„Die Studenten müssen ihre Bedürfnisse mehr zum Ausdruck bringen!“ – ein Interview mit dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi

Am Donnerstag, 15. März, sprachen bei der Veranstaltung „Wie funktioniert soziale Bildungspolitik?“ Julien Ferrat, Landesgeschäftsführer der Hochschulgruppe „Die Linke.SDS“ sowie Sarah Hermes, Kreissprecherin der „Linksjugend“, vor rund 500 Mannheimer Studenten. Auf Einladung der Hochschulgruppe machte der Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi die Studierenden auf die Missstände in der Bildungspolitik aufmerksam. Gysi ist ein immer wieder gern gesehener Talkshow-Gast bei politischen Sendungen, wie beispielsweise „hart aber fair“ oder „Günther Jauch“.

Gysi nahm sich nach seiner Rede in der Mannheimer Universität Zeit, um mit Face2Face unter anderem über Rebellion, Missstände in unserem Schulsystem und soziale Ausgrenzung zu sprechen.

„Die Studenten müssen ihre Bedürfnisse mehr zum Ausdruck bringen!“ – ein Interview mit dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi

Sprach vor 500 Studenten der Mannheimer Universität: der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei Gregor Gysi (Foto: Pitsch)

Face2Face: Gerade in Ihrer Rede haben Sie bemängelt, dass die Studierenden zu wenig rebellieren. Wieso glauben Sie das?
Gysi: Weil die Zustände zunehmend ungerechter werden und das Studium zunehmend verschult wird. Die Möglichkeit für Studenten zu einer vernünftigen Allgemeinbildung verringert sich, sie werden in die ökonomische Abhängigkeit gedrängt. Universitäre Bildung ist entscheidend, um später sein Leben einschließlich Beruf zu meistern. Die 1968er-Studentengeneration hätten sich dass nicht bieten lassen. Heute hat eine andere Disziplinierung stattgefunden – was ich nicht in Ordnung finde.

Face2Face: Wie weit war es Ihnen möglich, zur Zeit der DDR zu rebellieren?
Gysi: Durch die diktatorischen Verhältnisse in der DDR war eine Rebellion nur sehr begrenzt möglich, aber es war schon einiges los. Natürlich habe auch ich ein wenig rebelliert, das führte zu Auseinandersetzungen an meiner Fakultät.

Face2Face: Wie sieht Ihr Vorschlag aus, die Studiengebühren abzuschaffen?
Gysi: Wenn man es geschafft hätte, dass alle Studenten auf die Straße gegangen wären und gesagt hätten wir gehen erst wieder in die Uni wenn die Studiengebühren abgeschafft werden – wären sie jetzt schon abgeschafft worden. Das Problem ist heute, dass nicht alle auf die Straße gehen und sich äußeren. Die Studenten müssen mehr ihr Bedürfnisse zum Ausdruck bringen!

Face2Face: Was schlagen Sie vor, um dem vorzubeugen?
Gysi: Mein Vorschlag wäre ein zeitlich begrenztes Stipendium. Ich würde dabei aber immer schauen, dass den Studenten genügend Zeit bleibt für einen Besuch des Theaters oder der Oper. Vielleicht möchte man die Zeit auch nutzen, um selbst Theater zu spielen. Ich denke dabei auch daran sich aus Interesse andere Vorlesungen anzusehen, die nicht unmittelbar etwas mit dem eigenen Studiengang zu tun haben.

Face2Face: Was kritisieren Sie am neo-liberalen Zeitgeist?
Gysi: Am neo-liberalen Zeitgeist in der Bildung ist zu bemängeln, dass die Unis zunehmend verschult werden. Hinzu kommen die schlechteren Berufsaussichten für ein abgeschlossenes Bachelor-Studium im Vergleich zu einem Masterabsolventen. Für jeden zukünftigen Bachelor-Absolventen muss es möglich sein, einen Platz für einen Masterstudiengang zu bekommen, um später bessere Job-Aussichten zu haben. Ökonomisch werden die Studierenden zu sehr unter Druck gesetzt, indem du ihnen ein Darlehen, gibst was sie später wieder zurückzahlen müssen. Ich wünsche mir, dass die Abhängigkeit von Eltern aufgehoben wird. Ist man nun mit dem achtzehnten Lebensjahr volljährig und kann über seinen Lebensweg entscheiden oder nicht?

