Auf den Brettern, die die Welt bedeuten…

Stimmengemurmel. Rascheln. Lachen. Irgendwo hinter dem schwarzen Vorhang sitzen unsere Zuschauer und warten darauf, dass das Stück „Küsschen, Küsschen“ beginnt. Wir haben uns eingeschworen, jedem über die Schulter „Toi, toi, toi“ gewünscht und sind ganz nervös. Für mich ist es das erste Mal, dass ich selbst auf der Theaterbühne stehe und nicht Zuschauer bin. Einerseits freue ich mich wahnsinnig, gleich in eine andere Rolle zu schlüpfen, auf der anderen Seite habe ich Angst, dass etwas schief geht. Meine Hände zittern und mein Magen scheint einen Salto rückwärts hinzulegen, als es endlich losgeht.

 Acht Geschichten des bekannten englischen Schriftstellers Roald Dahl hat die Theatergruppe Dicke Luft aus Speyer unter Norbert Franck auf die Bühne gebracht. Roald Dahl wurde in den 50-iger und 60-iger Jahren durch seine Kindergeschichten wie „Charly und die Schockoladenfabrik“ oder „Matilda“ sowie durch seine makaberen, oftmals mit schwarzem Humor versehenen Kurzgeschichten für Erwachsene bekannt. Die berühmtesten Kurzgeschichten finden sich in den Sammelbänden „Küsschen, Küsschen“ oder „… und noch ein Küsschen“. Die Zuschauer durften sich also auf einen schaurig-schönen Abend freuen und auf die Umsetzung gespannt sein.

 Etwas über zwei Monate hatten wir an den einzelnen Stücken geprobt und viel Herzblut hineingelegt – und nun war es so weit: Wir durften vor einem Publikum spielen. Während ich auf meinen Einsatz als schwarzhaarige Hebamme wartete, lugte ich ab und an durch den schwarzen Vorhang, um einen kurzen Blick auf die Zuschauer und deren Gesichter zu erhaschen. Erleichterung durchflutete mich. Das Stück gefiel. Auf manchen Gesichtern erkannte ich ein breites Grinsen, auf anderen Skepsis, um bei manch einem Zuschauer auf Verwunderung oder gar leichten Ekel zu treffen. Alles in allem Reaktionen, die unsere kleinen Geschichten hervorrufen sollten.

 Schließlich war es auch für mich an der Zeit – zusammen mit Dorothea Förster, Bernhard Friedmann und Stefan Sold – die Bühne zu betreten und unsere Geschichte aufzuführen. Im schummrigen Dunkel traten wir nach draußen, nahmen unsere Plätze ein und warteten, bis das Scheinwerferlicht wieder anging und wir beginnen konnten. In diesem Augenblick schoss mir ein passender Auszug aus dem Lied von Juli durch den Kopf: „Elektrisches Gefühl, ich bin völlig schwerelos; elektrisches Gefühl, wie beim ersten Atemzug…“. Genauso fühlte ich mich, als das Licht anging und ich einfach alles um mich ausblendete. Adrenalin floss durch meinen Körper und ich konzentrierte mich nur noch auf das Spielen. Es war unglaublich – alles, was zählte, war das, was ich gerade tat. Nichts weiter…

 Der Abend verging wie im Flug. Keine Pannen und fast fehlerfrei brachten wir zweieinhalb Stunden hinter uns. Der Applaus der Zuschauer zum Schluss riss uns wieder zurück in die Realität. Die Premiere war geschafft, und wir mit unseren Leistungen zufrieden. Mittlerweile haben wir sechs weitere Aufführungen hinter uns und bisher eine gute Resonanz bekommen. Die vorerst letzte Aufführung von „Küsschen, Küsschen“ wird am 21. Juni 2011 um 20Uhr im Kulturbeutel im Domgarten in Speyer stattfinden.

 Ich habe während dieser Zeit viel über mich selbst gelernt. Rollenspiele können uns eine Menge erkennen lassen und uns einen Spiegel vorhalten. Ich bin über mich selbst hinausgewachsen, in dem ich in zwei verschiedene Rollen geschlüpft bin, die mit mir so gar nichts zu tun haben. Kein einfaches Unterfangen und dennoch ist es mir zum Schluss gelungen. Diese Erfahrungen sind wertvoll. Theaterspielen kann wirklich gut für die eigene Psyche sein, denn man lernt fast spielerisch – bedingt durch den Perspektivenwechsel – einerseits Fremdes aber auch sich selbst besser zu verstehen. Ansätze, die sich beispielsweise bei Kaspar H. Spinner und auch im heutigen Unterricht oft finden lassen. Außerdem wird die Imaginationsfähigkeit gefördert und das eigene Ich-Verständnis, da man sich teilweise recht intensiv mit der zu spielenden Figur auseinandersetzen muss.

 Aber nicht nur das zeichnet das Theaterspielen an sich aus, sondern auch der Kontakt zu neuen Menschen, das Sammeln neuer Erfahrungen und die Erinnerungen an lustige, schaurige und großartige Momente. Es kann uns dabei helfen, mehr über uns selbst zu erfahren und unseren oft hektischen Alltag hinter uns zu lassen. Denn mit dem Theaterspielen machen wir uns ja nicht nur selbst eine Freude, sondern schenken auch anderen – nämlich denjenigen, die uns zuschauen – einen Moment jenseits des Alltagsgeschehens. Voraussetzung ist natürlich, dass man selbst Theater spielen möchte und auch Spaß daran hat, sonst ist das Ganze wohl eher kontraproduktiv

 In diesem Sinne wünsche ich euch eine kreative Woche!

Eure Lea

Vorschau: Was EHEC eigentlich ist, und warum Eva der ganze Medienrummel suspekter ist, als der Erreger selbst, lest ihr hier nächste Woche.