Ein Palast aus Worten

Buchkritik zu Carlos Ruiz Zafóns Der Schatten des Windes

„Einmal hörte ich einen Stammkunden in der Buchhandlung meines Vaters sagen, wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seinem Herzen bahne. Diese ersten Seiten, das Echo dieser Worte, die wir zurückgelassen glauben, begleiten uns ein Leben lang und meißeln in unserer Erinnerung einen Palast zu dem wir früher oder später zurückkehren werden, egal, wie viele Bücher wir lesen, wie viele Welten wir entdecken, wieviel wir lernen oder vergessen. Für mich werden diese verzauberten Seiten immer diejenigen sein, die ich auf den Gängen des Friedhofs der vergessenen Bücher fand.“

Der Schatten des Windes

Mit „Der Schatten des Windes“ landete Zafón international auf Platz eins der Bestsellerlisten (Foto: S. FISCHER Verlag)

Daniel Sempere ist zehn Jahre alt, als ihn sein Vater zum ersten Mal auf den Friedhof der vergessenen Bücher mitnimmt. Wer dort erstmals hinkommt, darf sich ein Buch aussuchen, auf das er immer Acht geben muss und bei dem er dafür sorgen muss, dass es niemals verschwindet. Daniel fällt „Der Schatten des Windes“ in die Hände, ein Buch des bislang unbekannten Schriftstellers Julian Carax. Dieses Buch und sein Autor ziehen ihn für immer in ihren Bann. Daniel begibt sich auf eine viele Jahre andauernde Suche nach Carax und nach weiteren Büchern, die dieser geschrieben hat. Keiner scheint je von ihm gehört zu haben, doch Daniel merkt schnell, dass jemand offenbar nicht möchte, dass Carax und dessen Bücher gefunden werden.

Viele Jahre zuvor hat ein geheimnisvoller Fremder, der sich wie eine von Carax Romanfiguren nennt, alle Exemplare an sich gebracht und verbrannt. Er ist nun auch hinter Daniel her. Je tiefer er in die Geheimnisse um Carax Verschwinden und dessen angeblichen Tod eindringt, desto gefährlicher wird es. Fermín, der im Buchladen von Daniels Vater arbeitet und ihm bei der Suche hilft, und alle, die Daniel helfen werden zu Figuren in einem Spiel – einem tödlichen Spiel mit unbekannten Regeln. Es scheint beinahe so als wiederholten sich die mysteriösen Geschehnisse, die sich einst um Carax abspielten jetzt in Daniels Leben – mit ihm selbst als hilflosem Protagonisten.

Carlos Ruiz Zafón entführt seine Leser in das Barcelona der 50er Jahre. Sein Barcelona ist eine geheimnisvolle, mysteriöse und düstere Stadt. Kein anderer kann so realistische Welten erschaffen, die doch gleichzeitig unendlich surreal und phantastisch erscheinen. Die Welt von „Der Schatten des Windes“ wird in „Das Spiel des Engels“ weitergesponnen und beide Geschichten schließlich durch „Der Gefangene des Himmels“ miteinander verwoben.

Die Bücher über Zafóns Barcelona sind Geschichten von der Bedeutung und der Kraft der Bücher. Die Worte Carlos Ruiz Zafóns gehören ganz bestimmt zu denen, die einen Palast in unsere Erinnerung meißeln – und es lohnt sich in diesen zurückzukehren!

Mehr über Zafón und sein Barcelona könnt ihr in Annikas Artikel lesen.

