Der Würde beraubt – weibliche Genitalverstümmelung

150 Millionen Frauen. Täglich kommen 8000 Mädchen hinzu. Das sind drei Millionen pro Jahr. So viele Frauen und Mädchen fallen weltweit genitaler Verstümmelung zum Opfer. Vor allem in der Nordhälfte Afrikas ist der Brauch weitverbreitet – von Senegal im Westen bis Somalia im Osten. Aber auch in südlicheren Ländern Afrikas kommt es zu Verstümmelungen, ebenso wie im Nahen Osten: Jemen, Irak, Oman, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Bahrein, Jordanien, Palästina. In Asien sind Indien, Indonesien, Malaysia und Sri Lanka betroffen. Genaue Zahlen können jedoch kaum ermittelt werden, da es nur in wenigen Ländern eine systematische Datenerfassung gibt.

Durchführung und Zeitpunkt der Beschneidung variieren in verschiedenen Regionen und Ethnien. Manche Mädchen werden bereits im Säuglingsalter beschnitten, andere zu Beginn der Pubertät. Die meisten sind zwischen vier und zwölf Jahre alt. Durchgeführt wird die Verstümmelung von speziell ausgebildeten Beschneiderinnen oder Hebammen, in wohlhabenderen Schichten auch in Krankenhäusern von Ärzten.

Auch das Ausmaß der Beschneidung ist verschieden: Die einfachste Form ist die Entfernung der Klitorisvorhaut, beziehungsweise der gesamten Klitoris. Bei einer zweiten Form werden Klitoris und Schamlippen abgeschnitten. Die wohl extremste Art der Beschneidung ist aber das Entfernen sämtlicher äußerer Genitalien und das anschließende Vernähen der Scheidenöffnung. Diese Verschließung kann mit Nadel und Faden, aber auch mit Dornen erfolgen. Danach werden den Mädchen die Beine verbunden, damit die Wunde innerhalb von vier Wochen zuwächst.

Es gibt jedoch noch drastischere Formen der Verstümmelung, wie die Menschenrechtsorganisation TARGET auf ihrer Website beschreibt: „Hierzu zählen unter anderem: Das Einritzen, Durchbohren oder Dehnen der Klitoris und/oder der Schamlippen; Ausbrennen der Klitoris und des umliegenden Gewebes; das Abschaben von Gewebe um die Scheidenöffnung herum oder Einschnitte in die Vagina (Scheide); das Einbringen von ätzenden Substanzen oder Kräutern in die Scheide, entweder um Blutungen herbeizuführen oder um die Scheide zu verengen.“

Etwa ein Drittel der Mädchen verblutet bereits während der schmerzhaften Prozedur. Den anderen bleibt ein Leben voller physischer und psychischer Schmerzen. Zum Urinieren bleibt nur eine stecknadelkopfgroße Öffnung – die Periode kann bis zu 14 Tage dauern, da das Blut nur in Tropfen abfließen kann. Auch der Geschlechtsverkehr und vor allem Geburten verursachen unsägliche Schmerzen.

Zwar wird die weibliche Beschneidung oft mit dem Islam in Verbindung gebracht und hauptsächlich in islamisch geprägten Ländern praktiziert – ihren Ursprung hat die Tradition darin aber nicht. Erste Erwähnungen genitaler Beschneidung gibt es bereits 163 vor Christus, also weit vor der Entstehung des Islams oder Christentums. Auch im Koran wird weder weibliche noch männliche Beschneidung erwähnt. Lediglich einige Hadithe – also ergänzende Überlieferungen des Propheten Mohammed – weisen auf Beschneidungen hin.

Verschiedene Lehrrichtungen des Islams  interpretieren die Überlieferungen unterschiedlich: Die einen sehen die Verstümmelung als Pflicht, andere als empfehlenswert an. Es mehren sich aber auch die Stimmen derer, die die Beschneidung als Sünde betrachten, da der Koran sowohl körperliche Unversehrtheit fordert, als auch das Recht der Frau auf sexuelle Befriedigung innerhalb der Ehe anerkennt.

