Burnout – ein kulturelles Phänomen?

Immer mehr Menschen verschiedenster Berufs- und Altersgruppen fühlen sich ausgebrannt und leiden unter Erschöpfungserscheinungen. Dieses Phänomen wird landläufig als Burnout bezeichnet. Die Symptome sind nicht immer eindeutig, doch häufig leiden Betroffene unter Apathie, reduzierter Leistungsfähigkeit sowie psychosomatischen Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen. Auch Aggressivität und eine erhöhte Suchtgefährdung können eintreten. Nichtsdestotrotz ist Burnout keine international anerkannte Krankheit, sondern wird bei der „Internationalen Klassifikation der Erkrankungen“ lediglich unter dem Punkt „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ geführt.

Burnout – ein kulturelles Phänomen?

Zeit wird immer knapper: Arbeitnehmer stehen zunehmend unter Druck (© Gerd Altmann/clock:nemo / www.pixelio.de)

Doch warum entwickelt sich dieser Zustand völliger Erschöpfung, den viele Arbeitnehmer nur allzu gut kennen, immer mehr zur Volkskrankheit? Einer der möglichen Faktoren ist das Leben in einer beschleunigten, vernetzten Welt in der nicht jeder ohne Blessuren mithalten kann. Tatsächlich kann man Burnout als kulturelles Phänomen begreifen, da unsere natürlichen Instinkte oftmals Leistungs- und Konkurrenzdruck nachgeben müssen. In einer Weltwirtschaft, die von Ungleichheit gezeichnet ist, kann es nur wenige Gewinner geben. Deshalb lernen wir von klein auf, dass Anerkennung, Leistung und Gewinnen oft wichtiger sind als beispielsweise ein ausgeglichener Lebensstil und Kreativität. Wer mithalten will, muss oftmals im privaten Leben zurückstecken und im Wettkampf mit anderen dominieren.

So sind Arbeitswochen mit mehr als 60 Stunden heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr. Es ist immer schwieriger soziale Beziehungen zu pflegen und angespannte Verhältnisse zu Chef oder Kollegen tragen zu weiterem Stress bei. Wenn dieser Stress überhand nimmt und nicht mehr bewältigt werden kann, führt dies oft zu Burnout.

Besonders besorgniserregend ist das Alter der Patienten, das laut der „Süddeutschen Zeitung“ immer weiter sinkt. Der gesellschaftliche Umbruch macht nicht nur Arbeitnehmern zu schaffen, sondern bereits Jugendlichen, die mit drohender Arbeitslosigkeit, fehlenden Bindungsstrukturen und Problemen in der Familie zu kämpfen haben. Strukturelle Probleme im Schulsystem führen zu hohem Leistungsdruck und einer frühen Leistungseinstufung, die oftmals nicht gerechtfertigt ist. So kann es zu Panikattacken, Angst vor der Schule und Isolation kommen.

Burnout – ein kulturelles Phänomen?

Ausgelaugt und kraftlos: Burnout (©Gerd Altmann / www.pixelio.de)

Wenn man Burnout als kulturelles Phänomen begreift, können viele solcher Fälle verhindert werden. Anstatt erst dann zu handeln, wenn der Patient bereits ausgelaugt ist, sollte die Gesellschaft vielmehr Maßnahmen ergreifen, um diesen Zustand gar nicht erst zuzulassen. Auch jeder Einzelne trägt eine Verantwortung sich selbst gegenüber und sollte versuchen, dem Druck in einer Gesellschaft, in der maximaler Leistungseinsatz die Norm ist, nicht nachzugeben.

Vorschau: Nächste Woche berichten wir von der Frankfurter Buchmesse.

