U-21 will zeigen, was in ihnen steckt

Als Bayern-Kapitän Philipp Lahm den DFB-Pokal in den Berliner Nachthimmel stemmte, beziehungsweise als der mexikanische Unparteiische Paul Delgadillo die Partie zwischen den USA und Deutschland abpfiff, war die Fußballsaison für die deutschen Fans offiziell beendet. Und was nun? Langeweile? Tagelanges Regenwetter ohne Aufsicht auf 22 Spieler, die einem Ball hinterher jagen? 

Nein! Denn just an diesem Mittwoch beginnt in Israel die Fußball U-21-Europameisterschaft. Mit dabei auch die deutsche Mannschaft. Nach dem souveränen Titelgewinn 2009 mit Spielern wie Mesut Özil, Manuel Neuer und Co und der peinlichen Nicht-Qualifikation 2011 möchte die jetzige DFB-Auswahl zeigen, was in ihnen steckt. „Wir wollen zeigen, dass die U-21 nach 2009 wieder da ist“, sagte Kapitän Lewis Holtby selbstbewusst. Auf dem England-Legionär der Tottenham Hotspurs wird die Hauptlast liegen, ist er doch einer der wenigen, die bereits bei der A-Nationalmannschaft Länderspielluft schnappen durften. „Ich will das Team zum Titel führen“, machte der Blondschopf aus seinen Zielen dann auch kein Geheimnis. 

Die Umstände dafür stehen nicht schlecht: Am Sonntagabend kam die Mannschaft von DFB-Trainer Rainer Adrion in ihrem Quartier, am Hafen von Tel Aviv, an. Eine Unterkunft, in der die Deutschen bereits im März eine Woche lang logierten und sich mit der Umgebung vertraut machten. Auch die nah gelegenen Trainingsplätze weißen internationale Klasse auf. Einer erfolgreichen Vorbereitung steht also nichts mehr im Wege. 

Kopfzerbrechen könnte höchstens die schwierige Gruppenphase mit sich bringen. In der Gruppe B gilt es mit Spanien, Niederlande und Russland drei starke Mannschaften aus dem Weg zu räumen. Die Niederlande setzt gleich auf zwölf Spieler mit A-Erfahrung im Kader. Die Spanier und Russen bringen sogar richtige Prominenz mit: Während Russland mit Alan Dsagojew (ZSKA Moskau) den dreifachen Torschützen der Herren-EM 2012 in seinen Reihe aufbieten kann, haben die Spanier Toptalent Isco (FC Malaga) und Torhüter David de Gea (Manchester United) dabei.  Holtby bleibt dagegen gelassen. Für den 22-Jährigen ist das der unausweichliche Weg, wenn man den Titel gewinnen möchte. Die DFB-Elf ist heiß auf diese EM: „Es gibt nichts schöneres als Holland zu schlagen. Sofort gegen den Erzrivalen, das ist fantastisch“, strahlt der Regisseur mit Blick auf die Auftaktbegegnung gegen die Niederlande (Donnerstag, der 06. Juni, ab 20:15 Uhr auf Kabel 1). 

Trotz der verletzungsbedingten Ausfällen von Jan Kirchhoff (Mainz 05) Sebastian Jung (Eintracht Frankfurt) und Tolgay Arslan (Hamburger SV) sieht U-21-Trainer Adrion seinen Kader für die EM gut gerüstet. Dabei schöpft der Übungsleiter nicht einmal aus dem Vollen. Julian Draxler, André Schürrle, Ilkay Gündogan, Toni Kroos und Mario Götze (beide verletzt) wären alle noch für die U-21 spielberechtigt. „Ich bin zuversichtlich, dass ich das richtige Aufgebot nominiert habe. Es steht eine Mixtur aus erfahrenen U-21-Spielern und aufstrebenden Talenten, Bundesliga-Stammkräften und Nachwuchshoffnungen mit spannendem Potenzial dar“, ist Adrion von seiner Mannschaft überzeugt. Lasst die Spiele beginnen! 

