturm während des Nationalfeiertags. (Foto: Marjolaine Champagne)

Am 14. Juli: Der Eiffelturm während des Nationalfeiertags. (Foto: Marjolaine Champagne)

Ich wagte das Abenteuer und begab mich sechs Monate in die Stadt der Liebe und Köstlichkeiten: Paris. Ein halbes Jahr sagte ich Frankfurt „Goodbye“ und machte mich auf in die meistbesuchte Stadt Europas. Mit 12 Millionen Bewohnern ist Paris das Zentrum Frankreichs – sowohl ökonomisch als auch kulturell. Ob das Musée du Louvre, L’arc de Triomphe, die Basilique du Sacré Coeur oder der berühmtberüchtigte Eiffelturm: All diese gigantischen Gebilde sah ich nun jeden Tag. Ob auf dem Weg in die Uni, auf dem Nachhauseweg, wenn ich mich mit Freunden traf und einfach das Pariser Leben genoss. Nach ein paar Tagen hatte ich mich durch den französischen bürokratischen Universitätsdschungel gekämpft und erste Freunde gefunden. In einer Metropole wie Paris mit zwölf Universitäten findet sich schnell Anschluss zu anderen Erasmus-Studenten, was schon nach kurzer Zeit eine Art Heimatgefühl aufkommen lässt. Als ich im Juli letzten Jahres meine ersten Schritte in Paris machte, durfte ich direkt den Nationalfeiertag am 14. Juli miterleben. Militäraufmarsch, ein Konzert und beeindruckendes Feuerwerk direkt am Eiffelturm. Ganze acht Stunden saß ich auf einer Picknickdecke auf dem Champs de Mars und sicherte mir damit einer der besten Plätze für das Feuerwerk am Abend – und es hat sich gelohnt!

Durch die vielen Studenten und jungen Menschen ist es in einer Stadt wie Paris nicht einfach (und vor allem sehr teuer!) ein kleines, bezahlbares Studio zu finden. Ich wurde fündig und für schlappe 520 Euro konnte ich zehn Quadratmeter inklusive Badezimmer im Westen von Paris mein Eigen nennen.
Ob laue Sommerabend an der Seine, ausgelassene Partyabende oder ein gemütliches

Bei strahlendem Sonnenschein: Der L'arc de Triomphe. (Foto: Isabelle Hohmann)

Bei strahlendem Sonnenschein: Der L’arc de Triomphe. (Foto: Isabelle Hohmann)

Abendessen: Mit meiner neuen (überwiegend deutschen) Clique verbrachte ich viel Zeit und innerhalb von kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, dass wir uns schon ewig kennen. Wahrscheinlich ist diese kurze, begrenzte Zeit das, was ein Erasmus-Aufenthalt ausmacht: Man genießt jede Sekunde, denkt nicht an morgen und erlebt alles mit neuen Augen.
Diese Ausgelassenheit wurde einem fast wie der Boden unter den Füßen weggerissen, als im November bei den Attentaten in Paris 130 Menschen ihr Leben verloren. Die sonst so lebendige, aufbrausende Stadt war am darauffolgenden Wochenende und Montag fast wie leergefegt. In meiner ganzen Zeit in Paris habe ich die Stadt und Metro nie so leer gesehen. Ich wurde achtsamer, am Universitätsgebäude wurden Taschenkontrollen durchgeführt. Aber eins stand für mich fest: Ich werde mich nicht unterkriegen lassen!
Ich wollte nicht nur Paris sehen, ich fuhr in die wunderschöne Normandie, besuchte im Dezember ein Konzert in Lille und reiste zum Abschluss meines Aufenthalts in Frankreich an die Côte

Atemberaubend: Die Basilique du Sacré Coeur. (Foto: Marjolaine Champagne)

Atemberaubend: Die Basilique du Sacré Coeur. (Foto: Marjolaine Champagne)

d’Azur: Monaco, Nizza, Montpellier ließen mich eine andere Seite von Frankreich kennenlernen. Der hektische Alltag in Paris war weit weg, das Meer schlug gegen die Felsen und die Yachten in Monte Carlo warteten auf die Weiterfahrt. Ich verabschiedete mich (vorerst) von Frankreich und wusste zugleich, dass es mich irgendwann hierherziehen wird: An das wohl schönste Fleckchen Europas.

Vorschau: Im Mai entführen wir euch in das kleine hessische Städtchen Marburg- seid gespannt!

Abenteuer Erasmus: Mein Leben in Paris

Mein neues Zuhause: Paris (Foto: Hohmann)

Mein neues Zuhause: Paris (Foto: Hohmann)

Es ist soweit! Ab dem 1. September werde ich ein Jahr lang in Paris leben und studieren. Neue Sprache, neue Leute, neue Kultur, neues Leben: Auf Face2Face werde ich alle vier Wochen von meinen Erlebnissen und Erfahrungen berichten und euch auf dem Laufenden halten.

Heute: Erasmus-Bewerbung und Wohnungssuche

Vor knapp vier Wochen, am 19. Juli, habe ich mein Studenten-Leben in Frankfurt hinter mir gelassen und ein neues Abenteuer gewagt: Ein Jahr in der Stadt der Liebe, ein Jahr in Paris!
Im Rahmen meines Studiums verbringe ich zwei Semester an einer der zwölf Universitäten in Paris, möglich macht`s Erasmus. Nach langwierigem Bewerbungsverfahren hielt ich endlich die Bestätigung in meinen Händen: Vom 1. September 2015 bis zum 31. Mai 2016 bin ich Studentin in der Metropole Paris. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass es in meinem Studienfach nur zwei Bewerber gab, sodass meine Chancen von Anfang an sehr gut standen. Ihr solltet euch also generell nicht davor scheuen, euch zu bewerben, auch wenn der Bewerbungsprozess seine Zeit dauert – am Ende lohnt sich der Aufwand!

