Alle Jahre wieder – Deutschland im Weihnachtskaufrausch

Es beginnt wieder. Oder eigentlich muss ich sagen, dass es sich schon vor einer ganzen Weile ankündigte. Etwa in Form von Scharen in der Innenstadt herumwuselnder Menschen. Auffällig bepackt mit bunten Einkaufstüten der unterschiedlichsten Warenhäuser gleichen sie emsigen Ameisen, die ihren Beitrag zum prachtvollen Ameisenhaufen leisten. Was im übertragenen Sinne sogar zutrifft – Denn Weihnachten steht vor der Tür! Und da hat jeder gefälligst seinen Beitrag zu leisten. Am besten in Form von überteuerten und besonders kreativen Geschenken.

Glitzernde Geschenke: Zur Weihnachtszeit bleibt der Gang ins Kaufhaus meist nicht erspart (© Helene Souza  / pixelio.de)

Glitzernde Weihnachten: Zur Weihnachtszeit bleibt der Gang ins Kaufhaus meist nicht erspart (© Helene Souza / pixelio.de)

Ich habe mich damit abgefunden, dass es ab Oktober Lebkuchen und andere Weihnachtsgebäcke zu kaufen gibt und reagiere auch nicht mehr völlig verstört, wenn im Supermarkt das erste Weihnachtslied ertönt, ich selbst aber noch meinen Gedanken an den Sommer nachhänge. Doch woran ich mich nie gewöhnen werde, sind die Menschen, die schon im November beginnen, sich den Kopf über Weihnachtsgeschenke zu zerbrechen. Menschen die mir drei bis vier Wochen vor Weihnachten, damit auf die Nerven gehen, dass sie noch nicht alle Geschenke zusammen haben. Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie jemand sich für das Fest der Liebe, solch einem Stress aussetzt und zum Sklaven seiner selbst macht.

Okay, verständlich, dass den meisten Christen etwas darin liegt, ein besinnliches Weihnachten im familiären Kreise zu feiern, und dafür nun mal auch viel Zeit für Vorbereitungen und Besorgungen aufgeopfert wird.

Doch es ist sicherlich niemandem entgangen, dass in den letzten Jahren die Zahl der kaufsüchtigen Zombies, die zur (Vor)Weihnachtszeit in der Stadt herumtingeln, überhandgenommen hat. Ich kann die Unruhe dieser Zombies, die mit ihren glühenden Augen alles nach potenziellen Geschenken absuchen, förmlich spüren und weiche automatisch aus, sobald mir ein solcher über den Weg läuft. Ich mache das aus dem ganz einfachen Grund – Ich muss mich schützen. Ich habe Angst, dass mich diese Zombies mit ihrer Panikmache und ihrem krankhaften Kaufverhalten anstecken.

Besinnliche Weihnachten? So richtig Weihnachtsstimmung will gar nicht aufkommen, wenn alles sich nur ums Geschenke kaufen dreht (© Julien Christ  / pixelio.de)

Besinnliche Weihnachten? So richtig Weihnachtsstimmung will gar nicht aufkommen, wenn sich alles nur ums Geschenke kaufen dreht (© Julien Christ / pixelio.de)

Zur Vorweihnachtszeit scheinen die meisten nur noch damit beschäftigt ellenlange Geschenkelisten notorisch abzuarbeiten. Schnell ein, zwei, drei Tassen Glühwein runterkippen, um den Stress für einen Moment zu entkommen und sich selbst vorzutäuschen, dass die Vorweihnachtszeit ja im Grunde eine ganz besondere, besinnliche Zeit ist. Mit dem Duft von Zimt in der Nase und dem zirkulierenden Alkohol im Blut wird die Lüge glaubhafter. Dann geht der Shopping-Marathon auch schon in die zweite Runde.

Was ist passiert, dass sich zu Weihnachten bei einigen alles nur noch um die Geschenke zu drehen scheint?

Gehen wir ein paar Jahrtausende zurück. Weshalb beschenken wir uns überhaupt zu Weihnachten? Das Sich-Beschenken zur Weihnachtszeit geht ursprünglich zurück auf Bischof Nikolaus. Dieser Heilige soll um 280 nach Christi an der türkischen Mittelmeerküste gelebt haben und es ranken sich allerhand Legenden um seine Person. Er soll ein sehr großzügiger Mann gewesen sein, der sich zum Beispiel den Armen annahm. Sein Todestag, der 6. Dezember, wurde fortan ihm zu Ehren gefeiert und die Kinder erhielten Geschenke.

