Abgesang

Es ist Freitag, 30. Mai – nur noch ein paar Tage bis zum Festivalbeginn – da kommt die Hiobsbotschaft: Aufgrund vertraglicher Komplikationen wird „Rock am Ring“ 2014 das letzte Mal am Nürburgring stattfinden. In den vergangenen Jahren wurde immer wieder gemunkelt, dass das Festival sich bald vom Nürburgring verabschieden würde, wirklich daran geglaubt hatte allerdings niemand. Schlagartig ist das Festival dann plötzlich doch noch ausverkauft. Den letzten richtigen Ring – 2015 dann an anderem Standort – will sich wohl keiner entgehen lassen.
Als ich Donnerstag endlich schwer beladen gen Mainz aufbreche, um direkt aus der Uni zum Festival zu fahren, fühle ich mich nicht besonders glücklich. Übermüdet und überarbeitet lasse ich mein Seminar über mich ergehen, schleppe mich schließlich an den Bahnhof und breche Richtung Koblenz auf. Am dortigen Bahnhof ist ein Shuttleverkehr zur Rennstrecke eingerichtet. Die ersten Biere im überraschend verschlafenen Festivalbus versetzen mich dann doch ein wenig in Festivallaune.

Hitzewelle: Das letzte Rock am Ring ist mit großartigem Wetter gesegnet (Foto: Rambacher)

Hitzewelle: Das letzte Rock am Ring ist mit großartigem Wetter gesegnet (Foto: Rambacher)

Zunächst erscheint es problematisch, an ein Festivalbändchen zu kommen: Im nahe liegenden Ausgabezelt sind die Bänder nämlich leer. Mit meinen Mitreisenden schleppe ich mich den Nürburg-Boulevard entlang, während auf der anderen Seite der Gebäude – auf der „Center Stage“ – gerade Iron Maiden spielen. Da mein Gepäck erst noch zum Campingplatz muss, entgeht mir dieser Donnerstags-Headliner. Schließlich ist das Bändchen dann doch besorgt und mein Zelt schnell gefunden. Aber irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht: Als ich im verlassenen Camp ankomme, steht mein Zelt in dichten Rauchschwaden. Nebelmaschine im Partyzelt nebenan, stelle ich entgeistert fest. „Endlich zu Hause!“, denke ich einigermaßen amüsiert, schnappe zwei Bier und einen Tetrapak und mache mich auf den Weg Richtung Gelände.
Den „Special Guest“ Cro sehe ich an diesem Abend nicht mehr. Meine Freunde treffe ich im Jägermeisterhaus, auf dessen Balkon ein wahnsinnig guter DJ auflegt. Irgendwie kommt es, dass ich alle paar Minuten einen neuen Jägermeister in die Hand gedrückt bekomme. Hier lässt es sich aushalten. Eine Weile lang. Irgendwann macht sich die Übermüdung aber doch bemerkbar. Klangkarussell lasse ich zugunsten meines Schlafsackes sausen.
Am nächsten Morgen setzt die berüchtigte Festivaldemenz ein. Besonders dialogfähig fühle ich mich die ganze Zeit ohnehin nicht, was das Erinnern ungleich schwieriger macht. Freitag oder Samstag bricht eine ganz enorme Hitzewelle über die Eifel hernieder, die es fast unmöglich macht, den schützenden Schatten des Camps zu verlassen. Irgendwann müssen wir uns durch die Hitze zum Auto schleppen, das in einem absolut ausgestorbenen Dorf steht. Ob die Leute hier wohl alle verreisen, wenn am Nürburgring der Wahnsinn beginnt? Später sind wir kurzzeitig Besitzer eines Sklaven: Tyrone haben wir mit Absperrband am Hals gefesselt, schleppen ihn hinter uns her und versuchen ihn gegen eine Flasche Schnaps zu tauschen. Besonders viel kann er ohnehin nicht. Da unser Geschäft nicht aufgeht, leine ich ihn nach einem Fluchtversuch an einem fremden Pavillon an.

Lange Gesichter - mögliche Gründe: Hitze, die Söhne Mannheims, Aus für das Festival am Nürburgring.

Lange Gesichter – mögliche Gründe: Hitze,Fotograf steht im Weg,  die Söhne Mannheims, Aus für das Festival am Nürburgring (Foto: Rambacher)

Lange lungern wir an diesem Freitag auf dem Campingplatz herum. Durch die Hitze aufs Konzertgelände. Gegen Abend spielen Mando Diao und Kings of Leon – irgendwann dazwischen kommen wir wohl vor der Bühne an. Später spielen die Queens of the Stone Age und Nine Inch Nails. Besonders beeindruckend sind die Konzerte aber alle nicht. Samstags dann der einzige Act, den ich gerne sehen will – die 257ers, die ich aufgrund der frühen Uhrzeit und der brennenden Sonne allerdings verpasse. Erst am frühen Abend wagen wir uns aufs Konzertgelände, wo ich mir während des Alligatoah-Konzerts auch prompt einen Sonnenstich zuziehe. In einem surreal anmutenden Augenblick realisiere ich, dass die Sanitäter mich einfangen wollen, was mir in dem Moment als überhaupt keine gute Idee erscheint. Die Sanitäter befehlen uns, uns durch die Absperrungen in den vorderen Bühnenbereich zu begeben. Tun wir natürlich nicht. Stattdessen setzen wir uns in ein kleines Fleckchen Schatten am Rande des mittleren Bühnenbereichs. Alligatoah legt wohl einen ziemlich guten Auftritt hin, der mir aufgrund meines angeschlagenen Kreislaufs aber ziemlich entgeht. Später vegetiere ich – inzwischen wieder in der prallen Sonne – bei Opeth vor mich hin. Auch hier zersetzt die starke Sonne jegliche Erinnerungsfähigkeit. Lieber Nürburgring, du hast viel zu wenige Wasserstellen! Als die Fantastischen Vier aufspielen, bin ich wieder einigermaßen lebendig, was sich von der Band nicht unbedingt behaupten lässt. Die Show ist ganz nett, mehr aber auch nicht. Linkin Park schaue ich mir gar nicht mehr an. Hab ich sowieso nie gemocht.

Action: Die Center Stage stellt ein letztes Mal das Zentrum der Veranstaltung. Hier: Eine unidentifizierbare Band (Foto: Rambacher)

Action: Die Center Stage stellt ein letztes Mal das Zentrum der Veranstaltung. Hier: Eine unidentifizierbare Band (Foto: Rambacher)

Der Höhepunkt des Festivals ist wohl Marteria, der Sonntagabend als letzter Act auftritt und damit die Ehre hat, den letzten Ring abzumoderieren. Dabei bleibt er in einer monotonen Endlosschleife hängen, legt aber ansonsten einen tadellosen Auftritt hin, der durch einen kurzen, irgendwie befremdlichen Auftritt von Campino bereichert wird.
Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack: Das soll es also gewesen sein mit Rock am Ring am Nürburgring? Da wäre dann doch irgendwie mehr drin gewesen. Für meinen Zustand ist der Veranstalter freilich nicht verantwortlich. Obwohl ich diesen Abschluss unter keinen Umständen hätte verpassen wollen, fühle ich mich irgendwie enttäuscht vom Festival.
Nächstes Jahr allerdings verspricht mehr Spannung: Schon deshalb, weil Rock am Ring dann an einem neuen Standort stattfindet und mit einer Gegenveranstaltung konkurrieren muss, die zeitgleich am Nürburgring stattfindet – die „Grüne Hölle“. Dort sollen – so munkelt man zumindest – nächstes Jahr die Rolling Stones auftreten.

