Herz verloren in Bosnien

Nach dem Abitur wollte ich in die weite Welt hinaus. Gelandet bin ich in Bosnien. Rund 1000 Kilometer entfernt von München, in der Stadt Tuzla, deren Name sich vom türkischen Wort Tuz (Salz) ableitet, wovon sich unter der Stadt reichlich verbirgt.

Eine Lehrerin nannte meine Entscheidung damals mutig. Ich stach mit Bosnien auch wirklich aus der Reihe. Work und Travel in Australien stand hoch im Kurs. Vielleicht auch ein Aufenthalt in einem afrikanischen Land. Mit dem Backpack durch Asien. Aber ein Freiwilliges Soziales Jahr in Bosnien? Auf eine solche Idee, war niemand aus meinem Abitur-Jahrgang gekommen. Meiner Lehrerin waren vermutlich sofort die grauenhaften Bilder vom Krieg in den 90-er Jahren durch den Kopf geschossen. Doch dieser war immerhin zu diesem Zeitpunkt (2009) schon 14 Jahre vorbei.

Die Brücke über die Drina - viele alte Brücken sichtet man in Bosnien (Foto: Julian Nitzsche  / pixelio.de)

Die Brücke über die Drina – viele alte Brücken sichtet man in Bosnien (Foto: Julian Nitzsche / pixelio.de)

Meine erste lebhafte Erinnerung an Bosnien ist die Ankunft. Nach einer nicht enden wollenden Busfahrt, kamen wir in den frühen Morgenstunden am Busbahnhof der drittgrößten Stadt Bosniens in Tuzla an. Die Familie, in deren Haus wir im obersten Stockwerk ein Jahr lang wohnen würden, erwartete uns bereits und hievte unser Gepäck in einen VW Golf. Ein Auto, das das bosnische Straßenbild beherrscht. Im Wohnzimmer der Familie wartete Kaffee, frischgebackene Pita und Gemüse aus dem eigenen Garten auf uns. Es duftete verheißungsvoll. Wir waren nervös, müde und gespannt. Die Wärme und Herzlichkeit, die von unseren neuen Nachbarn ausging, erleichterte uns das Eingewöhnen unglaublich. Hier verbrachten wir viele Stunden. Übten uns in unseren ersten bosnischen Sätzen, für welche wir immer großes Lob einkassierten. Wobei unsere bosnischen Sprachkenntnisse ab und an auch lautes Gelächter entfachten, wenn eine von uns einen lustigen Fehler gemacht oder eine für die Region typische Redeweise verwendet hatte. Wie oft bog ich den kleinen Weg zu unserem Haus ein, sah von weiten bereits die Vermieterin oder  eine ihrer Töchter. Und schon war man zum Kaffeetrinken eingeladen. Kaffeetrinken. Das ist in Bosnien eine Zauberformel. Schnell begriffen ich und meine drei Mitbewohnerinnen, die ebenfalls ein FSJ machten, das Kaffeetrinken ein fester Bestandsteil des bosnischen Alltags war.

Kaffee und Rakija:. Ohne Kaffee geht hier gar nichts! (Foto: Mätzke-Hodzic)

Kaffee und Rakija:. Ohne Kaffee geht hier gar nichts! (Foto: Mätzke-Hodzic)

Ich arbeitete ein Jahr lang in einem Tageszentrum für junge Erwachsene mit Behinderungen, genannt Koraci Nade, zu Deutsch, Schritte der Hoffnung. Die Mittagspause war für gewöhnlich erfüllt von den lautstarken Gesprächen meiner durchweg weiblichen Mitarbeiterinnen, die eine Kaffeetasse nach der anderen schlürften. Einmal lehnte ich ab, als mir bereits zum x-ten Mal nachgegossen wurde. Als ich mich rechtfertigte, dass mein kleines Herz so viel Kaffee nicht vertrage, lachten sie – lauthals. Serviert wird der bosnische Kaffee für gewöhnlich in kleinen Tassen. Feingemahlenes Kaffeepulver wird in einem Gefäß (bosnisch dzezva) auf dem Herd kurz erhitzt, bis sich der Kaffeegeruch im ganzen Raum verbreitet, sodann wird kochendes Wasser hinzugegossen und der Kaffee einige Male zum Kochen gebracht, bis oben ein cremig, hellbrauner Schaum entsteht. Ich liebe dieses kleine Kaffeeritual. Heute finde auch ich es total überbewertet, wenn deutsche Freunde entgegnen, dass der Kaffee so stark sei. Mittlerweile trinke ich sogar abends Kaffee. Ganz gewöhnlich in Bosnien. Noch so eine bosnische Eigenheit: Reden. Ein Taxifahrer erklärte mir bei einer Fahrt, dass die Bosnier ein geselliges Völkchen seien und ihnen nie der Gesprächsstoff ausginge. Schweigen sei einfach nicht so ihr Ding. Für meine Arbeitsstelle traf das alle Male zu – es war eine Seltenheit, dass einfach mal Stille herrschte. Und tatsächlich ergaben sich oftmals ganz unerwartete Gespräche und Begegnungen während meines FSJ-Aufenthalts. An der Bushaltestelle. Oder in einer Kneipe. Und ganz plötzlich war man in ein Gespräch verwickelt und hatte nebenher ein paar neue Bekanntschaften gemacht.

