BeSINGLEiche Festtage: Diskriminierung von Singles in der Weihnachtszeit

Als Single seinen Mann oder seine Frau zu stehen, ist an jedem Tag im Jahr eine echte Herausforderung. Da können die Leute mir erzählen, was sie wollen. „Jetzt brauchst du noch Niemanden an deiner Seite, du bist doch jung, genieße einfach deine Freiheit, wenn du dich auf andere Dinge konzentrierst, wird er schon ganz von alleine kommen!“, sind nicht nur inflationär angebrachte Binsenweisheiten, sondern leiten auch Argumentationsstränge ein, die ich unter normalen Umständen erstmal wirklich nicht aushebeln kann. Schließlich sieht man sich im als „beste Zeit seines ganzen Lebens“ deklarierten studentischen Alltag tatsächlich allerhand aufregenden Einflüssen ausgesetzt – eine Geburtstagssause hier, ein Kneipenabend da. Theoretisch bieten solcherlei Veranstaltungen natürlich Gelegenheit genug, um immer neue Bekanntschaften zu machen, wenn nicht gar vom Fleck weg mit ihnen anzubandeln, nur damit man sie kurze Zeit später wieder fallen und die Spiele von Neuem beginnen lassen kann.

Von dieser Warte aus gesehen ist das Single-Dasein also sicher ein Prächtiges, wie wahr. Pünktlich zu Beginn der Vorweihnachtszeit soll sich das allerdings ändern. Zu jeder Weihnachtsfeier erscheinen die vormals Freiheit proklamierenden Freunde urplötzlich nur noch paarweise. Eine solche Härteprobe überstehen Alleinstehende nur mit einer geballten Portion Zynismus, mindestens einer Zweier-Portion vom Buffet und einigen, die mitleidigen Blicke abwehrenden menschlichen Schutzschilden – geteiltes Leid ist eben manchmal eben doch halbes Leid – am Katzentisch. Mit dem Glühwein-Ausschrank auf dem Weihnachtsmarkt wird die für Single-Frauen und -Männer besonders ungemütliche Jahreszeit eingeläutet.

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Stille Nacht, eilige Nacht: Unterm Weihnachtsbaum rotten sich auf einmal alle paarweise zusammen (Foto: Perlowa)

Jene Wochen der vorgeblichen Besinnlichkeit treiben Ungebundene nun nicht mehr in das nächstgelegene fremde Bett, in dem es nach Abenteuer und muffigen Laken riecht, sondern geradewegs in eine Spirale der Sinnlosigkeit. Schuld daran geben wir wie immer den anderen: Die in der Regel ohnehin immer die armen Singles diskriminierende Werbeindustrie, die kompromittierenden Familienfeste – „Kind, wann heiratest du denn endlich?“ – das Umfeld, das uns in den Ohren damit liegt, dass es noch immer auf der Jagd nach dem perfekten Geschenk für ihre Partnerinnen und Partner sei. Oder sind in Wahrheit wir es, die sich Heiligabend nur zum Anlass für ein weiteres Klagelied nehmen? Ist es nicht vielleicht gar Teil unseres Überlebenstrainings, dass wir stillschweigend unser selbstbeschertes Päckchen tragen, getreu dem Motto „Stille Nacht, heilige Nacht?“

Alles, was ich weiß, ist, dass es im vergangenen Jahr anders, nicht aber unbedingt einfacher war. Ich hatte erstmals zu dieser Zeit einen Freund und mit ihm eine zweite Familie, die zum heiligen Fest ihrerseits natürlich ebenfalls nach kleinen materiellen Aufmerksamkeiten verlangte. Und so schön es auch war, sich über die Weihnachtstage nicht allein, sondern gemeinsam die Bäuche vollzuschlagen, Geschenkpapier aufzureißen und der lieben Verwandtschaft mehr oder weniger aus dem Herzen kommende gute Wünsche auszurichten: Geändert hat das an meiner generellen Abneigung gegenüber der kommerzialisierten, artifiziellen Nächstenliebe leider wenig. Noch immer wollte ich mich pünktlich zum 24. Dezember in den grünen Grinch verwandeln und dem Christmas-Kitsch ein Ende bereiten.