Halbzeitprinzessin – warum sie sich hin und wieder mal „anstellt“

Wir alle kennen sie, ob aus unserem Freundeskreis oder von der GMX-Startseite: Die moderne Frau. Besonders zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie wahnsinnig unabhängig ist. Alles kann sie selbst und über alles schaltet und waltet sie ganz allein – die eigene Karriere, das eigene Geld, die eigene Behausung. Sie scheint die ganze Welt in ihrer Hand zu halten und kann sich darauf auch mit Recht etwas einbilden. Sie arbeitet hart, um sich ihren Luxus, mag er auch noch so überflüssig erscheinen, ganze ohne fremde Unterstützung ermöglichen zu können. Doch vor allem schuftet sie von morgens bis abends, um ihn nicht gleich wieder zu verlieren. So weit, so gut – bis die Urlaubszeit vor der Tür steht. Und ausgerechnet dann, wenn Frau von Welt endlich einmal die Zeit findet, um zumindest für ein Weile zur Ruhe zu kommen, kommt ihr Umfeld auf die grandiose Idee, man könnte doch campen gehen. So käme man der Natur ein Stückchen näher, sagen sie. So spare man eine Menge Geld, predigen sie. Sorry, aber spätestens hier muss einfach jede Miss Independent unweigerlich zur Prinzessin auf der Erbse mutieren. Zecken! Mücken! Andere Insekten! Und die sanitären Anlagen? Nicht auszudenken, was öffentliche Campingplätze da für Überraschungen bereithalten. Das kann doch nicht euer Ernst sein, liebe Leute!

Ich mag zwar dem Klischee der kosmopolitischen, berufstätigen Single-Frau nicht in allen Punkten voll entsprechen, aber was etwaige Freilufturlaubsreisen anbetrifft, so bin ich doch ganz diejenige, die sich um Dreck unter ihren Fingernägeln mehr sorgt als um ein paar Euro mehr für ein anständiges Hotel. Einerseits bin ich Vollzeitfrau, andererseits aber eben auch Prinzessin – zumindest unter Halbzeitvertrag. Fraglich bleibt jedoch, ob ich mich ganz im Stil von Frau Katzenberger „anstelle“, sprich die simple Politik von „Sei schlau, stell dich dumm“ verfolge oder ob sich tiefer liegende Motive hinter dem ganzen „Herumgepienze“, wie es meine rheinhessischen Freunde so treffend auszudrücken pflegen, verbirgt.

Einen Grund vermute ich in der Erziehung, während ich in Gedanken die kleine, runde Brille von Sigmund Freud aufsetze. Meine Mutter hat mich nach russischen Richtlinien erzogen und dort kamen – auch auf die Gefahr hin, damit die Pauschalitätskeule zu schwingen – beileibe keine Zelturlaube vor, ebenso wenig wie darin mit Elektrik hantiert, Motoröl gewechselt oder in Rasierwasser gebadet wurde. Meine Landsmädchen berichten da übrigens Ähnliches. Auch sie reiften in ihren rosa Kleidchen zu Kleinstadtprinzessinnen heran, die zum einen schon früh das Augenbrauenzupfen lernten, doch zum anderen neben Modezeitschriften auch Weltliteratur auf ihrem Nachtschränkchen platziert hatten. Unser Männerbild war gleichsam zweischneidig: Wir wollten unabhängig genug sein, um in der bösen, bösen Welt den Ellenbogen gegen die Konkurrenz ausstrecken zu können, statt ihn an einem Männerarm eingehakt zu verlieren. Jedoch wussten wir ganz genau, dass wir einen Mann nicht vollständig entbehren können, dass er bei aller Emanzipation immer noch ein Teil des Ganzen ist und bleiben soll. Mit großen Kulleraugen haben wir doch unseren Vätern damals beim Verlegen neuer Küchenfliesen und dem Verkabeln der Stereoanlage zugesehen – und das gewiss nicht ohne Stolz. Wozu sich selbst am Handwerkeln versuchen, wenn es dazu doch Papi gab?

Ein paar Jahre später, ohne Papa, mag zwar der Internetanschluss funktionieren, nicht aber das Deckenlicht. Gefühlte Ewigkeiten schon ragen die hässlichen, nackten Kupferdrähte aus der Decke, als wären sie die Fühler einer niederträchtigen Kakerlake, deren Dasein mich offensichtlich verspotten will: Na, wartest du immer noch auf den Traumprinzen, der dir die Lampe anbringt? Hast du nichts Besseres zu tun, als sämtliche Einzelteile einzukaufen und dann in einer Tüte liegen zu lassen, wo sie niemand mehr sehen kann? Nein, möchte ich der Schabe dann antworten, ich habe tatsächlich nichts Besseres zu tun! Ich habe alles eingekauft und hoffe jetzt darauf, endlich meinem edlen Ritter zu begegnen – optimalerweise kann der mich nicht nur von eingebildetem Ungeziefer befreien, sondern auch gleich noch mein nächstes Abendessen zaubern. Der Teil wurde in meiner vorbildlichen, russischen Erziehung nämlich auch elegant übersprungen.
Und das, obwohl gängige Vorurteile doch besagen, wir Russinnen wären echte Hausmütterchen, die ihren Männern von morgens bis abends lauter fettige Speisen auf drei Gänge verteilt zubereiten können.

So erscheint es mir in conclusio also naheliegender, dass die Erziehung weit weniger eine Rolle spielt als die schlichte Bequemlichkeit. Der Komfort, all diese Arbeiten sehr wohl auch selbst verrichten zu können – schließlich sind Frauen doch auch dazu fähig, Bundeskanzler, Oberfeldwebel oder Nonne zu werden – aber nur einfach hin und wieder keine Lust dazu zu haben. So verhält es sich mit der Zelturlaubsangelegenheit wie auch mit der Küchen-, äh – Schlafzimmerschabe und nicht zuletzt auch das Halten eines Mannes. Die moderne Frau, ob von Virginia Woolf oder aus dem Neckermann-Katalog, zeichnet sich durch ihren freien Willen aus. Und der ist nicht nur unabhängig von Nationalität und Hautfarbe, sondern auch bisweilen von Kochbüchern und Iso-Schlafmatten. Manchmal will Frau eben einfach ganz die Halbzeitprinzessin sein.

Vorschau: In der nächsten Woche wird es heiß! Kolumnist Sascha beklagt die Hitze des Sommers.

