Rio de Janeiro – Eine kriminelle Traumstadt

Wer Rio de Janeiro hört, denkt sofort an den weltweit bekannten Strand der Copacabana, die 38 Meter hohe Christusfigur auf dem Gipfel des Corcovados oder an die pompöse und vielfarbige Karnevals-Parade. 

Doch die nach São Paulo zweitgrößte Stadt Brasiliens verbirgt hinter ihrer Fassade von Traumstränden und Postkartenmotiven die Armut von knapp einem Viertel ihrer 13,3 Millionen Einwohner. 

Rio de Janeiro - Eine kriminelle Traumstadt
Slum in Rio de Janeiro (Foto: Christian Bravo Lanyi)


Arm und Reich spalten die Megastadt

Zwischen der wohlhabenden Südstadt mit großen Apartments, deren Glasfronten einen atemberaubenden Blick auf den Ozean ermöglichen, und der ärmlichen Nordstadt mit ihren Favelas liegen Welten.
Favelas sind die besonders in Randlagen der großen Städte Brasiliens liegenden Marginalsiedlungen, bei denen ein überwiegender Teil der Bewohner nur über einen geringen Grundbesitz verfügt. 

Ihren Namen verdanken sie einer gleichnamigen brasilianischen Kletterpflanze. Denn ähnlich wie diese Pflanze siedeln sich die Elendsviertel in Rio de Janeiro an den Bergen an, erstrecken sich dort bis in enorme Höhen und sind aus Platzgründen übereinander errichtet.

Rio de Janeiro - Eine kriminelle Traumstadt
Favela am Hang eines Berges mit Blick auf die Christusfigur (Foto: Christian Bravo Lanyi)


Stützpunkte für Drogenbanden und Milizen

Die Favelas sind Stützpunkte für Drogenbanden und Milizen, die sich schwer bewaffnet gegenseitig ihre Territorien streitig machen. Beinahe täglich kommt es in den Armutsvierteln zu Schießereien, auch mit der Militärpolizei, welche für die Einsätze in den Favelas zuständig ist. 

Für die meisten Menschen sind die Favelas der Inbegriff des Bösen, der Armut und Ausgrenzung. Doch die Menschen, die in diesen Armutsvierteln leben, prägen die Kultur Brasiliens. Die sogenannten Cariocas verkaufen Eis und Cocktails am Strand oder fahren die Busse und Taxis.
Damit diesen ein einfacherer und schnellerer Zugang zur Innenstadt ermöglicht ist, wurden Seilbahnen, sogenannte „Bondinho“, gebaut. 

Rio de Janeiro - Eine kriminelle Traumstadt
Blechdächer der Häuser in einer Favela in Rio de Janeiro (Foto: Christian Bravo Lanyi)

Verbesserung der ärmlichen Situation

Die Lage der Favelas hat sich in den letzten Jahren allgemein gebessert. Viele Häuser bestehen nicht mehr aus Blechteilen, sondern aus Holz oder Stein. Die Strom- und Wasserversorgung, die lange Zeit bestand, wurde eingerichtet. Hilfsprogramme, die von der Politik Rio de Janeiros organisiert werden, versuchen die Erschließung der allgemeinen Versorgung in den Favelas voranzutreiben.

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Holzhaus in einem Armutsviertel in Rio de Janeiro (Foto: Christian Bravo Lanyi)

Communidade Santa Marta 

Eine der bekanntesten Favelas in Rio de Janeiro ist die Communidade Santa Marta in Botafogo. Santa Marta ist eine der 965 in der Stadt registrierten Slums. Hier leben an die 8.000 Menschen, die in Holz-, Ziegel- oder Blechhäusern wohnen. Seit 2010 gilt sie als Sehenswürdigkeit und kann im Rahmen einer Führung besichtigt werden. Auch hier fährt man mit einem Bondinho den steilen Berg zu den Hütten hinauf. Oben angelangt erwarten einen enge Gassen, viele Stromkabelbündel und eine Menge steiler Treppen. Viele Kinder und Hunde spielen in den schmalen, verwinkelten Wegen und an einer Wasserstelle können die Bewohner ihre Kleidung waschen. Der Blick über die Dächer der Stadt vom Zuckerhut bis hinunter zur Copacabana wirkt absurd.

