Bayerisch – bloß ein Dialekt?

Eigenständig: Nicht nur die Mentalität der Bayern, auch ihre Sprache steht für sich allein

Eigenständig: Nicht nur die Mentalität der Bayern, auch ihre Sprache steht für sich allein (Foto: Capri23auto/pixabay)

Mia ham’s scho oiwei gwusst, d’Leit in Bayern san wos ganz wos Bsunders, sogar der erna Sproch is ganz wos anders ois des Deitsche. Wer jetzt eigentlich nur Bahnhof verstanden hat, der kann beruhigt sein. Denn das Bayerische mag zwar ein Dialekt des Deutschen sein, ist aber von der Standardsprache so weit entfernt, dass einige Linguisten sogar behaupten, das Niederländische sei dem Hochdeutschen näher als es das Bayerische ist. Da verwundert es wohl wenig, wenn nur Bayern oder langjährig in Bayern Lebende den ersten Satz verstehen, der auf hochdeutsch so viel bedeutet wie: Wir haben es schon immer gewusst, die Leute in Bayern sind etwas ganz Besonderes, sogar ihre Sprache ist ganz anders als das Deutsche.

Unterschiede auf allen Ebenen

Das Bayerische ist deshalb so weit von der Standardsprache entfernt, weil es sich nicht nur im Wortschatz vom Deutschen abhebt. Auch lautlich und grammatikalisch gibt es zahlreiche Unterschiede. Die andersartige Phonetik ist dabei wohl einer der Hauptgründe, warum man einen Zuagroasten, also Nichtbayern, problemlos erkennt, auch wenn er noch so gut die bayerischen Vokabeln kennt. Genauso aber verrät sich ein Bayer, wenn er augenscheinlich perfektes Hochdeutsch produziert.

Vokale und bayerisches R

Zentrum des Oberbayerischen: Die Münchener Spielart des Bayerischen ist überregional bekannt

Zentrum des Oberbayerischen: Die Münchener Spielart des Bayerischen ist überregional bekannt (Foto: flyupmike/pixabay)

Ein charakteristisches Merkmal des Bayerischen – oder hier genauer des Münchnerisch-Oberbayerischen – sind dabei die relativ dunklen Vokale. Alle Selbstlaute werden vergleichsweise weit hinten im Mundraum, fast schon im Rachen produziert, was dem bayerischen Dialekt einen etwas barschen und missmutigen Ton verleihen kann. Deswegen klingt für das ungeübte Ohr ein bayerisches „A“ oft ähnlich wie ein verschlucktes hochdeutsches „O“. Dieser Effekt wird dadurch noch verstärkt, dass viele Bayern die Lippen fast gar nicht runden, sodass „A“ und „O“ tatsächlich fast gleich klingen können. Ein anderer Aspekt ist das „R“. Während im Standarddeutschen das „R“ eher hinten im Mund entsteht, wird das „R“ im Bayerischen mit der Zunge leicht gerollt, fast schon ein bisschen wie im Italienischen, wenn auch deutlich kürzer. Das sind aber nur zwei Beispiele für das eigenständige Lautsystem des Bayerischen, es gibt noch zahlreiche weitere Abweichungen.

Wörterbuch Bayerisch-Deutsch

Doch auch die perfekten Kenntnisse der Aussprache reichen bei Weitem nicht aus, um als waschechter Bayer durchzugehen. Denn trotz perfekter Vokale, gerolltem „R“ und allen phonetischen Feinheiten fällt man sofort als Nichtbayer auf, wenn man in der Bäckerei ein Brötchen verlangt. Dieses Wort existiert im Bayerischen überhaupt nicht. Im Süden Deutschlands nennt sich das kleine Brotgebäck schlicht Semmel. Das ist aber nur das prominenteste Beispiel für den eigenständigen Wortschatz. Wer ein echter Bayer sein will, muss natürlich auch wissen, was ein Glubbal oder ein Biafuizl sind. Genauso muss man wissen, was der Bayer meint, wenn er etwas ganz griabig macht. Neugierig? Die Auflösung folgt ganz zum Schluss.