Im Zug: Auf dem Weg von Frankfurt nach Paris (Foto: Hohmann)

Im Zug: Auf dem Weg von Frankfurt nach Paris (Foto: Hohmann)

Finanziell unterstützt werde ich durch mein Erasmus-Stipendium. Wie viel man monatlich erhält, hängt von dem jeweiligen Land ab. Die Zielländer sind in drei Kategorien unterteilt, wobei Gruppe 1 (z.B. Dänemark, Italien, Irland, Frankreich) den Höchstsatz von 330 Euro erhält, Gruppe 2 (z.B. Belgien, Griechenland, Niederlande, Spanien, Türkei etc.) 270 Euro und  Gruppe 3 (Bulgarien, Litauen, Polen, Ungarn etc.) 210 Euro.

Geschafft: Koffer Nummer eins (Foto: Hohmann)

Geschafft: Koffer Nummer eins (Foto: Hohmann)

Mir wird schnell klar, warum Frankreich zu den teuersten Ländern gehört: Die Mieten in Paris sind immens hoch. Nach einigen Wohnungsbesichtigungen habe ich mich für ein kleines Studio im 16. Arrondissement in Paris entschieden, welches im Westen liegt. 510 Euro für elf Quadratmeter – aber wenigsten mit eigenem Bad.
Ein eigenes Bad ist bei den kleinen Apartments keine Selbstverständlichkeit. Oft befinden sich Duschen und Toiletten auf dem Gang und man muss sich diese mit ein paar anderen teilen. Für mich war relativ schnell klar, dass ich mein eigenes Bad haben möchte – so viel Komfort muss sein.
In Frankfurt wohnte ich bei meiner Mutter im Herzen der Stadt – 22 Quadratmeter durfte ich mein eigen nennen. Nun hieß es also, mein Hab und Gut in elf Quadratmeter unterzubringen – da muss man natürlich Abstriche machen. Welche Klamotten brauche ich wirklich (zuhause hatte ich zwei Kleiderschränke – einen für den Sommer, einen für den Winter!)? Welche Schuhe trage ich am meisten (bei knapp 30 Paar Schuhen keine leichte Wahl)? Ich weiß nicht genau wie, aber ich habe es nach qualvollen Stunden geschafft, mich für die wichtigsten Dinge zu entscheiden. Und habe tatsächlich alles in meinem neuen kleinen Heim untergebracht!

Am 22. September berichte ich von meinen ersten Schritten in Paris und meinen ersten drei Wochen an der Uni!

Vorschau: Nächste Woche entführen wir euch in die Party-Hochburg Rimini!

Island – Natur pur?

Im Nordwesten Europas auf der Grenze zwischen eurasischer und nordamerikanischer Platte liegt Island – das Land von Feuer und Eis, von Gletschern, Vulkanen, Polarlichtern und Mittsommernachtssonne. Ein Land unberührt und unerschlossen? Face2Face berichtet heute über Flora, Fauna und den Tourismus auf Island.

Der Vulkan Hekla ist vielleicht eines der besten Beispiele der die Faszination Island beschreibt: Im Mittelalter als Tor zur Hölle beschrieben, ist er seit tausenden von Jahren einer der aktivsten Vulkane auf der isländischen Insel. Seine Eruptionen haben in diesem Zeitraum dafür gesorgt, dass Pflanzen- und Tierwelt immer wieder vollkommen vernichtet wurden, aber auch für eine nährstoffreiche Erde und Abmilderung des Klimas beigetragen. Daraus resultiert eine einzigartig geformte Landschaft mit einem ebenso angepassten Ökosystem. Menschen haben sich ihm zumeist nur vorsichtig genähert und sind – berichten nach – auch nicht immer wieder zurückgekehrt.

Touristisch gilt der Hekla als unerschlossenes Terrain, aber das könnte sich bald ändern. Im Jahr 2000 überstieg die Zahl, der Touristen, die nach Island kamen zum ersten Mal die Einwohnerzahl der Einwohner Islands von 300.000 (Quelle: Eldey). Darunter befinden sich vor allem Deutsche, Engländer und Touristen aus den anderen skandinavischen Ländern – seit den 50er ist der Tourismuszweig in Island kontinuierlich gestiegen. Alleine auf Island Urlaub in unberührter Natur? Wohl kaum.

Dennoch bringt die gestiegene Besucherzahl auch viele Vorteile mit sich. So sind die Flugpreise und Verbindungen auf die Insel von Düsseldorf, München oder Hamburg aus mit 300€ einigermaßen erschwinglich und werden auch regelmäßig angeboten. Auch viele Angebote mit dem Campingwagen oder per Pferd durch Island sind leicht auffindbar und sogar für Erasmus Aufenthalte für Studenten ist Reykjavík inzwischen als EU-Beitrittskandidat und Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft möglich.

Vom Massentourismus ist das Land noch weit entfernt und so ist diese inzwischen entstandene breite Angebotspalette durchaus positiv zu sehen. Und wenn man sich etwas weiter weg von den großen Touristenattraktionen, wie zum Beispiel dem Wasserfall Morsárfoss im Südosten, entfernt so findet man bestimmt seine unberührte Islandidylle – Hekla würde sich dafür gut anbieten.

Vorschau: Am Dienstag, 20. Mai folgt ein Bericht aus Straßburg über das European Youth Event.