Nationales Trauma Germanwings-Absturz

KOMMENTAR: Am Dienstag, 24. März, gegen 11:15 Uhr verschwindet die Germanwings-Maschine mit der Flugnummer 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf vom Radar; wenig später stellt sich heraus: Alle Insassen und das Bordpersonal der Maschine sind zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Die A320 stürzte nach Informationen der Deutschen Flugsicherung nach schnellem Absinken schon um 10:37 Uhr ab. Das Blatt La Provence meldet schließlich den Flugzeugabsturz. Um 10:47 Uhr soll ein Notruf abgesetzt worden sein. Gegen 12:30 Uhr erfahren die Menschen am Düsseldorfer Flughafen von der Katastrophe: 150 Menschen, 144 Passagiere und die gesamte Crew sind tot; erste Trümmer werden in den Südalpen Frankreichs aufgefunden. Die ganze Nation ist tief betroffen, 72 der Passagiere sind deutsche Staatsbürger, darunter eine Schulklasse. Es werden umgehend Notfallhotlines für die Angehörigen eingerichtet, einige trauernde und zum Teil traumatisierte Flugbegleiter der Germanwings bleiben an den Folgetagen auf dem Boden, Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt alle Termine für den Tag ab, es wird ein Trauergottesdienst im Kölner Dom veranstaltet – die Medien werden tagelang von Berichten und Spekulationen rund um den Flugzeugabsturz dominiert. Im Zuge der Auswertung beider Flugschreiber – der erste war beschädigt und konnte nur zu Teilen ausgelesen werden, sodass erst der zweite, nach Tagen in einer Erdspalte aufgefundene Flugschreiber einen bis dahin unbestätigten Verdacht bestätigen kann: Nicht die mehr als 24 Jahre alte Passagiermaschine war für den Absturz verantwortlich und auch kein Terroranschlag, sondern der Copilot.

Der mit 27 Jahren noch sehr junge Andreas Lubitz, dessen Namen und Wohnort bereits am nächsten Tag von der Bild-Zeitung veröffentlicht wurden, litt offenbar an Depressionen und beging eine Tat, bei der bereits die Beschreibung – und damit die Einordnung des Geschehens – problematisch erscheint. Günther Jauch spricht in seiner Talkshow von erweitertem Suizid. Dieser Begriff wird allerdings üblicherweise für die einschließliche Tötung naher Angehöriger und eben nicht für die Tötung fremder Flugzeuginsassen verwendet. Dennoch erscheint der Begriff „Amoklauf“ in diesem Kontext ebenso unangebracht zu sein. Die Daten des zweiten Flugschreibers belegen den Tathergang jedoch zweifelsfrei: Der Pilot der A320 war von Lubitz aus dem Cockpit ausgesperrt worden. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon wurden Sicherheitsvorkehrungen erlassen, wonach massive, mitunter schusssichere Türen (unerwünschten) Zugang unterbinden sollen, die nur mittels Codeeingabe geöffnet werden können. Dieser Code wurde von Lubitz verändert; Lubitz beschleunigte bewusst vor dem Crash. Am Donnerstag, 2. April stellt die Staatsanwaltschaft nach einer Durchsuchung des Hauses Daten sicher, die belegen, dass Lubitz die erweiterte Selbsttötung wohl im Voraus geplant hat. Verständlicherweise ist die Reaktion – sowohl in den Medien, als auch von den Angehörigen – seither nicht mehr nur als Trauer zu beschreiben, sondern schwang vielmehr in eine enorme Wut um: Wie kann es sein, dass ein einziger Mensch so viele Menschen mit sich in den Tod nimmt? Eine Frage, die auch bei Amokläufen immer wieder gestellt wird. Dieser einzelne Mensch, der zweifelsohne die Verantwortung für dieses traumatisierende Ereignis trägt, wird im Rahmen der Untersuchung und Deutung des Absturzes allerdings selbst zum Opfer; die Belastungen und mehr als strapaziösen Arbeitsbedingungen der Piloten werden offengelegt: Von starker Übermüdung über das Erkaufen von Flugstunden.

Auch über Persönlichkeitsrechte ist eine neuerliche Debatte entbrannt: Müssen Passagiere in der Schengen-Zone zukünftig strenger erfasst und kontrolliert werden? Ist es rechtens oder moralisch zu rechtfertigen, persönliche Daten eines Individuums so unmittelbar an die Öffentlichkeit zu geben wie dies die Bild-Zeitung tat und damit einen gewaltigen Shitstorm gegen Angehörige des Copiloten zumindest in Kauf zu nehmen? Wie viele Details dürfen überhaupt über einen Menschen verbreitet werden, um den Absturz zu erklären? Wo beginnt die Würde eines toten Menschen und wo verläuft die Grenze zu einer Öffentlichkeit, die am Geschehen teilhaben will, stets um Erklärungen ringend.