Dass ich nur wenig später auch meiner Beziehung ein Ende bereiten würde, war dato zwar noch nicht absehbar, aber für den dreitägigen Ausnahmezustand zum Jahresende im Grunde auch völlig irrelevant. Ich hatte es gehabt, dieses vermeintlich erstrebenswerte Weihnachtsfest mit Partner an meiner Seite und statt mich von der Diskriminierung endlich ausgenommen und somit über alle Maßen „oh so fröhlich und oh so selig“ zu fühlen, war ich genauso genervt von den überkandidelten Veranstaltungen wie an allen anderen Geburtstagen Christi auch.

Offenbar ist es also Tatsache, dass sich der Winter mit Wärme im Herzen zwar deutlich weniger kalt, Weihnachten dabei aber nicht minder anstrengend anfühlt. Single zu sein bleibt für Singles alle vier Jahreszeiten hindurch eine nervenaufreibende, aber zuweilen auch aufregende Zeit, die von Lametta und Christbaumkugeln weder verschlimmert noch beschönigt werden kann.

Ich glaube, Single zu sein, das ist, was es eben ist – für so manchen Vermählten eine nostalgische Erinnerung an feucht-fröhliche Feten und sorglose Unabhängigkeit und für das ein oder andere einsame Herz ein Grund, sich nach besseren Tagen, nach Zugehörigkeit zu sehnen. Über die Weihnachtszeit ist letztere ohnehin schon zwangsläufig gewährleistet, schließlich bleibt Familie in dieser Hinsicht ebenfalls etwas, das man nicht ändern, aber auch nicht verleugnen kann. Die Bedeutung des Festes der Liebe liegt somit nicht in der (romantischen) Liebe selbst. Sie liegt hier, in deftigem Essen, einem „Kevin allein Zuhaus“-Marathon vor dem Fernseher und der extended Version von Whams „Last Christmas“ bei Kerzenlicht.

 Vorschau: In der nächsten Wochen begrüßen wir mit Kolumnist Sascha zwar das neue Jahr, verabschieden uns jedoch vom Betriebssystem Windows XP. Und auch für mich heißt es Abschied nehmen: Liebe Kolumnen-LeserInnen, es war schön mit euch!

Allein, aber nicht einsam – von der heilsamen Wirkung des „me, myself and I“

Morgens wach werden, Kaffee aufsetzen, Kühlschrank öffnen, Joghurt herausfischen, Frühstücken – ein Tag, wie er ereignisloser nicht beginnen könnte. Das gilt ganz besonders dann, wenn Schlafzimmerbett und Esstisch nur knappe zwei Meter auseinanderliegen. Seit meinem kürzlichen Umzug in die erste, eigene Wohnung und dem damit einhergehenden Abschied vom WG-Leben befinde ich mich immer häufiger in meiner eigenen Gesellschaft. Und wie ich herausgefunden habe, ist die manchmal Gold wert gegenüber großen Tafelrunden und rauschenden Parties in Großraumdiskotheken.

Habe ich mich damit vom geselligen Herdentier zum Eremiten entwickelt? – mitnichten. Noch immer bin ich tagein, tagaus mehr oder weniger beschäftigt, ob bei der Arbeit oder bei aufregenden Aktivitäten nach Feierabend. Doch wenn ich einmal auf dem Heimweg bin, freue ich mich von Herzen auf die Ruhe nach dem Sturm. Die Tür aufschließen, den Geruch des eigenen Parfums oder des versehentlich liegengelassenen, offenen Müllbeutels die Nase kitzeln lassen und sich dann ganz den eigenen verschrobenen Ritualen widmen: Das kann stundenlanges Anlächeln des eigenen Spiegelbildes oder das Aufreihen des Bücherregalinhalts der Größe oder Farbe nach sein.

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Auf die lange Bank geschoben: Das Zwiegespräch mit dem eigenen Ich (Foto: C.Gartner)

Das klingt alles reichlich danach, als wüsste ich mit mir selbst nichts anzufangen und würde mich daher in selbstgewählte Beschäftigungstherapie begeben. In Wahrheit jedoch empfinde ich solche unsinnigen Aktivitäten als höchst erholsam. Stumpfsinnig, aber irgendwie wahnsinnig entspannend für den Geist. Sind es doch Tätigkeiten, die meine volle Konzentration erfordern, wenn ich ihnen nachgehe, damit beim Duschen nicht etwa Seifenreste unter den Achseln zurückbleiben. Tatsache ist, dass ich es mir erlauben kann, in meinem persönlichen Exil ganz ich selbst zu sein, ohne von Mitbewohnern in flagranti beim Nutella-Löffeln im vollgekleckerten Pyjama erwischt zu werden. Das ist eine neugewonnene Freiheit, derer ich mir zuvor nicht bewusst gewesen bin, zumal sie noch vor einiger Zeit allein finanziell in weiter Ferne lag. Ganz zu schweigen von der Angst vor Konfrontation mit der vermeintlichen Einsamkeit.

