Ausgeredet? A little more conversation!

Zu viel Alltag? Wie wär's mit " a little more ..." ( ©Rainer Sturm / pixelio.de)

Zu viel Alltag? Wie wär’s mit “ a little more …“ ( ©Rainer Sturm / pixelio.de)

Mal wieder ein langer Tag. Nach einer Portion Arbeit, einem Nachmittag voll Kindererziehung, der x-ten Fertigstellung desselben Puzzles, dem unendlichen Putzen von Babynasen, dem monotonen Ein- und Ausräumen der Spülmaschine, dem Aufsammeln von über den Tag geleerten Joghurtbechern und einem Abendessen mit den Lieben sitzen mein Mann und ich auf dem Sofa. Der Fernseher berieselt uns, das Programm entscheidet der Wochentag. Wir sind müde, redefaul, gefangen im Alltag. Eine Situation, die jedes Paar irgendwann kennt, ob mit oder ohne Kind(er), Hund und Katz, Eltern, die abends anrufen und Kollegen, die sich nach 21 Uhr per Whats App melden. Plötzlich sind die zwei wieder zu zweit.

„A little less conversation, a little more action please“, brummte Elvis Presley einst ins Mikrophon, woraufhin dutzende kreischende Anhänger(innen) nur noch an die verheißungsvolle „Action“ dachten. Doch wie geht man und frau das eigentlich an? Einfach loslegen und hoffen, dass der andere mitmacht? Hinterher um Verzeihung bitten ist leichter, als vorher um Erlaubnis zu fragen? Wie wahnwitzig das bei guten alten Sex ist, wurde erst kürzlich wieder deutlich, als niemand anderes als das Jugendmagazin Bravo sich einer ziemlich negativen Kritik gegenüber sah, nachdem es Mädchen „Flirt-Tipps“ gegeben hatte, die so eindeutig daneben waren, dass ein Stur der Entrüstung durch das Internet rollte. Die Organisation Pinkstinks hat daraufhin mal genauer nachgeschaut und neben Brüste- und Penisgallerien doch glatt einen Beitrag über Oral-Sex gefunden, in dem den weiblichen Geschlechtspartnern geraten wird, sich „selbstlos“ von ihm oral befriedigen zu lassen, auch wenn sie es nicht will, und der männlichen Part bekommt an anderer Stelle allen Ernstes gesagt: „Frag sie im Zweifelsfall hinterher, ob es okay war“, wenn es darum geht, auf sie zu ejakulieren. Wer hier unten liegt, ist ja wohl klar und ich bedanke mich bei Doktor Sommer dafür, die nächste Generation so gegendert, wie nur möglich, zu beraten.

Ausgeredet? Bei der Kommunikation darf es immer "a little more" sein (© Hans-Joachim Bussing / pixelio.de)

Ausgeredet? Bei der Kommunikation darf es immer „a little more“ sein (© Hans-Joachim Bussing / pixelio.de)

Was ich beim Aufregen über das Frauenbild der Bravo-Redaktion aber auch merke: Es wird nicht geredet. Vor dem Sex nicht und dabei schon gar nicht. Und auch sonst nicht. Jedenfalls nicht über Sex. „Sowas kann man schlecht beim Spaziergang besprechen.“, schreibt Bravo und ich frage, warum nicht? Eine entspannte Atmosphäre ist doch ideal, um über Sex zu reden, über Stellungen und Aktionen, die der eine mag und der andere nicht, oder beide toll finden. Ich fasse es manchmal nicht, dass Sex immer noch derart sakralisiert  wird, dass nicht einmal die, die ihn miteinander haben, haben wollen oder hatten nicht darüber sprechen können. Gehört Geschlechtsverkehr nicht mehr zum Leben dazu? Sind nicht gerade Bücher wie 50 Shades of Grey und After Passion so ein Hit, weil es darum um Sex geht, noch dazu um „besonderen“, weil nicht unter die Kategorie Missionarsstellung verbuchbar? Liebe Leute: Sex gehört zum Leben, sonst würd es das nicht geben!

