Wenn aus Eltern Kinder werden

Der Lauf des Lebens: Irgendwann werden auch die eigenen Eltern alt

Der Lauf des Lebens: Irgendwann werden auch die eigenen Eltern alt (Foto: stevepb/pixabay.de)

Sie brauchen Hilfe, kommen alleine nicht zurecht. Jemand muss für sie da sein, muss ihnen das Essen machen, muss seelischen Beistand leisten und trösten. Jemand muss Verantwortung für sie übernehmen, denn das können sie selbst nicht. Wer jetzt daran denkt, wie Eltern für ihre Kinder sorgen, der hat zwar recht, aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Auch Eltern brauchen Unterstützung von ihren Kindern. Damit meine ich nicht die Beziehungskrise, weil Vater in der Midlife-Krise steckt und neue, tolle Hobbys ausprobiert, während Mutter sich vernachlässigt fühlt. Nein, ich meine vielmehr die Zeit, wenn die eigenen Eltern alt werden, also in die Generation „65 plus“ wechseln und eben nicht mehr komplett auf eigenen Füßen stehen können.

Zwischen Pflegefall und altersbedingten Hürden

Der absolute Pflegefall ist da natürlich die dramatischste Form. Wenn ein Elternteil ohne Hilfe überhaupt nicht mehr kann – meist krankheitsbedingt. Wenn ein Schlaganfall oder Demenz aus den geliebten Eltern hilflose Personen machen, die vollkommen auf andere Menschen angewiesen sind. In solch einem Fall wird die Beziehung zwischen Kindern und Eltern auf die Zerreißprobe gestellt.

Aber auch in weniger dramatisch anmutenden Fällen findet sich viel Potenzial für Tragik und schlaflose Nächte. Mama und Papa sind vielleicht körperlich noch einigermaßen fit, geistig bemerkt man zwar schon Schwächen, aber alles noch im „Normalbereich“ des altersbedingten Abbaus. Trotzdem brauchen die Eltern dann Hilfe. Genau das kann die Kinder belasten, vielleicht sogar noch mehr als ein „echter“ Pflegefall.

Denn bei einem echten Pflegefall hat man kaum eine Wahl. Die Eltern sind zu 100% auf die Kinder angewiesen. Dann ist es auch vollkommen normal, professionelle Unterstützung in Form von Pflegepersonal zu engagieren. Auch der Staat kann hier – wenn auch noch nicht ausreichend und zufriedenstellend – unter die Arme greifen. Doch was, wenn die Eltern eben kein Pflegefall sind, sondern einfach nur „alt“?

Die Sache mit dem Gewissen

Beschwerlich: Im Alter wird der Alltag zur Herausforderung

Beschwerlich: Im Alter wird der Alltag zur Herausforderung (Foto: BM10777/pixabay.de)

Dann steht man als Kind vor einer schweren Gewissensentscheidung. Man könnte die Eltern theoretisch auch alleine lassen. Spielen wir das Szenario mal durch. Mama und Papa sitzen alleine zu Hause und sehen fern, kommen kaum aus dem Haus und haben wenig soziale Kontakte. Wenn sie doch aus dem Haus gehen, dann in der Regel zum Einkaufen. Aber auch das ist für beide eine Bürde. Den überladenen Hackenporsche schleifen sie auf dem Weg nach Hause hinter sich her. Und unten an der Treppe, die gnadenlose Wahrheit: Das ganze Zeug muss noch in den vierten Stock, ohne Aufzug. Das nur als ein kleiner Ausschnitt aus dem beschwerlichen Alltag im Alter. Vielleicht kommen noch finanzielle Probleme durch eine knappe Rente dazu und die Krise ist perfekt.

Kann man da die Eltern im Stich lassen? Immerhin ist da das eigene Leben. Man hat studiert, will Geld verdienen, Karriere machen, Urlaube genießen. Vielleicht auch eine eigene kleine Familie gründen. Wie heißt es doch so schön: „Jeder ist seines Glückes eigener Schmied“.

Das Dilemma

Hier steckt man in der Zwickmühle. Auf der einen Seite sieht man seine eigene Zukunft, die eigenen Bedürfnisse, die man endlich nach Schule und Studium befriedigen könnte. Auf der andren Seite sind da die alten Eltern. Die zwar zurechtkommen, aber jedes Telefonat mit dem Satz beginnen „Hast wieder viel zu tun, was?“

Und hier muss man sich entscheiden. Wie viel schulde ich meinen Eltern? Haben sie mich doch mindestens 18 Jahre durchgefüttert, mit Studium sind es schnell 25 bis 30 Jahre. Das provoziert schnell Schuldgefühle, ein schlechtes Gewissen. In den meisten Fällen kommt dann noch Mitleid für die einsamen Eltern dazu. Ich spreche hier ausdrücklich nicht von den extremen Fällen, in denen das Eltern-Kind-Verhältnis durch Traumata wie Gewalt oder Alkohol schwer gestört oder gar zerstört ist. Aber selbst dann empfinden viele Menschen noch einen Funken Mitleid, das liegt einfach in unserer empathischen Natur.

Wie soll man sich nun entscheiden?