Die Erklärung in diesem Fall scheint einfach: menschliches Versagen. Doch inwieweit lässt sich dieses Versagen nachvollziehbar machen? Eine Depression ist eine durchaus ernstzunehmende psychische Erkrankung, die auch nicht nur auf das Geschlecht zurückzuführen ist, wie das in einem Kommentar der Frauenzeitschrift Emma passiert. Eine Gesellschaft, die nicht die Möglichkeit einräumt, über solche Erkrankungen zu sprechen, ohne dass die Existenz eines Menschen dadurch unmittelbar bedroht wird, ist eine Gesellschaft, die sich zu wenig um seine Mitglieder und damit um Träger und Vermittler ihrer Werte kümmert. Vermutlich war es die Angst vor der Aussicht, nie wieder in einem Cockpit sitzen zu dürfen, nie mehr fliegen zu dürfen, die Lubitz zu dieser Tat motivierte. Eine notwendige Konsequenz zwar, wie nicht zuletzt dieses Beispiel zeigt, aber ebenso eine, die eine ganze Existenz – aufgrund vermeintlich eigener Verfehlung – zu zerstören vermag. Wie die Schuldzuschreibung letztlich auch ausfallen mag, ob der Flugzeugabsturz der Germanwingsmaschine als erweiterte Selbsttötung oder aber als Amoklauf gedeutet wird, prägt das Bild und die kollektive Erinnerung an dieses Ereignis maßgeblich.

Schwimm-WM steht an

Für die meisten deutschen Schwimmer ist die Wettkampfsaison zu Ende, doch für die Spitzensportler des Deutschen Schwimmverbands (DSV) steht das wichtigste Event des Jahres noch vor der Tür. Vom 19. Juli bis am 4. August finden im katalonischen Barcelona die 25. Schwimmweltmeisterschaften statt. Hier werden Wettkämpfe im Beckenschwimmen sowie im Wasserspringen, Synchronschwimmen und Wasserball ausgetragen. Die deutsche Schwimmnationalmannschaft tritt mit 28 Sportlern in der spanischen Großstadt an, zwölf Frauen und sechzehn Männer kämpfen um Spitzenpositionen im internationalen Vergleich.

Machte bei den Deutschen Meisterschaften einen Leistungssprung: die erst 16-jährige Selina Hocke (Foto: Mirko Seifert)

Machte bei den Deutschen Meisterschaften einen Leistungssprung: die erst 16-jährige Selina Hocke (Foto: Mirko Seifert)

Die deutsche Schwimmerriege war nach dem katastrophalen Abschneiden bei den Olympischen Spielen in London schwer in die Kritik geraten, die Wettkämpfe in Barcelona sind nicht nur ein Orientierungspunkt, wie sich die persönliche Entwicklung der einzelnen Athleten weiter fortgesetzt hat, sondern auch inwiefern sich Strukturveränderungen und Trainingslager auf die Gesamtleistung des deutschen Schwimmteams ausgewirkt haben.

Im Vorfeld haben die deutschen Topathleten einige Leistungen gezeigt, die auf viel hoffen lassen. Bei WM-Generalproben in Frankreich und Spanien standen deutsche Schwimmer stets mit auf dem Treppchen und zeigten saisonale Bestleistungen. Eine wichtige Stütze des Teams fehlt allerdings: Paul Biedermann verzichtete aufgrund von Formschwäche auf die deutschen Meisterschaften im Mai in Berlin – und damit auch auf die Qualifikationsmöglichkeit zu den Schwimmweltmeisterschaften. Der ehemalige Weltmeister ist jedoch nicht der einzige, der im internationalen Vergleich auf seine Teilnahme und damit auch auf seine Paradestrecke 200 Meter Freistil verzichtet. Auch der französische Olympiasieger Yannick Agnel wird in Barcelona über diese Distanz nicht an den Start gehen, genau wie der chinesische Superstar Sun Yang. Damit rückt der Russe Danila Izotov als Topfavorit nach. Izotov war bei der Universiade eine neue Weltbestzeit geschwommen und stellt damit schon große Titelambitionen auf dieser so hart umkämpften Strecke.