Air Bnb – zwischen Couchsurfen und Hostel

In den letzten Monaten des Jahres 2013 verdankte das seit 2008 bestehende Unternehmen Air BnB seine gestiegene Bekanntheit vor allem negativen Schlagzeilen. Scheint es für viele ein innovatives Projekt zu sein, seine Wohnung für einen bestimmten Zeitraum über eine Plattform zur Miete anzubieten, sehen viele Eigentümer dies jedoch anders. Gerade im US-Bundesstaat New York hat es eine Welle an Klagen gegen den Betreiber gegeben. Und auch in Europa wurden Stimmen laut, dass die Anbieter nicht genügend abgesichert seien gegen Wohnungsschändung. Air BnB reagierte darauf, erhöhte die Sicherheitsmaßnahmen und bietet heutzutage nach eigenen Angaben Unterkünfte in 192 Ländern an. Es folgt ein Bericht über eine positive Erfahrung. In wenigen Wochen wird es dann noch eine Gegendarstellung geben.

Im Erasmussemester gilt neben feiern, das Leben genießen und Leute kennenlernen, vor allem eins: reisen. Möglichst viel erleben an unterschiedlichen Orten in die Kultur eintauchen und viel sehen. Das alles zu einem relativ kleinen Preis, um vom Fördergeld dann doch noch ein wenig zum Leben in der eigentlichen Austauschstadt übrig zu haben.

Entspanntes Frühstücken: Die Unterkunft in Bordeaux - kleine, aber feine Küche, in der ein Tag so richtig gut starten kann.<br />(Foto: Stolz)

Entspanntes Frühstücken: Die Unterkunft in Bordeaux – kleine, aber feine Küche, in der ein Tag so richtig gut starten kann.
(Foto: Stolz)

Mit dieser Herausforderung habe ich mich letztes Jahr in Frankreich konfrontiert gesehen. Gemeinsam mit Freunden plante ich sehr spontan, um genauer zu sein ein paar Tage vor Abfahrt, einen Trip an die „Westküste” und in den Norden, um die einwöchigen Herbstferien optimal zu nutzen. Toulouse – Bordeaux – La Rochelle – Mont St. Michel – Rennes – Paris und wieder zurück nach Lyon. Sechs Städte in neun Tage. Glücklicherweise konnten wir bereits an Reisekosten sparen, da das französische Bahnunternehmen junge Menschen honoriert, die sich einmalig für die Dauer von einem Jahr eine sogenannte „Carte Jeune” kaufen.

Also blieb es uns nur noch eins zu tun, nach Unterkünften zu schauen. Hier und da kannte eine meiner Mitreisenden Freunde, bei denen wir Unterschlupf finden konnten, sodass zwei Städte bereits abgedeckt waren. Für die anderen jedoch galt es, ein Dach über dem Kopf zu suchen. Zunächst versuchten wir hartnäckig als Couchsurfer unterzukommen. Doch Herbstferien bedeutet für alle eine freie Woche, weshalb wir nur Absagen erhielten. Ein Hostel so kurzfristig zu buchen hätte jeden von uns wahrscheinlich in einen kleinen finanziellen Engpass gestürzt. Also blieb nur noch Air Bnb.

Zuvor habe ich weder die Plattform noch seine Angebote genutzt. Ehrlicherweise habe ich von dem seit 2008 bestehenden Unternehmen erst in 2013 erfahren, als es nämlich häufiger in den Medien wegen des Rechtsstreits mit dem US-Bundesstaat New York auftauchte. Da diese Diskussionen jedoch nicht in Frankreich bestehen, begaben wir uns folglich auf die Suche und wurden sogar sogleich fündig. Über den Internetauftritt ist es ganz einfach, die Übernachtungsmöglichkeit zu buchen. Durch Filter kann man seine Suche individualisieren: vom Stadtteil, über den Objekttyp, bis hin zur Ausstattung, kann man durch einen Klick verschiedene Möglichkeiten auswählen.

Die erste Unterkunft benötigten wir in Bordeaux. Für acht Euro pro Person pro Nacht kann man nicht viel falsch machen, dachten wir. Die Bilder sahen auch ganz schmuck aus, wobei uns allen klar war, dass die Beschreibungen durchaus geschönt sein könnten. Dementsprechend war uns auch etwas mulmig zu Mute, als wir in der südwestlichen gelegenen Stadt eintrafen. Allerdings stellte sich heraus, dass alle Zweifel absolut unbegründet waren: wir schmachteten nicht nur unseren Gastgeber Maxime mit den großen braunen Rehaugen an, sondern erfreuten uns auch an seiner Freundlichkeit, uns bereits einige Adressen aufgelistet zu haben, wo wir denn etwas unternehmen könnten. Ein weiterer Blick in die Wohnung verriet uns: die Bilder entsprachen zu hundert Prozent dem Original. Eine kuschelige, kleine Zweizimmer-Wohnung, hübsch eingerichtet und mit jeglichem Inventar versehen, was man auf kurzen Reisen so braucht.

Traumhafter Ausblick: der Blick von der Unterkunft über die Dächer von Toulouse. (Foto: Stolz)

Traumhafter Ausblick: der Blick von der Unterkunft über die Dächer von Toulouse. (Foto: Stolz)

Auch in den weiteren Städten lauerten keine bösen Überraschungen auf uns, wenngleich die folgenden Gastgeber nicht ganz an das Idealbild eines Maxime herankamen. In einer Stadt, La Rochelle, waren wir im ausgebauten Dachboden mit Schlafzimmern und eigenem Bad untergebracht. Dementsprechend waren wir nicht nur „unter uns” in dem Haus, sondern trafen tagsüber außerhalb unseres Territoriums auf die Hausbesitzer. Das erzeugte zwar ein gewisses Couchsurf-Gefühl, doch förderte es auch zu Tage, dass wir mehr von unserem Französisch praktizieren.