Im neu erschienenen Buch Think Love geht der Paartherapeut Ulrich Clement gerade diesem Problem an den Kragen, denn er hat darin 180 Fragen gesammelt, die Paare sich gegenseitig über ihren (gemeinsamen) Sex stellen können, um ihn und sich besser zu verstehen und vielleicht auch besser werden zu lassen. Treffend formuliert: „Sexualität ist Kommunikation auf körperlicher Ebene. Nur wer redet wird gehört.“ Weil hinter jeder Frage Platz zum selbst Reinschreiben ist, wird das Buch auch für die interessant, die eben nicht so leicht über Sex reden, sich aber trotzdem dazu auslassen wollen. Denn bevor wir verstummen können und uns der körperlichen Kommunikation hingeben, ist manchmal eben doch „a little more conversation“ nötig. Ohne Frage braucht das oft Überwindung, der Prüderie und Bravo sei Dank, aber wenn wir diese Hürde bei dem Menschen, mit dem wir Speichel, Schweiß und andere Körperflüssigleiten austauschen nicht fallen lassen können, ist es vielleicht nicht verkehrt, darüber mit demjenigen zu reden.

Wir zwei auf unserer Couch genießen manchmal die Berieslung des Fernsehers nach einem stressigen Tag, ziehen uns manchmal an unsere Rechner zurück, haben manchmal Sex. Aber geredet wird bei uns jeden Abend. Über alles. Denn Reden in einer Beziehung ist wie Geld in der freien Wirtschaft. Zahlungsmittel, Zaubermitteln, Zündstoff für das eine oder das andere.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anna darüber, wie es ist, wenn die Zeit mal wieder rast.

 

Sex sells – doch die Aufklärung bleibt auf der Strecke

Sex sells – doch die Aufklärung bleibt auf der Strecke

Können heutzutage niemanden mehr schocken: Halbnackte Frauenkörper (Foto: Beutler)

„Die Jugend von heute…“ – der Beginn eines Satzes, der bei den meisten Minderjährigen zum genervten Augenverdrehen führt und für die ältere Generation oftmals den Startschuss zu einer wilden Diskussion liefert. Aber wie ist die Jugend von heute eigentlich aus Sicht der Erwachsenen, also derer, die es wissen müssten?

Die Jugend von heute ist respektlos dem Alter gegenüber und die Jugend von heute ist politikverdrossen – das sind Kommentare, die man häufig hört und die, wenn hier auch keine Generalisierung stattfinden kann und darf, zumindest teilweise zutreffen mögen. Doch wie sieht es mit der sexuellen Aufklärung Jugendlicher aus? Ist die Jugend von heute unaufgeklärt, optimal aufgeklärt oder vielleicht sogar überaufgeklärt?

Im Gegensatz zu früher sind die Jugendlichen dank der immer weniger stattfindenden Tabuisierung von Sexualität vor allem durch die Medien sehr gut aufgeklärt – so lautet die These. Dem widersprechen Studienergebnisse wie die folgenden: Mehr als jeder vierte deutsche Teenager glaubt, dass er sich bei der Benutzung einer Toilette über eine verunreinigte Klobrille mit sexuell übertragbaren Geschlechtskrankheiten infizieren kann. Zudem schätzen fast die Hälfte aller deutschen Jugendlichen, nämlich 41,1 Prozent, die Ansteckungsgefahr von HIV, Tripper, Chlamydien und Co gering oder gleich Null ein. Zu diesem erschreckenden Ergebnis kam die Jugendstudie „The Face of Global Sex 2010“, die vom Kondom-Hersteller „Durex“ in Auftrag gegeben wurde.

Auch beim Thema Verhütung haben die Jugendlichen laut einer repräsentativen Studie der Jugendzeitschrift „Bravo“ noch Nachholbedarf: 63 Prozent und damit fast zwei Drittel der befragten elf- bis 17-Jährigen räumten ein, dass sie nicht genug über Verhütung Bescheid wüssten. So hält jeder Vierte die für Notfälle gedachte „Pille danach“ für ein gängiges Verhütungsmittel. Ebenso viele glauben, dass „Aufpassen“ durch einen Koitus interruptus ein wirksamer Schutz vor ungewollter Schwangerschaft sei.