Die deutschen Hoffnungen liegen unter anderem auf der Nachwuchsschwimmerin Selina Hocke, die sich bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin mit einem riesigen Leistungssprung in die Spitze der Schwimmcharts katapultierte und zwei Titel über 50 Meter und 200 Meter Rücken einfahren konnte. Auch Schwimmstar Britta Steffen scheint in guter Form zu sein, sie präsentierte beim Open de France in Vichy Spitzenleistungen.

From Barcelona with Love: Carlos Ruiz Zafón

Verwinkelte Gassen, gotische Kirchen und Nebel, der vom feuchten Kopfsteinpflaster aufsteigt – das ist die Welt von Autor Carlos Ruiz Zafón: Das ist seine Stadt, sein Barcelona.

Die katalanische Stadt ist der Dreh- und Angelpunkt seiner Geschichten, die den Leser auf eine surreale Reise mitnehmen. Dunklen Geheimnissen und mysteriösen Gestalten auf den Fersen schlagen sich seine Protagonisten durch eine beinah magisch anmutende Welt.

Zafóns wohl berühmtester Held ist der junge Daniel Sempere, der von seinem Vater in eine geheime Bibliothek – den Friedhof der vergessenen Bücher – geführt wird. Dort stößt er auf ein Buch des rätselhaften Autors Julián Carax, dessen Geheimnissen er langsam auf die Spur kommt.

Daniels Abenteuer bildet mit „Der Schatten des Windes“ den Auftakt zu Zafóns vierteiliger Romanreihe „Friedhof der vergessenen Bücher“ und brachte dem Autor den internationalen Durchbruch. „Der Schatten des Windes“ wurde in 36 Sprachen übersetzt und gilt mit zehn Millionen verkauften Exemplaren als internationaler Bestseller.

Es folgten „Das Spiel des Engels“, worin die Vorgeschichte zu „Der Schatten des Windes“ erzählt wird und „Der Gefangene des Himmels“ – eine Weiterführung von Daniel Semperes Handlungsstrang. Ein vierter und letzter Roman der Reihe ist in Planung.

Zafón hat sein geliebtes Barcelona längst verlassen und lebt seit den neunziger Jahren in Los Angeles. Seine Romane leben jedoch von der Erinnerung an die Stadt, die ihn schon früh zum Schreiben inspirierte: Die Backsteinmauern, geheimen Gänge und verwinkelten Türme der  Jesuitenschule „Sarrià“, die Zafón als Schüler besuchte, hatten in ihm die Lust am Geschichtenerzählen geweckt.

In seinem Roman „Marina“, der vor der „Friedhof der vergessenen Bücher“-Reihe erschien und später ebenfalls zum Bestseller avancierte, setzte Zafón der Schule ein Denkmal. Schon hier zeigte der Autor einen Hang zum Mysteriösen, Schaurigen und Surrealen.

„Marina“ erzählt die Geschichte des Schülers Óscar Drai, der auf ein junges Mädchen trifft, das ihn in seinen Bann zieht. Zusammen mit Marina folgt er einer geheimnisvollen Dame in Schwarz, die sie auf die Spur des einst reichsten Mannes Barcelonas führt. Getrieben von Verzweiflung und Größenwahn hatte dieser ein dunkles Geheimnis, das der Welt bisher verborgen blieb.

Derzeit arbeitet der Zafón an dem mit Spannung erwarteten letzten Teil der „Friedhof der vergessenen Bücher“-Reihe. Titel oder Veröffentlichungsdatum sind allerdings noch nicht bekannt.

Vorschau: Nächste Woche erscheint hier ein Artikel zur Mannheimer Streetart.