Im Rückblick bleibt für mich also nur noch zu sagen, dass Air BnB empfehlenswert ist. Inzwischen hat das Unternehmen sogar mehrere Sicherheitsbestimmungen für den Reisenden eingeführt. Dadurch ist unter anderem erkennbar, welche Anbieter und Fotos verifizierbar und damit glaubwürdig sind.

Vorschau: Nächste Woche erfahrt ihr mehr über eine der Kulturhauptstädte Europas 2014 – Riga.

ERAS.. WAS? – Impressionen eines Auslandsaufenthaltes

„You are boring“, bringt mein Gesprächspartner mühevoll mit einem sofort wahrnehmbaren französischen Akzent hervor, nicht ohne mir mit seiner Whisky-Cola-Fahne ins Gesicht zu hauchen. Naserümpfend verziehe ich das Gesicht und muss mir eingestehen: das Argument, dass ich am frühen Morgen eine Klausur schreibe, zieht hier nicht.

Hier bedeutet in diesem Falle: Irgendwo in einem heruntergekommenen Studentenkorridor in Nordeuropa. Hier, inmitten einer Meute feierwütiger Austauschstudenten, die die letzten Abende ihres Auslandsaufenthaltes mit Unmengen an Alkohol begehen wollen. Hier, in eben diesem Land, das ich im letzten halben Jahr hassen und lieben gelernt habe. Hier, wo ich in weniger als 48 Stunden nicht mehr sein werde. Hier, wo ich ein gerade angefangenes Leben zurücklassen werde, wie ein halb leeres, eisgekühltes Bier auf der Theke einer Kneipe.

IMG_5118

Prägen den abendlichen Alltag: Trinklieder und Alkohol. (Foto: Privat)

Ich reiße einem meiner Freunde eine Flasche Sprite-Wodka aus der Hand und nehme einen tiefen Schluck. Die Mangelernährung der letzten Tage macht sich bald bemerkbar und der Alkohol durchströmt meinen Organismus. Während ich noch mehr Sprite-Wodka in mich hineinschütte, der Franzose mittlerweile bei Gin Tonic angelangt ist und das erste Pärchen Speichelaustausch betreibt, konsumiert eine Gruppe Spanier gerade eine Zigarette mit Hasch auf dem Balkon.

Gehen unsere Vorlieben bezüglich des präferierten Rauschmittels, mit dem wir Eskapismus betreiben weit auseinander, haben wir alle etwas gemeinsam: Erasmus, ein Austauschprogramm, mit dem sich die EU als „eine der großen Erfolgsgeschichten der Europäischen Union“ profiliert. Völkerverständigung und Kulturaustausch werden hier in hohem Maße betrieben, wie ich mit einem flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel nur bestätigen kann.

Die Universität und ihre Vorlesungen und Seminare sind in weite Ferne gerückt, der größer werdende Blätterstapel auf dem Schreibtisch fällt der perfektionierten Ignoranz zum Opfer und die Klausuren befinden sich nur noch rudimentär in den hintersten Winkeln unseres Gedächtnisses. Denn seien wir ehrlich: Die Milliarden an Euro, die unsere liebe EU semesterweise auf die Konten von Studenten überweist, kommen vielleicht erst in zweiter Linie unserer Fachkompetenz zugute. In erster Linie investiert die EU hier in die Ermöglichung von ausschweifenden Partys, Alkoholexzessen und unvergesslichen Reisen, die man in einem anderen Land unternimmt.

IMG_4848

Nicht minder prägend: Verschwommene Erinnerungen an gelungene Zeiten (Foto: Privat)

Ich grinse in mich hinein, denke an die vielen einzigartigen Momente, die wir hier alle hatten. Ich denke an die vielen verschiedenen Sprachen, in denen wir uns verständigt haben, das landesspezifische Essen, das wir gegessen und zubereitet haben. Daran, wie ich über grüne Wiesen rannte und neue Sportarten für mich entdeckte, um mich abends mit einer Runde Yoga zu entspannen. Wie wir durch Wälder streiften und an jedem Busch anhielten, um die dort wachsenden Beeren zu essen. Wie wir nackt in den örtlichen See gesprungen sind und uns danach zitternd am Lagerfeuer aufgewärmt haben. Wie ich mir dort zwei Stunden vorher Marshmallows in die Haare und Steaksoße auf den Pullover geschmiert habe. Daran, wie es war, fernab der Zivilisation auf eine Wandererhütte zu stoßen, in der sich Kerzen und ein Holzofen als der größte Luxus herausgestellt haben, den man sich vorstellen kann. Wie ich vergaß, wo ich mein Fahrrad hingestellt hatte und eine geschlagene halbe Stunde herumgeirrt bin, um es wiederzufinden. Daran, wie eine kalte Hundeschnauze mich mitten in der Nacht geweckt hat und ich mich auf dem Sofa meines Couchsurfing-Hosts wiederfand. Und wie wir bei -39°C nach einem Saunagang in den Schnee gesprungen sind, während Polarlichter den Himmel erleuchtet haben.

„You are boring“, vernimmt mein Verstand jetzt erst völlig verzögert die Beschuldigung und ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Ich zucke mit den Schultern, drehe mich um und bahne mir nach kurzer Verabschiedung den Weg durch die trinkende Meute.

