Kann eine Woche ohne Smartphone unseren alltäglichen Stress reduzieren?

Kann eine Woche ohne Smartphone unseren alltäglichen Stress reduzieren?

Das Smartphone als alltägliche Stressursache?
(Foto: JESHOOTScom, pixabay.com)

Durch das Smartphone haben wir im Alltag viele Vorteile. Wir können ständig mit anderen in Kontakt treten, wir können von überall aus online gehen, unsere neusten Erkenntnisse mitteilen und sind zu jeder Zeit erreichbar. Wer kennt das nicht: plötzlich hat man keine Netzverbindung und kann mit dem Smartphone nicht mehr ins Internet oder jemanden erreichen. Da bricht für manch Einen eine Welt zusammen, andere kommen sich einfach verloren vor. Das muss natürlich nicht der Fall sein, aber passiert doch grade in unserer Gesellschaft sehr häufig, da wir uns viel zu sehr auf unser Smartphone verlassen.

Mein Smartphone und ich

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich vor allem durch die täglichen Zugfahrten zur Uni oder auf die Arbeit schon sehr an meinem Smartphone hänge. Der Zug kommt nicht? Schnell mal in der App nachschauen, ob er Verspätung hat. Hat jemand vielleicht versucht mich zu erreichen, während ich grade mal eine halbe Stunde nicht auf das Smartphone geschaut habe? Oder hat meine Arbeit mir vielleicht eine wichtige Mail geschickt, die ich noch lesen muss? Schnell mal in den eingegangenen E-Mails oder Nachrichten nachsehen. Das ist schon so etwas wie ein Ritual und ich habe fast ein schlechtes Gewissen, wenn ich an einem freien Tag mal mein Smartphone liegen lasse und ein paar Stunden nicht darauf schaue. Meist habe ich dann, wenn ich wieder nachsehe, ein paar verpasste Nachrichten und fühle mich gleich unbehaglich, weil jemand versucht hat mich zu erreichen, und ich nicht sofort verfügbar war. Denn ich habe schließlich ein Smartphone und wahrscheinlich hat derjenige erwartet, dass ich mich zeitnah melde.

Kann eine Woche ohne Smartphone unseren alltäglichen Stress reduzieren?

Immer erreichbar sein? Klar! Möglich gemacht durch verschiedene Apps auf dem Smartphone (Foto: TeroVesalainen, pixabay.com)

Das sind alles kleine Beispiele, wie mir mein Smartphone durch Nachrichten erheblichen Alltagsstress bereitet, die mir aber vor dem Selbstversuch noch nicht ganz klar waren. Zusätzlich kommen dann noch die Sozialen Netzwerke. Ich bin gar nicht bei Snapchat und nur selten bei Twitter, wenn, dann eher am Laptop. Aber Facebook und Instagram nutze ich vor allem mit dem Smartphone. Um den Selbstversuch auch wirklich durchzuziehen habe ich mich daher entschlossen, maximal eine halbe Stunde pro Tag in Facebook am Laptop zu gehen, da es wichtig für meine Arbeit ist und ich verschiedene Seiten mitbetreue. Instagram habe ich ganz weg gelassen, sowohl auf dem Smartphone als auch auf dem Laptop. Nun habe ich den Selbstversuch gewagt, und mein Smartphone von Montag bis Freitag ausgeschaltet.

