Bodyshaming in der Schwangerschaft

Schwangere nehmen zu. Nicht alle gleich stark und manchmal nehmen sie sogar ab, zum Beispiel wenn sie durch eine Erkrankung wie Hyperemesis nichts mehr bei sich behalten können. Aber auch dann wächst der Bauch. Was im vierten Monat noch wie ein gut gefülltes Bäuchlein nach einem üppigen Abendessen aussieht, wird zu einer runden Kugel, die bald nicht mehr zu übersehen ist. Spätestens dann erfährt die Schwangere einen plötzlichen Anstieg von Bodyshaming-Kommentaren, die sich auch auf die Begutachtung ihres Essens auswirken.

Schwangere und Bodyshaming

Unsere Gesellschaft ist so besessen von schlanken Körpern, dass sogar Schwangere nicht davon verschont bleiben, ihren Körper daran messen zu müssen. „Du bist sicher, dass es keine Zwillinge werden“ oder „na, lang kann es ja nicht mehr dauern“ beim Anblick des Schwangerschaftsbauches sind keine seltenen Kommentare. Mit ihnen kommen auch Sticheleien wegen der Ernährung. Wenn sie sich eine Leckerei gönnt oder man ihr beim Essen ihren Appetit ansieht, passiert es nur zu schnell, dass jemand sie daran erinnert, dass sie ja nicht wirklich „für zwei“ essen müsse. Akribisch wird in der Frauenarztpraxis die monatliche Gewichtsveränderung gemessen. Selbst Frauen, sie sich sonst nie Sorgen um ihr Gewicht machen, werden in das System aus statistischen Zahlen eingespannt.

Bodyshaming in der Schwangerschaft
Riesig, eine Kugel, kurz vorm Platzen – Schwangere müssen sich einige Bodyshaming-Kommentare zu ihrem Bauch anhören (Foto: Obermann)

Mehr oder weniger

Jede Frau nimmt anders zu. Manche gewinnen gerade in den ersten Monaten durch die zunehmende Blutmenge in ihrem Organismus und der wachsenden Plazenta Kilos dazu, dann stagniert das Gewicht, bis es ab Mitte der Schwangerschaft durch das wachsende Kind langsam wieder hoch klettert. Andere nehmen gerade in den ersten Monaten durch Übelkeit ab. Jeder Körper reagiert anders auf Hormone und jedes Baby wächst mit leichter Varianz unterschiedlich schnell. Einige Frauen nehmen gerade am Ende der Schwangerschaft wieder leicht ab, da das Baby auf den Magen drückt und sie keine großen Mengen mehr essen können. Und natürlich nehmen manche auch einfach kontinuierlich zu.

Alles ist möglich

…und fast alles erlaubt. Diäten in der Schwangerschaft werden generell kritisch gesehen, da Giftstoffe freigesetzt werden und das Kind beeinträchtigen können. Bei ausgewogener Ernährung ist aber auch das kein Problem. In der fortgeschrittenen Schwangerschaft sind auch Wassereinlagerungen für die Gewichtszunahme verantwortlich. Wer dann die Versorgung reduziert, schadet sich selbst. Auch Verdauungsprobleme können für Gewichtsschwankungen sorgen. Solange weitere Werte im gesunden Rahmen bleiben und das Gewicht nicht sprungartig ansteigt (oder abnimmt), braucht sich niemand wegen ein paar Kilos mehr oder weniger Sorgen zu machen. Wichtig ist, die Schwangerschaft nicht einfach als Ausrede zu nutzen, den Teller doppelt so voll zu schöpfen.

Bodyshaming in der Schwangerschaft
Im Zentrum der Aufmerksamkeit: In der Schwangerschaft werden Ernährung und Bauch argwöhnisch beäugt (Foto: Obermann)

Zahlen leben nicht

Leider schaut manches medizinische Personal nur auf eine Zahl und blendet andere Anzeichen aus. Genauso schaut das Umfeld nur auf den Bauch und sieht das Außenherum nicht. Dabei gerät die Schwangere schnell unter Druck, auch mit Baby im Bauch, Schönheitsidealen gerecht zu werden, die schon in nicht schwangerem Zustand nahezu unmöglich zu erreichen sind. Das ist gefährlich. Nicht nur in der Schwangerschaft, sondern auch in der Zeit nach der Geburt, in der die Frau ohnehin unter emotionalem Druck steht. Immer wieder verlieren Frauen dadurch den Bezug zum eigenen Körper. Im Internet gibt es tausende Bilder von postpartalen Körpern zu sehen, die nicht nur realistisch, sondern auch deswegen so schön sind, weil sie die Spuren ihrer Leistung zeigen, so wie auch ein Schwangerschaftsbauch zeigt, was in ihm steckt. Zu schade, dass wir das alles vergessen, nur weil jemand uns sagt, „schlank“ sei wichtiger.

Sommer, Sonne, Bodyshaming

Die Temperaturen klettern seit ein paar Wochen regelmäßig über 30 Grad, die Ferien haben begonnen, die Saison der knappen Kleider, Badesachen, nackter Haut ist da. Es ist doch wirklich toll, wenn die warmen Sonnenstrahlen auf unsere Haut treffen, Vitamin D gebildet wird und wir uns besser fühlen. Das Sonnenlicht steigert unsere Abwehrkräfte, sorgt für gute Laune, kurbelt Hormonbildung und Stoffwechsel an. Das klingt alles wirklich gut. Zu viel Sonne – das wissen wir alle – ist gefährlich, denn Hautkrebs ist keine Kleinigkeit. Aber selbst eingecremt mit Lichtfaktor 100 gibt uns das Sonnenlicht ein Wohlgefühl. Außerdem ist mir bei 30 Grad schon bis zur Schmerzgrenze warm, alles danach wird unerträglich. Kleidung stört dann. Weg damit.