Es mag unglaubwürdig klingen, aber auch meine Unvernunft hat irgendwann ein Ende und früher oder später schafft es dieser kleine Gedankenfetzen, der verheißt dass ich eine Prüfungsleistung erbringen sollte, sich an die Oberfläche vorzuarbeiten. Schließlich war ich dieses Semester schon oft genug unvernünftig. Wie oft habe ich mir selbst das Ultimatum gestellt, nie wieder Alkohol zu trinken, nachdem ich nach einer durchzechten Nacht mit einem alles in den Schatten stellenden Kater aufgewacht bin. Wie oft habe ich die horrenden Eintrittspreise bezahlt, die in diesem Land normal sind oder meinen Teil zur Finanzierung des Staatshaushaltes in Form von Branntweinsteuer beigetragen.

Es ist wohl Zeit, meiner Leber eine kleine Pause zu gönnen, Zeit ein bisschen zu schlafen, Zeit der Student zu sein, den sich die EU wünscht. Einem kann ich mir jedoch sicher sein: Ich habe das ganze Auslandssemester lang Zeit gefunden, eben diese Erfahrungen zu sammeln, die ein richtiges Studentenleben ausmachen und mein Leben nachhaltig beeinflussen werden.

Von Männern mit Handtaschen und bezahlten Studenten

Bei manchen Studiengängen ist es schon Pflicht, es macht sich gut im Lebenslauf und stellt eine gelungene Abwechslung zum Studienalltag dar: Das Auslandssemester. Immer mehr Studentinnen und Studenten wagen sich im Bachelor oder Master für ein oder zwei Semester ins Ausland. Heute hat Face2Face für  euch vier Studenten interviewt, die sich gerade im Ausland befinden oder vor kurzem wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind.

Luca Bayha (23) war im Rahmen seines Physik-Bachelors ein ganzes Jahr im Ausland. Sein fünftes und sechstes Semester verbrachte er im United Kingdom in London. Seine Entscheidung ist Ausland zu gehen fällte Bayha schon zu Anfang des Studiums. „Definitiv klar war es dann am Anfang der dritten Semesters“, erzählt er. Nach England zog es Bayha unter anderem wegen der Sprache,  mit deren Kenntnis er sich einen leichten Start in seinen Auslandaufenthalt erhoffte. Das habe dann auch geklappt, wie er Face2Face berichtet, und er  kann als Erfahrung mitnehmen, „dass man sich überall schnell einleben kann und dass ich viele nette und hilfsbereite Leute getroffen habe.“ Auch die Bewerbung von der Uni Heidelberg aus war für Bayha relativ einfach: „Es war nicht besonders schwierig, auch wenn nicht immer klar war, welche Formulare man  benötigt.“ Mit seiner Bewerbung habe er sechs Monate vor Beginn seines Auslandjahres begonnen. In England habe Bayha dann in den Vorlesungen hauptsächlich mit anderen Gaststudenten zu tun. „Mit den einheimischen Studenten entstand der Kontakt durch das Wohnheim und den gemeinsamen Sport“, berichtet der 23-Jährige. Alles in allem würde er, wenn er noch einmal die Wahl hätte, alles genauso wieder machen.

„Die universitäre Bürokratie und das Verhältnis zum zweiten Weltkrieg“ sind ähnlich, berichtet Sina Pauly (22) über ihr Auslandsjahr in Graz in Österreich. Für Österreich habe sie sich ein Jahr im Voraus entschieden, vor allem weil sie dort bereits  soziale Kontakte geknüpft habe. Selbstverständlich hörte sie ihre Vorlesungen im Studienfach Latein auf Deutsch. Trotzdem verwunderte sie die Tatsache etwas, „dass wie selbstverständlich auch in der Uni im „Dialekt“ gesprochen wird.“ Im Studium habe  sie es hauptsächlich mit österreichischen Studenten zu tun gehabt. Über  Bewerbungsverfahren von der Uni Tübingen aus berichtet sie, dass es „aufwändig aber einfach“ war. Beim nächsten Mal anders machen würde Pauly dass sie, wenn sie jetzt am Anfang ihres Auslandssemesters stünde, mehr ERASMUS-Veranstaltungen besuchen würde.

Weit weg von Deutschland und Europa hat sich Philipp Kunkel (24) gewagt. Zwei Semester studierte er in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans. „Dass ich für zwei Semester ins Ausland gehen will, war für mich eigentlich schon ziemlich klar, als ich angefangen habe zu studieren. Zwar wusste ich noch nicht wohin, aber zumindest wollte ich mal was anderes kennen lernen“, berichtet er. Auch, dass er Chinesisch lernen und die chinesische Kultur kennen lernen wollte, stand für ihn relativ schnell fest. „Dementsprechend hatte ich mich auch für China beworben, aber am Ende bin ich froh, dass es Taiwan geworden ist“, erzählt er. Ein Jahr im Voraus habe er sich beworben und wurde gleich genommen, da nur wenige Studenten von der Universität Heidelberg nach Taiwan wollten. „In Taiwan war dann auch alles eigentlich kein Problem, da es genug Leute gab, die sich um einen gekümmert haben und immer weitergeholfen haben.“ Im Laufe seines Aufenthaltes habe er die Erfahrung gemacht, dass die Bewohner Taiwans freundlich, offen, hilfsbereit und sehr gastfreundlich sind. Ungewohnt waren jedoch das taiwanesische Essen, die Nachtmärkte und „die vielen Männer mit großen Frauenhandtaschen.“ Zu tun habe Kunkel im ersten Semester noch eher mit anderen Austauschstudenten, aber je besser sein Chinesisch über das Jahr wurde, desto mehr habe er mit Taiwanern unternommen, da man so ja auch noch die Sprache üben konnte. „Ich glaube, dass es noch schöner gewesen wäre, wenn ich die Sprache noch ein bisschen besser gekonnt hätte, weil man dann gleich von Anfang an noch viel mehr entdecken kann“, erzählt Kunkel zum Schluss, „ansonsten würde ich eigentlich nichts anders machen.“