Zwickmühle: Die Interessen von Jung und Alt stehen sich oft diametral gegenüber

Zwickmühle: Die Interessen von Jung und Alt stehen sich oft diametral gegenüber (Foto: geralt/pixabay.de)

Diese Frage ist sicher die interessanteste und gleichzeitig komplizierteste. Wer sich hier eine eindeutige Antwort erhofft hat, den muss ich leider enttäuschen. Wie immer bei ethischen Fragen, die das Gewissen betreffen, gibt es nur eine schwammige Antwort: Jeder muss selbst entscheiden, was für das Richtige ist – so hart das auch ist. Schließlich ist jede Situation anders und gerade in einer so sensiblen Thematik wäre es falsch, zu pauschalisieren. Zumindest eines steht jedoch fest: Man sollte versuchen, alle Interessen zu wahren. Die der Eltern einerseits, die Beistand und Nähe brauchen. Andererseits aber genauso die eigenen, die Unabhängigkeit und Distanz bedeuten. Das ist schwer, sehr schwer. Ein kleiner Trost könnte sein, dass wir nicht alleine sind. Jeder hat Eltern und wie die meisten Menschen werden sie irgendwann alt.

Karaoke und Lip Sync – Von neuen und alten Trends

Trends wiederholen sich – ob im Modebusiness mit Neuinterpretationen von Schlaghose und Schulterpolster oder in der Musikindustrie mit dem Revival der 90er Jahre. Man wird die Geister der Vergangenheit selten wieder los. So scheint es auch mit dem Karaoke-Singen zu sein. Neue Apps versprechen Gesangsspaß, allein oder auch mit Freunden.

Vor wenigen Jahren boomten noch die Karaoke-Spiele für Konsolen wie Playstation oder Wii, die es jedem möglich machten, sein Gesangstalent zur Schau zu stellen, ob man nun singen konnte oder nicht. Dazu brauchte es noch nicht einmal mehr den Mut, sich vor anderen Menschen in Bars oder Pubs zu präsentieren, jetzt ging es locker im Wohnzimmer vor dem Fernseher.

Genau diese Mentalität haben sich viele App-Entwickler zu Herzen genommen. Schaut man durch die Appstores, entdeckt man viele neue Apps, die einem das Singen direkt mithilfe des Smartphones ermöglichen. Dabei kann man sich filmen und das danach mit seinen Freunden teilen. Verschiedene Apps bieten auch Zusammenschnitte mit bekannten Stars an, um das Karaoke-Erlebnis noch zu verstärken.

Aber nicht nur alte Trends leben gerade wieder auf – auch neue gesellen sich dazu, wie zum Beispiel das sogenannte „Lip Syncing“, also übersetzt: Lippen synchronisieren. Das funktioniert wie bei Playback-Aufnahmen: Der Titel wird gespielt und man muss nur noch die Lippen passend zum Text bewegen. Apps wie Musical.ly haben sich dabei als Social Media Plattformen etabliert. Bekannte Stars und normale Nutzer laden dort ihre Videos hoch, auf denen sie zu verschiedenen Liedern, aber auch lustigen Zitaten oder Geräuschen Lip syncen. Der Clou dabei ist, dass die Videos später in einer schnelleren Geschwindigkeit abgespielt werden, als sie zunächst aufgenommen wurden.

Fraglich ist jedoch, wie erfolgreich dieser Trend wirklich wird und wie lange er sich hält. Denn die Erfahrung hat uns schon oft gezeigt, dass nicht jeder Trend lange beliebt ist.

 Vorschau: Nächste Woche berichtet Yasmin über die junge Rapperin Little Simz und die Rettung des Female Rap.

ESC – Jedes Jahr aufs Neue

Auch dieses Jahr ist es wieder soweit. Die europäische Musikwelt steht Kopf, denn nächsten Samstag ist der Eurovision Song Contest (ESC). Wir haben für euch die Fakten zum ESC 2015 gesammelt, wollen einen Blick auf die diesjährige deutsche Vertreterin werfen und im Schnellfaktencheck die Historie des Musikwettbewerbs unter die Lupe nehmen.

Bunt: So bunt wie die Farben der Flaggen ist auch die facettenreiche Musik Europas. (Foto: V.Wahlig)

Bunt: So bunt wie die Farben der Flaggen ist auch die facettenreiche Musik Europas. (Foto: V.Wahlig)

ESC 2015

Der diesjährige Eurovision Song Contest wird zum 60. Mal ausgetragen und findet vom 19. bis 23. Mai 2015 in Wien statt. Die österreichische Hauptstadt ist zum zweiten Mal Austragungsort. 1966 holte Udo Jürgens den Sieg nach Österreich und im drauf folgenden Jahr war das europäische Musikspektakel zu Gast in Wien. Im letzten Jahr gewann Conchita Wurst den Musikwettbewerb und holte somit zum zweiten Mal den ESC in die österreichische Hauptstadt. Mit ihrem Song „Rise like a Phoenix“ erreichte sie in Dänemark den ersten Platz.

Besonderheit dieses Jahr: am europäischen Wettbewerb nimmt erstmals auch Australien teil, das auf eine Einladung der European Broadcasting Union (EBU) folgt. Insgesamt nehmen 40 Länder teil.

Das diesjährige Motto lautet „Building Bridges“ (Brücken bauen) und wirft damit auch einen Blick auf die momentane politische und gesellschaftliche Lage Europas.

Moderiert wird die Veranstaltung von Alice Tumler, Arabella Kiesbauer und Mirjam Weichselbraun. Conchita Wurst wird den Green Room moderieren.

Bei uns läuft der Hauptwettbewerb, ohne die Vorentscheidungsrunden, am Samstag, 23. Mai in der ARD.

