Zwölf Tote nach Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt

KOMMENTAR: Nur fünf Tage vor Heiligabend geschieht es an der Berliner Gedächtniskirche: Ein bisher noch nicht identifizierter Täter fährt mit einem LKW –  ohne Licht und offenbar mit erhöhter Geschwindigkeit – in das Weihnachtsmarkt-Geschehen am Kurfürstendamm und reist zwölf Menschen in den Tod. 48 weitere sind zum Teil schwer verletzt. Unweigerlich kommen die Bilder vom Terroranschlag in Nizza in das Gedächtnis, auch wenn es für Vergleiche laut Terrorexperten noch zu früh sei. Der Beifahrer – nach derzeitigem Stand der Ermittlungen ein polnischer Staatsbürger –  ist ebenso tot. Nach einem Kopfschuss erliegt er seinen Verletzungen, jedoch  erst nach der Amok-Fahrt. Nach Aussagen des polnischen Spediteurs und Eigentümers des Tat-LKWs beim Nachrichtensender TVN 24 hatte er den eigentlichen Fahrer, seinen Cousin Lukasz U., seit 16 Uhr nicht mehr telefonisch erreichen können. Der Wagen sei – so vermutet er – bei einem Zwischenstopp auf der Strecke von Italien nach Polen in Berlin entführt worden.

Ein Terroranschlag?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière gibt im Interview mit dem Nachtmagazin zu bedenken, dass von der getroffenen Wortwahl eine psychologische Wirkung auf das ganze Land ausginge. Denn bisher fehlen die Merkmale des Terrors. Zwar hatte sich am Dienstag die Terrororganisation Islamischer Staat durch den Sprecher Amak die Tat zu Eigen gemacht, indem der Attentäter als ein „Soldat des Islamischen Staates“ bezeichnet wurde. Der Tathergang, soweit er sich bisher rekonstruieren lässt, passt in das Bild eines islamistischen Anschlages: GPS-Daten sollen zeigen, dass der Lkw drei Mal gestartet wurde, doch erst kurz vor der Tat seinen Parkplatz verließ. „Es wirkte, als habe jemand Fahren geübt“, sagt der Spediteur. Schließlich lenkte der Fahrer den LKW mehrere Meter über den Weihnachtsmarkt – zwischen den Buden hindurch – und floh nach der Tat. Der Täter, über dessen Nationalität schon früh von allen Seiten gemutmaßt wurde, ist immer noch auf freiem Fuß und offenbar bewaffnet. Der Tatverdächtige, einen pakistanischen Flüchtling, den die Polizei Montagnacht festnahm, hatte sich als Unbeteiligter ohne Schmauch- oder andere Spuren herausgestellt. Die Polizei fahndet weiter, derzeit nach einem Anis A. aus Tunesien.

So steht denn auch ohne die Benutzung eindeutigen Symbole fest: Angst und Schrecken verbreitet diese Tat schon ohne die Zuschreibung von Terror – und erfüllt damit doch dessen wichtigstes Kriterium.

 

Amokläufe und Terrorismus – Eine Annäherung an das Phänomen

KOMMENTAR: Das Ergebnis der R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen 2016“ zeigt, wie die Angst vor terroristischen Anschlägen anwächst: Im 25. Jahr der Studie liegt der Wert auf 73 Prozent und nimmt damit in einem Jahr um 21 Prozentpunkte zu. Damit markiert die Angst vor Terroranschlägen den ersten Platz des Angstindex. Dabei beinhalten diese Zahlen nicht einmal die neusten Entwicklungen: Ein Einkaufszentrum und ein Schnellrestaurant in München oder ein Zug bei Würzburg – überall kann die undefinierbare Gefahr zuschlagen. Sogar ein Minderjähriger kann mit einer Axt das ganze Land in Schrecken versetzen.

Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was als Terrorismus begriffen wird – nämlich definitionsgemäß Angriffe auf die öffentliche Ordnung – und Amokläufe, die vielmehr als Taten von Einzelnen zu verstehen sind. Allerdings zeigt die Betrachtung des Phänomens Attentat deutlich, dass es hier grundsätzlich keine Trennungsschärfe zwischen den Begriffen gibt. Da Terror eine ideologische Aufladung einer Tat bedeutet, die auf die Motivation des oder der Täter abhebt, ist sie dem Vollzug meist nicht abzulesen. Terror zeigt sich nämlich als getragen durch Symbole. Findet man bei einem Täter eine selbstgezeichnete IS-Flagge, so scheint der Fall klar: Die Psychologisierung macht den Täter zum Terroristen.

Aber auch, wenn sich Organisationen nachträglich zu Anschlägen bekennen und sie damit für sich vereinnahmen, wird der Tat eigentlich nur ein Symbol beigefügt, was auf die eigentliche Funktion von Terror hindeutet. Es ist keine militärische Strategie im klassischen Sinne, es wird kein Raum in Anspruch genommen, vielmehr geht es um das Erschaffen und das Schüren von Angst auf Seite der Betroffenen. Gleichzeitig sollen dabei – wie eine Art Bumerang-Effekt – die Sympathien derer gestärkt werden, die sich bereits im ideologischen Umfeld der Organisationen herumtreiben. Terror ist demnach ein Prinzip der Kommunikation. Er liegt sehr nahe am Feld des politischen Widerstandes und traditionsgemäß wird damit auch auf Oppositionelle verwiesen. Eindrucksvoll ist dies derzeit in der Türkei zu sehen, wo nach einem gescheiterten Militärputsch der türkische Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan eine „Säuberungsaktion“ durchführt.

Aber wie kann ein Anschlag, bei dem Menschen sterben, in jemandem Sympathien wecken? Um dies zu verstehen, muss grundsätzlich ein Weltbild angenommen werden, das eben nicht darauf abzielt, alle Menschen als gleichwertig zu verstehen. Vielmehr muss für einen Sympathisanten ein gewisses, arbiträres Merkmal vorhanden sein – und Religion ist hierfür nur das populärste Beispiel – welches alle diejenigen abwertet, die dieses Merkmal nicht teilen. Eine solche Weltsicht impliziert ein Denken in Schubladen, das uns alle berührt. Ob man sich nun für besonders hält, weil man Deutscher ist, oder Veganer – ein jeder interpretiert gewisse Eigenschaften als Beleg für die eigene Überlegenheit. Besonders relevant werden diese Eigenschaften vor dem Hintergrund von Diskriminierungserfahrungen, die sich oftmals gerade auf solche besonderen Merkmale beziehen.

Eine Zurückweisung der Besonderheit löst in Betroffenen häufig eine Überbetonung aus. Studien, wie die vom Bundeskriminalamt 2004 in Auftrag gegebene, legen weiterhin nahe, dass ein potenzieller Attentäter von seinem schützenden verwandtschaftlichen Umfeld abgelöst ist – also einer relativ geringen sozialen Kontrolle, aber auch Fürsorge unterliegt. Sprich: Er hat nichts zu verlieren. Prototypisch folgt darauf die Suche nach einer Ersatzfamilie, die – und hier wird das überbetonte Merkmal wiederum interessant – auf ungeahnte Weise das widerzuspiegeln scheint, was der Suchende in sich für besonders hält. Diese gemeinsame Interessenslage verknüpft der vormaligen Einzelgänger dann mit Werthaltungen, die das Verhalten regulieren und die Anpassung begünstigen. Sie bieten dem Suchenden eine Art Ergänzung zu dessen Identität an. Häufig schließen die Gruppen damit auch an bereits gegebene Problembewältigungsmuster an, wie das Konsumieren von Drogen oder Gewalt. Sehr häufig hört man in solchen Zusammenhängen, dass die betreffenden Personen in das Umfeld „hineingerutscht“ seien. Das erklärt sich wiederum – wenn auch nicht ausschließlich – aus Schutz- und Wiedererkennungsfunktionen. Der Suchende stellt dann die Ideale der Gruppe und deren Ideologie über das eigene Leben und schon kann aus ihm ein Täter werden.