Tatsächlich stammt der Brauch wohl aus dem ägyptischen Raum und fand von dort aus Verbreitung auf dem afrikanischen Kontinent. Die Tradition ist also nicht allein religiös, sondern auch kulturell bedingt. In vielen Regionen wird die Beschneidung als Initiationsritus durchgeführt, um ein Mädchen als Frau in die Gemeinschaft einzuführen. Die Verstümmelung wird jedoch zunehmend in jungen Jahren bis hin zum Säuglingsalter durchgeführt. Denn mit zunehmender Bildung und höherem Alter der Mädchen ist auch mit mehr Widerstand gegen die Prozedur zu rechnen.

Der Würde beraubt – weibliche Genitalverstümmelung

Setzt sich seit Jahren gegen die Genitalverstümmelung ein: Rüdiger Nehberg (Foto: Rüdiger Nehberg)

In vielen Kulturen gilt die Beschneidung als unbedingte Voraussetzung für eine Eheschließung. Da Frauen wirtschaftlich abhängig von den Männern sind, sehen es viele Familien als Pflicht an, ihre Töchter beschneiden zu lassen. Die Maßnahme gilt zudem als Schutz der Frauen vor sexuellen Übergriffen, als Beweis ihrer Treue und Jungfräulichkeit vor der Ehe. Auch medizinische Mythen sind immer noch  weit verbreitet: Die Klitoris könnte den Ehemann beim Geschlechtsverkehr und das Kind bei der Geburt verletzen oder gar töten. Außerdem würden die Genitalien immer weiter wuchern, wenn sie nicht beschnitten würden.

Vor allem seit den 1990er Jahren gibt es vermehrt Abschaffungsbestrebungen der Praxis durch UNICEF, die Weltgesundheitsorganisation und zahlreiche gemeinnützige Organisationen. 2006 wurde auf einer Konferenz Islam-Gelehrter ein Rechtsgutachten erstellt, dass die Beschneidung für unrechtmäßig und nicht vereinbar mit dem Islam erklärt. Durch vermehrte Aufklärung, Bildung und eine bessere wirtschaftliche und soziale Stellung der Frauen könnte vielen dieses grausame Schicksal erspart bleiben.

Beschnittene Religionsfreiheit

Ein Urteil des Kölner Landgerichts sorgt derzeit für Aufsehen: Rituelle Beschneidungen gelten fortan als Körperverletzung, so hat das Gericht entschieden. Auf Unverständnis und Unmut stößt dieses Urteil, da die Beschneidung zum Habitus großer Religionsgemeinschaften, etwa dem Islam und dem Judentum, zählt.

So kann auch dem Kölner Landgericht dieses Urteil nicht leicht gefallen sein. Denn es geht hier im Grunde um nicht weniger als um die gesellschaftliche beziehungsweise die rechtliche Akzeptanz religiöser Praktiken. Haben religiöse Praktiken in Deutschland im 21. Jahrhundert mehr Gewicht als das Recht auf körperliche Unversehrtheit?

Häufig entscheiden sich die Betroffenen nicht selbst für die Beschneidung – sie findet in früher Kindheit statt und wird von den Eltern veranlasst. Diese fügen ihrem Kind – so die Juristen – eine Verstümmelung zu. Und auch wenn die Eltern als Erziehungsberechtigte die Beschneidung wünschen: Ein Arzt, der einen Jungen in religiöser Tradition beschneidet, begeht Körperverletzung.

Anfang November 2010 wurde ein Junge in Köln beschnitten – zwei Tage später wurde das Kind in die Notaufnahme eingeliefert. Von der Staatsanwaltschaft wurde Anklage gegen den Arzt erhoben. Dieser Prozess zog schließlich das Beschneidungsurteil nach sich. Zwar habe der Arzt einwandfrei gearbeitet – und wurde schließlich freigesprochen. Das Gericht entschied allerdings auch, dass die Beschneidung nicht durch den Wunsch der Eltern gerechtfertigt sei.

Nun muss der Fall möglicherweise vorm Bundesverfassungsgericht entschieden werden. Denn das Urteil wird von vielen Politikern als Einschränkung religiöser Praktiken begriffen. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass ein Beschneidungsverbot in Deutschland lediglich einen Beschneidungstourismus auslöst.

So forderte der Bundestag die Bundesregierung mit breiter Mehrheit dazu auf, ein Gesetz zu verabschieden, welches eine fachgerechte Beschneidung aus religiösen Gründen zulässt. Auf die Schnelle – so der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts – sei ein solches Gesetz aber nicht zu machen.