Die deutsche Vertreterin

Deutschland schickt keinen großen Star der deutschen Musikwelt in den Ring, sondern hofft auf den Esprit der Newcomerin Ann Sophie. Ihr Song heißt „Black Smoke“.

Nachdem sie sich im Februar 2015 im Clubkonzert gegen neun weitere noch unbekannte Künstler im Kampf um die Wildcard durchsetzen konnte, bekam Ann Sophie einen Platz in der deutschen Vorentscheidssendung.

Dort unterlag sie zwar eigentlich in der Zuschauerabstimmung gegen Andreas Kümmert, dieser lehnte allerdings seinen Startplatz zu Gunsten der Newcomerin ab.

Ihre Chancen werden insgesamt von als eher mäßig eingeschätzt. Wir sind dennoch gespannt, welchen Platz die 24-Jährige macht.

Fakten zur ESC-Geschichte

  • “Save our kisses from me“ von Brotherhood Of Man (1976) ist der meistverkaufteste Siegertitel. Die meisten glauben, dass es der ABBA-Hit „Waterloo“ von 1974 ist.
  • In den Anfangsjahren durften beim ESC nur Solokünstler oder Duos auftreten. Mittlerweile liegt die Höchstgrenze bei sechs Personen.
  • Der kürzeste Song, der jemals beim ESC gesungen wurde, war zwölf Sekunden lang. Interpretiert hat ihn die britische Sängerin Patrica Bredin. Höchstdauer der Performance liegt bei drei Minuten.
  • Die kommerziell erfolgreichsten deutschsprachigen Lieder waren Nicoles „Ein bisschen Frieden“ von 1982 und „Dschinghis Khan“ von 1979.
  • Lena Meyer-Landruth war die zweite ESC-Gewinnerin, die versuchte ihren Titel im Folgejahr zu verteidigen.

Vorschau: Nächste Woche lest ihr hier einen Beitrag über ein Festival in Berlin.

Der Eurovision Song Contest – einschalten oder abschaffen?

Im Monat der Europawahlen flimmert mal wieder der Eurovision Song Contest über den Bildschirm. Bei uns in der Musikredaktion hat das Thema für ordentlichen Diskussionsstoff gesorgt und wir wollen euch gerne mit einbeziehen. Hier zwei Kommentare zum Eurovision Song Contest  von Selin und Vanessa.

„Seit Jahrzehnten existiert er schon, der Eurovision Song Contest und seitdem hat Deutschland nur zweimal gewonnen“ weiß Selin. „Den Gewinnern winkt eine erfolgreiche, steile Karriere zu, während die Verlierer im wahrsten Sinne des Wortes im Nichts versinken. Die Gewinnerinnen Nicole (mit dem Song „Ein bisschen Frieden“) und Lena Meyer-Landrut nutzten ihren Erfolg beim ESC aus und hielten noch Jahre nach der Veranstaltung ihren Erfolgsstatus. Leider kann man das nicht von allen sagen, denn die Verlierer waren nicht nur qualitativ nicht gut, sondern wurden auch den Erwartungen ihrer Zuschauer, die sie gewählt haben, nicht gerecht. Ein Beispiel dafür ist die ehemalige Girlgroup No Angels. Sie machte 2008 beim Wettbewerb mit und verlor haushoch. Danach konnte sie im Musikgeschäft nicht mehr erfolgreich Fuß fassen. Alle ihre Versuche scheiterten. So erging es auch der, bis zur Nominierung, erfolgreichen Gruppe Cascada, die nach der Schmach keinen Erfolg mehr vorweisen konnte. So spricht eindeutig mehr gegen eine Kandidatur beim ESC als dafür, denn so beliebt die Sendung auch bei den Zuschauern ist – ebenso deutlich ist, dass ein Misserfolg der Musikerkarriere nur schadet. Hinzu kommt, dass bei einem dem Titel nach europäischen Musik-Wettbewerb schon lange nicht mehr nur Europa teilnimmt, sondern auch viele weitere Länder, wie beispielsweise Aserbaidschan. Damit ist das eigentliche Konzept nicht erfüllt. Die gesamte Veranstaltung ist somit überholt und kontraproduktiv. Um es wieder interessanter zu gestalten, müsste man das Gesamtkonzept der Veranstaltung überarbeiten. Doch das liegt in den Händen der Verantwortlichen, nicht in denen der Zuschauer.“

Klassiker: Schon seit 1956 treten Künstler beim ESC gegeneinander an. (Foto: Wahlig)

Klassiker: Schon seit 1956 treten Künstler beim ESC gegeneinander an. (Foto: Wahlig)