Ausgebrannt – das Volksleiden des 21. Jahrhunderts

Wer kennt sie nicht, die Traumjobs vieler Hochschulabsolventen der Wirtschaftswissenschaften: Investment Banker oder Unternehmensberater. Für viele ist dies mehr als nur ein Berufswunsch, eher eine Berufung und viele träumen von der steilen Karriere mit einem überdurchschnittlichen Gehalt. Dieses kann als Junior Berater bei bis zu 57.000 Euro liegen, als Junior Analyst in Banken sogar noch höher. Man vergisst dabei leicht, dass die hohe Entlohnung ihren Preis hat. 70 bis 90- Stunden Wochen und permanenter Termindruck sind keine Seltenheit, oft muss auch das Wochenende dran glauben. Einige Vertreter der Branche, die mit den harten Bedingungen zu kämpfen hatten, sprechen von einem „Leben von Wochenende zu Wochenende“ oder gar „Schmerzensgeld“, welches als Ausgleich für das fehlende Privatleben gezahlt wird. Beruflicher Stress geht oft mit einem extremen Leistungsdruck einher. Es geht darum, sich zu bewähren und, besonders im Investment Banking, um die Erfüllung bestimmter Umsatzvorgaben. Nicht hart genug gearbeitet und das Ziel verfehlt? Danke, Sie können gehen. Der Nächste, bitte!

Am Ende jahrelanger beruflicher Überforderung steht oft die heute allgegenwärtige Diagnose – Burnout. International noch nicht als Krankheit anerkannt bezeichnet dieser Begriff eine ausgesprochene emotionale Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit aufgrund beruflicher Überlastung. Damit einher geht häufig eine wahrgenommene „persönliche Ineffizienz“, leichte Reizbarkeit bis hin zu einer handfesten Depression. Obwohl sich die Fälle häufen, bezeichnen Kritiker das Syndrom oft als „Modediagnose“ die zahlreiche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen rechtfertigen würde, aber die Diagnose einer Depression behindere. Keineswegs ist das Burnout Syndrom auf Berufe mit extremen Arbeitszeiten und enormem Leistungsdruck beschränkt. Gefährdet ist jeder Beschäftigte, der eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Geleisteten und der Entlohnung wahrnimmt – und damit ist nicht immer die monetäre Vergütung gemeint, auch Respekt und Anerkennung spielen eine Rolle. Dabei belastet die hohe berufliche Belastung auch das Privatleben. Bei einem 14- Stunden Tag bleibt wenig Zeit für Familie und Freunde.

Sogar immer mehr Studenten sind von Erschöpfungssyndromen betroffen. Die psychologischen Beratungsstellen der Unis kommen gar nicht mehr hinterher. Erhöhte Arbeitsbelastung, der Mangel an Freiräumen und steigender Konkurrenzdruck führen nicht selten dazu, dass bereits Studenten Präparate zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit schlucken, die als „Doping“ kategorisiert werden. Viele machen das Bachelor/Master System dafür verantwortlich. Kritische Stimmen behaupten aber auch, dass dies die Folge davon ist, dass immer mehr junge Menschen studieren wollen, die eigentlich gar nicht dazu geeignet wären.

Was tun? Nun, ein jeder muss irgendwann für sich selbst erkennen, ob beruflicher Stress zu weit zu gehen droht. Auch ein Verweilen in einem Job, der zwar viele Annehmlichkeiten bietet, aber eigentlich nicht zu einem selbst passt, kann zu Depressionen führen. Die kritische Beurteilung der eigenen Situation ist genauso wichtig wie das Annehmen von Hilfe, sei es in Form einer Therapie oder eines Jobwechsels. Ein Bekannter sagte einmal zu mir: „Unternehmensberater war ein Job mit spannende Aufgaben und netten Kollegen. Ich habe mich aber für einen Ausstieg entschieden, als meine kleine Tochter mich eines Sonntagabends mit den Worten ‚Tschüss, Onkel!’ verabschiedete.“ Ein Statement, das für sich spricht.

Ist man davon überzeugt, dass die 70-Stunden Woche und wenige Freizeit es Wert sind, und man weiß noch wo sich die Notbremse befindet, dann kann Unternehmensberatung oder Investment Banking genau das sein, was viele darin sehen wollen: ein Traumjob.