Stadtzentrum Tuzla (Foto: Mätzke-Hodzic)

Stadtzentrum Tuzla  – die Stadt mit dem Salz unter der Erde (Foto: Mätzke-Hodzic)

Aber halt stopp. Weshalb genau habe ich mich denn nun in Bosnien verliebt? Des guten Kaffee wegen? Waren die spontanen Begegnungen ausschlaggebend? Eigentlich habe ich das Land erst so wirklich nach meinem Aufenthalt in mein Herz geschlossen. Plötzlich fing ich an mich mit Musik, Filmen und allem was in irgendeiner Weise mit Bosnien zu tun hatte, zu beschäftigen. Aber vielleicht sehnte ich mich da bereits nach dem Land zurück. Und einem besonderen Menschen, den ich dort kennengelernt hatte – meinem jetzigen Mann. Ich hatte mein Herz also sogar in doppelter Weise verloren. Egal wieviel Zeilen mir zur Verfügung stehen – es ist zu wenig um wirklich in Worte zu fassen, was mich an diesem Land begeistert.

Die Stadt Travnik - wo Kirchglocken läuten und der Muezzin zum Gebet aufruft (Foto: Die Brücke über die Drina - viele alte Brücken sichtet man in Bosnien (Foto: Julian Nitzsche  / pixelio.de)

Die Stadt Travnik – osmanisches Erbe wo man hinsieht (Foto: Foto: Julian Nitzsche / pixelio.de)

Komischerweise denke ich, wenn ich über Bosnien spreche, nicht als erstes an Krieg. Auch wenn dieser sichtbare und viele unsichtbare Spuren hinterlassen hat. Mir hat sich jedoch ein Land offenbart, das jenseits von Krieg und Brutalität, existiert. Ein Bild, das man vom diesem Land hier in Deutschland leider nicht vermittelt bekommt. Ich denke an die Landschaft, die von Bergen und türkisblauen Flüssen durchgezogen ist. An die Menschen, die lachen, auch wenn es viel zu beklagen gibt. Ein Land mit den unterschiedlichsten kulturellen Einflüssen, die von der osmanischen Herrschaft, bis zur Österreichischen Monarchie reichen und sich im Essen, in der Architektur und ja, auch in der Mentalität der Menschen wiederspiegeln. Ein Land in dem sich der Ruf des Muezzins mit dem Läuten der Kirchglocken vermischt. Ein Land in dem alte Frauen, mit bunten Kopftüchern, in ihren Fluchkünsten, der Jugend in nichts nachstehen. Und ich muss meiner Lehrerin in einem Punkt recht geben: Ja, meine Entscheidung war durchaus mutig. Aber ich denke, dass jeder Mensch, der sich in ein fremdes Land begibt und versucht sich auf dieses einzulassen, mutig ist. Ob dies nun in Afrika, Asien oder Europa ist – das spielt keine Rolle.

Andere Länder, andere Sitten – von unterschiedlichen Familienkonzepten

Familienglück - danach sehen sich viele Menschen. Überall wird Familie für wichtig befunden und doch existieren ganz unterschiedliche Auffassungen von Familie (© Dieter Schütz  / pixelio.de)

Familienglück – danach sehen sich viele Menschen. Die Familienkonzepte können dabei je nach Land und Kultur ganz unterschiedlich ausfallen. (© Dieter Schütz / pixelio.de)

Vor kurzem hatten mein Mann und Ich Besuch von seinen langjährigen Freunden, einem Ehepaar aus Bosnien. An einem gemütlichen Abend unterhielten wir uns über Familienkonzepte in Deutschland und Bosnien. Sowohl die Freunde meines Mannes als auch ich schienen bestimmte Auffassungen davon zu haben, wie Familie im jeweils anderen Land „funktioniert“. Sie bewunderten die frühe Unabhängigkeit, die viele junge Erwachsene in Deutschland erlangen und ich beneidete sie um den unheimlich starken Familienzusammenhalt. Doch sind das nur Klischees, die wenig mit der Realität zu tun haben?