„Selins Worte sind für mich nachvollziehbar“, sagt Vanessa. „Wenn ich an den ESC denke, denke ich vor allem an Musiker, die man nicht kennt und an ein Programm, das ich nur schaue wenn gerade nichts anderes im Fernsehen läuft und an ABBA. Gut, die schwedische Erfolgsgruppe kennt man, aber als sie den Eurovision Song Contest gewann, war ich noch nicht einmal auf der Welt. Früher war alles besser. Naja, so würde ich das nicht sagen, aber was den ESC angeht stimmt es wohl. Vor einigen Jahren war es noch die Talentschmiede um Bands in ganz Europa bekannt zu machen. Heute hat sich das geändert: Es scheint als suchen die einzelnen Länder schon verzweifelt nach einem mehr oder minder würdigen Vertreter. Schon nach der Hälfte der Lieder hänge ich ermüdet quer über dem Sofa und zappe lieber um. Dass beim ESC nur „Schrott“ herauskommt, würde ich dennoch nicht unterschreiben. Lena Meyer-Landrut ist aus deutscher Sicht ein richtiger Knaller beim ESC gewesen! Gut: manchen wird es schlecht, wenn sie an „Satellit“ denken und würden die gute Lena genau zu diesem schießen, aber scheinbar hat sie alles richtig gemacht. Ein bisschen zu extrem hier und ein bisschen zu durchgeknallt da und schon hat man den Sieg in der Tasche. Lieder, die im Kopf bleiben sind eben das Geheimrezept. Das Aus so mancher bekannten Band nach dem ESC, rechne ich aber nicht dem Wettbewerb zu. Die No Angels zum Beispiel haben sich vom ESC ein großes Comeback erhofft, das schnell durch andere Skandale zerschlagen wurde. Für mich ist der ESC, trotz des echt langweiligen Programms wenigsten im Schnelldurchlauf ein Muss. Zu wissen, was die Musiktrends aus anderen Ländern sind, interessiert mich da schon wirklich brennend! Außerdem sieht man auch etwas von der Kultur der teilnehmenden Ländern und das ist gerade bei Ländern wie Aserbaidschan sehr interessant.“

Vorschau: Das nächste Mal stellen wir euch die neusten Musiktrends aus Europa vor.

Einmal Jungbrunnen bitte

Trinken ist wichtig: Wasser hält uns jung (© Michael Grabscheit / pixelio.de)

Trinken ist wichtig: Wasser hält uns jung (© Michael Grabscheit / pixelio.de)

Trinken ist wichtig! Das bekommen wir früh eingetrichtert. Bei jeder Erkältung gibt es literweise Tee, im Sommer läuft die Werbung von trinkenden Menschen nur so über und in guten Restaurants gibt es zum Kaffee ein großes Glas Wasser dazu. In gewisser Weise ist Trinken sogar wichtiger als Essen. Wird verdursten viel schneller, als dass wir verhungern, unsere Zellen dehydrieren, die Haut wird faltig.

Noch als Säugling haben wir einen Wassergehalt von 90%, er sinkt stetig und rapide. Schon als Kind ist er nur noch bei 70%, ein Erwachsener hat noch 65% Wasser im Körper, ein alter Mensch nur noch 60%. Zwei Liter Flüssigkeit sollten pro Tag eigentlich drin sein, doch viele schaffen das nicht. Meine Oma muss man zu jedem kleinen Glas regelrecht zwingen. Kein Wunder, in vielen Köpfen steckt noch der Fokus auf Kaubarem. Als Kind hieß es bei meinen Großeltern immer: erst wird gegessen, danach getrunken. „Sonst ist dein Bauch voll“, sagte meine Oma. So unrecht hatte sie damit nicht. Viele Menschen essen, wenn sie eigentlich durstig sind, eben weil sie schon als Kind gelernt haben, feste Nahrung sei wichtiger.

Ideale Erfrischung: Saftschorle (© Jonathan Keller / pixelio.de)

Ideale Erfrischung: Saftschorle (© Jonathan Keller / pixelio.de)

Tatsache ist, über Säfte und Mineralwasser bekommt der Körper notwendige Nährstoffe genauso gut, eigentlich sogar schneller, als durch feste Nahrung. Darum trinken Diabetiker, wenn ihr Blutzucker stark gesunken ist, etwas Saft, um schnell versorgt zu sein. Ein Glas Wasser vor dem Essen hilft außerdem dem Körper, schneller zu merken, dass er tatsächlich satt ist, und ist darum in jeder Diät einer der ersten Tipps. Essen wir dann weniger, als wir brauchen? Meistens nicht, denn Flüssigkeit wird im Magen auch leichter verdaut. Der Körper würde also einfach nochmal Nachschlag verlangen, wenn er noch hungrig wäre.

Die Einstellung zum Trinken hat sich geändert und ist immer noch schwierig. Im Kindergarten wie zu Hause können wir trinken, wann und oft auch so viel wir wollen. In vielen Kindergärten sind Getränke mit Zuckerzusätzen nicht erlaubt: Ungesüßter Tee, Wasser oder reiner Saft kommt dort auf den Tisch. Zu Hause sind viele nicht immer so konsequent. Limonade, gesüßter Saft oder gar Cola, eben das, was auch die Eltern gerne trinken. Wer greift im heißen Sommer nicht gerne zu einem Glas eisgekühlte Limonade oder Cola mit Eiswürfeln? Ich. Denn ich weiß, dass diese Getränke eigentlich gar keine Getränke sind, zumindest im Sinne von Durstlöscher. Der hohe Zuckergehalt zwingt den Körper dazu, Wasser aus den Zellen ins Blut zu geben, um die Zuckerkonzentration wieder zu verringern. Das führt dazu, dass der Körper Wasser verliert und wir gleich noch viel mehr Durst haben. Ähnliches gilt für Getränke, die zumindest kurzzeitig entwässern, wie bestimmte Teesorten oder Kaffee. Von Alkohol ganz zu schweigen.

Oft sagt mein Mann, wenn ich ihn frage, ob er genug getrunken hat: „Klar, vier Tassen Kaffee“. Dann ist er müde und schlecht gelaunt und versteht nicht, dass es schon gereicht hätte auch etwas Wasser zu trinken, um den Körper bei Laune zu halten. Es gibt immerhin auch Studien, die zeigen, dass Kinder, die auch während des Unterrichts etwas trinken dürfen, (was viele Lehrer aber nicht erlauben) konzentrierter arbeiten. Später scheint uns das wieder klar zu werden. An der Uni treffe ich selten jemanden, der keine Flasche zu trinken in seiner Tasche hat. Einer unserer Freunde hat in seinem Rucksack immer, selbst wenn er zu Besuch kommt, eine Flasche Mineralwasser.

