Schweres Wasser

Nach wie vor taumelt die EU am Rande eines fiktiven Finanzabgrundes entlang. Alle Blicke ruhen auf Griechenland. Während die Zahlenakrobaten des Staatenbundes damit beschäftigt sind, mit mehr oder weniger virtuellen Zahlen zu jonglieren, braut sich an der Atlantikküste eine ganz reale Bedrohung zusammen.

Schweres Wasser

Beängstigend: Vor den europäischen Atlantikküsten schlummert radioaktives Unheil (© klaustroisieme / pixelio.de)

Die Nutzung von Atomkraftwerken wirft – neben der berechtigten Angst vor Nuklearunfällen – vor allem die Frage nach einer vertretbaren Endlagerung der verseuchten Abfälle auf. Bis heute gibt es keine zufriedenstellende Lösung für das Problem, auch wenn es an Ideen nicht mangelt: Einlagerung in alten Salzbergwerken, Wiederanreicherung und „Recycling“ des gebrauchten Materials, Deponien im Weltall – doch all diese Ansätze lassen sich aus technischen, finanziellen und auch (bio-)ethischen Gründen kaum umsetzen.

Wie bedenklich vergangene Bewältigungsversuche der Endlagerfrage waren, zeigen Untersuchungen, die von Greenpeace – teilweise schon vor Jahren – im Atlantik angestellt wurden: Ende der 60er-Jahre beschlossen einige Regierungen, darunter auch die deutsche, radioaktive Abfälle vor den Küsten Portugals im Ozean endzulagern. Bis 1982 wurden 114.726 Tonnen des verseuchten Mülls an mehreren Stellen versenkt. Doch während die anhaltende Endlagerdebatte in Deutschland immer wieder durch Politik und Medien geistert, scheint diese Altlast der Atomenergienutzung einfach vergessen worden zu sein – mit katastrophalen Folgen.

Bereits 1992 wurde in den betroffenen Regionen eine Verseuchung durch Plutonium bei Fischen nachgewiesen; schon kleinste Bruchteile eines Grammes Plutonium gelten für den Menschen als tödlich. Im Jahr 2000 entdeckte Greenpeace dann eine radioaktive Verseuchung des Ärmelkanals, der weit vom Abwurfpunkt der Abfallbehälter entfernt ist. Aber nicht nur Radioaktivität konnte hier festgestellt werden: Erschreckenderweise waren es inzwischen beschädigte Atommüllfässer, die ihre Wanderung in den Nordatlantik angetreten hatten.

Die atomare Verseuchung des Ozeans zeigt, wie bedenklich die Nutzung von Atomenergie nach wie vor ist. Zwar ist der Atomausstieg inzwischen beschlossene Sache, doch eine Lösung des Endlagerdilemmas ist noch immer nicht gefunden – ganz zu schweigen von Ansätzen zur Behebung bisher angerichteter Umweltverseuchungen durch Atommüll: Die Fässer im Atlantik sind kein Einzelfall.

So droht beispielsweise auch aus Russland eine radioaktive Kontamination der Weltmeere. Als der am stärksten durch Strahlung belastete Ort der Welt gilt der russische „Karatschai-See“, in dem zu Sowjetzeiten Unmengen von radioaktivem Abfall versenkt wurden. Die Strahlenbelastung ist hier so hoch, dass bereits ein einstündiger Aufenthalt eines Menschen eine tödliche Form der Strahlenkrankheit auslöst. Problematisch ist aber vor allem, dass die dort vorhandenen Abfälle durch Grundwasserströme und Flüsse bis ins Meer gelangen könnten; ein Horrorszenario, das eine weltweite Verseuchung der Meere nach sich ziehen könnte.

Die noch vor kurzer Zeit vorhandene, stark ausgeprägte öffentliche Empörung über Atomenergienutzung, die nach dem Desaster von Fukushima die Medienlandschaft prägte, ist inzwischen wieder verflogen. Viel interessanter erscheint momentan die Finanzlage der EU und die Zukunft des Euro – zweifelsohne keine geringfügigen Probleme. Doch das Unheil, was dort vor unseren Küsten droht, ist um ein vielfaches beängstigender. Da nun inzwischen aber wieder der Druck der öffentlichen Aufmerksamkeit fehlt, bleibt zu bezweifeln, ob es zu Eindämmungsmaßnahmen oder gar zu Bergungsaktionen kommen wird – denn auch die würden Milliarden verschlingen.

 Vorschau: Nächste Woche lest ihr Thomas‘ Interview über die LKW-Linie „Actros“.


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Über Johannes Glaser

Jahrgang 1987. Geboren und aufgewachsen in Speyer. 2008 nahm er ein Studium der Germanistik, zunächst mit Nebenfach Geschichte, später dann mit Nebenfach Soziologie in Mannheim auf. Seit 2013 studiert er Kulturanthropologie und Ethnologie in Mainz. Neben seiner Tätigkeit als Leiter der Wirtschaft&Politik-Redaktion bei Face2Face verdingt er sich als Redakteur bei einer Fachzeitschrift, als Pressetexter, Ghostwriter und als Schriftsteller. Geprägt durch Überlegungen radikaler Konstruktivisten und Überlegungen von Robert Anton Wilson zu Semantik und Wahrnehmung interessiert er sich für alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens als Basis diskursiver Sinnstiftung. Skeptisch gegenüber dem Gedanken des Zugangs zu „tieferer Realität“ und „objektiver Wirklichkeit“ begreift er den Politikbetrieb als Manifestation semantischer Realitäten und befasst sich so – bei Face2Face seit April 2011 – nicht nur mit der Tagespolitik selbst, sondern auch mit ihrer medialen Aufarbeitung und entsprechenden Rezeptionspraktiken.

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