Wilde Theorien wie der Einsatz von Tampons zur Verhütung, das Einträufeln von Cola in die Scheide zur Abtötung der Spermien oder das Joggen gehen nach dem Geschlechtsverkehr – um den Körper so stark durcheinander zu schütteln, dass eine Schwangerschaft unmöglich wird – geistern durch Medienberichte. Von Aufklärung kann hierbei keine Rede sein.

Doch vielleicht begründet sich die Ahnungslosigkeit und Verwirrung der Jugendlichen ja auch auf einer Art Überaufgeklärtheit – dafür verantwortlich: Die Medien.

Der Begriff „Sex“ hat bei der Suchmaschine „Google“ drei Milliarden Treffer mehr als das Wort „Liebe“, Pornofilme sind dank Internet und Smartphone überall und jederzeit abrufbar, kaum eine Zeitschrift wirbt mehr ohne eine tiefdekolletierte Dame auf dem Cover, ein Werbeblock ohne mindestens einen TV-Spot mit nackter Haut – undenkbar. „Früher hätt´s des net gewwe“ – noch so ein Spruch, den die jüngere Generation oft zu hören bekommt.

Sex sells – doch die Aufklärung bleibt auf der Strecke

Feiern mit Verstand: Das Kondom ist nur eine Verhütungsmethode von vielen (© Rike / pixelio.de)

Doch führt die überdurchschnittliche Präsenz von Sexualität und Nacktheit in Film, Fernsehen, Internet und Print automatisch zu einer Überaufgeklärtheit unter den Konsumenten der genannten Medien?

Die bereits genannten Forschungsergebnisse legen das Gegenteil nahe. „Wir leben in einer sexualisierten Gesellschaft“, sagt Eveline von Arx, Leiterin des „Dr.-Sommer-Teams“ der „Bravo“, „junge Leute reagierten darauf verunsichert.“

Eine Unterscheidung zwischen Übersexualisierung, die unserer heutigen Gesellschaft ganz offensichtlich zugrunde liegt, und Überaufgeklärtheit, die laut Studienergebnissen nicht gewährleistet ist, muss also getroffen werden.

„Spiegel“-Autorin Anne Reimann spricht in einem Artikel sogar von „sexueller Verwahrlosung“ Jugendlicher. Den Zwiespalt zwischen sexueller Reizüberflutung beispielsweise durch Pornos und tatsächlicher Aufklärung sieht der Bielefelder Sozial- und Jugendforscher Klaus Hurrelmann im „unangemessenen Umgang“ mit Sexualität innerhalb der Familie. Sexualforscher Volkmar Sigusch pflichtet ihm bei: „Gegen sexuelle Verwahrlosung von Heranwachsenden hilft nur, die Lage ihrer Familien zu verbessern. Wenn schon Kinder Pornos gucken, ist das unmittelbar mit der Situation ihrer Eltern verknüpft.“

Wie lautet nun also der Lösungsansatz für ein Problem, das in der heutigen Gesellschaft, in der sich Eltern, Schule und Medien gegenseitig die Verantwortung für die sexuelle Aufklärung von Kindern und Jugendlichen zuschieben, kaum wahrgenommen wird?

Um es mit den Worten von Ulf Pittner, Teamleiter der „Durex“-Studie, zu sagen: „ Es zeigt sich, dass europäische Jugendliche mehr und vor allem professionellerer Sexualerziehung durch geschulte Lehrer bedürfen als bisher. Erfolgreiche Aufklärungsarbeit muss alle Aspekte und Instanzen mit einbeziehen. Nur wenn alle Verantwortlichen aus Politik, Schule und Industrie an einem Strang ziehen, kann gewährleistet werden, Jugendliche zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer sexuellen Gesundheit zu ermutigen.“

Vorschau: Nächste Woche nimmt der Fernsehkritiker Holger Kreymeier Stellung zur aktuellen Fernsehlandschaft, den eigentlichen Aufgaben der Sender und gibt zudem einen Ausblick auf die Zukunft des Fernsehens.