Der erste Tag

Den Montag konnte ich zum Glück zuhause verbringen. Es ist mir zu Beginn gar nicht so sehr aufgefallen, dass ich mein Smartphone nicht nutzen konnte. Ich besitze einen „richtigen“ Wecker, und habe daher schon am Sonntagabend das Smartphone ausgeschaltet. Daher hatte ich vorerst auch nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt, da ich erst gar keine neuen Nachrichten vorfinden würde. Im Laufe des Tages erledigte ich einiges für die Uni und war zwar am Laptop. In gewisser Weise war ich also auch erreichbar, allerdings fiel es mir viel leichter, zum Beispiel mein Email-Programm auf dem Laptop nicht so oft zu öffnen, wie auf dem Smartphone. Das hat wahrscheinlich mit der Funktion der Push-Benachrichtigung auf dem Smartphone zu tun, diese habe ich am Laptop nicht und fühlte mich dadurch auch nicht dazu gedrängt, Nachrichten direkt zu beantworten. Ich habe mir einmal am Tag Zeit für die Emails genommen, und diese dann beantwortet. Und zwar alle auf ein Mal, was mir wesentlich weniger Stress bereitet hat, als wenn ich vier oder fünfmal am Tag einzelne Mails mit dem Smartphone beantwortet hätte. So gesehen war der erste Tag in meinen Augen ein voller Erfolg, obwohl ich einen Laptop zur Verfügung hatte.

Der zweite Tag

Am Dienstag wollte ich mich abends mit einer Freundin treffen. Leider hatte ich vergessen, vor dem Selbstversuch Zeit und Ort mit ihr genau auszumachen, daher musste ich doch morgens mein Smartphone einschalten und kurz eine Nachricht schicken. Das hat zum Glück auf Anhieb geklappt und wir konnten uns für abends verabreden. Allerdings kam es mir direkt wie ein Rückschlag vor. Ich bekam in der halben Stunde, in der ich das Smartphone eingeschaltet hatte, direkt neue Nachrichten und E-Mails. Die habe ich dann schnell beantwortet und meine Freunde darauf hingewiesen, dass ich diese Woche am besten über E-Mail oder Facebook erreichbar bin. Das hat den Selbstversuch wahrscheinlich ein bisschen beeinträchtigt, allerdings hatte ich die Hoffnung, dass ich für den Rest der Woche weniger verpasste Anrufe oder Nachrichten haben würde. Das hat mich dann doch wieder entspannt, darum geht es ja beim Selbstversuch. Zum Glück verlief der restliche Tag ohne Smartphone reibungslos.

Der dritte Tag

Kann eine Woche ohne Smartphone unseren alltäglichen Stress reduzieren?

Am Bahnhof ohne Smartphone, und dann hat der Zug Verspätung. Was jetzt? (Foto: Golda, pixabay.com)

Am Mittwoch musste ich arbeiten, daher hatte ich mir die Zugverbindung bereits am Tag vorher abgeschrieben, ganz altmodisch, in meinen Kalender. Leider kam es direkt auf der Hinfahrt zu Schwierigkeiten. Der Zug kam und kam nicht, und erst als ich mir sicher war, dass ich meinen Anschluss verpassen würde, fuhr er endlich in den Bahnhof ein und ich konnte einsteigen. Erst im Zug ist mir klargeworden, dass ich, wenn ich zu dem Zeitpunkt mein Smartphone gehabt hätte, ständig in der App nachgeschaut hätte, wie viel Zeit mir noch zum umsteigen bleiben würde, oder ob ich auf jeden Fall den nächsten Zug nehmen müsste. Stress pur! Ich konnte ja noch nicht mal auf der Arbeit anrufen, und wegen der Verspätung Bescheid geben. So war ich zwar auch ganz schön nervös, aber habe mir irgendwann gesagt, dass es sich jetzt sowieso nicht mehr ändern lässt, und wenn ich zu spät komme, dann ist das eben so. Vielleicht fahre ich das nächste Mal einfach etwas früher los, damit ich noch eine alternative Bahnverbindung habe. Am Ende hatte mein Anschlusszug tatsächlich auch Verspätung, und ich bin sogar noch pünktlich auf der Arbeit gewesen. Das hat mir wieder mal gezeigt, dass die Welt nicht untergeht, wenn wir mal 5 Minuten nicht auf das Smartphone schauen können. In Zukunft überlege ich mir genauer, wann ich wegen verspäteten Zügen in Stress gerate.

Der vierte Tag

Am Donnerstag musste ich Zuhause einiges für die Uni lesen und der Tag verlief daher auch ohne Smartphone ereignislos. Ich hatte mich allerdings erstaunlich schnell daran gewöhnt, auch am Laptop nicht die ganze Zeit bei Facebook online zu sein oder ständig meine Mails abzurufen. An dem Tag ist es mir doch sehr aufgefallen, dass ich viel gelassener bin, wenn ich nicht ständig auf Abruf stehe.