Southside 2013

„Hose runter!“, werde ich jovial vom Zollpolizisten angeflirtet angesprochen, der uns gerade von der Straße gewunken hat. Ich soll auf verborgene Rauschmittel kontrolliert werden. Gleich kommt sicher die Körperhöhlenkontrolle, fürchte ich. Wir kontrollieren jetzt deine Unterwäsche!“, befiehlt mein neuer Freund.

Meine Boxershorts erweisen sich als drogenfrei. Netterweise verzichtet die wegelagernde Polizei darauf, meinen Körper eingehender auf Schmuggelware zu prüfen. Überstanden ist die Polizeikontrolle freilich noch nicht. Unser knallgelbes, teilweise nur noch durch massivsten Panzertapeeinsatz zusammengehaltenes Cabrio hat die Aufmerksamkeit der Gesetzeshüter auf sich gezogen. Wer, bitte, käme denn auf die Idee, in einer solchen Karosserie Drogen zu transportieren?

Die Polizei sieht das anders: „Wenn wir jetzt unsere Hunde holen und die was finden, dann gibt es Ärger!“. Wenn wir jetzt mit etwas rausrücken würden, bevor die Hunde da sind – gäbe es dann keinen Ärger?

Aber selbstverständlich sind wir sauber. Zusammenhangslos frage ich meine neuen Beamtenfreunde also: „Bock auf Ananas?“.

„Nein. Das könnte als Bestechungsversuch ausgelegt werden.“, wird mir mitgeteilt.

Die Polizei verzichtet schließlich auf den angedrohten Hundeeinsatz. Vermutlich haben sie gar keine Hunde. Mit unversehrter Ananas und selbstverständlich ohne gefährliche Rauschmittel im Gepäck dürfen wir schließlich unserer Wege ziehen. Das Ziel: Southside. Entfernung: Etwa 20 Kilometer. Streckenabschnitt: Endspurt.

Endlich angekommen: Tausende Festivalbesucher wuseln von den Parkplätzen auf das Campinggelände (Foto: Denzinger)

Endlich angekommen: Tausende Festivalbesucher wuseln von den Parkplätzen auf das Campinggelände (Foto: Denzinger)

Eine halbe Stunde liegt hinter der Polizeikontrolle, als wir auf dem Parkplatz des Rockfestivals im tiefen Schwabenland angekommen sind. Auf einem Kleinflugplatz bei dem kleinen Ort mit dem klangvollen Namen „Neuhausen ob Eck“ erstrecken sich die Campingplätze und das Konzertgelände des Southside-Festivals – ein fast ideales Campinggelände. Das „fast“ bemerke ich in dem Moment, als ich meine Zeltheringe in den Boden rammen will. Der Boden allerdings will nicht so recht mitspielen. Unter dem Rasen befindet sich eine stahlbetonähnliche Masse, die jeden Hering beim Eindringen augenblicklich verbiegt. „Kein Problem für den geneigten Festivalbesucher“, denke ich mir. Unser Zelt steht ja windgeschützt hinter einem LKW. Das findet die Lastkraftwagenfahrerin leider überhaupt nicht gut,

weshalb wir unser gerade errichtetes Zelt wieder hinfort bewegen müssen. Der sicherlich vorsätzlich mitten auf unserem Campingplatz falsch parkenden LKW-Fahrerin fallen mindestens fünf weitere Heringe zum Opfer. Doch schließlich steht unser Zelt. Das Southside-Festival kann beginnen.

Endlich – lange habe ich gewartet. Das Southside ist für mich das dritte von fünf Festivals dieses Jahr. Doch keinem habe ich so sehr entgegengefiebert wie diesem. Nicht nur, dass ich endlich die Band Bloc Party live sehen werde. Viel wichtiger: Die nächsten vier Tage werde ich mit einer Handvoll Freunden verbringen, die ich wirklich liebe.

So campen wir direkt zwischen Partyzelt , wassergespülten Toiletten, der Fressmeile und dem Eingang zum Konzertgelände. Vor unserem Campingplatz verläuft eine ideale Straße, um Flunkeyball zu spielen. Die netten Punk-Hippies, die neben uns campen, spielen den ganzen Tag Gitarre – wenn sie nicht damit beschäftigt sind, Gras zu rauchen, Dinge zu verbrennen oder Bengalos in der Dixi-Toilette anzuzünden.

Von Donnerstag bis Montag schlafe ich etwa acht Stunden und bin topfit. Mein Körper wird den geraubten Schlaf zurückfordern. Aber das interessiert mich im Moment nicht. Erste Nacht: Campingplatztour und Partyzelt. Das benachbarte Partyzelt spielt bis etwa sieben Uhr morgens laut Musik. Ab elf Uhr ist es zu warm zum schlafen. Zudem hat man einen stark in der Wärme evolutionierenden Brie in unserem Vorzelt abgelegt, dessen Aroma ich bis zu seiner Demaskierung für den Geruch der Gummistiefel meines Zeltmitbewohners halte. Also: Raus aus dem Zelt, rauf auf die Campingplätze.

Hauptsache bunt: Fingerfarben machen alles besser (Foto: Denzinger)

Hauptsache bunt: Fingerfarben machen alles besser (Foto: Denzinger)

Massenumarmungen, Limbo, Mülltonnentrommelkonzerte, Seifenblasen – selbstverständlich Flunkeyball, Raviolibomben, zwischendurch leider immer mal wieder ein Streit, Rangeln, Gebrüll, „Synapsenkitzler “ in der Dauerschleife auf dem Nachbarcampingplatz und etwa gefühlte 500 Mal „Songs für Liam“ von Kraftklub im Partyzelt, komatöse Menschen unter dem LKW, Eddingmangel, Spritzpistolendiebstahl, Zeltwandzerstörung, Fingerfarben-Bemalungen, ADAC-Knebelvertrag, Kegelclublieder, eine nahezu unerschöpfliche Bierquelle, kaputte Zeltstangen und ein überflutetes Zelt, sowie Menschenangeln – der ganz normale Festivalwahnsinn eben.

Dann sind da noch die Konzerte: Hauptakt des Festivals ist wohl die Band Rammstein, die mir persönlich nicht zusagen. Daher verlasse ich das Konzert und widme mich der Camel-Lounge. Zwei Stunden verbringe ich im T-Shirt und in kurzen Hosen im äußerst windanfälligen, aber stilvoll eingerichteten Raucherhaus. Leider hat man vergessen, eine Decke draufzusetzen. Während außerhalb der Holzkonstruktion Rammstein über die Menge schalt, friere ich mich durch eine Zigarette nach der anderen, warte auf meine Freunde und freue mich auf morgen. Endlich werde ich Bloc Party sehen.