Für Clarissa Wink (23) stand schon in der Schule fest, dass sie gerne einmal ein Auslandssemester in Frankreich machen möchte. Von ihrem Physikstudium an der Uni Stuttgart aus hatte sie dann die Wahl entweder nach Oslo oder Paris zu gehen. Da ihr Auslandsemester auf ein Wintersemester fiel, entschied sie sich wegen der langen Nächtegegen Norwegen. Über das Unisystem in Frankreich berichtet Wink, dass es anders als in Deutschland über den Universitäten noch sogenannte „Grandes Écoles“ gebe: „An meiner École, der École Normale Supérieure, werden Studenten schon gleich nach ihrer Aufnahme verbeamtet und bekommen ein festes Gehalt.“ Damit gehen einher, dass sowohl die Ansprüche an die Studenten, als auch das Niveau sehr hoch seien. Mit ihrer Bewerbung habe sie im dritten Semester ihres Bachelor-Studiengangs angefangen und im fünften Semester sei sie dann nach Paris gegangen. An der Universität habe sie sowohl mit anderen Austauschstudenten zu tun gehabt, als auch mit einheimischen Studenten. „Die Vorlesungen sind größtenteils auf Französisch manche auch auf Englisch. Die Dozenten kommen nicht nur aus Frankreich, sondern auch aus dem Iran, Deutschland und der ganzen Welt“, berichtet Wink. Wenn sie jetzt ihr Auslandssemester überdenkt, wäre es vielleicht hilfreich gewesen dieses erst im Master zu absolvieren, „weil ich fachlich noch mehr hätte mitnehmen können“, sagt sie – im Großen und Ganzen sei sie aber  sehr zufrieden.

Vorschau: Am Dienstag, 12. Februar geht es in der Reiserubrik weiter mit der Mentalitätencheckserie – dieses Mal geht es um Australien.

Bin ich langweilig? Oder: Als plötzlich alle anfingen, ihr Leben zu feiern

Neulich telefonierte ich mit einer alten Freundin. Wie aus dem Nichts eröffnete sie mir, sie plane eine Auslandsreise – mal eben nach Australien. Drei Monate work and travel, ganz allein auf große Rundreise. Schön, schön, dachte ich mir. Noch so eine.

Mir begegnet das „Phänomen Ausland“, wie ich es nennen möchte, in letzter Zeit auffallend oft. Seien es nun die frischgebackenen Abiturienten, die beschließen, das mütterliche Nest zu verlassen, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viel von der Welt zu sehen oder die Studenten, welche es ebenfalls nur allzu oft in die Ferne zieht. Es wundert mich einerseits kaum, dass mancherlei Jungspund die Gunst der Stunde nutzt, da sich, wie viele sagen, im Leben keine bessere Gelegenheit mehr dazu auftun würde. Nie werden wir freier, unabhängiger und risikofreudiger sein. Zumindest gilt das für die anderen. Meine Risikobereitschaft ist seit dem letzten Fahrradunfall, von dem sich meine optisch mächtig ramponierten Knie bis heute nicht erholen wollen, bereits ausgereizt. Ich wähne mich schon in völliger Freiheit, wenn ich mir abends vor dem Schlafengehen ein belegtes Brot gönne, obwohl ich doch eigentlich auf Kohlenhydrat-Diät bin. Da ich offensichtlich die einzige zu sein scheine, die es nicht beim nächstbesten Erasmus-Aushang neben der Bibliothek nach Südspanien zieht, sollte ich mir wohl unweigerlich die Frage stellen: Bin ich langweilig?

Bin ich langweilig? Oder: Als plötzlich alle anfingen, ihr Leben zu feiern

Über alle Berge: Jetzt nichts wie weg. (Foto:Föhr)

Ist ja nicht so, dass wir früher nicht alle gemeinsam unser Leben feiern konnten. Damals als Schulkinder waren wir alle (bis auf eine Handvoll Ausreißer, die sich über die Landesgrenzen, wenn nicht über den großen Teich, gewagt haben) genügsam und geduldig. Wir waren bereits froh, als wir länger als bis zwölf Uhr in der Nacht ausgehen durften und unsere Auslandsaufenthalte beschränkten sich auf zwei Wochen Ferien mit den Eltern am Bodensee oder am Mittelmeer. Hielt man allerdings erst einmal die langersehnten Hochschulzeugnisse in Händen, trugen einige bereits die Wanderstiefel unter dem Ballkleid. Schnurtracks nach draußen: In Urwäldern mit Affen turnen oder in Südafrika ein halbes Jahr lang Durchfall. Hauptsache kein 08-15-Lebenslauf, kein nahtloser Übergang vom Gymnasium zur Uni. Mir hat die Familie noch wochenlang applaudiert, nachdem ich meine Umzugskiste gepackt und 250km weit weg in eine Studenten-WG gezogen bin. Glücklicherweise sind meine Kommilitonen ähnlich ängstlich veranlagt. Da gelte ich als Ex-Nesthockerin schon beinahe als Volksheldin.

