Warum wir heute noch heiraten

Geradezu malerisch. Die Braut im weißen Kleid, kunstvoll frisierte Haare, ein ebenso kunstvoll gebundener Strauß und an ihrer Seite der Bräutigam, im maßgeschneiderten Anzug, abgestimmt auf ihr prachtvolles Kleid. Hach Ja, schmilz dahin mein Herz, auch ohne 30 Grad im Schatten. Hochzeiten haben etwas. Eine Faszination, das heikle Versprechen eines glücklichen Endes für alle mit allen Aussichten, die noch dahinter liegen. Seit 2017 dürfen auch gleichgeschlechtliche Paare sich das Ja-Wort geben. Aber wie sieht es eigentlich hinter den Blumenarrangements aus und warum heiraten wir heute überhaupt noch, wo die „wilde Ehe“, also das gemeinsame Leben ohne Hochzeit, längst gesellschaftlich akzeptiert ist?

Zahlen
Warum wir heute noch heiraten

Schön, oder? Aber warum heiraten wir heute eigentlich noch? (Foto: Rudolph)

407000 Paare haben sich 2017 vor den Tisch des Standesbeamten getraut und „Ja“ gesagt. Das waren 0,7% weniger als im Vorjahr. Vor zwanzig Jahren waren es noch 534.903 Ehen. Doch das Statistische Bundesamt kennt auch andere Zeiten: 2007 beispielsweise heirateten lediglich 369.922 Paare. Ist die Ehe also ein Auslaufmodell oder erfährt sie eher eine Renaissance? 153.501 Ehen wurden 2017 wieder geschieden (Vorsicht – das gilt allgemein, nicht bezogen auf die in dem Jahr stattgefundenen Eheschließungen). Auch diese Zahl war schon um einiges höher. 2003 etwa, als 213.975 Scheidungen gezählt wurden. Aber Zahlen verzerren gerne.

Wir werden immer älter

Zum einen erfasst das Statistische Bundesamt eben wirklich nur jene Eheschließungen und Scheidungen, die vor dem Standesamt bestehen. Kirchliche (oder andere) Hochzeiten werden nicht gewertet, ebenso wenig Trennungen, die ohne Scheidung lange Jahre bestehen. In unserer Gesellschaft gab es schon immer Entwicklungen und Wandel, Emanzipationsprozesse in verschiedenen Bereichen, das Bewusstsein, dass eine Ehe nicht nötig ist, um eine funktionierende Langzeitbeziehung zu führen oder gemeinsam Kinder in die Welt zu setzen. Juristische wie normative Veränderungen haben uns dazu gebracht, intensiver über den Schritt „Ehe“ nachzudenken. 2012 waren Männer im Schnitt 33,5 Jahre alt, wenn sie heirateten, Frauen 30,7.  2016 waren diese Alter bereits auf 34 bzw. 31,5 angestiegen. Meine Großmutter hat mit 19 geheiratet, auch ich war mit 26 noch „früh“ dran.

Älter und auch weiser?
Warum wir heute noch heiraten

Verdammt lecker: Hochzeitstorten sind eine feine Sache (Foto: Rudolph)

Dass viele Menschen heute älter sind, bedeutet auch, dass sie in der Lage sind Liebe mit Vernunft zu betrachten und langzeitig abzusehen, ob der Partner auch wirklich der fürs Leben ist. Wir sind vielleicht weniger verkitscht romantisch, aber sicherer. Immerhin bringt die Ehe das dank Vater Staat noch immer mit sich. Sicherheit, steuerliche Vorteile (hallo Ehegattensplitting), über deren Sinn sich streiten lässt, eine gewisse Vereinfachung bei Krankheitsfällen und Formularen. Geben wir ruhig zu, dass wir auch heute noch oft aus Tradition heiraten. Weil man das eben so macht. Weil wir das Bild einer romantischen Blümchenhochzeit in uns tragen, den verträumten Blick von Paaren beim ersten Tanz als Mann und Frau und Hochzeitstorten können verdammt lecker sein. Außerdem gibt es Geschenke.

Mehr Vernunft, weniger Passion?

Klingt platt? Manchmal ist es aber so einfach. Wenn wir bereits mehrere Jahre mit einer Person unser Leben teilen, ist es weniger die passionierte Liebe der frühen Beziehung, sondern auch eine Sicherheit, die uns mit unserem Partner verbindet. Die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung sinkt – zumindest in unseren Augen. Bestimmte andere Schritte sind vielleicht schon gegangen, wie eine gemeinsame Wohnung (eventuell sogar Wohneigentum), Kinder, Haustiere, Urlaube und und und. Wir wissen, dass wir uns ein Leben mit dem- oder derjenigen auf Dauer vorstellen können, weil wir es bereits führen. Und selbstverständlich gilt das nicht für alle, denn noch immer heiraten Menschen drei Monate nach dem ersten Rendezvous Hals über Kopf und führen die glücklichsten Ehen, die nicht einmal Disney sich ausdenken könnte.

Der schnöde Mammon
Warum wir heute noch heiraten

Rechnet sich: Hochzeiten kosten einiges, rechnen sich am Ende aber auch finaziell (Foto: Rudolph)

Heiraten ist heute vielleicht (hoffentlich) für viele weniger Pflicht oder Aufgabe, als vielmehr das Bewusstsein, mit einem Menschen möglichst für den Rest des Lebens verbunden zu sein. Eine Beständigkeit, die uns entgegengebracht wird und die wir auch selbst leisten. Im Idealfall ist diese Beziehung auf Augenhöhe, beide entscheiden gemeinsam, Hierarchien gibt es keine. In der Realität ist das noch oft anders und manchmal ist die Hochzeit auch nur der Schritt, sich einem Druck zu beugen, einer verkitschten Vorstellung zu folgen, oder den anderen stärker an sich zu binden. Übrigens: Vor dem Gesetz gelten verheiratete Paare (auch ohne Kinder) als Familie – Alleinerziehende aber nicht. Wir dürfen also ruhig so ehrlich sein und sagen, dass Geld bei Hochzeiten auch heute noch immer eine Rolle spielt.