Face2Face: Wie stehen Sie zu den Anti-„Acta“-Demonstrationen und der „Occupy“-Bewegungen?
Gysi: Diese Bewegungen sehe ich positiv. Das ist ein Beginn von gesellschaftlichen Bewegungen. Ich kann sagen an welchem Punkt ich das fest mache: die Studiengebühren. Ich finde den Widerstand insgesamt zu gering – besonders der Eltern. Ich hätte mir das ganze rebellischer gewünscht, um allen klar zu machen das lassen wir uns nicht bieten. Wir haben eine unterschiedliche Struktur. Es gibt Länder die Studiengebühren haben und Länder die Studiengebühr frei sind. Das hat die Schwierigkeit erhöht für Leute aus ärmeren Schichten einen geeigneten Studienplatz zu finden. Ich bin gegen eine soziale Ausgrenzung.

„Die Studenten müssen ihre Bedürfnisse mehr zum Ausdruck bringen!“ – ein Interview mit dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi

Äußerte sich im Interview besorgt über die Missstände in der Bildungspolitik: der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei Gregor Gysi (Foto: Pitsch)

Face2Face: Im Bundesland Bayern fallen beispielsweise Studiengebühren von über 750 Euro an.
Gysi: Das ist eine Unverschämtheit. Für meine Tochter könnte ich diesen Betrag bezahlen und wenn ich dies dann bezahlte hat das wieder etwas Elitäres. Da sind Studierende aus anderen sozialen Schichten gar nicht mehr dabei, genau das will ich nicht.

Face2Face: Wie sieht Ihr Masterplan aus, um dem entgegen zu wirken?
Gysi: Ich möchte nicht die soziale Ausgrenzung mit der wir es hier zu tun haben. Stattdessen würde ich ein Stipendium einführen, dass elternunabhängig ist. Das würde ein Leben in Würde, aber nicht im Übermaß garantieren. Somit müssten die Studenten nebenher keine Nebenjobs machen. Im Gegenzug würde ich dann aber Studienzeiten festlegen. In der Freizeit muss es auch möglich sein ins Theater oder in die Oper zu gehen.

Face2Face: Wie war die Situation zur Zeit der DDR?
Gysi: In der DDR hattest du entsprechend deiner Qualifikation ein Recht auf Arbeit. Wenn man aber vor hatte Archäologie zu studieren, war das nicht einfach. Wenn  jedes Jahr zwanzig Archäologen ausgebildet worden wären, hätten ihnen keine Arbeit als Archäologen geboten werden können – also wurden jedes Jahr nur zwei Archäologen ausgebildet. Dadurch wurde der Kampf einen Studienplatz für diesen Studiengang zu bekommen zur eigentlichen Herausforderung – das will ich auch nicht. Ich möchte dann lieber, dass man die Möglichkeit hat, dass zu studieren, was den persönlichen Interessen entspricht. Nach Abschluss des Studiums muss man dann aber dafür kämpfen, den entsprechenden Job, entsprechend der Qualifikation zu finden.

Face2Face: Wie stehen Sie den Bachelor- und Master-Studiengängen gegenüber?
Gysi: Mir wird das zu sehr verschult, das ist so als ob man die Schule fortsetzt. Ein Studium ist eigentlich etwas ganz anderes. Beispielsweise an einer Technischen Hochschule in Berlin sehe ich unter welchem Druck die Bachelorabsolventen stehen –  da würde ich gerne Druck wegnehmen.
Zum Leitwesen der Studenten kommt kein richtiges Studentenleben mehr auf. Das schöne an der Uni ist auch das ich woanders hingehen kann, indem ich mir eine Vorlesung griechische Geschichte anhöre, obwohl ich eigentlich Jura studiere. Diese Möglichkeiten sollten nach wie vor erhalten bleiben.