Wahrer Jungbrunnen: Wasser hält die Zellen fit (© Rainer Sturm / pixelio.de)

Wahrer Jungbrunnen: Wasser hält die Zellen fit (© Rainer Sturm / pixelio.de)

Trinken ist so eine Sache, die bei vielen einfach nebenher läuft, auf die nicht geachtet wird. Mal trinken wir mehr, mal weniger, manchmal merken wir gar nicht, dass wir kaum Flüssigkeit zu uns genommen haben, an anderen Tagen kommen wir mit leeren Flaschen aus der Uni. Ein bisschen mehr auf unsere Getränke und unser Trinkverhalten zu achten hilft uns aber nicht nur, den Tag fitter zu überstehen. Es stärkt unseren ganzen Körper, hilft gegen Krankheitserreger und nebenbei ist Trinken das beste Mittel, um jung zu bleiben. Ein echter Jungbrunnen also. Wenn wir etwas weniger auf die Gesellschaft und etwas mehr auf unseren Körper hören könnten, würde am Essenstisch das Trinken im Mittelpunkt stehen, es wäre selbstverständlich in der Schule, in Prüfungen oder auf der Arbeit jederzeit etwas trinken zu können und Flüssigkeiten, die mehr Zucker haben, als unser Körper vertragen kann, hätten ein Warnzeichen auf dem Etikett. Denkt mal bei eurem nächsten Getränk daran. Und Prost.

Vorschau: Sascha erzählt euch nächste Woche, warum er ein notorischer Kantinenverweigerer ist.

Der Ginkgo Baum

Unsere Rubrik heißt zwar „Tier&Umwelt“, jedoch sollten die Pflanzen nicht vernachlässigt werden. Die Pflanzenwelt hat ebenso Erstaunliches vorzuweisen wie die Tierwelt und bildet mit der Photosynthese die Grundlage für den Stoffkreislauf und somit für die ganze Welt. Der Ginkgo Baum zum Beispiel gilt als lebendes Fossil und wird in der traditionellen chinesischen Medizin gerne eingesetzt.

Unverwechselbar: Das Blätterwerk des Ginkobaums (Foto: Günter Schüttauf  / pixelio.de)

Unverwechselbar: Das Blätterwerk des Ginkobaums (Foto: Günter Schüttauf / pixelio.de)

Der Ginkgo Baum ist der einzige heute noch lebende Vertreter einer Gruppe von Samenpflanzen, die es schon vor 300 Millionen Jahren gab. Wie seine Verwandten, die es nur noch als Fossilien gibt, zeichnet sich der Ginkgo durch gabelig verzweigte Blattadern und fächerförmige Blätter aus. Ein Individuum kann bis zu 40 Meter hoch wachsen und majestätische 1000 Jahre alt oder sogar älter werden.

Der in China heimische Baum fand anfangs als Tempelbaum Verwendung. Ab dem 18. Jahrhundert wurde er als Zierbaum genutzt und weltweit angebaut. Seine gerösteten Samen werden im östlichen Raum noch heute gerne verzehrt.

Sein hohes Alter und seine Resistenz gegenüber Krankheiten, durch Bakterien oder Viren, aber auch Pilzbefall, oder gegenüber Pflanzenfressern, haben zur Mystik beigetragen, die über dem Baum liegt. Die Japaner und Chinesen verehren ihn als lebensverlängernd und kraftspendend und das Erfüllen von Wundern wird ihm nachgesagt. Der gongsun shu, wie der unter Naturschutz stehende Baum noch genannt wird, war Teil vieler daoistisch schamanischer Rituale. Nur Ginkgos und Kakerlaken sollen die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki überlebt haben.

Auch in der westlichen Medizin werden die Inhaltsstoffe der Blätter, wie zum Beispiel die ätherischen Öle, zur Durchblutungsförderung und zur Verbesserung des Gedächtnisses eingesetzt. Die Forschung beschäftigt sich oft mit Extrakten mit den Namen EGb 761 und LI 1370. Viele klinische Studien belegen, dass die Flavonoide und Terpenoide aus dem Ginkoblattextrakt bei der Behandlung von Gefäßstörungen, Demenz, Alzheimer und ADHS helfen.

Der Effekt, den der Baum auf die Welt hatte und noch heute hat, ist enorm. Die Form des Blattes veranlasste sogar Johann Wolfgang von Goethe ein Gedicht zu schreiben, welches seiner Liebe gewidmet war:

„Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?“

 

Das Odeon Kino in Mannheim – ein Stück Individualität

Neuste 3D-Technik, hochmoderne Innenausstattung und Filme direkt aus Amerikas bekanntester Filmewerkstatt. So präsentieren sich uns die meisten Kinos dieser Tage – nicht jedoch das Odeon-Kino in Mannheim.

Es befindet sich in G7, 10, nur einen Katzensprung entfernt vom Herzen der Quadratestadt und damit am Rande des Jungbuschs, dem aufstrebenden Künstlerviertel Mannheims. Das kleine Kino, mit lediglich 128 Sitzplätzen macht der Bezeichnung eines „Filmtheaters“ noch alle Ehre: Ein samtener Vorhang verdeckt die Leinwand und öffnet sich, sobald der Film beginnt. Ein Lichtkasten, in den man einzelne Lettern schieben kann, ziert den Eingang und gibt Aufschluss über das aktuelle Programm.