It’s getting hot out there

Sommer, Sonne, Bodyshaming

Sommer und viel anzuziehen? Bodyshaming sagt uns, wie kurz unsere Kleider sein dürfen (Foto: Free-Photos / pixabay.de)

Wer auch bis 40 Grad im Schatten in Pulli und langen Hosen rumlaufen möchte und sich damit wohl fühlt – oder aus anderen Gründen, wie einer Sonnenallergie, darauf angewiesen ist – soll das tun dürfen. Daran stört sich niemand, außer seltsame Vertreter der Gattung homo germanicus, die Angst vor verschleierten Frauen haben. Aber wie sieht das anders herum aus? Sobald mensch sich leicht bekleidet in der Öffentlichkeit zeigt, gibt er sich einer Realversion von Next Topmodel deluxe preis. Shorts bei den Beinen? Kein Foto für dich. Trägerhemd und kräftige Arme? Sommerkleid, aber über Kleidergröße 38? Zu weiße Haut, zu haarige Beine – alles was nicht nach Hochglanzmagazinmodel aussieht wird mit rollenden Augen aufgenommen. Wir werden aufs Derbste auf unsere Körper degradiert und dort auf angebliche Schwächen. Das ist Bodyshaming. Wir sollen uns bitte für unsere Körper schämen, die anderen so sauer aufstoßen!

You’re body is no wonderland

Sommer, Sonne, Bodyshaming

Dünn, Dünner, Sommerkleider? Bodyshaming ist Alltag und wir merken es kaum (Foto: Survivor / pixabay.de)

Jeder schwitzt im Sommer. Hunde stellen ihr Maul auf und hecheln, weil sie nicht schwitzen können. Das stinkt, aber der Hund muss es machen, sonst überhitzt er. Wollen wir wirklich andere zu langen Kleidern zwingen, nur weil ein Schönheitsideal uns diktiert wer kurze Kleidung anziehen darf und wer nicht? Denn nichts anderes als dieses Ideal ist schuld. Wir haben Hollywoodfilme gesehen, in denen es fast nur untergewichtige Schauspieler gibt, Heidi Klum schaut sich Mädchen, die mehr als Größe 34 tragen, gar nicht erst an und die Modeindustrie macht fleißig mit. Das ist Gehirnwäsche. Und diskriminiert nicht nur alle, die nichts „gegen“ ihr Gewicht machen können, sondern auch alle, die glücklich mit ihrer Figur sind, die abseits der Norm liegt. Wir feiern die Vielfalt, die die Ehe für alle uns bringt und erlauben unseren Figuren nicht einmal kleine Abweichungen. Klingt komisch, ist aber so.

Do be so shy

Sommer, Sonne, Bodyshaming

Keine Frauensache. Bodyshaming betrifft auch Männer und Kinder ( Foto: cocoparisienne / pixabay.de)

Bodyshaming ist kein Problem mehr, das nur Frauen betrifft. Die äußerliche Norm des Mannes ist längst beim harschen Ton angekommen. Essstörungen und Depressionen gibt es bei Männern ebenso oft – auch wenn sie noch immer seltener diagnostiziert werden. Essstörungen sind meist Symptome einer Depression. Die Folge einer unbehandelten Depression ist signifikant oft der Selbstmord. Männern begehen häufiger als bei Frauen Selbstmord. Längst ist vielen klar, dass hier ein direkter Zusammenhang besteht. Bodyshaming definiert klar, dass Gewicht, Figur und Aussehen wichtig sind, wichtiger als das, was wir können, denken, wissen, mögen. Dass Bikinis nur angezogen werden sollen, wenn der Bauch flach ist und kurze Röcke und Hosen nur gehen, wenn die Beine schmal und enthaart sind. Es nervt mich kolossal. Wir sind alle unterschiedlich, wir sind alle schön und haben unsere Besonderheiten und mir wird ernsthaft schlecht vor Wut, wenn irgendwo irgendwer sagt, man müsse so oder so aussehen.

I’m in love with your bodies

Sommer, Sonne, Bodyshaming

Vielfalt ist immer schön! Schämt euch deswegen nicht (Foto: strecosa / pixabay.de)

Ich gestehe gerne jedem zu, das eine oder andere schön zu finden und andere Dinge eher ungern zu sehen. Geht mir auch so. Das ist aber kein Grund, anderen ihr Recht zu verwehren, anzuziehen, was sie anziehen möchten. Das ist im Übrigen unabhängig vom Wetter, fällt aber im Sommer umso mehr auf. Menschen sind mehr als ihre Körper, Körperlichkeit ist mehr als Ästhetik, Ästhetik ist mehr als Schönheit, Schönheit ist mehr als die Norm. Und mal ehrlich, Norm ist langweilig. Wenn wir das wollten, müssten wir auch alle mit den gleichen Kleidern, der gleichen Frisur und am besten den gleichen Namen herumlaufen, denn der ist dann auch egal. Vielleicht richten wir gleich eine Formschablone ein, lassen uns operieren und genetisch verändern, damit auch wirklich alle gleich aussehen. Dann ist Bodyshaming kein Problem mehr und das funktioniert doch bestimmt leichter, als wenn wir uns die Mühe machen, umzudenken und Vielfalt zuzulassen.