Der deutsche U-21-Kader: 

Tor: Oliver Baumann (SC Freiburg), Bernd Leno (Bayer 04 Leverkusen) und Timo Horn (1. FC Köln)
Abwehr: Tony Jantschke (Borussia Mönchengladbach), Sead Kolasinac (FC Schalke 04), Matthias Ginter, Oliver Sorg ( beide SC Freiburg), Antonio Rüdiger (VfB Stuttgart), Stefan Thesker (TSG Hoffenheim), Lasse Sobiech (SpVgg Greuther Fürth), Shkodran Mustafi (Samdoria Genua)
Mittelfeld: Patrick Funk (FV St. Pauli), Patrick Herrmann (Borussia Mönchengladbach), Sebastian Rudy (TSG Hoffenheim), Emre Can (FC Bayern München), Sebastian Rode (Eintracht Frankfurt), Christoph Moritz (FC Schalke 04), Lewis Holtby (Tottenham Hotspurs), Christian Clemens (1. FC Köln)Angriff: Pierre-Michel Lasogga (Hertha BSC), Peniel Mlapa (Borussia Mönchengladbach), Sebastian Polter (1. FC Nürnberg), Kevin Volland (TSG Hoffenheim) 

Vorschau: Nächste Woche erscheint ein Artikel über das Klettern auf Englisch.   

Fußballpatriotismus

„Scheiß Griechen!“, sagt einer. „Lassen sich von uns durchfüttern und beleidigen uns dann!“, wütet ein anderer – Deutschland vor dem Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft 2012. Die Kontrahenten: Deutschland – Griechenland. Am vergangenen Freitag, 22.06., zählte offensichtlich mehr als nur der Punktestand.

Fußballpatriotismus

Ausgelassen: Beim Public Viewing wird gefeiert (Foto: Jens Zehnder / pixelio.de)

Das Medieninteresse um die Europameisterschaft war bereits vor Beginn des Wettbewerbs auffallend politisch gestaltet: Eindrucksvoll haben Proteste und Kritik an der Inhaftierung der ehemaligen ukrainischen Regierungschefin Julia Timoschenko gezeigt, wie mächtig eine kritisch-eingestellte Öffentlichkeit sein kann.

Einen ganz anderen Einfluss hat die Weltpolitik jedoch auf die nationale Fankultur in Deutschland: Die bankrotten Griechen, die seit einiger Zeit unter anderem von Deutschland finanzielle Unterstützung erhalten, würden nun ihre Quittung bekommen, so heißt es. Empört zetern deutsche Fans über die griechische Berichterstattung, in denen die deutsche Fußballnation veralbert wird. Dürfen die das? Immerhin kriegen sie ja unser Geld!

Das Problem an internationalen Fußballmeisterschaften ist immer die Gefahr, dass sie Ressentiments zwischen beteiligten Nationen schüren. England, Holland, Italien – drei Nationen, die wohl vor allem durch den Sport entzweit sind. In jüngerer Zeit waren es vor allem die Italiener, die sich hierzulande unbeliebt gemacht haben, als sie im Halbfinale 2006 gegen die deutsche Nationalmannschaft siegten.

Und nun sollten sich also am vergangenen Freitag das hochverschuldete Griechenland und das spendable Deutschland auf dem Rasen gegenüberstehen. Wie nicht anders zu erwarten, unterstützten auch die Griechen ihre Mannschaft im Vorfeld wortstark, und das gefiel einigen deutschen Fans so ganz und gar nicht. Den Schuldenmachern sollte die Rechnung auf dem Platz präsentiert werden.

Wie so oft blendet der regelmäßig auftretende Fußballpatriotismus auch in diesem Jahr wieder viele deutsche Fans. Hier wird in all der Euphorie die Finanzpolitik der Hellenen auf die Fans der griechischen Fußballnationalmannschaft projiziert und dann empört wahrgenommen, dass es auch die griechischen Fans sind, die mit ihrer Mannschaft fiebern. Sollen die Fußballbegeisterten in Griechenland nun nicht mehr für ihre Mannschaft feiern, nur, weil der Staat pleite ist? Es ist doch gerade die Freude am Sport, die internationale Wettbewerbe so auszeichnet.

Die Deutschen selbst hingegen sind alles andere als brav. Insbesondere gegen Hassliebe Holland sind die Anfeindungen vor dem Spiel allerseits wieder enorm, die Äußerungen bewegen sich stets an der Grenze zur Fremdenfeindlichkeit. Es scheint, als habe die Fußballnation vor allem dann richtig Spaß, wenn sie den Gegner auf dem Platz so richtig hassen kann.