Möglicherweise findet das Bloc Party-Konzert vor dem Rammstein-Konzert statt. Zeitlich würde ich es sonntags verorten, bin mir da allerdings überhaupt nicht sicher. Massiver Schlafmangel und geradezu unvernünftig-überhöhter Alkoholkonsum setzen meinem Zeitempfinden arg zu. Queens of the Stone Age? War schon. Prinz Pi? Das Konzertzelt rockt. The Hives? Eine wirklich gute Show voller Narzissmus. Billy Talent? Deichkind? Kommen noch. Irgendwo zu diesem Zeitpunkt – eine nähere Einordnung ist mir tatsächlich nicht mehr möglich – findet das Konzert meines bisherigen Lebens statt: Bloc Party eröffnen mit „So here we are“, steigern sich über „This Modern Love“ zum langersehnten „Helicopter“. Zwölf Lieder werden gespielt. Ich bin begeistert. All die Leute, die ich liebe, befinden sich in direkter Nähe zu mir. und Vor mir auf der Bühne steht eine dieser Bands, die ich seit Jahren nahezu vergöttere. Kann nicht das ganze Jahr über Festival sein? Es dauert exakt ein halbes Lied, dann ist der von mir mitgeführte Tetrapak nur noch ein Kartonfetzen. Den Höhepunkt des Höhepunktes stellt selbstverständlich das geradezu legendäre „Helicopter“ dar. Bereits als die ersten Akkorde des Stücks angestimmt werden, rastet das Publikum aus – zumindest in meiner Wahrnehmung. Rückblickend war die Menge während des Konzertes vielleicht gar nicht enthusiastischer als während der anderen Konzerte.

Gemütlich: Die Campingplätze des Rockfestivals kriegen trotz Unwetterwarnungen in diesem Jahr eine Menge Sonne ab (Foto: Denzinger)

Gemütlich: Die Campingplätze des Rockfestivals kriegen trotz Unwetterwarnungen in diesem Jahr eine Menge Sonne ab (Foto: Denzinger)

Deichkind stellt für uns das Abschlusskonzert des Festivals dar, auch, wenn die Arctic Monkeys noch spielen. Danach geht es direkt nach Hause. Also: Noch einmal ausrasten, noch einmal alles geben – eigentlich keine Kunst. Die Band versteht es auf ihre ganz eigene Art, das Publikum anzuheizen – mit irren Kostümen, einer abgefahrenen Bühnenshow, und großartigen Texten zum Feiern. Um ausbleibende Stimmung muss sich die Gruppe demnach keine Sorgen machen. So tanze ich meinen zerschundenen Körper zum Abschluss des Festivals in einen Zustand, der einer kompletten Vernichtung so nahe kommt, dass ich dessen Nachwirkungen immer noch spüre, als ich etwa eine Woche später diesen Artikel schreibe. Aber man lebt schließlich nur einmal.

Rock am Ring 2013 – ein Nachbericht in zwei Akten

Zeltplatzerlebnisse (von Anja Rambacher)

Mittwoch, 5. Juni 2013. 19 Uhr. Ankunft am Zeltplatz B5 am Nürburgring. Meine Mitfahrerin und ich hatten eine angenehme Fahrt, bis auf die Tatsache, dass uns nach einer etwas heftigeren Bremsung der Grill entgegenkam und der Innenraum meines Autos nun mit Grillasche verschönert ist. Zweitrangig. Die Sonne scheint, es ist total warm, wir hupen auf der Autobahn jedes Auto mit »RaR«-Aufkleber an, manche hupen zurück, andere ignorieren uns dreist. Am Platz rufen wir erstmal unsere Camp-Mitglieder an: »Los geht’s, tragen helfen!« Diverse Paletten Bier, Schlafsäcke, Isomatten, Verpflegungstaschen und sonstiger Krimskrams tragen sich schließlich nicht alleine und vor allem nicht in einer einzigen Tour.

Diverse Gestalten tauchen auf. Einer, mit Edding-Schnurbart im Gesicht und Absperrband um den Kopf gewickelt. »Festival, Leute, voll schön, dass ihr da seid!« So wird man doch gerne begrüßt! Nachdem wir uns die Festivalbändchen geholt haben (die Farbe – pink – stößt doch einigen sehr bitter auf), beginnt der Marsch zum Camp. Dankenswerterweise gut markiert, durch einen zwei Meter großen aufblasbaren Gummipenis, den wir hoch oben an einem Holzstamm befestigt haben.

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Wurde zum Erkennungszeichen des Camps: ein riesiger aufblasbarer Gummipenis (Foto: Alexander Brenner)

Nachdem die Sachen im Zelt verstaut sind, spielen wir erst einmal eine Runde Begrüßungsflunkyball – und verlieren kläglich gegen unsere campinternen Gegner. Die haben ja auch schon einen Tag mehr Übung. Später am Tag, nachdem noch diverse andere Leute angekommen sind und uns die Schultern schmerzen vom vielen Taschen-Schleppen, erklingt auf dem ganzen Platz laute Musik. Manche sind mit riesigen Boxentürmen angereist, beschallen alle B5-ler mit Songs von »Killing in the name of« von Rage Against The Machine bis hin zum Grönemeyer-Klassiker »Flugzeuge in meinem Bauch«. Man muss wirklich nicht weit laufen, um zur nächsten Party zu finden!

Die ersten Tage vergehen wie in einem großen Fluss, von Tagesroutine kann nicht die Rede sein, man isst eben, wann man Hunger hat, man ist so spontan wie sonst nie, die Menschen um einen herum sind so offen, wie das sonst nie der Fall ist – und es wird wirklich niemals langweilig! (Sollte das der Fall sein: Selbst schuld!) Wer zu viel trinkt und sich irgendwo in der Menge hinlegt fällt dem Deichkind-Motto: »Ich dekoriere besoffene Freunde, ist zwar gemein aber leider geil« zum Opfer. Und doch schafft es unser Opfer, rechtzeitig zu den Konzerten wieder fit zu sein – Respekt an dieser Stelle!

Zwei Campmitglieder beschließen, sich den Sonnenaufgang anzusehen und dabei laut durchs ganze Camp zu brüllen – um sechs Uhr morgens nicht die beste Idee, um sich Freunde zu machen. Auch der Megaphonmensch von gegenüber gehört nicht zu unseren Favoriten. Wir rächen uns, indem wir uns zu zwanzigst an den Straßenrand stellen und ihn mit »Aufstehen!« anbrüllen. Unsere Performance hat wohl beeindruckt – wir werden gleich engagiert, um eine weitere Person aus dem Schlaf zu brüllen.

Campingplatzatmosphäre beim Festival – da ist einfach jeder in Feierlaune und man kommt einfach nicht drum rum, sich davon anstecken zu lassen. Nächstes Jahr wieder? Auf jeden Fall!

Ach, Konzerte gab’s auch noch? (von Johannes Glaser)

Die „Seat Centerstage“ stellt während Rock am Ring eine ganz besondere Atmosphäre: Über die gesamte Länge der Boxengasse des in den letzten Jahren zum Politikum gewordenen Nürburgrings hinweg zieht sich eine einzige, unbeschreiblich große Menschenmasse. An die marode gewordenen Finanzen der Rennstrecke denkt in diesen Tagen aber freilich kaum jemand. Zehntausende Menschen stromern fröhlich über das Konzertgelände des Rockfestivals in der Eifel, lassen Politik Politik sein und ergeben sich der kaum zu bewältigenden Menge an Konzerten.

