Rückfall in die 80er? – Spaniens Kampf um die Abtreibung

In Spanien demonstrieren hunderttausende Menschen gegen die Durchsetzung eines neuen Gesetzes, das Abtreibungen verbieten soll. Bis jetzt hat Spanien eine sehr liberale Abtreibungspolitik – bis zur 14. Wochen können Frauen dort abtreiben. Nach dem geplanten Gesetz sollen Abtreibungen grundsätzlich illegal werden. Nur im Falle einer Vergewaltigung und bei Gesundheitsrisiken für die werdende Mutter bliebe sie erlaubt. Frauen unter 18 Jahren könnten nur noch mit Zustimmung der Eltern abtreiben, eine Fehlbildung des Fötus soll kein Abtreibungsgrund mehr sein.

Das (noch) geltende spanische Abtreibungsgesetz wurde erst 2010 unter der damaligen sozialistischen Regierung José Luis Rodríguez Zapateros verabschiedet. Damit war Spanien eines der letzten europäischen Länder, das eine Fristenregelung für Schwangerschaftsabbrüche durchsetzte.

Schon damals veranstaltete die nun seit zwei Jahren regierende konservative Partei Pardio Popular gemeinsam mit der katholischen Kirche und der sich gegen Abtreibung aussprechenden Organisation „Lebensrechtbewegung“ Demonstrationen gegen die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Der jetzige Ministerpräsident Mariano Rajoy begründete die neue Gesetzesinitiative nun unter anderem damit, ein Wahlversprechen einzulösen.

Doch für die geplante Verschärfung der Abtreibungspolitik erntet Rajoy selbst Kritik aus den eigenen Reihen – mehrere Regionalpolitiker distanzierten sich bereits von dem geplanten Gesetz. Nach einer Umfrage der Zeitung El Periódico de Catalunya wird es von rund 80 Prozent der Bevölkerung abgelehnt. Elene Valenciano, die stellvertretende Vorsitzende der Sozialisten, nannte die geplante Illegalisierung von Abtreibung eine „unbegreifliche Einschränkung der Freiheit von Frauen“. In den 80er Jahren war es in Spanien zu vielen Fällen gekommen, bei denen spanische Frauen in andere europäische Länder gereist waren, um dort Abtreibungen vornehmen zu lassen.

Sehr restriktive Abtreibungspolitiken finden sich heute auch noch in den ebenfalls erzkatholischen Ländern Polen und Nordirland. In Nordirland sorgte der Fall der im November 2012 verstorbenen Savita Halappanava für Aufruhr, der ihr Wunsch auf einen Schwangerschaftsabbruch verwehrt wurde. Sie starb an einer Blutvergiftung in Folge der Schwangerschaft.

Die Freiheit zu wählen – Konfliktberatung für ungewollt Schwangere

Die Freiheit zu wählen - Konfliktberatung für ungewollt Schwangere

Nicht immer eine gute Nachricht: schwanger (© TiM Caspary/pixelio.de)

Schwanger – und dann? Wenn der Gedanke an ein Baby einem den Angstschweiß ins Gesicht treten lässt. Weil die Berufsausbildung noch lange nicht fertig ist. Weil das Geld nicht reicht um die Kinder, die schon da sind, zu versorgen. Weil mit der Geburt und der Schwangerschaft Beruf oder Beziehung elementar gefährdet werden. Viele Gründe gibt es, die ungewollt Schwangere verfolgen, wenn diese über eine entscheidende Sache nachdenken. Leben oder nicht. Kind oder Abtreibung.

Manchen Frauen ist der Gedanke an eine ungewollte Schwangerschaft so furchtbar und , oft mit ihrer momentanen Situation verbunden, sodass sie nicht wissen wohin. Die familiäre und berufliche Situation ist hier oft entscheidend. Immer wieder kommen sie zu dem Schluss, dass sie – jetzt – kein Kind wollen. Das statistische Bundesamt spricht für 2011 von 108.867 Schwangerschaftsabbrüchen. Mehr als die Hälfte der abtreibenden Frauen hatte bereits ein Kind. Die große Mehrheit der Abbrüche geschah, ohne dass es einen medizinischen oder kriminologischen Grund dafür gab. Die Gründe lagen in anderen Bereichen.