Das Odeon Kino in Mannheim - ein Stück Individualität

Immer wieder ein Blickfang: Die Reklametafel des Odeon Kinos. (Foto: Schwalb)

In diesem findet man zwar auch einige große Kinoproduktionen, vielmehr jedoch Programmkino abseits des üblichen Hollywood-Mainstreams. Zusätzlich werden hier regelmäßig Sondervorstellungen geboten, wie zum Beispiel Regisseurgespräche, die uns an eine Tatsache erinnern, die wir im Strudel der Abfertigung und der Gewinnmaximierung nur allzu gerne vergessen – dass Kino tatsächlich immer noch Kunst ist.

Das Odeon-Kino wurde 1928 als „Volkskino“ eröffnet, es trotzte der Zerstörung des 2. Weltkrieges, die fast ganz Mannheim in Schutt und Asche legte und präsentiert sich auch heute noch – als ältestes Kino Mannheims – mit einem analogen Filmprojektor. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass während eines Filmes die Spule gewechselt werden muss. Das heißt jedoch nicht, dass man auf den gewohnten Dolby Surround-Sound oder gute Bildqualität verzichten muss.

Das Odeon-Kino überzeugt durch das Stück Individualität, das es in der heutigen modernisierten Welt bewahren konnte. Das findet auch der Mannheimer Germanistikstudent Felix Stämmler (21): „Ich gehe gerne ins Odeon, weil mich die Atmosphäre dort überzeugt. Ich bekomme dort hochwertige Filme gezeigt, die in anderen Kinos nicht laufen und die ich mir so wahrscheinlich auch nicht anschauen würde.“  Dienstags ist nebenbei bemerkt Kinotag, an dem man sich für nur 5 Euro in Sessel, die zwar schon einige Jahre auf dem Buckel haben, aber nicht minder bequem sind, zurücklehnen und Programmkino vom Feinsten erleben kann.

… dann klappt´s auch mit dem Nachbarn

Es sind Menschen, die wir uns nicht aussuchen können: unsere Nachbarn. Wenn wir ausziehen, umziehen, in ein neues Haus ziehen, dann sind sie immer in unserer Nähe. Nette Nachbarn machen uns das Leben leichter oder zumindest etwas angenehmer. Haben wir mal etwas nicht zuhause, fragen wir unsere Nachbarin oder unseren Nachbarn, ob er uns das nicht leihen könnte; so läuft das in der Werbung oder im Film. So läuft das mit meinen direkten Nachbarn auch, die sind allerdings auch in meinem Alter und sehr sympathisch. Dann leiht man sich hier das Muffinblech, da etwas Zucker oder bei Besuch auch mal den eigenen Parkplatz in der Tiefgarage. Eine Hand wäscht die andere.

… dann klappt´s auch mit dem Nachbarn

Anonyme Nachbarschaft: wer in solch einem Haus wohnt, der kennt seine Nachbarn selten (Foto: ©Kaffee/PIXELIO)

Bei meinen etwas älteren Nachbarn mache ich das nicht. Vor allem nicht bei meiner „Lieblingsnachbarin“. Meine „Lieblingsnachbarin“, oder auch „Frau Doktor“ genannt, wohnt direkt unter mir und besitzt in etwa dieses Weltbild: Junge Menschen sind laut, hören laute Musik – im Idealfall Techno – haben nichts zu tun, außer andere zu ärgern, und die jungen Frauen laufen den ganzen Tag zuhause in Stöckelschuhen herum.

Die gute Frau denkt also wirklich, ich habe nichts Besseres zu tun, als sie zu ärgern – ist doch klar. Dass ich den ganzen Tag arbeiten bin und nicht einmal die Zeit habe, mich darum zu kümmern, wie ich sie am besten ärgern könnte, das bedenkt sie nicht. Sie klingelte tatsächlich samstags einmal an der Tür, schaute an mir herab und war dann sichtlich überrascht, dass ich eben keine Stöckelschuhe anhatte, sondern Hausschuhe. Für mich ist das ein klarer Fall von Sie-konnten-mich-schon-nicht-leiden-ehe-ich-hier-einzog. Durch den Lärm, der mit dem Aufbau einer Wohnung und eines eigenständigen Lebens dazu gehört, fühlte sie sich auch gestört. Da muss eben hier und da ein Schrank oder eine Kommode aufgebaut werden, das geht mit abgeschaltetem Ton einfach nicht.

… dann klappt´s auch mit dem Nachbarn

So stellt man ihn sich vor: den mies gelaunten Nachbarn, der nur auf Streit aus ist (Foto: ©Gerd Altmann/PIXELIO)

Ich habe mich daran gewöhnt, man kann es halt nicht jedem Recht machen. Mit den anderen Hausbewohnern verstehe ich mich gut und auch, wenn ich „Frau Doktor“ sehe, sage ich freundlich „Guten Tag“ und gehe meines Weges, genau wie bei den anderen auch. Einen wirklichen Nachbarschaftskrieg habe ich noch nie mitbekommen. Aber auch das kommt laut Nachrichten wohl öfter vor. Meiner Meinung nach wirklich eines der unnötigsten Dinge überhaupt. Habt ihr so etwas schon einmal erlebt?