Face2Face: In Ihrer Rede haben Sie kurz die Missstände in der Bildungspolitik angedeutet. Wie schlagen Sie vor das Schulsystem zu verändern?
Gysi: Mich ärgert es, dass unser Schulsystem immer noch so organisiert ist wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – da können wir noch viel von anderen Ländern lernen. Es gibt Kinder, die ihren Durchbruch erst viel später in der siebten oder achten Klasse haben. Wieso trennt man Kinder nach der vierten Klasse? Die vierte Klasse ist ein schlechter Zeitpunkt. Nach dem Ende der Grundschule kann man nach Begabungen und Fähigkeiten überhaupt noch nicht entscheiden, zum Leidwesen der Kinder. Wenn man das als Gemeinschaftsschule organisierte bis zum Abitur mit Spezialisierungen. Es muss auch möglich sein, die Schule zu wechseln.

Face2Face: Sie haben ebenfalls eine Gemeinschaftsschule bis zum Abitur besucht.
Gysi:  Genau wie der Bundespräsident Joachim Gauck und die Bundeskanzlerin Angela Merkel, habe auch ich eine Gemeinschaftsschule bis zur 8., später bis zur 10. Klasse besucht – und wie man sehen kann ist aus uns etwas  geworden.

Das Interview wurde geführt von Jean-Claude Jenowein und Melanie Denzinger.

„Scheiß auf ACTA!“

Trotz zweistelliger Minusgrade tummeln sich am Samstag, 11. Februar, mehrere tausend Menschen in der Mannheimer Innenstadt. Doch shoppen will hier heute erstmal keiner – eine Demo soll es sein. Das „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“ (zu Deutsch: Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen – besser bekannt als „ACTA“) treibt die Leute auf die Straße.

"Scheiß auf ACTA!"

In Bewegung: Die Demonstranten schreiten durch die Mannheimer Innenstadt (Foto: Deobald)

ACTA ist eine internationale Initiative, die die Urheberrechtssituation weltweit neu regeln soll. Dabei geht es vor allem darum, Rechteinhabern ein Werkzeug zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen Interessen zur Verfügung zu stellen. Beim Schutz von Werken, Wissen, Marken- und Patentrechten soll eine rechtliche Basis geschaffen werden, die garantiert, dass jeder Urheberrechtsbruch ohne weiteres abgestraft werden kann.

Vor allem bei der Internetgemeinde verursacht dieses Vorhaben Sodbrennen, denn: Urheberrechtsverstöße sind hier gängige Praxis, dabei ist der Verstoß wohl häufig gar nicht bewusst. Insbesondere Portale, die mit nutzergenerierten Inhalten arbeiten – etwa „Facebook“, „Youtube“ oder „Twitter“ – sind regelmäßig Schauplatz solcher Delikte. Bereits ein hochgeladenes Bild oder ein mit Musik hinterlegtes Video kann einen Bruch des Urheberrechts darstellen, wenn das entsprechende Werk rechtlich geschützt ist.

ACTA würde den Rechteinhabern nun ein Werkzeug an die Hand geben, um im Falle eines Gesetzesverstoßes direkt aktiv zu werden. Nicht nur der eigentliche Urheberrechtsverletzter, sondern auch die Plattform, auf der der Rechtsverstoß begangen wurde, könnten nun mithilfe dieser Gesetzesinitiative rechtlich belangt werden. Eher früher als später würde diese Praxis daher zum Ende vieler, breit-genutzter Webangebote führen.

Auch für Internetprovider, die den Zugang zum Web vertraglich regeln, hätte ACTA Konsequenzen: Um eine Strafe zu umgehen, müssten sie Wiederholungstätern relativ schnell den Internetzugang dauerhaft entziehen.

Vollkommen zu Recht also steht die Furcht vor Internetzensur im Raum – doch die Nutzer wissen sich zu wehren. So mobilisieren sich an besagtem Samstag in ganz Europa mehr als 150.000 Demonstranten, in Mannheim sind es über 2.000, die vom Ehrenhof der Universität zum alten Messplatz ziehen. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut!“, brüllt die Masse immer wieder.

"Scheiß auf ACTA!"

Mit Humor gegen ACTA: "Ich bin so wütend, ich hab sogar ein Schild gebastelt!" (Foto: Deobald)

Tatsächlich ist ein Großteil der Demonstranten der Internetnutzergemeinde zuzuordnen. Zahlreiche Guy-Fawkes-Masken sind zu sehen und weisen die Anhänger von „Anonymous“ aus. Die Plakate sind gefüllt mit Anspielungen und Internethumor. Auffällig ist auch: Die Protestierenden sind fast ausschließlich Jugendliche oder junge Erwachsene.