Mein Hauptproblem dieser Tage heißt: Wasser. Meine soziologischen Feldversuche belegen, dass ich ein überdurchschnittlich durstiger Mensch bin. Der Liter Wasser, der im Tetrapak in meiner Hand schlummert, wirkt bei der vernichtend-brennenden Sonne wie ein viel zu kleiner Schluck gegen den drohenden Hitzekollaps. Doch die nächste Wasserstelle scheint in der undurchdringlichen Menschenmenge meilenweit entfernt.

Drei Tage Festival liegen hinter mir. Ich bin dreckig. Ich bin dehydriert. Ich bin müde, krank, kaputt. Vermutlich geht es mir in diesem Moment nicht anders, als den geschätzten 85.000 Besuchern.

Hatte die Centerstage am Freitag im Griff: Panda-Raopper Cro (Foto: Simon Meier)

Hatte die Centerstage am Freitag im Griff: Panda-Raopper Cro (Foto: Simon Meier)

Irgendwo rechts hinter mir spielt MC Fitti, doch wir stehen planlos vor der Centerstage. Gleich soll Cro spielen. Ich erwarte mir nicht allzu viel von diesem Konzert. Mehrfach habe ich von Freunden gehört, dass dem jungen Musiker jegliches Bühnentalent vollkommen abgeht. Umso überraschter bin ich über seinen Auftritt – von mangelndem Entertainment nichts zu spüren! Cro legt eine wirklich gute Show hin. Die Menschenmenge kennt die Lieder auswendig, und der „Raopper“ muss seine Stimmbänder im Grunde kaum bemühen. Von überall her erschallt ein: „Ich nenn dich lieber ‚Sunny‘“, als „Easy“ angestimmt wird.

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Legten mit den krassesten Auftritt des Festivals hin: die Jungs von The Prodigy – hier Frontmann Keith (Foto: Moritz Hartnagel)

Zweifelsohne ein gutes Konzert. Doch gegen Größen wie „The Prodigy“ oder „Seeed“ scheint die wirklich gute Stimmung bei Cro geradezu zu verpuffen. Was Prodigy samstags auf der Centerstage liefern, ist der absolute Wahnsinn. Schon vor dem Konzert macht sich eine geladene Stimmung im Publikum bemerkbar.

Auch ich – dieser kurze Einwurf sei mir erlaubt! – bin geladen. Am Nachmittag wollte ich eigentlich unbedingt „Palma Violets“ sehen. Palma Violets klingen wie eine Mischung aus Pink Floyd und Beatles in einer verdammt schmutzigen Garage. Leider spielt die britsche Band zu einer quasi außerhalb des Menschenmöglichen liegenden Uhrzeit – samstags kurz nach 15 Uhr – und so muss ich sie leider verpassen.

Zurück zur Centerstage! Die Menge tobt. Gleich wird The Prodigy auftreten. Joints werden herumgereicht, Moshpits geformt, Müll durch die Menge geworfen. Es kocht und es brodelt – lange, bevor die ersehnte Band die Bühne betritt. Als die Band dann endlich loslegt, kocht der Topf über. Wie keine andere Band versteht es The Prodigy, das Publikum anzuheizen. Ich habe in den letzten Jahren viele Konzerte besucht, aber etwas Vergleichbares zu den Moshpits bei The Prodigy habe ich mein Leben lang noch nicht erlebt. Der Höhepunkt des insgesamt schon überragenden Konzertes ist wohl „Voodoo People“. Die Band beschwört die Voodoo People in der Menge, und plötzlich – auf einen Schlag – bin ich Teil dieses Kollektivs, was wild feiert und tanzt. Ein übereifriger Fan zündet während des Auftritts einen Bengalo, grüne Funken und Rauch ziehen durch die Voodoo People, die alles vergessen zu haben scheinen. Ein „Deichkind“-Auftritt ist nichts gegen das wütende Gerangel, das sich da zwischen den Wellenbrechern abspielt.

ließen sich von der Musik mitreißen: über 87.000 Menschen bei Europas größtem Festival (Foto: SWR3)

ließen sich von der Musik mitreißen: über 87.000 Menschen bei Europas größtem Festival (Foto: SWR3)

Den Abschluss des gut besetzten Festivals bilden wohl „Seeed“. Sonntag Nacht – kurz nach zwölf – betritt die Gruppe die Alternastage. Mehr denn je rieche ich Schweiß, rieche ich Schmutz. Doch trotz einer bis zu sechs Tagen andauernden Nonstop-Party sind wahnsinnig viele Menschen zusammengekommen, die „Green Day“, die auf der legendären Centerstage spielen – und dabei, so wird erzählt, einen überragenden Auftritt hinlegen – einfach ignorieren. Wahnsinnig viele Menschen, die gekommen sind, um Seeed zu sehen. Und sie werden nicht enttäuscht! Was Seeed an diesem Abend auf der Alterna bietet, ist Irrsinn – ein ungewöhnlicher Irrsinn – denn kaum einer rastet aus, kaum einer dreht durch. Die Menge bleibt friedlich. Ein Moshpit würde trotz der rockigen Atmosphäre auch kaum zum Konzert passen. Die „Music Monks“ beenden das Festival mit einem wahrlich großartigen Auftritt. Und schon jetzt weiß ich: Nächstes Jahr wird „Beautiful“.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Johanna über Klangagenten.

„Ist schon ganz gemütlich hier“ – Das „Greenville Festival“ feiert sein Debüt

Es ist Freitag, 27. Juli und in Paaren/Glien bei Berlin beginnt etwas Großes: Das „Greenville Festival“ hat seinen Startschuss abgegebe. Face2Face war für euch dabei.

„Ist schon ganz gemütlich hier“ – Das „Greenville Festival“  feiert sein Debüt

„Deichkind“ am Kochen: Mit einzigartigen Bühnenoutfits faszinierten sie die Besucher (Foto: Heeger)

Teil 1: Begeisterung und Hysterie auf den Bühnen

Von Alissa Bosse

Nachdem das Pariser Trio „We Were Evergreen“ und die Hamburger Rockband „Selig“ unter glühenden Sonnenstrahlen den Festivalauftakt zum „Greenville 2012“ gaben, übernahmen die Berliner Herren von „Bodi Bill“ und hielten in fescher Federbekleidung mit ihrem Set aus clubbigen Indietronic-Songs trotz Sonnentiefstandes und nachlassender Hitze die Menge am Brodeln.

Ein Highlight waren Freitagnacht ohne Zweifel die „Flaming Lips“, die nicht nur durch dynamisch-psychedelischen Indie-Rock und eine einzigartige Lightshow, sondern auch durch riesige bunte Luftballons Bewegung in ihre Fan-Menge brachten.

In traditioneller Müllsack-Kostümierung, ausgestattet mit grell-leuchtenden Pyramiden-Helmen und aufblasbarer Hüpfburg lieferten „Deichkind“ gleich im Anschluss eine extravagante und ausgelassene Bühnenperformance, die durch geplante Reizüberflutung und Feder-Inferno das „Greenville“-Publikum zum Beben brachten. Eine Ladung „Remmi Demmi“ à la Deichkind.