Der fünfte Tag

Gut ich muss schon zugeben, am Freitag war ich ziemlich erleichtert, dass ich nur noch diesen Tag ohne Smartphone überstehen musste. Die Fahrt auf die Arbeit und zurück verlief zum Glück reibungslos und ich hatte auch an mein Buch für die Zeit im Zug gedacht. Mir fiel gar nicht mehr so sehr auf, dass ich mein Smartphone grade nicht dabei hatte. Klar hat es mir insgesamt geholfen, dass das Buch was ich gerade lese sehr spannend ist, und ich hatte ja auch teilweise meinen Laptop zur Verfügung. Trotzdem fühlte ich mich am Ende der Woche schon um einiges entspannter als sonst, vor allem wenn ich von der Arbeit heimgekommen bin.

Am Freitag sind mir auch einige Dinge aufgefallen, die ich sicher mit Smartphone in der Hand nicht bemerkt hätte. Zum Beispiel der Zug mir gegenüber, als ich am Bahngleis wartete, mit der Aufschrift „Kaffeepäuschen“, der damit wohl auf seine kurze Pause hinweisen wollte. Oder wie oft man sich mit dem Smartphone auch einfach nur von den eigenen Gedanken ablenkt. Ich hatte einfach das Gefühl, mit offenen Augen durch die Welt zu laufen. Und auch wenn das jetzt wie ein Klischee klingt, dadurch freue ich mich zum Beispiel grade jetzt viel mehr auf die Vorweihnachtszeit. Ich bemerkte wie in verschiedenen Städten schon die Weihnachtsbeleuchtung und die Weihnachtsmärkte aufgebaut wurden. Ich bin sehr gespannt, ob ich im Dezember mal öfter mein Smartphone zuhause liegen lasse. Ein Gedanke, der mir vor dem Selbstversuch niemals gekommen wäre.

War es das wert?

Alles in allem war der Selbstversuch zum Thema Stressbewältigung meiner Meinung nach ein Erfolg. Ich habe mein Smartphone vor allem in Situationen vermisst, in denen ich andere hätte erreichen müssen. Dann nicht die Möglichkeit zu haben, andere zu erreichen hat mich schon mehr gestresst, als dass man mich nicht erreichen konnte. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass es mich wirklich erleichtert hat, Facebook nicht auf meinem Smartphone nutzen zu können, und mir eine bestimmte Zeit des Tages dafür auszusuchen. Auch wenn ich verschiedenes in Facebook zu erledigen hatte konnte ich das über den Laptop viel entspannter machen. Zusätzlich bekam ich nicht den ganzen Tag Benachrichtigungen von Facebook auf meinem Smartphone, die mir, wie ich gemerkt habe, auch viel Stress bereitet haben. Auf Instagram habe ich erstaunlich gut verzichten können. Das ist normalerweise auch eine App, die ich täglich nutze, deren Fehlen mir aber in der Woche kaum aufgefallen ist. Daher gehe ich davon aus, das ich mich die Nutzung von Instagram auf dem Smartphone gar nicht stresst, sie ist eher eine nette Nebenbeschäftigung.

Kann eine Woche ohne Smartphone unseren alltäglichen Stress reduzieren?

Facebook wird jetzt erstmal von meinem Smartphone gelöscht (Foto: FirmBee, pixabay.com)

Am Samstag danach habe ich erst einmal Facebook und meine Email-Apps von meinem Smartphone gelöscht. Es ist definitiv nicht notwendig, immer über so viele verschiedene Kanäle erreichbar zu sein. Seitdem nehme ich mir einfach einmal am Tag Zeit, um die anstehenden Anfragen zu beantworten. Es bereitet mir wesentlich weniger Stress, wenn ich nicht ständig eine neue Mitteilung auf meinem Smartphone angezeigt bekomme. Natürlich kann ich ja weiterhin drauf zugreifen, allerdings unter meinen Bedingungen. Ich finde generell sollte jeder selbst entscheiden was wichtig ist und was man auch mal später machen kann. Man sollte sich nicht dazu gedrängt fühlen, gleich auf alles eingehen zu müssen, was man geschickt bekommt. Das ist es, was ich aus der Woche gelernt habe. Und wenn mich jemand wirklich erreichen wollte, dann hat er oder sie das geschafft, auch ohne Smartphone.