Julien Ferrat, Linksjugend-Kreissprecher, sieht darin den Beleg des Politikinteresses vieler junger Menschen. „Die hauptsächlich jungen Demonstranten zeigen, dass die Jugend eben nicht politikverdrossen ist“, meint er. Neben der Linksjugend sind es auch viele junge Sozialdemokraten und Grüne, die sich den zahlreichen Anhängern der Piratenpartei, die sich für die Organisation verantwortlich zeichnet, angeschlossen haben.

Auch die Face2Face-Redaktion zeigt sich auf der Demonstration präsent – mindestens vier Mitarbeiter demonstrieren in Mannheim gegen ACTA. Tipps&-Tricks-Redakteurin Melanie Denzinger stört sich besonders an der mangelnden Transparenz der Initiative: „Undurchsichtige Verträge können nicht geduldet werden. Ich finde, man sollte bereit sein, für seine Freiheit auf die Straße zu gehen!“

"Scheiß auf ACTA!"

Gut gelaunt, aber not amused: Face2Face-Tier&Umwelt-Redakteur Bernd Föhr (Foto: Deobald)

Auch das ist ein großer Kritikpunkt an ACTA: Das Gesetz ist nicht etwa von demokratischen Instanzen auf den Weg gebracht worden, sondern entspringt der Einflussnahme von Lobbyisten. Musiklabels und Filmstudios sind die Hauptverfechter des umstrittenen Gesetzesentwurfs, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wurde. Auch der häufig kritisierte Saatgut-Konzern „Monsanto“ setzt sich für ACTA ein.

Denn es geht nicht nur um Urheberrechtsverletzungen im Internet; auch Patentrechte sollen durch ACTA geschützt werden. Probleme bringt dies vor allem für Entwicklungsländer mit sich. Die Produktion wirkstoffgleicher, aber günstigerer Medizin könnte durch ACTA komplett gestoppt werden.

Die schiere Größe der Protestbewegung spiegelt einen Grundkonflikt der digitalen Gesellschaft wider: Dürfen wirtschaftliche Interessen über der Freiheit von Information und dem Zugang zu Kulturgütern stehen? Es ist auch ein Generationenkonflikt: So sind es vor allem die Älteren, die ohne die Annehmlichkeiten des Internets aufgewachsen sind, die in den politischen Instanzen und den wirtschaftlichen Interessensverbänden sitzen, und die Jungen, die auf die Straße gehen.

"Scheiß auf ACTA!"

Wetterfest: Die Kundgebung vor der alten Feuerwache ist gut besucht (Foto: Deobald)

Keiner bringt an diesem kalten Samstag die Einstellung der Demonstranten so schön zum Ausdruck wie die Rednerin der Linksjugend: „Scheiß auf ACTA!“, brüllt sie in das Mikrofon – und erntet begeisterten Applaus.

Was schützt der Verfassungsschutz?

Einmal mehr rückt der deutsche Verfassungsschutz in den Fokus der Öffentlichkeit: Offenbar hat der Nachrichtendienst ein Drittel der Abgeordneten der Linkspartei beobachten lassen. Teile der Partei, so heißt es, würden eine Bedrohung für die Demokratie in Deutschland darstellen.

Eigentlich handelt es sich beim Bundesamt für Verfassungsschutz um ein Überbleibsel aus der Zeit, in der Deutschland gespalten war. Damals sollte eine Einrichtung geschaffen werden, die die Republik vor den im Osten schlummernden Ideen des Kommunismus schützen sollte. Als Nachrichtendienst, der über keine polizeilichen Befugnisse verfügt, ist die Aufgabe des Verfassungsschutzes heute unter anderem das Sammeln von Informationen über Personen, die eine Bedrohung für die demokratische Grundordnung darstellen.

In Anbetracht der Bespitzelung der Linken ist die Arbeit des Verfassungsschutzes als überaus paradox zu verstehen: Wenn eine staatliche Behörde demokratisch gewählte Vertreter im Parlament beobachtet, wird ja genau der demokratische Aspekt der Gesellschaft, den der Verfassungsschutz erhalten soll, regelrecht untergraben.