Das Spiel hat die favorisierte deutsche Nationalelf schließlich 4:2 gewonnen, und auch der nächste Gegner – England oder Italien – verspricht wieder hohes Konfliktpotential. Damit ist die Wut gegen die Griechen nun erst einmal wieder vom Tisch. Doch nicht auszudenken, was passiert wäre, hätten die Griechen das Spiel gewonnen…

Janukowitsch im Abseits

Die Inhaftierung der ukrainischen Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko erregt die Gemüter. Im Herbst des vergangenen Jahres wurde die heute 51-jährige ehemalige Regierungschefin aufgrund von Amtsmissbrauch zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. An der Rechtmäßigkeit des Urteils bestehen Zweifel. Vor allem aber die vermeintlichen Haftbedingungen Timoschenkos sind es, die Unmut erregen. Nun werden Stimmen laut, die fordern, die Fußballeuropameisterschaft 2012, die zu Teilen in der Ukraine ausgetragen wird, zum politischen Protest zu nutzen.

Bereits an dem Gerichtsverfahren selbst wurde mehrfach gezweifelt: Dass mit Rodion Kirejew ein gerade einmal 31-jähriger Jurist in Probezeit mit der Verhandlung um eine hochrangige Politikerin und zweimalige Staatschefin betraut wurde, stieß auf Unverständnis. Timoschenko selbst bezeichnete den Richter als „Marionette“ und warf vor, die Regierung wolle sie durch das Gerichtsverfahren für die Parlamentswahlen der Ukraine 2012 unschädlich machen.

Inzwischen sitzt Timoschenko im Gefängnis, und immer wieder wird geäußert, sie werde in ihrer Haft misshandelt. Die inhaftierte Politikerin leide an einem schweren Bandscheibenvorfall, werde aber nicht angemessen behandelt. Timoschenko selbst fordert eine Behandlung im Berliner Charité, sie fürchtet, bei einer Behandlung durch ukrainische Ärzte absichtlich mit Hepatitis infiziert zu werden. Nachdem sie nach eigenen Angaben bei einem Gefangenentransport vom Wachpersonal geschlagen wurde, trat Timoschenko am 20. April 2012 in den Hungerstreik.

In gut einem Monat soll nun in der Ukraine Fußball gespielt werden. Im Lichte der Timoschenko-Misshandlungen gibt es von Seiten der Politik und des Sports ganz massive Kritik an dem Sportspektakel. So ließ der Kapitän der Fußballnationalelf, Philipp Lahm, Zweifel daran erkennen, ob er im Falle einer Finalteilnahme Deutschlands dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch die Hand schütteln werde.

Die 27 Mitglieder der EU-Kommission um José Manuel Barroso äußerten, die Spiele in der Ukraine nicht besuchen zu wollen, um gegen die Politik Janukowitschs und den Umgang mit Timoschenko zu protestieren.

Boxer und Oppositionspolitiker der Ukraine, Vitali Klitschko, fordert hingegen gerade westliche Politiker dazu auf, die Europameisterschaft zu besuchen, und dort im direkten Kontakt ihre Kritik vorzubringen. Auch Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts äußerte Unverständnis an den Boykottaufrufen. Die Forderungen deutscher Politiker seien völlig unrealistisch, so Papier. Viel erfolgsversprechender wäre es, würde Deutschland die Ukraine vorm europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagen. Dieser Weg sei aber viel weniger medienwirksam und werde wohl vor allem deshalb nicht ergriffen.

Ganz offensichtlich bietet ein Weltereignis wie ein solches Fußballturnier einen ganz attraktiven Rahmen für politischen Protest. Fußball ist ein Sport, der Menschen zusammenbringt und bewegt – man erinnere sich etwa an die Euphorie im Lande bei der Fußballweltmeisterschaft 2006. Ist die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit nun so fokussiert wie bei einem großen Fußballturnier, geht von geäußerter Kritik ein viel größerer Druck aus, schließlich wird sie hier ja dann auch garantiert von Jedermann wahrgenommen.

Der ukrainischen Regierung gefällt das freilich nicht. Ob sie sich früher oder später dem Druck beugt, der da gerade aufgebaut wird, oder ob sie auf ihrer Linie bleibt, ist abzuwarten. Es ist aber auf jeden Fall damit zu rechnen, dass das Politikum Julia Timoschenko die Berichterstattung um die Fußballeuropameisterschaft weiterhin prägen wird.

Spielend leicht

Acht Spiele, acht Siege – die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat im wahrsten Sinne des Wortes spielend leicht die Qualifikation zur Europameisterschaft im nächsten Jahr in Polen und der Ukraine gemeistert. Zwei Spieltage vor Beendigung der Qualifikation liegt Deutschland in der Gruppe A, mit Österreich, Belgien, Türkei, Kasachstan und Aserbaidschan, uneinholbar auf Tabellenplatz eins. 