Rio de Janeiro - Eine kriminelle Traumstadt
Eine Favela-Mitbewohnerin beim Waschen ihrer Kleidung (Foto: Christian Bravo Lanyi)

Ein Star unter den Favelas

Berühmt wurde die Favela vor allem durch das Musikvideo zu „They don’t care about us“ von Michael Jackson, bei dem das Armutsviertel im Jahr 1996 einer der Drehplätze war. Heute erinnert eine Statue im Slum an den King of Pop. Auch Szenen des US-amerikanischen Spielfilms Fast and Furious 5 wurden in der Favela gedreht. 

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Michael Jackson – Figur in der Favela Santa Marta

Einbindung in die Gesellschaft

Santa Marta war das erste Elendsviertel, in dem 2008 die so genannte Befriedigungspolitik eingesetzt wurde. Dazu wurde eben ein Großteil der Hütten an das Wasser-, Kanal- und Stromnetz von Rio de Janeiro angeschlossen. Außerdem wurden die engen Gassen vom herumliegenden Müll befreit. Nachdem 2009 sogar kostenloses WLAN für alle zugänglich war, folgte ein Jahr später ein eigener Radiosender, der ganz Botafogo mit Nachrichten aus der Favela versorgt. Seit der Bürgermeister von Rio de Janeiro am 30. August 2010 das Programm Rio Top Tour einführte, gehört Santa Marta zu den offiziellen Sehenswürdigkeiten der Megastadt.

Das dazugehörige Sicherheitsangebot an Militärpolizei wurde im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympiade 2016 enorm verschärft und erreichte innerhalb kürzester Zeit die nahezu vollständige Eindämmung des Drogenhandels und der Gewalt. 

Doch der Schein trügt

Allerdings hat sich die Situation seitdem wieder drastisch gewandelt. Die Favela Santa Marta ist wie viele andere Slums wieder fest in der Hand der Drogengangs und die Gewalt und Kriminalität sind wiederum enorm gestiegen. Konflikte rivalisierender Banden haben erneut zugenommen. Die Befriedigungspolitik und somit die nachhaltige Einbindung des Armutsviertels in die Gesellschaft sind gescheitert.

Durch den Antritt von Jair Bolsonaro als Präsident Anfang dieses Jahres sind auch zukünftig keine Verbesserungen der sozialen Situation zu erwarten. Der ultrarechte Ex-Militär, der zugibt nicht die geringste Ahnung von Wirtschaft zu haben, verherrlicht die Militärdiktatur, hetzt gegen Frauen, Homosexuelle und Schwarze und ist Befürworter schwerer Waffen. Viele Brasilianer sorgen sich wegen der militärischen Ausrichtung des Kabinetts um Menschenrechte und Demokratie. 

Die Situationen in den Favelas Brasiliens scheinen aussichtslos und sogar radikaler und blutiger zu werde als je zuvor. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Schein auch hier trügt und den Bewohnern der Favelas solche Szenen erspart bleiben. 


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Maryline Boudot

Über Maryline Boudot

Jahrgang 1997. Sie ist in Saarlouis geboren und aufgewachsen. Seit Oktober 2017 studiert sie FrankoMedia (Französische Medien- und Kommunikationswissenschaften) in Freiburg. Währenddessen schreibt sie für Face2Face und das Onlinemagazin Fudder der Badischen Zeitung. Dort hat sie im Sommer 2017 ein Praktikum absolviert sowie ein weiteres im April 2018 in der Orga der Presse des Palais de l’Élysée. Am liebsten macht sie Selbstversuche und schreibt über ihre persönlichen Erfahrungen. Themen wie Umwelt, vegane Ernährung und Körper, Geist und Seele interessieren sie am meisten. In ihrer Freizeit spielt sie Tennis, reist, kocht, liest und schreibt gerne.

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