Jede Frau, die ihr Kind nicht bekommen will, denkt gut darüber nach. Ausschlaggebend ist oft, wie viel Unterstützung sie aus ihrem Umfeld bekommt. Die Entscheidung wird nicht nur im Stillen gefällt, denn vor einer Abtreibung muss jede Schwangere mehrere Beratungsgespräche führen mit amtlichen Stellen, die auf die Konfliktberatung während der Schwangerschaft eingestellt sind. Zu den Beratungsstellen in Deutschland gehört auch beispielsweise der „Pro Femina e. V.“ Auch online kann die Schwangere dort erste Informationen erfragen und Termine ausmachen. Mit dem „Projekt 1000plus“ hat „Pro Femina e.V.“ ein Netzwerk geschaffen, in dem mehrere Beratungsstellen zusammenarbeiten, um mehr Frauen in Konfliktsituationen beistehen zu können.

Die Freiheit zu wählen - Konfliktberatung für ungewollt Schwangere

Freie Wahl? Sich für das Kind zu entscheiden ist nicht immer leicht (© Bettina-Stolze/poxelio.de)

Ziel der Beratung ist es natürlich nicht, die Schwangere zum Abbruch zu bewegen. Wer aber meint, dort würden Frauen zur Schwangerschaft und Geburt regelrecht überredet und gezwungen, ist genauso auf dem Holzweg. Zwar verbuchen diese Beratungsstellen es als Erfolg, wenn eine Schwangere ihr Kind nicht abtreiben lässt, sie drängen es ihr aber nicht auf. „1000plus heißt 1000 und mehr Schwangeren helfen, um ihnen in ihrer Not eine Perspektive für ein Leben mit ihrem Kind zu bieten“, schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite. Perspektive heißt in diesem Moment, Möglichkeiten aufzeigen. Wo können Schwangere, Mütter und Familien Geld beantragen, wie können sie ihren neuen Alltag regeln. „In einem Schwangerschaftskonflikt, bei dem die Frau nur die eine „Lösung“ Abtreibung sieht, hat sie keine Freiheit. Ohne Wahl gibt es keine Freiheit. Gemeinsam an einer echten, alternativen Lösung arbeiten, schafft andere, neue Perspektiven und stellt Wahlfreiheit her“, heißt es weiter.

Ein weiterer Vorteil der Vernetzung ist der, dass die Schwangeren sich „online“ austauschen können. In verschiedenen Foren können sie sich ihre Sorgen von der Seele schreiben und bekommen Antwort von Frauen, denen es genauso geht, und von Betreuerinnen, die Lösungswege aufzeigen können. Wer sich dann dank der neuen Perspektiven für sein Kind entscheidet, wird nicht plötzlich allein gelassen. Die Beratungsstellen versuchen, die gesamte Schwangerschaft hindurch und darüber hinaus mit den Müttern Kontakt zu halten. Sie helfen bei der Wohnungssuche, organisieren größere Autos, geben Vorschüsse, wenn der Job erst mal wegfällt. Natürlich können auch diese Stellen keine Wunder vollbringen, doch sie können den Müttern helfen, die nicht prinzipiell kein Kind wollen, sondern Gründe sehen, keines bekommen zu können. Auf der Seite von „1000plus“ werden regelmäßig anonymisierte Schreiben von Frauen veröffentlicht, denen die Beratungsstelle helfen konnte und die nun glücklich mit ihrem Kind sind.

Das Thema Abtreibung ist nach wie vor ein sehr prekäres. Es wird nicht viel darüber gesprochen, kaum eine Frau erzählt, dass sie abgetrieben hat. Oft wird ein Schwangerschaftsabbruch jungen Mädchen nachgesagt, die „nicht aufgepasst haben“ oder Frauen, die „in jedes Bett hüpfen“. Die Ignoranz, dass Gründe weit über Alter und Anzahl der Sexualpartner hinaus eine Schwangere zur Verzweiflung bringen können und sie keinen anderen Ausweg sieht, ist meiner Meinung nach erschreckend. Jede Frau sollte die freie Wahl haben, darüber zu entscheiden, ob sie ihr Kind bekommt oder nicht. Das gilt für alle, die sich dagegen entscheiden und deswegen mit schiefen Blicken angesehen werden. Und es gilt für die, die äußeren Umständen trotzen müssen, um sich dafür zu entscheiden. Beratungsstellen wie „Pro Femina e.V.“ und Netzwerke wie „1000plus“ leisten für alle diese Frauen eine wichtige Arbeit. Darum ist es nur gerecht, wenn sie ab und an dafür gewürdigt werden, wie „Pro Femina e. V.“ Der Verein erhielt vor einem Jahr den Stiftungspreis der STIFTUNG „JA ZUM LEBEN“.

 Vorschau: Nächste Woche geht es hier um „Müllkultur“ und wie wir damit leben.