Ich werde in Zukunft mein Smartphone definitiv öfter mal auf Flugmodus schalten. Was ich nicht direkt mitbekomme, stresst mich auch nicht sofort, und wenn es wichtig ist, dann erfahre ich es schon irgendwie. Also kein Stress.

Der Eurovision Song Contest – einschalten oder abschaffen?

Im Monat der Europawahlen flimmert mal wieder der Eurovision Song Contest über den Bildschirm. Bei uns in der Musikredaktion hat das Thema für ordentlichen Diskussionsstoff gesorgt und wir wollen euch gerne mit einbeziehen. Hier zwei Kommentare zum Eurovision Song Contest  von Selin und Vanessa.

„Seit Jahrzehnten existiert er schon, der Eurovision Song Contest und seitdem hat Deutschland nur zweimal gewonnen“ weiß Selin. „Den Gewinnern winkt eine erfolgreiche, steile Karriere zu, während die Verlierer im wahrsten Sinne des Wortes im Nichts versinken. Die Gewinnerinnen Nicole (mit dem Song „Ein bisschen Frieden“) und Lena Meyer-Landrut nutzten ihren Erfolg beim ESC aus und hielten noch Jahre nach der Veranstaltung ihren Erfolgsstatus. Leider kann man das nicht von allen sagen, denn die Verlierer waren nicht nur qualitativ nicht gut, sondern wurden auch den Erwartungen ihrer Zuschauer, die sie gewählt haben, nicht gerecht. Ein Beispiel dafür ist die ehemalige Girlgroup No Angels. Sie machte 2008 beim Wettbewerb mit und verlor haushoch. Danach konnte sie im Musikgeschäft nicht mehr erfolgreich Fuß fassen. Alle ihre Versuche scheiterten. So erging es auch der, bis zur Nominierung, erfolgreichen Gruppe Cascada, die nach der Schmach keinen Erfolg mehr vorweisen konnte. So spricht eindeutig mehr gegen eine Kandidatur beim ESC als dafür, denn so beliebt die Sendung auch bei den Zuschauern ist – ebenso deutlich ist, dass ein Misserfolg der Musikerkarriere nur schadet. Hinzu kommt, dass bei einem dem Titel nach europäischen Musik-Wettbewerb schon lange nicht mehr nur Europa teilnimmt, sondern auch viele weitere Länder, wie beispielsweise Aserbaidschan. Damit ist das eigentliche Konzept nicht erfüllt. Die gesamte Veranstaltung ist somit überholt und kontraproduktiv. Um es wieder interessanter zu gestalten, müsste man das Gesamtkonzept der Veranstaltung überarbeiten. Doch das liegt in den Händen der Verantwortlichen, nicht in denen der Zuschauer.“

Klassiker: Schon seit 1956 treten Künstler beim ESC gegeneinander an. (Foto: Wahlig)

Klassiker: Schon seit 1956 treten Künstler beim ESC gegeneinander an. (Foto: Wahlig)