Ich denke da unweigerlich an alte Männer in dunkelgrüner Gärtnerkluft, die sich mit irgendwelchem Gartenwerkzeug in der Hand Schimpfwörter über die Hecke zubrüllen. Da wird sich darüber geärgert, dass die Hecke des einen Nachbarn zwei Zentimeter auf das Grundstück des anderen hinausgeht. Oder die Äste des Kirschbaumes in den Garten des anderen Nachbarn ragen. Sowas kann es auch nur in Deutschland geben …

Erfreut euch doch einfach an dem Grün, liebe Nachbarn, esst ein paar Kirschen zusammen und erfreut euch des Lebens. Es gibt Schlimmeres.

Vorschau: Nächste Woche gibt es einen Bericht über den Start der diesjährigen Grillsaison – es geht wieder los!

Ja, ich altere

Es passiert mir immer öfter. Ich merke, dass ich alt werde. Nicht, weil ich Falten hätte, oder Rheuma, graue Haare. Erscheinungen, die ich zwar kenne, aber nicht unbedingt von mir persönlich. Auch der Ernst des Lebens hat mich noch nicht so wirklich eingeholt. Als Studentin bleiben manche Sorgen einfach fern. Mein Sohn hält mich eher jung, als dass er alt machte. Ohne Reue Zeichentrickfilme, Kinderbücher und mit Wasserfarben klatschen, Kinderlieder trällern und Seifenblasen machen. Nein, das klingt nicht nach alt.

Ja, ich altere

Wer hat den Größten? Digitale Kuchenschlachten machen nicht dick, dafür aber alt (Foto: Obermann)

Was mich erschrickt, eigentlich lächerlich, wenn ich bedenke, dass selbiger Schritt von mir für nächstes Jahr schon lange geplant ist, ist das Heiraten. Präzise: Wenn alte Schulfreunde, Leute von denen ich ewig nichts gehört habe, heiraten. Am Wochenende hatten wir besuch. Zwischen Partywok und „Megamind“ erzählt er uns, ohne mit der Wimper zu zucken, dass eine Bekannte kürzlich geheiratet hat und nun ein Kind erwartet. Das saß. Und es war nicht die erste unheimliche Begegnung in Weiß und Tüll. Schon vor einigen Jahren erfuhren wir, dass ein guter Freund beschlossen hatte, spontan zu heiraten. Wir jedenfalls wussten von nichts und glaubten der Computer wäre kaputt. Der zeigte nämlich ungetrübt beim Facebook-Status „verheiratet“ an. Einfach so, von einem Tag auf den anderen.
Facebook scheint überhaupt der große Hit zu sein, wenn es darum geht, vom Ringtausch zu prahlen. Die Fotos im Profil werden in sepiafarbene Hochzeitsbilder vom teuren Fotografen ersetzt, nach und nach, damit es auch alle erfahren und keiner sich den gestellten Liebesbilden entziehen kann, werden auch die übrigen Hochglanzabzüge digitalisiert und in einem oder mehreren Alben der Internetgemeinde vorgeführt. Ganz schlaue richten für Standesamt und Kirche verschiedene Ordner ein, die dann noch in professionell und selbst geschossen unterteilt werden wollen. Irgendwas wird da auf jeden Fall geschossen, womöglich ja der Twitter-Vogel. Denn Hochzeitswahnsinnige dieser Tage haben ja nicht nur Facebook, sondern mindestens noch Twitter, wenn nicht sogar schon Google+.

Selbige Rüschenliebhaber melden dann auch immer wieder, wie schön alles gewesen sei, die Torte, die Gäste, das Wetter und überhaupt. Hochzeitswettkampf 2.0. Endlich habe ich den ultimativen Grund für Facebook gefunden. Es geht nicht mehr darum, Frauen Noten für ihr Aussehen zu geben, sondern um ganze Vermählungen. Warum noch Einladungen verschicken, wenn alle Welt im Netz teilhaben kann an perfekt sitzenden Frisuren, makellosen Bildern und der Liebe, die durchs World Wide Web schwebt. Kommen bei euch da etwa leise Zweifel an der Perfektion?
Und dann gibt es noch die absoluten Facebook-mit-Hochzeit-überschwemm-Finalistinnen. Die kommen mit den Hochzeitsbildern nicht erst nach der Trauung. Nein, warum auch? Schon Monate vorher geben sie täglich Statusmeldungen ab, wie weit die Planung vorangeht. Eine alte Freundin hatte sogar eine eigene Hochzeits-Website eingerichtet mit Kennenlerngeschichte, Trauzeugenvorstellung, Menuplan. Und das, bevor der Termin offiziell angemeldet war. Jeden Mittag gab es denn Ich-heirate-Countdown mit zwei Zahlen, damit auch wirklich keinem entgehen konnte, wann sie und ihr Liebster sich vor Staat und Kirche das Ja-Wort geben wollten.