Damit steht die Frage im Raum: Wird eine Behörde wie das Bundesamt für Verfassungsschutz überhaupt benötigt?

Immer mehr Stimmen fordern, die Behörde abzuschaffen – hat sie sich bisher doch auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ganz im Gegenteil. Der Verfassungsschutz war in seiner Geschichte in allerlei Skandale verwickelt. Besonders eklatant waren etwa die Verstrickungen der Behörde in die Führungskreise der NPD, welche dazu führten, dass das NPD-Verbotsverfahren 2003 eingestellt werden musste. Aktuell ist der thüringische Verfassungsschutz in der Kritik, weil er trotz Überwachung des Neonazitrios um Beate Zschäpe deren Verbrechen nicht verhindern konnte.

Bereits die bloße Vorstellung, dass ein Nachrichtendienst für den Schutz der Demokratie zuständig sein soll, macht stutzig. Denn Demokratie steht für die Herrschaft des Volkes – nicht für ein Vorbeiregieren am Volk. Genau dafür stellt aber der verdeckt ermittelnde Verfassungsschutz ein Werkzeug dar. Die Aufgabe, die der Verfassungsschutz eigentlich erledigen sollte, liegt daher auch vielmehr bei der freien Presse.

Zwar ist es bedeutsam, dass bestimmte Organisationen kontrolliert und gegebenenfalls auch verboten werden. Nicht etwa Parteien wie die Linken, die in ihrem politischen Handeln in den vergangenen Jahren unbestreitbar demokratisch eingestellt waren, sollten beobachtet werden, sondern vor allem Gruppierungen, von denen tatsächlich Gefahr ausgeht. Für die Frage nach Kontrolle darf aber nicht die politische Richtung entscheidend sein – bedeutend ist hier der Grad der Extremität, den eine Vereinigung aufweist.

„Uni-Politik hört nicht im AStA auf!“

2008 wurde die Linke.SDS als politische Hochschulgruppe an der Uni Mannheim gegründet. Face2Face sprach mit zwei Mitgliedern der Studentenorganisation – mit der Germanistik- und Philosophie-Bachelorstudentin Sarah Hermes (20) und dem Französisch- und Philosophie-Lehramtsstudenten Julien Ferrat (20) über Probleme im Universitätsalltag, Entwicklungen an der Uni Mannheim und generell über politische Teilhabe von Studenten an der Hochschulpolitik.

Face2Face: Könnt ihr unseren Lesern kurz und knapp erklären, für was die Linke.SDS steht?
Hermes: Unsere Schwerpunkte liegen in sozialer Gerechtigkeit und individueller Freiheit, wir fordern eine ökologische Uni und wollen kritische Wissenschaften, die ihren Namen auch verdienen.
Ferrat: Generell vertreten wir eine alternative Wirtschaftspolitik, die sich an den Menschen und nicht an den Märkten orientiert.

Face2Face: Was passiert denn gerade so?
Ferrat: Mit der Abschaffung der Studiengebühren ist ein Schritt in die richtige Richtung getan. Aber es gibt noch viel zu tun! Problematisch ist weiterhin zum Beispiel der Übergang vom Bachelor-Studium zum Masterstudiengang. In Mannheim ist die einzige Fakultät, die ausreichend Masterstudienplätze zur Verfügung stellt, die Fakultät für BWL.
Hermes: Im Gegensatz dazu bietet die Philosophische Fakultät kaum Masterplätze an.
Ferrat: Ja, die wenigen Masterabschlüsse an der Philosophischen Fakultät entfallen nahezu allesamt auf den Studiengang Kultur und Wirtschaft.