Diese Angst ist heutzutage wahrscheinlich mit einer Volkskrankheit vergleichbar. Im Zeitalter von social networking und ständiger Erreichbarkeit scheinen wir den Fokus immer mehr nach außen und immer weniger in unser Inneres hinein zu richten. Öffentliche Präsenz oder mit anderen Worten das Bild, was wir anderen von uns vermitteln möchten, ist in großen Teilen steuerbar. Allein mittels Facebook können wir etwas darstellen, was wir nur allzu gern wären – besonders kreativ, humorvoll oder extravagant zum Beispiel. Uns selbst gegenüber funktioniert das nicht so leicht. Wir können uns nichts vormachen, sondern haben einzig die Wahl zwischen der Akzeptanz dessen, was wir sind oder seiner Verneinung.

Wozu letztere Variante konsekutiv führen würde, ist abzusehen. Wir behaften uns selbst mit Komplexen, weil wir neidisch auf diejenigen sind, denen wir nacheifern, die vermeintlich das haben, wonach wir uns sehnen. Wir wollen uns selbst entkommen, weil wir unzufrieden sind, aber andererseits nicht ausreichend bereit, an uns zu arbeiten und schrittweise das zu eliminieren, was wir für unsere Schwierigkeiten verantwortlich machen. Eben weil wir Angst vor der Konfrontation mit dem Ich haben, das unser größter Kritiker und unser liebster Mensch zugleich ist.

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In medias res: Wir sind meistens in Gesellschaft – nur nicht immer auch in Bester (Foto: Perlowa)

Tief in uns drinnen nämlich haben wir uns selbst furchtbar gern und scheuen daher, mit diesem Ego ins Gericht zu gehen, es zu hinterfragen und darin herumzuwühlen. Lieber betäuben wir uns mit allem, was uns vor die Flinte läuft – leider gibt es auf dem Gebiet auch menschliche Sedativa, die nur dazu dienen, uns zu bespaßen, uns abzulenken und damit das zu kompensieren, was wir Einsamkeit schimpfen. „Einsamkeit“, das ist streng genommen Definitionssache. Wir sagen, alte Menschen wären einsam, wenn sie niemanden als sich selbst haben, weil ihren Partner und Freunde unter den Händen weggestorben sind und sie eigentlich nur die nächsten sind, die auf dem Sofa den Sensenmann erwarten. Wir halten uns selbst für einsam, wenn wir Single sind, sprich niemanden haben, der sein Leben mit uns teilt. Im Umkehrschluss teilen wir damit aber auch unser Leben mit niemandem, was bedeutet, dass wir uns selbst zur Abwechslung die ungeteilte Aufmerksamkeit schenken können. Wenn wir nur wollen. Wenn wir das Alleinsein als das nehmen, was es oftmals ist: Zeit, um sich zu sammeln, seine Ziele neu zu stecken, zur Ruhe zu kommen, sich auf das zu besinnen, was zählt. Fehler zu überdenken und aus ihnen zu lernen. Und wann könnte man das alles besser als singend unter der Dusche oder beim Sortieren seines Büchersammelsuriums?

Gefangen im Zwangsurlaub

Hattet ihr schon einmal Zwangsurlaub? Ob als unfreiwillige Beurlaubung vom Arbeitgeber selbst, oder als eigentlich mehr vorsorgliche Krankschreibung vom Arzt, auf Dauer kann es ganz schön nerven, nicht raus zu können. Gut, der Beurlaubte kann immerhin das Haus verlassen und seinen Spaß draußen suchen. Der Krankgeschriebene eher nicht.