Meist geschieht dies im Verborgenen. Es entzieht sich auch der Nachvollziehbarkeit für den Einzelnen und zeigt sich oft erst dann, wenn es zu spät ist. Prozesse der Radikalisierung verlaufen hochgradig individuell und können deshalb nie pauschalisiert werden. Nichtsdestoweniger übernehmen radikalisierungsanfällige Personen oft die ideologische Rhetorik einer solchen Gruppe. Dies kann als Ansatzpunkt gesehen werden, aber nicht als Beleg bestehen. Der Einzelne scheint immer nur noch Halt und Zustimmung zu streben und Werthaltungen sind nicht sichtbar oder regulierbar. Dabei hat es schon immer Terrorismus und Angriffe auf die gesellschaftliche Ordnung gegeben, weil es immer Ungleichheit in der selbigen gibt. Diese werden auch nicht einfach wegzureden sein.

„Clash of Cultures“ oder: Die Attentate von Norwegen im Wechselspiel der Kulturen

Am Freitag, 22. Juli zieht Anders Behring Breivik los, die Welt zu ändern: Im Regierungsviertel von Oslo bringt er eine Autobombe zur Detonation, die mindestens sieben Menschen tötet. Etwa zwei Stunden später erreicht er die 40 Kilometer entfernte Zwerginsel Utøya, auf der sich zu diesem Zeitpunkt ein Ferienlager der Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei befindet. Als Polizist verkleidet sammelt er die anwesenden Jugendlichen zunächst um sich, um dann mit einer automatischen Waffe das Feuer auf die arglosen Camper zu eröffnen. Im folgenden, anderthalbstündigen Kugelhagel sterben mindestens 85 Menschen.

 Was Breivik auf Utøya und in Oslo angerichtet hat, ist jedoch alles andere als ein typischer Amoklauf: Anders Behring Breivik, der für den Tod von mindestens 93 Menschen verantwortlich ist, ist in seinem Fanatismus davon überzeugt, etwas Richtiges vollbracht zu haben. Als politisches Fanal einer Kulturrevolution sieht er selbst die Attentate des 22. Juli. So verteilt er, kurz bevor er zu seinen Gräueltaten aufbricht, ein von ihm zusammengestelltes, 1516 Seiten starkes Manifest – betitelt als “2083. A European Declaration of Indepence” –, in dem er seine politische Weltsicht erklärt und die Anschläge bereits im Vorfeld zu rechtfertigen versucht. Dabei stilisiert er sich selbst zum Märtyrer.

 Der 32-jährige Norweger offenbart sich darin als Gefangener in einem äußerst fremdenfeindlichen Weltbild. Die Ideale, die er vertritt, sind fundamental-christlich, anti-muslimisch und anti-marxistisch. Anlass für seine Tat war wohl vor allem der von ihm befürchtete Verlust von europäischer Identität, die durch Multikulturalisierung der Gesellschaft eintreten soll.

 Aber Moment! Verlust der europäischen Identität? Angst vor Überfremdung? Das sind keine völlig neuen Ideen, die plötzlich im Raum stehen. Sie sind vielmehr identisch mit den Äußerungen der rechten Parteien und einzelner Rechtspopulisten, wie aktuell etwa Geert Wilders und Thilo Sarrazin, deren Ideen beängstigenderweise auf großen Zuspruch in der Bevölkerung stoßen, was Breivik durchaus bewusst gewesen sein muss. Die Veröffentlichung seines politischen Manifests ist ein Versuch, den Rassenhass weiter zu schüren und Nachahmungstäter zu mobilisieren. Plötzlich existiert in Europa eine ganz neue Bedrohung: Durch den fanatischen Akt des 22. Julis haben rechtsextremer Terrorismus und Kulturkampf europäischen Boden betreten.