„Selins Worte sind für mich nachvollziehbar“, sagt Vanessa. „Wenn ich an den ESC denke, denke ich vor allem an Musiker, die man nicht kennt und an ein Programm, das ich nur schaue wenn gerade nichts anderes im Fernsehen läuft und an ABBA. Gut, die schwedische Erfolgsgruppe kennt man, aber als sie den Eurovision Song Contest gewann, war ich noch nicht einmal auf der Welt. Früher war alles besser. Naja, so würde ich das nicht sagen, aber was den ESC angeht stimmt es wohl. Vor einigen Jahren war es noch die Talentschmiede um Bands in ganz Europa bekannt zu machen. Heute hat sich das geändert: Es scheint als suchen die einzelnen Länder schon verzweifelt nach einem mehr oder minder würdigen Vertreter. Schon nach der Hälfte der Lieder hänge ich ermüdet quer über dem Sofa und zappe lieber um. Dass beim ESC nur „Schrott“ herauskommt, würde ich dennoch nicht unterschreiben. Lena Meyer-Landrut ist aus deutscher Sicht ein richtiger Knaller beim ESC gewesen! Gut: manchen wird es schlecht, wenn sie an „Satellit“ denken und würden die gute Lena genau zu diesem schießen, aber scheinbar hat sie alles richtig gemacht. Ein bisschen zu extrem hier und ein bisschen zu durchgeknallt da und schon hat man den Sieg in der Tasche. Lieder, die im Kopf bleiben sind eben das Geheimrezept. Das Aus so mancher bekannten Band nach dem ESC, rechne ich aber nicht dem Wettbewerb zu. Die No Angels zum Beispiel haben sich vom ESC ein großes Comeback erhofft, das schnell durch andere Skandale zerschlagen wurde. Für mich ist der ESC, trotz des echt langweiligen Programms wenigsten im Schnelldurchlauf ein Muss. Zu wissen, was die Musiktrends aus anderen Ländern sind, interessiert mich da schon wirklich brennend! Außerdem sieht man auch etwas von der Kultur der teilnehmenden Ländern und das ist gerade bei Ländern wie Aserbaidschan sehr interessant.“

Vorschau: Das nächste Mal stellen wir euch die neusten Musiktrends aus Europa vor.

„Man muss den Leuten schon zeigen, was man meint“ – Interview mit dem Fernsehkritiker Holger Kreymeier

„Schalten Sie mal wieder ab“ – so das Motto des Fernsehkritikers Holger Kreymeier. Selbst schaltet der 39-Jährige die Röhre natürlich nicht ab, schaut und hinterfragt hingegen die Beiträge distanziert. Unseriöse Nachrichten, erlogene Gerichtsurteile, aber auch die erpresserischen Methoden der Fernseh-Macher hat der Kritiker in seinem satirisch-kritischen Magazin „Fernsehkritik.tv“ bereits aufgedeckt. Was er von der gegenwärtigen Fernsehlandschaft hält und worin er die Zukunft des Fernsehens sieht, erzählt er im Face2Face-Interview.

„Man muss den Leuten schon zeigen, was man meint“ – Interview mit dem Fernsehkritiker Holger Kreymeier

Nicht auf den Mund gefallen: Fernsehkritiker Holger Kreymeier (Foto: privat)

Face2Face: Wie kamen Sie auf die Idee, „Fernsehkritik.tv“ ins Leben zu rufen?
Kreymeier:
Ich habe selbst für das Fernsehen gearbeitet – unter anderem im Boulevard-Bereich. Dadurch habe ich mitbekommen, wie das Fernsehen so funktioniert. Die Erkenntnisse waren teilweise erschreckend – menschliche Schicksale wurden als Ware behandelt. Deshalb habe ich die Seite „Fernsehkritik.tv“ ins Leben gerufen. Vier Jahre lang habe ich dort erst Texte geschrieben, seit 2007 gibt es „Fernsehkritik.tv“ aber hauptsächlich als Magazin. Es reicht nicht aus, nur Texte zu schreiben. Man muss den Leuten schon zeigen, was man meint.

Face2Face: Wieso haben Sie gerade einen satirischen Umgang für die Medienkritik gewählt?
Kreymeier: Unter anderem wegen des Kalkofe-Urteils des Gerichtshofs über das Zeigen von Originalausschnitten. Beim Urteil ging es speziell um Satire, so dass man aus den Ausschnitten praktisch ein neues, künstlerisches Werk schafft ohne gegen das Urheberrecht zu verstoßen. Außerdem entspricht das meiner Art und erscheint mir sympathischer.