Doch nach und nach sollte ich die Fraktion Auslandssemester kennenlernen. Die einen wollen plötzlich im kommenden Semester nach Indonesien aufbrechen, die anderen liegen mit ihren wilden  England-Erfahrungen (ein ganzes Jahr voller Alkoholexzesse und nur zwei belegten Kursen im Hauptfach) in den Ohren. Ich halte dagegen mit Geschichten aus dem Sommerurlaub in der Hotelanlage mit meinem Freund. Und natürlich mit brav eingehaltener Regelstudienzeit plus dem ein oder anderen abendlichen Amusement im Club um die Ecke. Kein Grund, mich zu schämen, wie ich finde. Wenn alles glatt läuft, habe ich schon bald einen Beruf, bei dem ich mehr auf Achse sein werde als ein Skateboard. Vielleicht entwickele ich dann ja auch so etwas wie chronisches Fernweh. Bis dahin lausche ich weiter gespannt den Anekdoten meiner reiselustigen Freunde und statte eventuell dem nächsten Erasmus-Kneipenabend einen Besuch ab.

Und meine Freundin mit Down Under-Plänen? Die zieht bald mit ihrem Freund zusammen und fängt eine Ausbildung an. Nach Australien kann sie später schließlich immer noch, findet sie.

Vorschau: In der nächsten Woche erklärt Kolumnist Sascha, was es mit der englischen Sprache hier bei uns auf sich hat und was sie für Schwierigkeiten mit sich bringt.

Alles rund ums Auslandssemester

Bei manchen Studiengängen ist es schon Pflicht, es macht sich gut im Lebenslauf und stellt eine gelungene Abwechslung zum Studienalltag dar: Das Auslandssemester. Face2Face hat für euch ein paar allgemeine Tipps zum Thema Auslandssemester zusammengestellt. Am Dienstag, 29. Januar folgt  dann ein Interview mit Studenten, die sich schon ins Ausland gewagt haben.

1. Bewerbt euch rechtzeitigt!

Schon in  Deutschland hat jede Universität ihre eigenen Bewerbungsfristen. Im Ausland ist das noch viel komplexer: An manchen Universitäten gibt es Trimester, anstatt Semester, andere haben ihre Fristen für das kommende Semester schon ein Jahr im Voraus. Wer sich früh erkundigt, hat auch die besten Chancen an seiner Wunschuni einen Platz zu finden.

 2. Sucht euch konkrete Ansprechpersonen an den Universitäten

Wenn ihr dann eine Universität angeschrieben habt, versucht eine konkrete Kontaktperson zu finden. Das gilt übrigens auch an der deutschen Entsende-Uni. Falls ihr nur Institute anschreibt, besteht die Gefahr, dass euer Anschreiben in Vergessenheit gerät oder ihr einfach die falsche Person angeschrieben habt, aber euch das niemand mitteilt. Generell gilt aber, dass euch meistens euer Auslandskoordinator in Deutschland weiterhelfen kann.

3. Erasmus, BAföG

Ihr dachtet für BAföG  in Deutschland muss man viele Dokumente ausfüllen? Auslands-BAföG zu bekommen ist meist noch komplizierter, da Bestätigungen von zwei Universitäten, zwei Staaten und so weiter vorliegen müssen. Auch hier empfiehlt sich, sich möglichst früh zu erkundigen. Mit Erasmus, der Förderung für Studenten, die ein Auslandsjahr innerhalb Europas machen, ist es etwas einfacher, aber auch hier sollte man sich erkundigen.

4. Lernt die Landessprache!

Egal in welcher Sprache ihr nachher Vorlesungen hört, ihr geht ja nicht nur zum Studieren ins Ausland, sondern wollt auch etwas von Land und Leute mitbekommen. Bei der Volkshochschule oder dem Studium Generale eurer Universität oder durch Schlüsselqualifikationskurse, könnt ihr schon einmal die Landessprache lernen.

 5. Unterkunft

Manche Auslandsstudenten haben einen Wohnheimplatz sicher, andere müssen sich für einen bewerben und wieder andere müssen sich eine Wohnung suchen. Es ist also auch hier festzustellen, was die Auslandsuniversität für euch parat hält. Je nachdem muss man sich noch auf Wohnungssuche begeben, oder kann sich bequem zurücklehnen.

Wie ihr heute gesehen habt, dreht sich am Anfang erst einmal alles um Informationen, Informationen, Informationen.

Vorschau: Am Dienstag, 29. Januar lest  ihr dann wie es weitergeht, wenn man die Bewerbung geschafft hat. Fünf Studierende berichten dann von ihren Erfahrungen im Ausland.

 

Istanbul – neue Trendstadt Europas?!

Istanbul – neue Trendstadt Europas?!

Entspannte Atmosphäre am Bosporus: Blick auf den europäischen Teil Istanbuls (Foto: Vera Romer)

Istanbul – eine Stadt, die immer interessanter für Erasmusstudenten wird. Das Erasmus-Programm ermöglicht es Studenten, meist für ein Semester, Universitäten in verschiedenen Ländern Europas zu besuchen und so die Kultur, Sprache und Lebensweise kennenzulernen. Seit 2004 ist auch die Türkei Mitglied und die Zahlen der Austauschstudenten steigen stetig. Waren es laut Europäischer Kommission im Studienjahr 2004/05 nur 299 Erasmusstudenten, stieg die Zahl 2010/11 bereits auf 4288. Vor allem Istanbul ist unter den Studenten heiß begehrt. Kein Wunder – die Millionenmetropole gehört zu den wohl exotischsten Zielen Europas.

Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen werden hier besonders deutlich. So gehört beispielsweise der anfangs noch etwas gewöhnungsbedürftige Gebetsruf des Muezzins, den man fünf Mal am Tag überall in der Stadt hört, bald zum Alltag. Viele Moscheen, Paläste und weitere Bauwerke erinnern an die geschichtsträchtige Vergangenheit der Stadt und sind bezeichnend für das außergewöhnliche Stadtbild. Außerdem ist Istanbul die einzige Metropole weltweit, die sich über zwei Kontinente erstreckt. Europa und Asien werden lediglich durch den Bosporus getrennt, den man entweder innerhalb von einer halben Stunde mit der Fähre überqueren kann oder man fährt über eine der zwei großen Bosporus-Brücken, welche die zwei Kontinente miteinander verbinden. Istanbul ist einzigartig – oder wer kann schon behaupten, mal eben die Fähre nach Asien zu nehmen.

Istanbul – neue Trendstadt Europas?!

Hier hat man die Qual der Wahl: Wochenmarkt im Stadtteil Beşiktaş (Foto: Vera Romer)

Auch kulturell wird einiges geboten – nicht umsonst ist Istanbul Kulturhauptstadt 2010 geworden. Zahlreiche Museen, Galerien und Konzerte sowie Märkte lassen nicht nur Touristenherzen höher schlagen: Teppiche, Schmuck und Kleidung soweit das Auge reicht. Was man ebenfalls viel und reichlich tun sollte: essen. Das kann man hier nämlich immer und überall. An jeder Ecke kann man für wenig Geld mit Reis gefüllte Muscheln, traditionelle Backwaren, frisch gefangenen Fisch aus dem Bosporus und noch vieles mehr kaufen. Wenn New York die Stadt ist, die niemals schläft, dann ist Istanbul definitiv die Stadt, die immer isst.

Andere typische Freizeitbeschäftigungen, die man sich bei jedem Türken abschauen kann, sind beispielsweise Tavla spielen – türkisches Backgammon. Während der manchmal stundenlangen Spielodyssee trinkt man vorzugsweise Çay, türkischen Schwarztee, und isst Sonnenblumenkerne. Diese werden wohlbemerkt mit Schale gekauft um danach mit den Zähnen „geschält“ zu werden – eine Technik, die die Türken perfektioniert haben. Wer auch davon genug hat, kann stundenlang durch die zahlreichen verwinkelten und oftmals hügeligen Straßen und Gassen Istanbuls laufen. Hierbei wird einem nie langweilig, denn jedes Stadtviertel ist einzigartig. So findet man in vielen Stadtteilen moderne Hochhäuser und Bürogebäude mit schicken Restaurants und Cafés, andere wiederum erinnern eher an anatolische Dörfer als an eine Millionenmetropole. Doch gerade das macht Istanbul aus – Gegensätze gehören hier zum Alltag: Minirock versus Schleier, Geschäftsmann versus Schuhputzer, Tradition versus Moderne.

Istanbul – neue Trendstadt Europas?!

Tavla wird immer und überall gespielt: Ausblick von der asiatischen Seite Istanbuls (Foto: Stefanie Behrendt)

Trotz der enormen Größe Istanbuls – offiziell sind es 13 Millionen Einwohner – ist die Anonymität bei weitem nicht so ausgeprägt wie in anderen europäischen Metropolen. Im Stammrestaurant gibt es selbstverständlich Çay aufs Haus, der Gemüsehändler erkundigt sich nach Neuigkeiten und der Mitbewohner lädt zum Familienbesuch ein. Doch bei all diesen wunderbaren Begegnungen muss man darauf gefasst sein, dass Englisch nicht so verbreitet ist, wie viele annehmen. Wer die touristischen Pfade verlässt, muss sich entweder mit Händen und Füßen verständigen, oder ein bisschen Türkisch lernen.

Istanbul – neue Trendstadt Europas?!

Stau gibt es auch in der Fußgängerzone: Die Haupteinkaufsstraße Istiklal Cadessi (Foto: Janine Behrendt)

Die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel ist jeden Tag ein neues Abenteuer. Nach Fahrplänen kann man lange suchen und selbst wenn es sie gäbe, würde die Hälfte der Busse oder Metros zu spät kommen. Die schlechte Infrastruktur haben die Türken überwunden, indem sie beispielsweise Minibusse nutzen. Egal wo man sich befindet, wenn ein Minibus vorbeifährt und einen fragend „anhupt“, genügt ein bestätigender Blick und man kann einsteigen und an gewünschtem Punkt der Strecke wieder aussteigen. Das Geld für die Fahrt wird von Hand zu Hand nach vorne zum Fahrer gereicht. Das Sprichwort „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ wird in der Türkei meist nicht bestätigt, trotzdem hält jeder die ungesagten Regeln ausnahmslos ein. Auch der Verkehr unterliegt ganz eigenen Regeln. Hupen gehört zur normalen Geräuschkulisse, Ampelüberquerungen bei Rot sind häufig und Geschwindigkeitsüberschreitungen sowieso – und trotz alldem kommt man meist ohne Blessuren an sein Ziel.

Chaotisch und laut, doch auch vielseitig und einzigartig: Istanbul ist eine Stadt, die sich in ständigem Wandel befindet und deren Geschichte noch lange nicht fertig erzählt ist. Wenn man sich als Erasmusstudent in diese Millionenmetropole wagt, ist das nicht immer einfach, zuerst gewöhnungsbedürftig und anfangs sehr anstrengend. Meistert man diese Herausforderungen, belohnt einen diese wunderbare Stadt jedoch mit so vielen neuen, aufregenden und einzigartigen Erfahrungen, die einen das ganze restliche Leben begleiten werden.

Vorschau: Am Dienstag, den 20. November gibt es in der Reiserubrik weitere Neuigkeiten aus Paris.