 Es könnte nun geradezu katastrophale Folgen haben, Anders Behring Breivik als schießwütigen Irren abzustempeln und seine Taten auf die sich jetzt schon anbietenden, typischen Sündenböcke – Rechtsextreme, religiöse Fundamentalisten, die Medien – zu schieben und es damit bewenden zu lassen, denn das ursächliche Problem – die Fremdenfeindlichkeit – bleibt damit weiterhin bestehen. Notwendiger als jemals zuvor in der jüngeren europäischen Geschichte ist eine gesellschaftliche Aufarbeitung und Reflexion der Ideen, die Breivik zu seinem grausamen Akt des Extremismus verleiteten. Denn sonst droht in den nächsten Jahren vielleicht wirklich das, was er erreichen wollte: Ein europäischer Kampf der Kulturen.

 Denn die Welt wächst immer weiter zusammen. Vor allem durch die Globalisierung der Information ist Multi- und Interkulturalität ein ganz alltägliches Phänomen geworden, welches in vielen Europäern Ängste weckt, die eigentlich längst überwunden sein sollten: Angst vor „Überfremdung“, Angst vor Identitätsverlust. Der rechts-konservative Denkfehler, der dieser Furcht zugrunde liegt, ist die Vorstellung, dass mit zunehmender Einwanderung und Globalisierung eine Art national-verwurzelte, kulturelle Struktur destabilisiert werden könnte, mit der sich die Angehörigen dieser Kultur identifizieren. Dabei wird regelmäßig übersehen, dass Kultur nicht statisch ist und auch nicht statisch sein kann, denn sie ist ja nicht „einfach so“ da, sondern sie ist abhängig von den Angehörigen des Kulturkreises, die sie tragen. Von „Kulturverlust“ kann also gar keine Rede sein, Voraussetzung dafür wäre das gleichzeitige Aussterben aller Kulturträger.

 Ähnlich unbegründet ist die Angst vor einem kulturellen Identitätsverlust durch Überfremdung. Denn wie Kultur ist auch Identität ein Abstrakt und damit immer abhängig von dem, der sie denkt. Da aber die den Denkenden umgebende Kultur ständig in Bewegung ist, wird die eigene Identität ständig  verloren – und neu geschaffen.

 Hinter der ganzen Fremdenfeindlichkeit steht viel mehr die Ablehnung ganz bestimmter Ideen und Ideale: Im 21. Jahrhundert zeichnet sich ein  „clash of cultures“ zwischen der westlich-kapitalistischen Welt, den islamischen Nationen und den sozialistisch und kommunistisch geprägten Staaten ab. Angehörige entsprechender Kulturen werden misstrauisch beäugt, ein funktionierendes Miteinander wird von vorneherein durch rechtspopulistische Ablehnung massiv gestört. In der Menschheitsgeschichte hat diese wertende Haltung schon mehrfach desaströse Konsequenzen geschaffen: Unterdrückung, Krieg, Völkermord.

 Der Schlüssel zu einer besseren Welt kann nicht in Rassenhass und in nationaler Eigenbrötlerei liegen, wie es dem norwegischen Todesschützen vorschwebt. Solange große Kulturblöcke missgünstig nebeneinander existieren, wird es immer wieder zu kleineren und größeren, fanatischen Akten des Hasses kommen. Eine weitere Abkapselung der Kulturen kann nur eine zunehmende Ausprägung der skeptisch-betrachteten Aspekte in den anderen Kulturen zur Folge haben – wie soll es ohne Austausch auch zu einer für alle funktionierenden Basis kommen?

 Es bleibt zu hoffen, dass schließlich irgendwann ein wohlwollender Dialog zwischen den Kulturen einsetzt, der Horrorszenarien wie die Menschenjagd auf Utøya unmöglich macht. Die Alternative dazu lautet: „Clash of Cultures“.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Julia über den Euro-Rettungsschirm.