Während „Abby“, „The Kilians“ und „Young Rebel Set“ die Festivalbesucher samstags unter freiem Himmel zum Tanzen motivierten, schlugen die Jungs von „Deep Sea Diver” auf der Indoor-Stage etwas ruhigere Töne an. Mit atmosphärischer Instrumentierung bestehend aus Akustikgitarre, Xylophon und Basssaxophon schufen die vier Jungs in Stücken wie „Beach” oder „Actors” eine träumerisch-melancholische Klangwelt.

Als nächster Act waren „We Invented Paris” zu hören, die mit leidenschaftlichem Songwriting, experimentellen Elektrosounds und Überraschungs-Gitarrensession zwischen den Zuhörern reihenweise neue Fans rekrutierten.

Dass „The Roots“ eine Band der Superlative ist, deren Musikkarriere durch ihre einzigartige Fusion aus Jazz- und Soulklängen, über Funk-, Indie-Pop- und Rockeinschlägen bis hin zu Hip Hop-Beats bestimmt ist, bewiesen Tuba Gooding Jr., Questlove, Rapper Black Thought und Co Samstagnacht. Mit ihrem Aufgebot an fabelhafter Drummer-Performance, Live-Instrumentierung mit orchestralem Charakter und rappender Weltklasse übertraf die amerikanisch „Organic Hip Hop“-Band die Erwartung der Fan-Menge an der Mainstage bereits zu Beginn ihres Auftritts.

Begeisterung, Hysterie und vor alle Verstörung verbreitete die „HGich.T“-Crew on- und off-stage nur kurze Zeit später. In origineller, leicht trashig angehauchter Kostümierung, mit Soundsalven aus New Tek, Goa Techno und konsequenten Hard Trance Sounds bot das Hamburger Musik-Phänomen ein wahnwitziges Konzerterlebnis. Völlig unbeeindruckt vom fallenden Regen und mit wild in der Luft bewegenden Fäusten folgte wenig später das „Scooter“-Publikum den energischen „Hyper Hyper“ Rufen des „Special Guest”. Während die Menge zu „some hardcore techno” durchdrehte, bot „Scooters” Bühnenperformance aus feuerspuckenden tanzende Damen in Miniröcken und in Neonfarben gekleidete „Jumper“ ein flammendes Ende des Festivalsamstags. „Fuck Art Let´s Dance“, „Turbonegro“, „Cro“ und die „Donots“ bestimmten gemeinsam das Nachmittags-Line-up des dritten Festivaltages, während „Iggy and the Stooges“ – die Legende des Rock’n’Roll – den perfekten Ausklang eines wunderbaren „Greenville“-Wochenendes bildeten.

Um es noch einmal kurz zusammen zu fassen: Internationale Headliner, die Grund zum Entgegenfiebern gaben, sowie eine Reihe an sehenswerten Newcomer Bands, die das „Greenville“-Publikum in das vielfältige Festivaltreiben sogen – ein vielversprechendes Konzept, das hoffentlich auch 2013 zahlreiche Festivalbesucher ins brandenburgische Paaren/Glien locken wird.

„Ist schon ganz gemütlich hier“ – Das „Greenville Festival“  feiert sein Debüt

Gefeiert bis zum Lachanfall: Die Besucher hatten ihren Spaß (Foto: Heeger)

Teil 2: Friedliches Miteinander auf dem Campingplatz

Von Selin Güngör

Das Campingleben ist von Festival zu Festival unterschiedlich. Neben üblichen Highlights wie der Festivalhymne „Die Cantina Band“ sind viele unterschiedliche Persönlichkeiten vertreten. Das „Greenville Festival“ fand dieses Jahr zum ersten Mal statt und man könnte denken, dass der Zeltplatz dementsprechend unorganisiert war. Doch das traf nicht einmal ansatzweise zu. Die Organisatoren haben sich sehr viel Mühe gegeben. So sorgte die bunte Musikmischung beim line up dafür, dass es eine ebenso bunte Mischung im Publikum und auf dem Campinggelände gab. Von den Sanitäranlagen könnte sich so manch ein anderes Festival eine dicke Scheibe abschneiden. Die Duschen waren sauber, es waren keine Gruppenduschen, wie es bei größeren Festivals oft der Fall ist, sondern einzelne Kabinen und teuer war es mit einem Euro auch nicht.

Neben den gefürchteten Dixi Klos gab es fest installierte Toiletten, die man kostenlos aufsuchen konnte, worüber sich vor allem die zahlreichen Frauen sehr freuten. Zum Erstaunen aller gab es auf dem Campinggelände Stände, die nicht nur Bier und kulinarische Köstlichkeiten verkaufen, sondern einen Stand für Campingmaterial, wie zum Beispiel Zelte, Campingstühle, Pavillons und andere elementare Utensilien. Kommen wir zur einzigartig friedlichen Stimmung auf dem „Greenville Festival“. Es wurde getrunken, geraucht, gefeiert, gelacht und neue Bekanntschaften geschlossen. Dank der guten Stimmung und dem dadurch entstehenden Familiengefühl gab es keinen Streit und kein Gezanke. Alles in allem kann man dem „Greenville Festival“ für dieses fulminante und erfolgreiche Debüt gratulieren und auch wenn Berlin nicht gerade um die Ecke ist, jedem empfehlen sich die zweite Sause im kommenden Jahr anzusehen.

Vorschau: Und nächsten Samstag findet ihr hier an dieser Stelle ein Interview mit dem Mannheimer Elektroduo „Syn“.

Das war „Rock am Ring 2012″

Teil 1: Flunkeyball, „Star Wars“ und Party auf dem Dixiklo

Von Melanie Denzinger und Johannes Glaser

„Alle müssen trinken!“, grölt jemand – und die Gruppe stimmt ein: „Alle müssen trinken!“ Und alle trinken. Ganze fünf Tage lang feiern etwa 85.000 Besucher am Nürburgring zum 27ten Mal das Musikfestival „Rock am Ring“. Die Konzerte beginnen erst Freitag, 1. Juni 2012, doch die Campingplätze öffnen bereits dienstags mittags ihre Tore. Von da an tobt die Party auf den Campingplätzen beinahe eine Woche lang.

Buntes Treiben herrscht in den Zeltstädten: Überall wird gefeiert, getrunken, gelacht, getanzt. Unzählige Musikanlagen beschallen die Campingplätze rund um die Uhr mit Musik, so dass auch nachts fröhlich gefeiert werden kann. Und Feiern, das wollen hier alle. Bereits der Marsch über die Wege des Campingplatzes erweist sich als alles andere als unproblematisch, denn auf ihnen wird vornehmlich „Flunkeyball“ gespielt – ein Festivalspiel, bei dem es darum geht, einen Gegenstand umzuwerfen und im Anschluss ein Bier schneller leer zu trinken als das gegnerische Team.

Wäre das Wetter nicht so schlecht, es wäre geradezu paradiesisch auf den Campingplätzen. Aber bereits in den frühen Abendstunden des Dienstags setzt ein schweres Unwetter ein und überschwemmt die Campingplätze. Auch die nächsten Tage regnet es immer wieder, bis vor allem die Wege sonntags einer Sumpflandschaft gleichen.