Endlich Heiligabend: Vor allem Kinder könen es bis zur Bescherung an Heiligabend  kaum abwarten  (© Lupo  / pixelio.de)

Endlich Heiligabend: Vor allem Kinder können es bis zur Bescherung an Heiligabend kaum abwarten (© Lupo / pixelio.de)

Martin Luther und die evangelische Kirche wollten Mitte des 16. Jahrhunderts im Zuge der Reformation die Verehrung Heiliger ganz abschaffen. Damit die Bescherung aber nicht ganz wegfiel, wurde diese auf Weihnachten verlegt. Plötzliche war es das Christkind, das den Kindern die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legte. Nach und nach stoß dies sowohl bei Protestanten als auch Katholiken auf Anklang. Das Sich-Beschenken zur Weihnachtszeit blickt also schon auf eine lange Tradition zurück auch wenn die Beweggründe dafür nicht ganz so durchschaubar scheinen.

Der ganze heutige Wahnsinn, der Weihnachten begleitet, ist wohl dem Kapitalismus und seinen folgenreichen Auswüchsen, wie dem zunehmenden Materialismus, zu Schulden. Ich für meinen Teil beginne eine Woche vor Weihnachten langsam mir Gedanken über das ein oder andere Geschenk zu machen. Ich finde auch nichts Verwerfliches daran, Menschen mit einem Geschenk eine Freude zu machen. Bis jetzt bin ich aber eben immer gut damit gefahren, mich von diesem Weihnachtsstress nicht anstecken zu lassen und einen kühlen Kopf zu bewahren. In diesem Sinne: Ein frohes und vor allem besinnliches Weihnachten.

Vorschau: Eva berichtet nächste Woche davon, warum sie kein großer Freund von Silvester ist.

Missverstandene Geistliche

Während in Deutschland gerade die Sexismus-Debatte tobt und immer mehr Menschen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema suchen, drohen andere Ereignisse fast in Vergessenheit zu geraten. Doch in den letzten Tagen hat zumindest eine Äußerung genug Aufmerksamkeit auf sich gezogen, um medienwirksam diskutiert zu werden. Offenbar werden nicht nur Frauen diskriminiert, auch die katholische Kirche fühlt sich angegriffen.

So äußert Erzbischof Gerhard Ludwig Müller seine Bedenken über eine vermeintliche Pogromstimmung, mit der man dem Katholizismus inzwischen begegnen würde. Müller spricht von gezielten Diskreditierungskampagnen in Europa und Nordamerika, in deren Folge „Geistliche in manchen Bereichen schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt werden“. Es folgt: Empörung.

Zwar genießt die Kirche in Deutschland in den letzten Jahren und Jahrzehnten alles andere als einen guten Ruf – Missbrauchsskandale und deren Vertuschungsversuche, Intoleranz gegenüber Homosexuellen, geradezu mittelalterliche Vorstellungen über die gesellschaftliche Position der Frau. Doch von einer Pogromstimmung kann wohl kaum die Rede sein. Ein solcher Vergleich ist nicht nur maßlos übertrieben – er ist vor allem überaus respektlos gegenüber den Opfern des Dritten Reiches.

Kaum verwunderlich also, dass die Reaktionen entsprechend ausfallen: FDP-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger weist darauf hin, dass Vergleiche zwischen Holocaust und der Reaktion auf kirchliche Positionen geschmacklos sind. Auch Grünen-Vorsitzende Claudia Roth findet die Aussage nicht angebracht und merkt an: „Der Chefideologe des Vatikans klingt, als wolle er die katholische Kirche am liebsten wieder in das Mittelalter zurückbeamen.“

Ob Müller mit seiner Kritik wirklich das erreicht hat, was er wollte, ist zu bezweifeln. Sein Hinweis reiht sich ein in eine lange Liste von – man kann es kaum anders nennen – Verfehlungen. Vor allem die vielen Missbrauchsfälle durch katholische Geistliche, die in den letzten Jahren ans Licht gekommen sind, haben dem Ansehen der Kirche einen schweren Schlag versetzt. Und auch der Umgang mit der öffentlichen Debatte muss mindestens als bedenklich angesehen werden. Es ist nicht Reue, die sich die Glaubensgemeinschaft hier auf die Banner geschrieben hat; es ist Politik des Schweigens und des Verleugnens, des Aufweichens und Ausweichens.

Jüngst geriet die katholische Kirche in die Kritik, nachdem zwei katholische Kliniken einer wohl vergewaltigten Frau die Pille danach verweigerten. Die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber die Kirche verschlechtert sich von Jahr zu Jahr – und wirft man dort nicht endlich die überkommenen Vorstellungen über Bord, die so regelmäßig geäußert werden, wird sich dieser Trend auch nicht abschwächen. Es sind nicht Medien und Glaubenskritiker, die die Kirche zugrunde gehen lassen; es ist schlicht und einfach die moderne Welt.