Hermes: Aber auch andere Entwicklungen stören uns. Die Semestertickets werden zum Beispiel immer teurer!
Ferrat: Das Problem ist hier, dass das Studentenwerk die Interessen der Studenten in Verhandlungen mit dem Verkehrsverbund Rhein-Neckar, kurz: VRN, nicht besonders vorbildlich vertritt. Und die Nahverkehrsverbindungen in Mannheim lassen auch zu wünschen übrig. Einige Studentenwohnheime sind zu gewissen Tageszeiten kaum zu erreichen.
Hermes: Das ist das nächste Problem: die Studentenwohnheime. Durch die doppelten Abiturjahrgänge kommen in den nächsten Semestern viel mehr Studienanfänger an die Unis als in den Jahren zuvor. Um allen Studierenden eine Wohnung zu vermitteln, haben wir vorgeschlagen, leerstehende US-Kasernen anzumieten. Das Studentenwerk hat das abgelehnt.
Ferrat: Begründet wurde das damit, dass die US-Liegenschaften zu weit von der Uni entfernt wären – was totaler Unfug ist. Die „Turley“-Barracks oder die „Hammond“-Barracks sind näher an der Uni beziehungsweise an anderen Hochschulen gelegen, als zum Beispiel die Wohnheime im Ulmenweg. Außerdem wird dann immer vor leerstehenden Wohnungen gewarnt – das ist ein Totschlagargument: Allein dieses Semester wurden 3.000 Studierende vom Studentenwerk mangels ausreichender Kapazitäten abgewiesen. Da nächstes Jahr der doppelte Abiturjahrgang kommt, ist diese Angst in keiner Weise begründet. In Heidelberg hat das dortige Studentenwerk übrigens genau diesen Schritt ergriffen und Kasernen angemietet.

Face2Face: Welche Möglichkeiten existieren denn für eine Hochschulgruppe überhaupt, etwas am Hochschulalltag zu ändern?
Ferrat: Unser Credo ist: Uni-Politik hört nicht im AStA (Anm. d. Red.: AStA meint den Allgemeinen Studierendenausschuss, ein politisches Studentengremium an deutschen Universitäten) auf! Der ist zurzeit finanziell sowieso leider nur schwach aufgestellt. Auch wenn sich das in nächster Zeit ändern wird: Die wirklich wichtigen Entscheidungen für das Studentenleben fallen weiterhin im Senat, im Landtag und in den Gemeinderäten. Leider weisen der Senat und der Landtag sehr starre Strukturen auf, aber im Mannheimer Gemeinderat haben konkrete gute Ideen unabhängig vom Antragsteller durchaus Chancen umgesetzt zu werden.

Face2Face: Warum ist die Wahlbeteiligung an den Universitäten so gering? Kann man überhaupt von einem repräsentativen AStA sprechen, wenn an einigen Unis nicht einmal jeder Zehnte wählt?
Ferrat: Alle Studierenden sind aufgefordert, wählen zu gehen. Dem kommen leider dennoch jedes Jahr zu wenige nach. Wie man das ändern kann, ist schwer zu sagen.
Hermes: Man kann den Leuten aber auch keinen Vorwurf machen. Die politischen Hochschulgruppen in Mannheim machen sehr wenige Informationsveranstaltungen – wie soll da jemand wissen, für was die stehen? Ist doch klar, dass dann die Motivation ausbleibt.

Ferrat: Ein Problem an der Uni-Politik ist sicherlich auch der AStA selbst. Die Sitzungen sind zwar hochschulöffentlich, werden aber nicht angekündigt. Da wird eine ziemliche Geheimniskrämerei betrieben.
Hermes: Auch Studenten, die keiner politischen Hochschulgruppe angehören, sollten wissen, worüber dort geredet wird. Wenn die Studenten nicht wissen, was der AStA so treibt, kann von einer echten Interessenvertretung kaum die Rede sein.

Face2Face: Was sind konkrete Probleme an der Uni Mannheim?
Ferrat: Vor allem die sogenannte Profilschärfung ist problematisch. In den letzten Jahren wurden viele Studiengänge abgebaut, etwa Geographie, Technische Informatik und Rechtswissenschaften auf Staatsexamen. In Mannheim ist alles immer sehr auf die Wirtschaft konzentriert. Die Wirtschaftsstudiengänge selbst sind dann sehr arbeitgeberlastig. So kommen volkswirtschaftliche Inhalte in den BWL-Studiengängen kaum vor. Dabei sollten Betriebswirte doch dringend begreifen, wie die Volkswirtschaft funktioniert. Auch bedenklich finde ich, dass BWL-Studenten die Veranstaltung „Unternehmensethik“ ganz einfach umgehen können, indem sie ein Auslandssemester einschieben.