Und trotzdem wird gefeiert und gelacht. Frieden und Freude liegen in der Luft und es herrscht ein großes Miteinander, wo man auch hinsieht. Gut gelaunt marschieren die Ringrocker durch die Zeltreihen, begrüßen sich lauthals durch “Helga“- und „Slayer“-Rufe und fiebern gemeinsam den Konzerten entgegen.

Ganz egal, zu welcher Uhrzeit man über die Campingplätze schreitet, ob alleine oder in der Gruppe: Das nächste Bier ist nie weit entfernt, und die meisten Festivalbesucher freuen sich über Gäste in ihren Camps.

Auch in den Partyzelten ist der Wahnsinn ausgebrochen. In einem naheliegenden Festzelt läuft von Dienstag-Abend bis Montag-Morgen ununterbrochen ein und dasselbe Lied, eine etwa 30-sekündige Coverversion eines „Star Wars“-Soundtracks, unterlegt mit einem kurzen Sprachpart. Doch selbst gegen Ende des Festivals stört sich keiner an der Dauerschleife, stattdessen wird fröhlich dazu getanzt.

Und sogar auf den verhassten Dixiklos wird gefeiert. Sage und schreibe 14 Mann inklusive Ghettoblaster quetschen sich – einer spontanen Eingebung folgend – in die enge Toilettenkabine, um die Wände zum Wackeln zu bringen.

Umso näher jedoch das Ende des Festivals rückt, umso mehr kippt die Laune auf den Campingplätzen. Einige Zelte werden demoliert oder gar angezündet und überall fliegt Müll durch die Luft. Der Gedanke ans baldige Ende der Dauerparty drückt die Stimmung ganz beachtlich.

Trotzdem vergehen die Tage auf dem Campingplatz bis auf einige wenige Ausnahmen friedlich. Und dann sind da ja noch die Konzerte…

Teil 2: Rockt den Ring!

Von Bernd Föhr

…Endlich war die Zeit gekommen: „Tenacious D“ hatten ihren ersten Auftritt in Deutschland. In Mänteln betreten die beiden die Bühne und die Fans bringen ihnen eine bisher ungekannte Huldigung entgegen: Im Vorfeld des Festivals wurde auf „Facebook“ zu einem Flashmob aufgerufen. Zum Start des Konzertes sollte das ganze Publikum auf die Knie fallen und die Jungs mit „Praise the D!“-Rufen willkommen heißen – was im vorderen Bühnenbereich auch wunderbar funktionierte. Die Show um „The Rise of the Fenix“ begann und war wohl für viele Besucher ein Highlight – mit Liedern wie „Low hangin‘ Fruit“, „Deth Starr“, „Kickapoo“, „Fuck her gently“ und „Tribute“.

Als Headliner für samstags Abends waren die Rocklegenden „Metallica“ geladen – für viele ein unverzichtbares Konzert. Doch auch das Parallelprogramm auf der „Alternastage“ konnte sich sehen lassen. Zeitgleich zu „Metallica“ spielten dort „The Hives“, die die Stille zu ihrem größten Feind erklärten. So war das erklärte Ziel der Rockgruppe, „Metallica“ zu übertönen.

Und obwohl der Sänger einmal den Affront beging, „Rock am Ring“ mit dem kleineren Schwesterfestival „Rock im Park“ zu verwechseln, lieferten sie doch eine ganz überragende Show. Neben Songs des neuen Albums „Lex Hives“ wurde auch zu alten Hits wie „Hate to say I told you so“, „Walk idiot walk“, „You got it all wrong“ und „It won’t be long“ gerockt. Einen würdigen Abschluss lieferten die Schweden mit eine „Freeze Out” zu ihrem Song „Tick Tick Boom”, bei dem die ganze Band plötzlich ganz still auf der Bühne stand. Beim Publikum blieb kaum ein Wunsch unerfüllt.

„Die Toten Hosen“ bildeten Sonntagabend den Abschluss von „Rock am Ring“ und der Auftritt war ein ganz besonderer, feierte die Band mit ihm doch ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Die Hosen spielten viele Songs ihres neuen Albums „Ballast der Republik“, wie etwa „Tage wie diese“, „Schade wie kann das passieren“ und „Das ist der Moment“. Aber auch Klassiker wie „Bonnie & Clyde“, „Pushed again“ und „Zehn kleine Jägermeister“ wurden in der zweistündigen Show nicht ausgelassen. Frontmann Campino ließ es sich nicht nehmen, zur Melodie von „Korn, Bier, Schnaps und Wein“ zu Crowdsurfen. Um eine Wette zu gewinnen, wollte Campino sich von den Armen der Menge in Rekordzeit zum zweiten Wellenbrecher tragen lassen. Anschließend kletterte er auf das Gerüst der Lichtmaschinen und zündete in luftigen Höhen ein bengalisches Feuer. Auch die Fans waren mit Bengalos ausgestattet und zündeten einen nach dem anderen.

Nach der zweiten Zugabe bildete „You never walk alone“ den Abschluss des Konzertes, und die meisten „Ringer“ machten sich auf den Heimweg.

Großartige Konzerte und viel Action auf den Campingplätzen – Mit „Rock am Ring“ hat die Festivalsaison 2012 eine würdige Eröffnung gefunden.

Vorschau: Nächste Woche berichten wir über ein Latin Festival.

„Rock am Ring“ – The next generation

 Teil 1 (Autorin: Selin Güngör)

 25 Jahre hat es schon auf dem Buckel und dieses Jahr wurde es 26 – „Rock am Ring“ ist eines der beliebtesten und größten Festivals in Deutschland. Am vergangenen Wochenende ging es in die nächste Runde und wir von Face2Face waren hautnah mit dabei.

 Mit vielen bunten Ständen, Bumgee-jumping und der Jägermeister Hochseilbar, Massen an Essen, Bier und Musik öffnete der Nürburgring Freitag den 3.6.2011 seine Pforten für zahlreiche Besucher. Nach dem großen 25-jährigen Jubiläum war „Rock am Ring“ laut der offiziellen Homepage nicht ausverkauft. Am Line Up lag es sicherlich nicht, da auch in diesem Jahr wieder Top-Bands am Start waren. Bei der Auswahl dieser Bands spielen Trends definitiv eine entscheidende Rolle und so ist klar, dass letztes Jahr die Klassiker im Bereich Hip Hop und Rock n Roll, dieses Jahr die besten der Genres Hardcore und Pop geehrt wurden.

 „I once smelled a bad smell in my room, and when looking into my PC I found a dead mouse skeleton in it. From that moment on, my friends called me “dead mouse”. But in IRC your nickname can only be eight digits long, so I called myself “deadmau5″, while the 5 means a S. And I just kept it“, erklärt DJ und Entertainer „Deadmau5“ seinen Künstlernamen laut Wikipedia.