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Wenn die Wohnzimmer hell erleuchtet sind vom Glanz der Kerzen, wenn der Duft von Glühwein und Tannenbäumen die leeren, dunklen Gassen erfüllt, wenn man von drinnen das fröhliche Lachen kleiner Kinder hört und das Läuten der Kirchenglocken über die schneebedeckten Dächer hallt – dann ist Weihnachten. Aber wie verbringen eigentlich die Face2Face-Redakteure das Fest der Liebe? – Ein Blick hinter die Kulissen:

Eva-Maria Obermann (Kolumne) begründet eine eigene Weihnachtstradition

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Kirche, Kind und Weihnachtsessen: Face2Face-Kolumnistin Eva-Maria Obermann bringt alles unter einen Hut (Foto: privat)

 „Früher, als ich Kind war oder zumindest ein kleineres Kind als heute, war Weihnachten einfach. An Heiligabend besuchten wir die eine Oma, am ersten Feiertag die andere und oft schafften wir es, vorher unterm eigenen Baum zu feiern. Doch so klein bin ich schon lange nicht mehr. Scheidungen, neue Familienmitglieder, Termine, Termine. An Weihnachten war ich immer hin und her gerissen und wusste nicht so recht, wo ich eigentlich sein will. Als ich schwanger wurde, habe ich unter das Chaos einen Schlussstrich gezogen: seitdem lade ich zu Heiligabend Eltern, Großeltern und meinen Bruder ein, und wer nicht mag, hat Pech gehabt. Manche wollen das nicht so ganz verstehen, aber ich bleibe stur.

Nachmittags gehe ich mit meinem Sohn in die Kinderchristmette – wer will kann uns da schon begleiten. Die meisten kommen aber erst zum Essen und sparen sich die Kirche. Ich finde gerade die Kindermesse wirklich schön und weihnachtlich. Dann geht es nach Hause. Unter unserem Weihnachtsbaum können sich die Geschenke – hauptsächlich für den kleinen Mann – stapeln und auch mein Weihnachtsessen ist nicht ohne: Champignoncremesuppe für meinen Bruder, jedes Jahr eine neue, leicht exotische Salatvariation, Weihnachtspute mit Ofengemüse und nach der Bescherung einen süffisanten Nachtisch. Weihnachten ist eben nur einmal im Jahr. Und das strahlende Gesicht eines Kindes, wenn es alle, die es lieb hat, versammelt weiß, ist den kleinen Ärger, weil ich damit eine neue Tradition begründet habe und an ihr festhalte, wirklich wert.“

Johannes Glaser (Wirtschaft&Poltik) ist begeistert von so viel Frieden und Toleranz

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Liebt den Frieden in der Weihnachtszeit: Politik-Redakteur Johannes Glaser (Foto: privat)

 „Weihnachten und Kirche – bei uns zuhause hing das nie zusammen. Aufgewachsen bin ich in einer ziemlichen Atheistenfamilie, weswegen ich meine bisherigen Kirchgänge wohl gut an einer Hand abzählen kann – auf Weihnachten ist bisher keiner davon gefallen.

Trotzdem habe ich Weihnachten immer geliebt. Als ich jünger war natürlich vor allem wegen der Geschenke, die mir inzwischen nicht mehr wichtig sind. Ich finde Weihnachten deshalb so toll, weil die Menschen, die das ganze Jahr über damit beschäftigt sind, sich aus den schwachsinnigsten Gründen gegenseitig zu schaden und zu hassen, zumindest zeitweise zur Besinnung kommen. Anfang Dezember werden die Leute jedes Jahr scheinbar über Nacht viel friedlicher, umgänglicher und toleranter. Das finde ich wunderschön, und ich bin Jahr für Jahr aufs Neue begeistert!

