Sind wir Serie? Wie unser Leben in (TV)-Serie geht

Nicht selten erntet man schiefe Blicke, wenn man behauptet, eine Serie synchron mitsprechen zu können. In meinem Falle beschränkt sich dies nicht nur auf eine bloße Behauptung: Nein, es stimmt wirklich! Es gibt eine Serie, die ich nicht nur meine absolute Favoritin schimpfe, sondern die ich auch tatsächlich nahezu in-und auswendig kenne. Das gilt zumindest für die deutsche Übersetzung. Gewissermaßen als neue Herausforderung habe ich seither begonnen, sie mir im englischen Original anzusehen – selbst dann noch kann ich ganz genau jedes Zitat nachempfinden und als Folge einer überragenden Transferleistung das deutsche Pendant dazu bilden.

Und als wäre das nicht schon verschroben genug: Wenn ich meine Serie – es handelt sich übrigens um eine amerikanische Sitcom, die den Namen „The New Adventures of Old Christine“ trägt und dank intensiver Indoktrination meinerseits virusartig auf meinen gesamten Freundeskreis übergegriffen hat – längere Zeit am Stück geschaut habe, werde ich ein Teil von ihr. Besser gesagt, mein Leben wird es. Dann bin ich plötzlich nicht mehr Kolumnistin Alexandra, sondern eine alleinerziehende Mutter mit Sohn im Grundschulalter, mit Ex-Ehemann und jüngerem Bruder, der unter meinem Dach lebt.

Gesellschaftsspiele

Spielerei mal anders: Serien spielen uns eine (un)mögliche Realität vor. (Foto: Sharifi)

Doch selbst, wenn man nicht gerade wie ich unter multiplen Serienpersönlichkeitsstörungen leidet, dürfte ein gewisses Identifikationsphänomen jedem Serienjunkie doch nur allzu bekannt sein. Wer hat sich noch nicht in mindestens einem Seriencharakter wiederentdecken können? Wie viele amüsante Neurosen nach dem Vorbild von John Dorian aus „Scrubs“ und erheiternde Mini-Macken, wie etwa der „King of Queens“ sie bisweilen aufweist, kann Ottonormalzuschauer vor dem Fernseher mühelos, wenn nicht gar willentlich, auf sich übertragen? Es lässt sich kaum bestreiten, dass TV-Produzenten ihre Helden bewusst nach zielgruppenorientierten Kriterien stricken. Um ein weitläufig bekanntes Beispiel, das fernab von meinem Fanatismus für „Christine“ liegt, zu nennen, betrachten wir doch einmal eine der vier Protagonistinnen aus „Sex and the City“:

Da wäre keine Geringere als die Gallionsfigur Carrie Bradshaw, die als lockige Autorin mit exorbitantem Modebewusstsein und nicht zu leugnendem Vater-Komplex – warum sonst sollte sie an einen so viel älteren Mister Big ihr Herz in Big Apple verlieren – so vielen Frauen als Vorbild und abschreckendes Beispiel zugleich dient.

Bereits hier lässt sich zum einen die Parallele zu allen anderen schreibaffinen Lockenköpfen ziehen, die sich nur allzu gern in all jenen Rätseln verlieren, die das andere Geschlecht bisweilen aufgibt. Ich selbst sehe mich gewiss nur als eine von vielen „Carries“ auf diesem Erdenrund. Die Sorgen und Nöte dieser Frau sind nur allzu nachvollziehbar dargestellt und sind selbst dann, wenn sie jeglicher eingespielter Lacher entbehren, manchmal einfach zum Schmunzeln. Und genau das ist doch die Aufgabe, die Serien zum anderen erfüllen sollen: Uns unterhalten und darüber hinaus durch ihre wortwitzigen und bild- wie tonstarken Szenerien begreiflich machen, dass unsere alltäglichen Wehwehchen mit einer Prise Humor um vieles erträglicher würden.

Ich selbst stecke wahrscheinlich zu tief in der Serien-Materie, als dass ich beurteilen könnte, wie viel Identifikation mit Figuren wie Carrie und Co. noch als gesund zu erachten wäre und wann der absolute Eskapismus aus einer eigenen Realität hinein in ein fiktives TV-Konstrukt einsetzt. Allerdings schätze ich, dass selbst letzteres als eine Leistung der modernen Medien angesehen werden sollte. Sie regen den mit dem Alter immer fantasieloseren Zuschauer dazu an, sich vorzustellen, wie es sich wohl in Manhattan statt in Frankfurt am Main lebt und eventuell spornen sie sogar zu aufregenderen Alltagsoutfits an. Ich jedenfalls habe mich, seit mir bewusst wurde, dass ich Carrie höchstpersönlich bin, immer öfter beim Kauf überteuerter Schuhe ertappt.

Vorschau: Der frühe Vogel fängt in der nächsten Woche den Wurm, wenn es bei Kolumnist Sascha um’s Frühaufstehen geht.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.