Gesunde Eitelkeit? – Wo fängt der Wahnsinn an

Natürlich bin ich eitel. Wer nicht? Ich freue mich, wenn ich auf einem Foto gut getroffen bin und zwinkere meinem Spiegelbild zu, wenn ich mir gerade mal selbst gefalle. Mein Kleiderschrank frustriert mich mindestens ebenso oft, wie meine Haarbürste. Meiner Tochter sage ich immer wieder wie wunderschön ihr kugelrundes Kleinkinderbäuchlein ist und über meinen Mann lächle ich, wenn er seine dicke Mütze anzieht, weil die Haare einfach nicht so wollen wie er. Wir alle sind eitel, gerade dann, wenn wir es nicht sein wollen.

Der Blick der anderen

Die Blicke der Anderen: Manchmal wird Eitelkeit von uns verlangt (© Rosel Eckstein / pixelio.de)

Die Blicke der Anderen: Manchmal wird Eitelkeit von uns verlangt (© Rosel Eckstein / pixelio.de)

Auf dem heimischen Sofa dagegen darf Kleidung und Frisur gerne leger sein. Sobald ich aber raus muss fühle ich mich unter Druck. In einer Woche startet mein erstes Seminar und ich werde eine gewisse Repräsentationspflicht haben. Kleider machen Leute, das wissen wir Germanisten sehr gut. An meinem Gymnasium hat ein Deutschlehrer seine Klasse einmal dazu gebracht, in Anzug und Abendkleid zur Schule zu kommen. Ein voller Erfolg. Alle haben gestaunt, gefragt, große Augen gemacht. Wir Menschen sind visuelle Geschöpfe, wir glauben, was wir sehen. Darum setzt uns der Blick der anderen auch so unter Druck. Nur weil mir mein Spiegelbild heute gefällt, heißt das nicht, dass die Menschen in der Öffentlichkeit das gleiche sagen. Und dann? Am Ende wird mein Lieblingspulli seines tiefen Ausschnitts wegen unpassend und meine rote Hose zum schreienden Etwas. Dabei wollte ich mich doch nur wohlfühlen.

Mehr, als wir sehen

Nicht gesellschaftsfähig? Eitelkeit ist auch eine Bürde (©JörgBrinckheger / pixelio.de)

Nicht gesellschaftsfähig? Eitelkeit ist auch eine Bürde (©JörgBrinckheger / pixelio.de)

Tatsächlich bin ich wohl eher der Typ, der als graue Maus durchgeht. Schmuck und viel Schminke ist in meinem Alltag mit kleinen Kindern einfach zu unpraktisch, nur für in die KiTa reich mir auch die Jogginghose und irgendwo habe ich immer einen Fleck, denn eine Kinderhand hingeklatscht hat. Meinen Kopf vergrabe ich in Büchern und Mode war noch nie mein Thema. Erst kürzlich habe ich mich mit meiner Mutter unterhalten, dass ich oft das Gefühl habe, nicht so recht gesellschaftsfähig zu sein, weil ich bei solchen Themen einfach nicht mitkomme und außen vor bleibe. Berufskrankheit könnte ich mir vorhalten. Doch dann frage ich mich wieder, ob ich nicht auch den auf den ersten Blick eitlen einfach Falsches unterstelle. Am Ende sind wir doch alle mehr, als wir sehen und sehen lassen. Hinter Schminke kann Unsicherheit verborgen sein, der Spaß am Bemalen oder einfach viel gendertypische Konditionierung.

Eitel und gesund?

Gesunde Eitelkeit: Manchmal hat auch Mode ihr Gutes (© Tim Reckmann / pixelio.de)

Gesunde Eitelkeit: Manchmal hat auch Mode ihr Gutes (© Tim Reckmann / pixelio.de)

Mit etwas Abstand betrachtet bin ich wesentlich gelassener was die Blicke der anderen angeht. Mein Äußeres macht weder mich aus noch spiegelt es mein Inneres. Und viele Faktoren lassen sich eben nicht so einfach pauschalisieren. Dass eine tägliche Dusche gesund ist beispielsweise, würde mancher Hautarzt eher verneinen – Haut und Haare leiden unter den Mittelchen, die wir ihnen zumuten. Auch Schminke ist kein Pflegeprogramm. Von der Bequemlichkeit mancher Kleidungsstücke ganz zu schweigen. Wenn aber unser Drumherum fürs Äußere uns am Ende nicht nur unter Druck setzt, sondern eben eigentlich auch konträr dem Bild vom gesunden, gepflegten Menschen ist, ist es Zeit etwas zu ändern. Erst gerade habe ich von einer englischen Studie gelesen, die Bartträgern einen positiven Effekt attestiert. Durch ihren Bart hätten sie quasi ein natürliches Antibiotikum, dass sie vor Erkrankungen schützt. Ein Lob auf die Hipster, die den Bart wieder modern gemacht haben.

Vorschau: In zwei Wochen blicke ich auf #regrettingmotherhood zurück.