Face2Face: Mit „Fernsehkritik.tv“ üben Sie nicht nur Kritik am Fernsehen, sondern an Ihrem eigenen Format – beispielsweise via Forenbeiträge oder Livestream. Inwieweit übt ein Kritiker dabei Selbstkritik?
Kreymeier: Beim Livetalk zum Beispiel kann jeder anrufen, der möchte – und dabei auch kritische Fragen stellen. Mehr Transparenz geht nicht. In der Postfolge lese ich speziell die kritischen Mails vor und im Forum kann auch offen und transparent diskutiert werden. Wenn ich was veröffentliche und berichte, muss ich mich dann auch dazu stellen können.

Face2Face: Wo sehen Sie das eigentliche Ziel und die Aufgaben des Fernsehens? Wie sieht die gelebte Realität aus?
Kreymeier: Die Ziele der Privatsender ist es Geld zu verdienen, Quote zu machen. Das sind ja private Unternehmen, die Fernsehen machen. Auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern scheint das Ziel die Quote zu sein. Sie glauben, dass sie sonst ihre Berechtigung verlieren würden, obwohl das von den GEZ-Gebühren her ganz anders gedacht ist. Die eigentlichen Ziele der Öffentlich-Rechtlichen sind der Kultur- und Bildungsauftrag. Sie sollen die Leute informieren, aufklären und bilden. Aber nicht die Menschen verdummen oder mit hirnlosem Fernsehen vollstopfen.

Face2Face: Wie urteilen Sie über die Zukunft des Fernsehens? Was wird uns in den nächsten zehn Jahren erwarten?
Kreymeier: Na ja, das Fernsehen soll interaktiver werden – als eine Art Mediathek im Internet. Sendungen zu jeder Zeit abrufen zu können – bis auf Live-Veranstaltungen wie Fußball natürlich – das wird die Zukunft sein. Das Fernsehen wird somit interaktiver werden und mit dem Internet verschmelzen. Bei den Privatsender könnte ich mir vorstellen, dass für hochwertige Beiträge Geld verlangt wird. Dadurch hätten wir ein Zwei-Klassen-Fernsehen.

Face2Face: Inwieweit unterscheidet sich die deutsche Fernsehlandschaft von der ausländischen?
Kreymeier: Es gibt sehr viel schlimmeres in den anderen Ländern – aber auch sehr viel besseres. Deutschland liegt da so im Mittelfeld. In Österreich ist das Fernsehen beispielsweise schlimmer, weil die Öffentlich-Rechtlichen dort jede Menge Müll bringen. Da kann man sich manchmal nur an den Kopf fassen.

Face2Face: Was halten Sie davon, dass Katia Saalfrank die „Super Nanny“ verlassen hat?
Kreymeier: Die Super Nanny wurde abgesetzt, das ist die Hauptsache. Sie hat sich ja distanziert von den Skripten und Verfälschungen. Aber sie selbst hat sich bei den Familien kaum blicken lassen und hat sich nicht interessiert für die Kinder. Deshalb soll sie nicht so tun, als würde das Format ihren pädagogisch-hohen Ansprüchen nicht entsprechen. Die hat sie nie gehabt.

Face2Face: Bei Ihren Interviews lassen Sie gerne den Interviewpartner Sätze zu Ende führen. Daher nun bitte Ihre Antworten: Die GEZ ist…
Kreymeier: …eine dubiose Organisation, die mich ein bisschen an die DDR-Stasi erinnert und eigentlich abgeschafft werden sollte.

Face2Face: Mit Jürgen Milski würde ich gerne einmal…
Kreymeier: …vor Gericht streiten, wenn er auf der Anklagebank wegen Betruges sitzt.

Face2Face: Mein Top-Favorit für die Nachfolge von „Wetten, dass“ lautet…
Kreymeier:…Joko und Klaas. Die beiden sind eine neue, frische Generation von Moderatoren. Dem ZDF würde es gut stehen dadurch frisches Blut reinzubringen.

Kontakt:
www.fernsehkritik.tv