Eigenständige Grammatikphänomene

Als ob das alles noch nicht genug wäre, muss der arme Bayerisch-Student auch noch kräftig Grammatik pauken. Denn auch hier gibt es gravierende Unterschiede zum Standarddeutschen. Eines der harmloseren Phänomene ist das, was Linguisten „doppeltes Perfekt“ nennen. Der Bayer kennt nämlich keine Sätze wie Ich hatte das schon gemacht. Stattdessen benutzt man in München und Umgebung einfach zweimal die Vergangenheit: I hob des scho gmacht ghabt, hochdeutsch in etwa Ich habe das schon gemacht gehabt. Wer jetzt schon den Kopf schüttelt, der sei gewarnt: Es geht noch schlimmer.

Doppelte Verneinung

Arbeitsintensiv: Wer fließend Bayerisch sprechen möchte, muss fleißig lernen

Arbeitsintensiv: Wer fließend Bayerisch sprechen möchte, muss fleißig lernen (Foto: MonikaP/pixabay)

So bleibt für den Bayern nein immer nein, egal wie oft er es sagt. Ein typischer Satz könnte zum Beispiel lauten Des interessiert koa oide Sau net. Auf Hochdeutsch würde daraus Das interessiert keine alte Sau nicht. Diese doppelte Verneinung sorgt in der Standardsprache für totale Verwirrung. Es ist schwierig zu interpretieren, was denn gemeint ist, ob nun ja oder vielleicht doch nein. Im Bayerischen ist die Sache ganz klar, einmal nein bleibt immer nein. Mit zusätzlichen negativen Wörtern wird die Verneinung nur verstärkt. Deshalb sollte man unseren Beispielsatz besser so übersetzen: Das interessiert absolut keine alte Sau.

Kommunikative Bayern

Bereits diese wenigen Beispiele zeigen, dass Bayerisch tatsächlich mehr als bloß eine deutsche Mundart ist. Genauso klar wird, warum viele Deutschlerner vor einem Aufenthalt in Bayern so großen Respekt haben. Doch trotz der vielen sprachlichen Stolperfallen, die das Bayerische bietet, muss keiner Angst haben. Erstens verstehen alle Bayern Hochdeutsch, auch wenn manche es selbst nicht produzieren können. Zweitens sind die meisten Bayern sehr kommunikativ und versuchen mit dem Gegenüber klarzukommen, zur Not mit Händen und Füßen. Und wenn der Gesprächspartner dann vielleicht noch ein paar Wörter auf Bayerisch kann, dann ist das Eis ohnehin gebrochen. Ein netter Anfang sind unsere drei vorhin erwähnten Beispielwörter Glubbal, Biafuizl und griabig. Die heißen nichts anderes als Wäscheklammer, Bierdeckel oder Bier-Untersetzer und gemütlich, entspannt. Alles klar, oder?

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist und nicht das Glück hat, einen bayerischen Muttersprachler zur Hand zu haben, der kann unkompliziert auf http://www.bayrisch-lernen.de/ einen kleinen Einstieg wagen, auch wenn für die Aussprache ein echter Bayer als Lehrer wohl unentbehrlich bleibt.

Mia san mia oder san ma des wirklich?

Mia san mia oder san ma des wirklich?

Uriges Markenzeichen: Der typisch bayerische Gamsbart (© PIXELIO/Rainer Sturm)

„Wir Bayern sind für Deutschland das, was die Indianer für die USA sind“ – dieses Zitat der bayerischen Schauspielerin und Kabarettistin Marianne Sägebrecht mag zwar politisch nicht einwandfrei sein, es zeigt dennoch anschaulich, wer die Bayern in Deutschland eigentlich sind. Der Bayer als Ureinwohner, der durch seine eigentümlichen Bräuche und Traditionen auffällt, in einer unverständlichen Sprache kommuniziert und einige dieser Spezies tragen auch noch wilden Federschmuck auf dem Kopf, den berühmten Gamsbart.

Doch damit noch nicht genug! Fragt man einen „Preußen“, was typisch bayerisch ist, so bekommt man jedes Mal ähnliche Antworten. Bier, Weißwurst und Sauerkraut sind offensichtlich die bajuwarischen „Stammeszeichen“, die ein jeder kennt. Und tatsächlich scheint es so: Alle Welt glaubt, dass der gemeine Bayer seinen kompletten Alltag in Dirndl oder Lederhose zubringt, abends, wenn er nach Hause kommt, die Bayernfahne hisst, vor einem König Ludwig-Bild salutiert und schuhplattelnd ein Fass Starkbier ansticht, während im Ofenrohr eine knusprige Schweinshaxn brutzelt. Verkommt die bayerische Kultur zu einem Mosaik aus tausenden von Klischees und Stereotypen?