Beim 6:2-Sieg vergangenen Freitag gegen völlig überforderte Österreicher, zeigte die „Deutsche-Elf“ das, vor dem, nicht nur Europa, sondern mittlerweile die ganze Fußball-Welt Respekt hat: außerordentliche spielerische Klasse. Seit der WM 2010 hat sich Deutschland nochmals weiterentwickelt. Mit Mario Götze, André Schürrle und Mats Hummels kamen sogar noch, gerade mit Blick auf die Zukunft, wichtige Spieler hinzu. Joachim Löw nutzt nun die anstehenden Qualifikations- und Freundschaftsspiele zum Experimentieren. Somit kann der Bundestrainer auch mal gestandenen Spielern eine Verschnaufpause gönnen. Der Kader für die Mission „Europameistertitel 2012“ dürfte Löw auch schon größtenteils im Kopf haben:

Im Mitelfeld hat Deutschland ein absolutes Luxusproblem: Mit Mesut Özil, Thomas Müller, Mario Götze, Lukas Podolski und André Schürlle ist die Offensive zusammen mit Spanien und Holland, federführend in Europa. Auch im defensiven Mittelfeld verfügt der Bundestrainer über genug Alternativen. Bastian Schweinsteiger ist der Chef und Star. Der Spieler des FC Bayern München zieht die Fäden im Spiel und kann eine Mannschaft führen. Außerdem liefern sich mit Toni Kroos und Sami Khedira zwei vielversprechende Spieler einen Kampf um den freien Platz neben Schweinsteiger. Für Kroos wird es vor allem wichtig sein, im Verein genügend Spielpraxis zu sammeln. Doch das dürfte aufgrund der Dreifachbelastung der Bayern kein Problem sein. Sami Khedira hat vergangene Saison in Spanien eindrucksvoll bewiesen, warum Real Madrid den Stuttgarter unter Vertrag genommen hat. Außenseiterchancen für eine Nominierung besitzen, stand heute, die Zwillingsbrüder Lars und Sven Bender, sowie Simon Rolfes von Bayer Leverkusen. 

Im Sturm ist die „DFB-Elf“ ebenfalls Weltklasse besetzt. Dank des Ein-Mann-Sturm-Systems kämpfen mit Klose und Gomez zwei absolute Top-Leute um die begehrte Position. „Helmut“ Cacau, der gegen Polen nach seiner Einwechslung zwar gut in die Begegnung fand und auch den 2:2-Ausgleich erzielte, muss sich hinten anstellen. 

Wo der Schuh jedoch drücken könnte ist die Abwehr. Mit Mats Hummels, Benedikt Höwedes, Jerome Boateng und Michael Badstuber haben die etablierten Kräfte der Innenverteidigung um Per Mertesacker zwar kräftig Konkurrenz bekommen, was aber stört ist die hohe Fehlerquote. Doch dies sollte nach einer intensiven Vorbereitung der Vergangenheit angehören. So war es vor jedem großen Turnier und so wird es auch im nächsten Jahr wieder sein. Mit Philipp Lahm, nach vier Jahren auf Rechts wieder nach Links gewechselt, ist Deutschland abermals Weltklasse besetzt und braucht sich keinerlei Sorgen zu machen, vorausgesetzt der Dauerbrenner verletzt sich nicht. Die größte Aufgabe Löws wird es sein, einen geeigneten rechten Verteidiger zu finden. Träsch hat sich beim Polen-Spiel nicht gerade aufgedrängt. Aber die Alternativen sind hier momentan Mangelware.  

Über die Torhüterposition braucht man keine großen Worte zu verlieren. Mit Manuel Neuer steht wahrscheinlich der momentan beste Torhüter der Welt zwischen den Pfosten. Die Nummer zwei wird aller Voraussicht nach Tim Wiese inne haben. Nur die Frage nach der Nummer drei ist noch interessant. Sollte René Adler, der bis zu seiner Verletzung vor der WM in Südafrika als Nummer eins galt, keine grandiose Rückrunde spielen, werden sich um die Nummer drei,  mit Ron Robert-Zieler aus Hannover und André ter Stegen aus Gladbach, zwei Youngstars streiten. 

Doch entscheiden ist wie immer, was auf dem Platz passiert. Reif für den Titel ist die Mannschaft von Joachim Löw schon lange. Nun braucht sie noch neben ihrer spielerischen Klasse auch das nötige Glück von Verletzungen und Sperren, sowie von unglücklichen Schiedsrichterentscheidungen verschont zu bleiben. Sollte dies passieren, wird die „DFB-Elf“ den Titel spielend leicht gewinnen. Wetten?!

Vorschau:  Anja führt nächste Woche ein Interview mit dem Wasserspringer Alexander Als.