 Um ein Uhr morgens ging es los an der Alternastage und zahlreiche Zuhörer waren, nach einem langen, sonnigen Tag immer noch anwesend um ihn zu bestaunen. Die Bühne war riesig und leer, in der Mitte ein gigantisch großer DJ-Pult und jede Menge Monitore für seine Laser-Grafik-Animationsshow. Mit dem ersten Ton, jubelten die Menschen los und ein Mensch unter einem Laken kam zum Vorschein. Es war „Deadmau5“ der zu seinem Thron rannte, seine Mäusemaske aufsetzte, loslegte und über 1000 Partywütige tanzten los. Der Platz an dem wenige Stunden zuvor, Rock und Pop Bands den Staub aufgewirbelt hatten, glich zu diesem Zeitpunkt einer riesigen Open-Air-Disco und jegliche Müdigkeit und Anspannung fiel von den Menschen ab. Neben dem klassischen Progressive und Elektro House den er auflegte, holte er noch einen Liveact auf die Bühne, der mit Dubstepbeats die Bühne rockte. Der Zustand der totalen Befreiung hielt bis halb drei in der Frühe an.

 Der Samstag kam schneller als man wach werden konnte und somit auch schon das nächste Highlight. „Coldplay“ gaben sich und den Zuschauern die Ehre auf der  Centerstage. Nach einer langen Livepause, traten sie das erste Mal wieder in Deutschland auf und verblüfften wie immer alle. Mit einer genialen Lasershow, Luftballons, Schmetterlingen und wunderschöner Musik beglückten sie die Festivalbesucher bis zum Ende und selbst die Regenmassen hielten die Fans nicht davon ab bis zum Ende zu bleiben und gemeinsam zu träumen.

 Die Headliner in diesem Jahr waren „System of a Down“. Das letzte Mal spielten sie vor fünf Jahren in Deutschland. Seitdem war es um die Band still geworden, doch mit ihrem Live-Auftritt am Sonntag zeigten sie, dass sie immer noch gemeinsam auf der Bühne Spaß haben und teilten ihre Freude mit den Ringrockern. Bei keiner Band wurde so viel gesprungen, getanzt, geklatscht, gekrischen wie bei „System of a Down“. Mit ihren berühmtesten und beliebtesten Songs eroberten sie die Herzen zahlreicher neuer, entfachten das Feuer der alten Fans und gaben einem gelungenen Wochenende einen krönenden Abschluss.

 Die Besucher dieses Jahr gingen zufrieden und glücklich nach Hause, so wie auch wir entspannt – stinkend aber strahlend – den Weg in die Heimat antraten.

Teil 2: Liebe und Wahnsinn am Nürburgring (Autor:) Johannes Glaser

 Vier Meter über unseren Köpfen baumelt ein fleischfarbener Salut an Sigmund Freud fröhlich in der Sonne: ein aufblasbarer Gummipenis, der aus der bunten Zeltstadt um uns herum frech heraussticht. Darunter: Wir, etwa 20 Azubis, Schüler und Studenten aus Speyer und Umgebung, bewaffnet mit hunderten Litern Bier, unzähligen Flaschen Schnaps und drei Wasserpfeifen. Grasgeruch liegt in der Luft und eine Bierbong nach der anderen wird verputzt. Der Wahnsinn ist ausgebrochen, und wir sind mittendrin – bei „Rock am Ring“ 2011.

 Das am häufigsten gebrauchte Wort auf Campingplatz B5 ist „EHEC“, wie in „Ich geh jetzt mal aufs Dixi, mir ‘ne Dosis EHEC besorgen.“ Aber Gedanken über den vermeintlichen Killervirus macht sich hier niemand. Alle sind gut gelaunt, ausgelassen und vor allem auch betrunken oder durch ganz andere Substanzen angeheitert. Es gibt kaum Streit, stattdessen herrscht eine fast spürbare Nächstenliebe. Selbst das benachbarte FDP-Camp reagiert gelassen, als irgendjemand die selbstgebastelte FDP-Flagge inklusive Flaggenmast neutralisiert: An Stelle der Flagge hängt dort nun ein nicht weniger provokanter Campingstuhl in luftigen Höhen, mit Klebeband um eine riesige Metallstange gepanzertaped.

 Es ist, als würden alle Leute hier plötzlich ihre Masken fallen lassen, befreit vom Alltagstrott liegen soziale Zwänge und gesellschaftliche Ungleichheiten längst im Straßengrabenurinal, begraben von unzähligen Bierdosen und anderem überkommenem Müll. Würden Hippies die Welt regieren, es könnte kaum anders aussehen.

 Ausgestattet mit vier Paletten Bier á 24 Dosen, drei Flaschen Wein, drei Flaschen „Captain Morgan’s Spiced Gold“ und etwa einem Kilo Shishatabak treibe ich durch ein Leben, das so verrückt ist, dass selbst meine Semesterferien nichts Vergleichbares liefern könnten. Brille und Handy habe ich längst in den Tiefen meines Zeltes verloren, der exzessive Alkoholkonsum und die tägliche Dose Gemüseravioli machen meiner Verdauung ordentlich zu schaffen – geduscht hat hier in letzter Zeit wohl auch kaum jemand. Was unangenehm klingt ist hier Standard und stört nach dem ersten Guten-Morgen-Bier um neun auch keinen mehr. Selbst an den Rändern des Festivals, an denen noch einigermaßen Ordnung herrscht, stört sich keiner am Chaos: Das Absperrband, mit dem eine Freundin ausgesprochen anarchisch die Straßenverkehrsordnung untergräbt, wird nicht etwa abgerissen, es wird gleichermaßen von Rockern wie auch von Securities als Limbolatte zweckentfremdet.

 So plätschern wir in tiefem Frieden fünf Tage lang durch einen einzigen langen und wunderschönen Augenblick, in dem das Gestern und das Morgen zu einer diffusen Parallelwelt verschmelzen, die uns erst in einer weit entfernten Zukunft wieder einholen kann. Solange wir Bier haben, solange wir das Camp haben, solange wir uns haben, kann nichts unseren Frieden stören. Und so erscheint selbst der Trip zum nahegelegenen Konzertgelände müßig, zu harmonisch ist es hier. Es ist kaum denkbar, dass es dort oben an den Bühnen irgendwie besser sein könnte als hier unten.

 Heute, eine halbe Woche später sitze ich wieder in Speyer und ziehe Bilanz: Ich habe viele tolle Konzerte erlebt, insbesondere der Auftritt von „Coldplay“, bei dem sich das Gewitter direkt über unseren Köpfen geradezu psychedelisch anmutend mit der Lightshow und den Nebelmaschinen gepaart hat, ist mir unter die Haut gegangen. Doch war bei weitem keine Band so toll wie das, was auf den Campingplätzen passiert ist: ein fünf Tage andauerndes, wahnsinniges, aber wunderschönes Paradies aus Zelten, Bier und Liebe. Würde man den Gesundheitsaspekt ausblenden, es wäre wohl der perfekte Gesellschaftsentwurf.

Vorschau: Nächste Woche nimmt Johanna das neue Album der “Arctic Monkeys” unter die Lupe.