Ja, ich altere

Hier kommt die Braut: Das Online-Wettrennen um das schönste Brautkleid hat längst begonnen (Foto: Beutler)

Ja, ich bin auch eine Frau. Ja, ich will auch heiraten. Ja, ich freue mich auch darauf. Aber dem großen Rest der Welt wird das egal sein, warum muss ich ihn dann bis aufs Blut damit konfrontieren? Ich warte nur darauf, bis eine der Spezialistinnen Bilder der Geburt ihres ersten Kindes hochlädt. Oder gleich ein Video. Erklärt es mir, ich brenne darauf: Muss das sein? Ein Bild, dagegen sag ich nichts. Zwei, drei Meldungen, wenn der große Tag vor der Tür steht, meinetwegen. Wir wollen ja schließlich nur einmal heiraten und es ist toll, wunderbar, romantisch, was weiß ich. Aber irgendwie, irgendwo und irgendwann reicht es doch wirklich. Denn dann bekomme ich zumindest das Gefühl, dass alle Welt um mich herum heiratet. Der eine, die andere, die auch noch, die schon wieder oder immer noch, der jetzt auch.
Tja, und dann, dann fühle ich mich alt. Wenn Leute, mit denen ich im Sandkasten gesessen habe plötzlich einen anderen Nachnamen haben. Wenn Freundinnen und Freunde sich auf ewig binden. Wenn auf einmal überall so viele, wichtige Entscheidungen getroffen und Fragen mit „Ja“ beantwortet werden. Das ist der Ernst, ernster wird’s nicht, das macht uns alle auf einen Schlag erwachsen. Nicht nur erwachsen, auch vernünftig und nachdenklich, planend und berechnend. Und irgendwie eben auch alt. Daran kann ich schlecht was ändern und das ist noch viel schlimmer, denn für Falten gibt es Cremé, für Haare Tönung. Alt werden wir trotzdem, jeden Tag ein bisschen mehr. Woran merkt ihr, dass ihr alt werdet?

Vorschau: Nächste Woche berichtet Lea, wie es ist, wenn ihr einfach alles über den Kopf wächst.

Die Kommerzialisierung der Musik am Beispiel „Culcha Candela“

Mit ihrem Song „Hamma!“ schossen „Culcha Candela“ im August 2007 auf Platz eins der deutschen Single-Charts, wo sie sich ganze 52 Wochen halten konnten. Eine Erfolgsgeschichte wie sie im Buche steht: Aus dem Nichts in die Charts.

 Aus dem Nichts? – Nicht wirklich. Denn tatsächlich besteht die Formation bereits seit 2001 und hat bis zum deutschlandweiten Erfolg mit „Hamma!“ schon zwei Alben – 2001: „Unión verdadera“ und 2005 „Next generation“ – veröffentlicht. Von denen wissen allerdings die wenigsten. Und eine Unión verdadera (zu Deutsch: authentische Gemeinschaft) war „Culcha Candela“ auch bis etwa 2007. Eine bunte Mischung ethnischer Herkünfte, unter anderem Polen, Kolumbien und Deutschland, Songs in mindestens drei verschiedenen Sprachen – eine Band, für die Gesellschaftskritik kein Tabuthema war. Die Betonung liegt auf WAR. Hier einmal ein aussagekräftiger Vergleich:

Textausschnitt aus „Augen auf“ (keine Chartplazierung; Album: Unión verdadera, 2004):
Mächtig whack ist der fact und noch nicht einmal legit,
dass der Chef von dieser nation nicht mehr power hat als shit.
Macht er mit ist er der Spielball von den ganzen Lobbyisten
Und hat keine schöne Aussicht, sondern eine von den tristen.
Terroristen, schwarze Listen alle sind jetzt plötzlich gleich,
Doch sie sind es wirklich erst im gelobten Himmelsreich.
Streich die ein Prozent der Leute die die halbe Welt besitzen
Und du hast noch neunundneunzig auf dem Rest der Scheiße sitzen.

Zum Vergleich ein Auszug aus „Ey DJ“
(Platz 7 in den deutschen Single-Charts; Album: Culcha Candela, 2007):

Oh Mami, wie du Dich bewegst.
Von hinten sieht´s aus, als wenn Du viel bewegst,
meine Blicke wandern von Backe zu Backe,
wenn ich mich entscheiden müsste würde ich beide nehmen,
meinen Quadrizeps dehnen und dann richtig abgehen.
Gib mir Vibration, ich will dein ***** zittern sehen
Ey Stop! Wofür wirst Du bezahlt? DJ, dreh die Platte rückwärts, spiel den Shit nochmal!

Und? Was aufgefallen? Wahrscheinlich würde selbst ein blinder mit Krückstock den Unterschied erkennen (ohne jemanden diskriminieren zu wollen). Hier stehen sich Sinn und Unsinn frontal gegenüber. Anscheinend wurde in Beispiel zwei versucht den Inhalt des Liedes, sowie das Sprachniveau an die breite Masse der Zuhörer anzupassen. Nicht nur, weil der Text insgesamt wenig aussagekräftig ist, sondern auch weil fremdsprachliche Begriffe, sowie Fachausdrücke beinahe völlig vermieden wurden. Dieses Phänomen kennt man im Journalismus nur zu gut: Ja keine ausländischen Wörter oder komplizierten Fachjargon verwenden, sonst fühlt sich der Leser in seinem Intellekt angegriffen.

 2009 machte es dann den Eindruck als würde die Band geläutert zu ihren ursprünglichen, musikalischen Wurzeln zurückkehren. In ihrem Song „Schöne neue Welt“ (Platz 12 in den deutschen Single-Charts) setzen sie sich ironisch-satirisch mit Themen wie Klimawandel, Überwachungsstaat und Schönheitswahn auseinander. Aber sind wir doch mal ehrlich: Leute, die sich von einem „Ey DJ“-Text ansprechen lassen, werden die Ironie in Aussagen wie „Jeder sagt es: Klima ist ’ne Riesenkatastrophe, doch bald brauchen wir nur noch Bikini und ’ne Badehose“ Wohl kaum durchschauen.