Durch meinen Ehemann, der Bosnier ist, habe ich Einblick in ein neues Familienkonzept bekommen und nicht nur das – ich kann mich so glücklich schätzen, um eine zweite Familie bereichert worden zu sein. Vermutlich sagt schon dieses kleine Detail viel darüber aus, in welcher Hinsicht sich eine bosnische Familie von einer deutschen unterscheidet – der besondere Stellenwert von Familie. Mit dem neuen Lebenspartner spaltet sich das Kind nicht von der Familie ab, sondern im Gegenteil auch der Partner wird als neues Mitglied der Familie angesehen und meist auch in Aufgaben des alltäglichen Familienlebens eingebunden. Für mich erweckt es oft den Anschein, dass Privatsphäre einen ganz anderen Stellenwert einnimmt als in Deutschland. Es wird ein immenser Teil der (Frei-)Zeit im Kreise der Familie verbracht. Was wohl damit zusammenhängt, dass die meisten bosnischen Familien viele Anstrengungen aufwenden, um ein Haus zu erbauen, welches später an die Kinder übergeht. So spielt sich ein Großteil des Lebens im trauten Heim ab und Gäste werden gerne und regelmäßig (unangekündigt!) empfangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass also mal niemand anzutreffen ist, geht gegen Null.

"Alle recht nett lächeln": Eine alte Fotografie der Ur-Großeltern lässt die Vergangenheit wieder aufleben (©Unbekannt um 1860-70/pixelio.)

„Alle recht nett lächeln“: Eine alte Fotografie der Urgroßeltern lässt die Vergangenheit für einen Moment wieder aufleben (©Unbekannt um 1860-70 / pixelio.de)

Wenn wir nach Bosnien fahren steht nicht selten eine kleine „wir-besuchen-die-Verwandtschaft-Odyssee“ auf dem Programm. So wird an einem Tag unterschiedlichen Verwandten ein Besuch abgestattet. Dann wiederholt sich der im Folgenden beschriebene und auf das Wesentlichste zusammengefasste Ablauf in scheinbarer Endlosschleife – Eintreten, alle begrüßen, ohne Wiederwille die Kaffeetasse unzählige Male nachfüllen lassen trotz bemerkbarem Herzrasen, üppige Portionen leckeren Essens verschlingen, vergeblich versuchen gegen das laute Stimmengewirr anzukommen. Das ist zugegebenermaßen für mich mit ziemlichen Strapazen verbunden. Ungeachtet dessen freue ich mich selbstverständlich, die Verwandten meines Mannes wiederzusehen. Jedes Mal aufs Neue bin ich von der Liebenswürdigkeit und dem unheimlichen Aufwand, der sich in den vielen leckeren Speisen, die den Essentisch schmücken, wiederspiegelt, zutiefst beeindruck. Ich scheine nur für Familienzusammenkünfte dieses Kalibers noch nicht so Recht gewappnet zu sein, was nur beweist, wie sehr der Mensch ein Produkt seiner Sozialisierung ist.

In Bosnien leben die Kinder oft auch im Erwachsenalter noch mit den Eltern unter einem Dach. (Was allerdings größtenteils der wirtschaftlichen Lage geschuldet ist) Dagegen folgt in Deutschland fast jeder ausnahmslos dem ungeschriebenen Naturgesetz und zieht mit dem Einstieg in das Berufs- oder Studienleben bei den Eltern aus – oder gönnt sich zuvor im Ausland eine Auszeit. Dieses sich Abnabeln von den Eltern ist in Bosnien ein enormer Kraftakt und der Schritt wird von ihnen oft nur schweren Herzens zugelassen.

Jedoch will ich an dieser Stelle anmerken, dass selbstverständlich in jedem Land diverse andere Familienkonzepte nebeneinander bestehen und Geltungsbedarf haben. Ein Volk stellt niemals eine homogene Gruppe dar, sondern besteht aus Individuen, die sich voneinander in vielen Punkten unterscheiden. Deshalb sollten meine Beispiele keineswegs den Anspruch erheben, als repräsentativ für diese Länder zu gelten. Es sind Feststellungen, die ich durch meine subjektive Wahrnehmung erlangt habe.

Was wohl aber allen Familien gemeinsam ist, ist der Wunsch, dass ihre Kinder einmal ein „gutes Leben“ führen. Ich nehme mir heraus zu behaupten, dass egal wo auf der Welt, Kinder und Eltern Streits über divergierende Wertvorstellungen austragen und sich ältere Menschen, über die verdorbene Jugend echauffieren. Im Kern scheint Familie aber überall gleichbedeutend zu sein, nur eben eingebettet in komplexe und verschiedenartige kulturelle „Rahmenbedingungen“.

Vorschau: Eva berichtet nächste Woche davon, warum sie es sich zur Aufgabe gemacht hat zu promovieren.