Weihnachten selbst feiere ich mit meiner Familie und vielleicht nachts noch mit Freunden, soweit sind die Pläne bisher noch nicht. Auf jeden Fall freue ich mich dieses Jahr vor allem darauf, dass meine Schwester, die angefangen hat in Konstanz zu studieren, über die Feiertage nach Hause kommt. Andererseits hat Weihnachten dieses Jahr auch einen bitteren Beigeschmack: Meine Oma, die wir zu Weihnachten immer besucht haben, ist dieses Jahr verstorben. Da bleibt eine große Lücke.“

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Verbringt Weihnachten wie hier 2007 mit Freunden: Musik-Redakteurin Selin Güngör (Mitte) (Foto: privat)

Selin Güngör (Musik) begeht das Fest der Liebe mit ihren engsten Freunden

 „Ich verbringe Weihnachten jedes Jahr mit meinen engsten Freunden. Da ich Muslima bin und Weihnachten für mich keinen religiösen Aspekt hat, gehe ich auch am Weihnachtsabend nicht zur Messe. Es geht mir nicht um Geschenke, wenn ich Weihnachten mit meinen Freunden feiere, es geht mir um den Zusammenhalt und das familiäre Beieinander. Jedes Jahr am 23. Dezember gehen wir alle zusammen essen. Wir suchen ein gemütliches Lokal, treffen uns, essen gemeinsam und freuen uns zusammen zu sein. Diese Tradition gibt es schon seit vier Jahren. An den eigentlichen Weihnachtsfeiertagen bin ich dann entweder bei der Familie meines Freundes oder bei der Familie meiner besten Freundin und auch wenn ich kein Wintermensch bin – auf unser Weihnachtsessen freue ich mich immer wieder.“

Julia Pfirrmann (Wirschaft&Politik) zollt in diesem Jahr dem Satz „I´m coming home for christmas“ Tribut

Atheisten und Flötenstücke – die Weihnachtstraditionen der Face2Face-Redaktion

Freut sich auf ihren Weihnachtsbesuch in Deutschland: Wirtschafts-Redakteurin Julia Pfirrmann (Zt. in Barcelona, Spanien) (Foto: privat)

 „Vermutlich wird sich an den Heilig Abend-Feierlichkeiten in unserem Hause nie viel ändern. Der 24. Dezember beginnt mit der geschwisterlichen Diskussion, wer denn jetzt die großen Kugeln an den Weihnachtsbaum hängen darf und wer die unbeliebte Aufgabe des Tannennadelwegsaugens übernimmt. Am Ende erledigt die große Schwester – also ich – dann meist alles alleine. Nachdem letzte Geschenke eingepackt und Flötenstücke eingeübt sind, besuchen wir nachmittags den Weihnachtsgottesdienst und danach, mit Miniweihnachtsbäumen und Kerzen bestückt, den Friedhof. Letztere Aktivitäten sind uns weniger aus religiösen Gründen, sondern vielmehr zur Erhaltung alter Familientraditionen wichtig. Dieser Weihnachtsgruß an unsere Lieben besteht schon sehr lange und wir lassen uns auch nicht von Regen, Schnee oder der unangenehmen Mischung aus beidem aufhalten.

Das von selbstgemachten Nudeln begleitete Weihnachtshähnchen wurde von meinem Stiefvater liebevoll das „schnellstes Huhn der Welt“ getauft. Wenn er dann einmal im Jahr am Herd steht, werden wir festtagsgemäß mit maßlosen Mengen an Sahne beglückt, sehr zur Freude meiner Mutter und mir. Dem Essen folgt ein wenig weihnachtlicher Sing-Sang und dann, bevor die Hälfte der Anwesenden der Völlerei wegen eingeschlafen ist, die Bescherung.

Neben all der Tradition wird dieses Weihnachten aber etwas ganz Besonderes für mich sein. Ich habe meine Familie nun mehrere Monate nicht gesehen und unterbreche mein Auslandssemester in Spanien für vier Tage um zum ersten Mal dem Satz „I’m coming home for christmas“ Tribut zu zollen. Das Wichtigste an Weihnachten sind mir nämlich meine Lieben und die Freude, die ich durch kleine Geschenke in ihre Gesichter zaubern kann.“

Vorschau: SPONTANE PROGRAMMÄNDERUNG: Am Dienstag, 27. Dezember erwartet euch anstelle des angekündigten Interviews mit heute-journal-Nachrichtensprecher Claus Kleber ein Interview mit Schauspieler Matthias Schweighöfer. Das Gespräch mit Claus Kleber gibt´s dann im Januar.
Lisas Rätsel des Monats wird nach wie vor am Dienstag, 3. Januar erscheinen.