Aber meistens verbirgt sich hinter einem Klischee auch ein Fünkchen Wahrheit und letzten Endes muss jeder von uns Bayern zugeben, dass wir selbst schuld an diesem Bild des Bayernlandes sind. Es ist nun mal so, dass wir unsere Kultur so gut vermarkten, dass alle ein klar definiertes Bild von der Marke „Bayern“ vor Augen haben, so wie jeder bei dem Wort „Ferrari“ sofort an einen italienischen, leuchtend roten Edel-Sportwagen denkt. Dass das weiß-blaue Markenimage nicht immer so imponierend, manchmal eher lächerlich wirkt, ist wieder eine andere Geschichte. Wenn man sich nur mal anschaut, wie aggressiv das Bild des typischen Bayern auf der Münchner Wies’n beworben wird – mit kompletter Festtracht inklusive Haferlschuhen, mit Bier in Strömen, tausenden von Hendln und Lebkuchen-Herzen, auf denen der Spruch „Hob di liab“ prangt – dann darf es uns auch nicht wundern, wenn dieser übersteigerte Eindruck gleich als allgemeines Bayern-Bild die große Runde macht.

Mei, schade ist halt, dass dabei die meisten vergessen, dass Bayern eben nicht nur schrille „Wies’n-Gaudi“ bedeutet, sondern auch Qualität, was das bayerische Reinheitsgebot von 1516 beispielhaft beweist. Diese Urform des Lebensmittelschutzes regelte, dass Bier nur aus Wasser, Malz und Hopfen bestehen darf. Es ist heute noch deutschlandweit gültig, allein die Hefe ergänzt das Reinheitsgebot. Dass Bayern auch ein wirtschaftlicher Musterknabe mit der geringsten Arbeitslosenquote in ganz Deutschland ist, sehen leider die wenigsten. Genauso wie die Tatsache, dass der bayerische Bildungsstandard zu den höchsten in Deutschland gehört – das bayerische Abitur gilt immerhin als eines der hochwertigsten und schwierigsten auf Bundesebene. Aber hier fängt auch schon die bayerische Isolation an. So weltoffen und gastfreundlich er ist, so eingebildet und arrogant kann er auch sein, der Bayer. Sogar eine eigene Partei, die „CSU“, braucht die bayerische Nation im Bundestag, auch wenn sich alle von Franken bis ins Allgäu einig sind, dass in Berlin viel unwichtigere Dinge als im Münchner Landtag verhandelt werden. So braucht sich der Bayer dann nicht zu wundern, wenn er als Hinterwäldler und Eigenbrötler dasteht, dessen Karikatur nur allzu oft im Bier versinkt.

Mia san mia oder san ma des wirklich?

Gesellig: Der Biergarten ist öffentlicher Treffpunkt in Bayern (© PIXELIO/Olga Meier-Sander)

Vielleicht sollten wir Bayern unseren weiß-blauen Stolz ein wenig einschränken, damit die „Preußen“ auch unser wahres Gesicht erkennen können. Aber wie schaut es denn aus, das echt bayerische Leben? Ich als geborener Münchner, der seine Stadt wirklich liebt – das gebe ich zu – würde den klassischen Bayern so beschreiben: Er mag von weitem befremdlich und abstoßend wirken, doch in seinem Innersten ist er tatsächlich so ähnlich wie auf dem Oktoberfest, nämlich fröhlich, offen und gesellig. In einem Biergarten ist immer Platz, egal wer und wie viele da kommen mögen, dann „ruck ma hoit zam“. Auch ruhig und gelassen kommt der Bayer daher, insbesondere München verkörpert wie keine andere deutsche Stadt „la dolce vita“. Wer die Landeshauptstadt einmal während eines sonnigen Sommertages erlebt hat und sich abends in ein Straßencafé begibt, der versteht sofort, warum München als nördlichste Stadt Italiens gilt. Doch das geht schon wieder in Richtung Klischee und von denen haben wir heute bereits mehr als genug angesprochen.

Vorschau: Nächste Woche wird es bei Eva richtig Sommer, denn dann dreht sich bei ihr alles um Eis