Gefangen im Zwangsurlaub

Urlaub? Erzwungen wird’s wenig schön (Foto: T. Gartner)

Mir ging es Ende Januar so. Arbeitsunfähig, weil meine vorangegangene Erkältung meine Schwangerschaft ihrem normalen Ende schon näher gebracht hatte. Und die strikte Anweisung: Schonen. Wenigstens keine Bettruhe, wenigstens etwas. So toll fand ich das trotzdem nicht. Einerseits, weil ich meine Kollegen früher als geplant im Stich lassen musste, andererseits, weil auch ein Sofa irgendwann an Reiz verliert. Spätestens, als ich das Vormittagsfernsehprogramm auswendig wusste, war es mit der Gemütlichkeit zu Hause auch vorbei. Ich wollte raus, ich fühlte mich gefangen, die soziale Interaktion mit realen, lebenden Menschen fehlte mir ungemein. Mann und Sohn waren ja den ganzen Tag nicht da.

Gefangen im Zwangsurlaub

Wie Hausarest. Schnell fühlt mancher sich da isoliert (Foto: T. Gartner)

Vielleicht kennt ihr das ja. Auch wenn wir wirklich krank sind, vermissen wir über kurz oder lang unser normales Leben. Die Bekannten in Schule oder Uni, die Kollegen, die Freunde, ja selbst das Gesicht der Frau an der Wursttheke, die immer die gleiche Geschichte ihrer Nichte erzählt, nur weil die gerade zwei Monate älter als mein Sohn ist – ich wäre froh gewesen, sie zu sehen. Auf der anderen Seite waren natürlich alle anderen – die Freunde, Verwandten, Bekannte – mit Arbeit, Schule oder Uni bestens versorgt und hatten keine Zeit mal vorbeizuschauen. Noch dazu bei einer Kranken, das macht ohnehin nicht jeder so ohne Weiteres. Kurz: schön ist was anderes und wirklich erholend war diese Zeit, zumindest für meine Psyche, auch nicht.

Da ist es schon leicht zu verstehen, dass Menschen, die alleine wohnen, dazu noch arbeitslos sind und aus den verschiedensten Gründen eben nicht so gern das Haus verlassen, sich unweigerlich immer mehr abschotten. Selbst wenn sie Kontakt nach außen suchen, ist der nicht immer leicht zu finden. Irgendwie lebt man da doch in unterschiedlichen Welten. Bestes Beispiel: Großmütter, wenn der Mann schon gestorben ist. Da warten einige die ganze Woche auf Kind oder Enkelkind, um aus den Erzählungen noch irgendwie am Leben teilzuhaben. „Was soll ich denn da“, heißt es, wenn man ihnen den Vorschlag macht, doch auch mal rauszugehen. Aber wirklich verstehen können weder sie unsere Geschichten noch wir ihre Hausbesetzung.

Gefangen im Zwangsurlaub

Langeweile? Irgendwann ist jedes Buch gelesen, jeder Film gesehen, soziale Beziehungen fehlen (Foto: T. Gartner)

Meine Schonzeit, und damit auch mein Zwangsurlaub, gingen irgendwann vorbei. Erst wurde die Erkältung besser, dann kam die Geburt, und während ich noch damit beschäftigt bin, meinem neugeborenen Kind Dinge wie Milchtrinken und Schlafen beizubringen, wartet in ein paar Wochen schon wieder die Uni auf mich. Schön, denke ich mir. Schön, dass es weitergeht. Und dass sie nicht so lang war, die Schonzeit. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was Menschen, die ein halbes Jahr im Bett liegen müssen, da zu erleiden haben. Irgendwann reichen Telefon und Internet eben nicht. Die Welt verkleinert sich, je länger wir ihr fern bleiben und irgendwann erreichen wir ihre Grenzen beim Überqueren der Türschwelle.

Vielleicht ist es bei dem Gedanken mal wieder Zeit, zur Großmutter – oder dem Großvater zu fahren – und wenigstens eine Viertelstunde mit ihm spazieren zu gehen. Es gibt bestimmt einen Freund, der gerade krank ist und Aufmunterung vertragen könnte. Oder einen anderen Menschen, von dem ihr wisst, dass er nicht so leicht aus dem Haus kommt. Wenn wir einmal in so eine Situation kommen, sind wir über jede Ablenkung, jeden Besucher, jeden Kontakt zur Welt da draußen wirklich dankbar.

Zwangsurlaub ist eben nicht einfach Urlaub, Entspannung und etwas Zeit für sich, sondern vor allem eines: Zwang. Und gezwungen wird keiner von uns gerne, oder?

Vorschau: Nächste Woche gibt uns Alexandra Einblicke in die Aufzeichnungen einer Nachteule.