Face2Face: Was sind eure Ansätze, um Probleme in der Universitätslandschaft zu lösen?
Hermes: Statt immer weiter einzuschränken, sollte auf Breite gesetzt werden! Viele Studiengänge bestehen aus reiner Wissensreproduktion, da kommt eine Paukklausur nach der anderen. Die Selbstentfaltung bleibt hier dann absolut außen vor. Die Prüfungsordnungen und allgemein das Studium müssen dringend entschlackt werden.

Face2Face: Stichwort Bildungsstreiks: Die Studiengebühren sind abgeschafft und schon wird in Mannheim nicht mehr gestreikt. Sind die Probleme des Bologna-Prozesses (Anm. d. Red.: „Bologna“ ist der Ursprung der Bachelor-/ Master-Studiengängen) hier vergessen worden?
Ferrat: Momentan ist es schwierig, die Leute zu mobilisieren. Die Studiengebühren waren ein Thema, welches die Landesregierung angehen konnte. Um den Bologna-Prozess abzufedern und humane Rahmenbedingungen für das Studium zu schaffen, sollte vor allem stärker an die Universitäten appelliert werden.
Hermes: Der Bildungsstreik in diesem Jahr war deswegen wohl auch eher ein Schülerstreik.
Ferrat: Wie bei jeder anderen Protestgeschichte ist irgendwann der Wille einfach verbraucht. Problematisch ist hier auch einfach der Zeitaspekt: Viele Bachelorstudenten stehen in ihrem Studium so hohen Anforderungen gegenüber, dass sie kaum Zeit finden, sich in irgendeiner Form zu engagieren.

Preview: Dezember 2011

Interviews mit der Indie-Rock-Band „Jennifer Rostock“, den Kreisvorständen der Piratenpartei Rhein-Neckar/Heidelberg und Laufstegtrainer Jorge Gonzalez haben euch hoffentlich die kalten Novembertage versüßt.

Um euch den Dezember ein wenig schöner zu gestalten, haben wir für euch wieder einmal jede Menge spannende und interessante Themen vorbereitet: Adeline Bauder wird euch in der Moderubrik mit dem All-white-Trend bekannt machen, in der Reiserubrik erwarten euch Beiträge zu Indien und Krakau und in der Mensch&Tier-Rubrik gibt es interessante Fakten zur Tierosteopathie.

Die Wirtschaft&Politik wartet in diesem Monat mit einem Interview mit den Vorständen der Hochschulgruppe „Die Linke. SDS“ auf. Einen weiteren Höhepunkt liefert die Musikredaktion mit ihrem „Culcha Candela“-Interview.

Unsere Kolumnistinnen beschäftigen sich mit Themen wie dem Leben mit Senioren. Im Sport berichten Anja Rambacher und Philipp Koehl über die Dart-Weltmeisterschaft in London und geben einen Ausblick über das EM-Jahr 2012.

Um euch schon mal ein wenig in Weihnachtsstimmung zu versetzen, gibt es in der Tipps&Tricks-Rubrik Anleitungen für selbstgemachte Geschenke. In der FilmKunstKultur-Rubrik bekommt ihr Infos zu den besten Weihnachtsgeschichten und im Panorama erwartet euch ein ganz besonderes Weihnachtsspecial: Fünf Face2Face-Mitarbeiter erzählen von ihren diesjährigen Weihnachtsplänen. Holt euch Inspiration und lernt das Team hinter den Artikeln besser kennen!

Als Jahresabschluss-Highlight präsentieren wir euch am Dienstag, 27. Dezember im Panorama ZDF „heute-journal“-Moderator Claus Kleber im Interview.

Das Face2Face-Team wünscht euch viel Spaß beim Lesen und ein besinnliches Weihnachtsfest!

Laufende Gewinnspiele:

Das „Vinyl-Only“-Gewinnspiel, bei dem es fünf Rabattcodes zu gewinnen gibt, läuft noch bis morgen, 1. Dezember, 23.59Uhr. Mehr Infos dazu findet ihr HIER.

Bis einschließlich Mittwoch, 7. Dezember könnt ihr zudem noch jede Menge Stücke aus der Jorge-Gonzalez-Kollektion von „bonprix“ gewinnen. Nur eine kurze Mail mit den verlangten Daten schicken und schon könntet ihr ein paar Schuhe, einen Schal oder ein Kleid euer Eigen nennen. Mehr Infos gibt´s HIER.

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