Multikulturelle Erziehung – funktioniert sie oder nicht?

Kinder großzuziehen gehört nicht gerade zu den einfachsten Dingen. Erfahrungen in der eigenen Kindheit und unzählige, unterschiedliche Erziehungsstile stellen das Elternsein auf eine harte Probe. Jeder würde es anders machen. Was aber passiert, wenn bei der Erziehung zwei völlig unterschiedliche Kulturen aufeinander prallen? Kann das gut gehen? Wir haben mit dem 26-jährigen Parmjit Singh aus Köln gesprochen. Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Seine Mutter kommt aus der Türkei, sein Vater  aus dem nordindischen Bundesstaat Punjab.

Face2Face: Meistens haben Kinder, deren Eltern aus unterschiedlichen Ländern kommen, Namen aus beiden Nationen. Du hast aber einen rein indischen Namen. Wie kam es dazu?

Parmjit: Meine Mutter war bei der Namensgebung sehr offen, während mein Vater unschlüssig war, welcher es sein soll. Zum Schluss gab mir meine Tante diesen Namen.

Face2Face: Welche Sprachen sprichst du zu Hause?

Parmjit: Als ich noch ein Kind war, konnte ich beide Sprachen – Türkisch und Punjabi. Mit der Zeit wurde aber immer mehr Deutsch gesprochen. Warum auch immer. Heute verstehe ich diese Sprachen nach wie vor, nur das Sprechen fällt mir nicht so leicht, weil ich sie nicht perfekt beherrsche. Wenn aber meine Verwandten mit mir in deren Sprache reden, dann komme ich wieder in den Fluss.

 

Multikulturelle Erziehung – funktioniert sie oder nicht?

Der türkische Tee ist ein wichtiger Bestandteil der türkischen Kultur. Foto: pixabay.com

Face2Face: Das Thema Essen ist bekanntlich ein wichtiges Kulturgut. Was wird denn bei euch gekocht? Und wer übernimmt das Kochen?

Parmjit: Es ist immer unterschiedlich. Mal macht meine Mutter frischen Börek. Das ist Yufka-Teig mit einer würzigen Füllung aus Rinder-Hackfleisch oder Schafskäse. Dazu serviert sie auch gerne Çay, also türkischen Schwarztee, den ich so sehr liebe. Und mal kocht mein Vater duftenden Basmati-Reis mit Tandoori Hähnchen. Das Fleisch wird zuvor in einer würzigen Joghurt-Marinade eingelegt und anschießend gebraten oder gegrillt. Ein Klassiker der indischen Küche, den ich nur empfehlen kann.

Face2Face: Und welche Glaubensrichtung haben sie?

Parmjit: Mein Vater ist ein Sikh. Kurz gesagt: Der Sikhismus ist eine monotheistische Religion. Der Prophet Guru Nanak Dev hat sie ins Leben gerufen. Ihre Anhänger glauben an den einen höchsten Gott. Die Schriften der insgesamt zehn Gurus wurden im heiligen Buch „Sri Guru Granth Sahib“ festgehalten. Das Gurdwara ist das Gebetshaus der Sikhs. Meine Mutter ist Muslimin.

 

Face2Face: Welche Werte haben dir dein Vater und deine Mutter vermittelt?

Parmjit: Die Familie steht an erster Stelle. Von der Familie erfährst du Zusammenhalt, Geborgenheit, Solidarität, Liebe und so vieles mehr. Sie ist der größte und stärkste Halt, den ich im Leben habe. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass ich eine Familie habe, auf die ich mich – unabhängig in welcher Situation ich mich befinde – jederzeit verlassen kann. Und natürlich die Gastfreundschaft. Sie und die Nächstenliebe sind wichtige Tugenden im Sikhismus, aber auch im Islam. Wenn Gäste uns zu Hause besuchen, wird immer reichlich gekocht und getrunken. Manchmal bleibt nach dem Essen so viel übrig, dass wir die Gäste darum bitten gerne noch was mitzunehmen. Man genießt die gemeinsame Zeit einfach. Es ist uns wichtig, dass sich unsere Gäste bei uns wohl fühlen.

 

Multikulturelle Erziehung – funktioniert sie oder nicht?

Das „Golden Temple“ in Amritsar in Indien ist das höchste Heiligtum der Sikhs. Foto: pixabay.com

Face2Face: Religion spielt bei der Erziehung oft eine wichtige Rolle. Wie haben das deine Eltern geregelt?

Parmjit: Wir besuchen sonntags das Gurdwara, das Gebetshaus der Sikhs. Meine Mutter trägt dabei gerne einen Salwar Kameez, eine traditionelle Punjabi-Kleidung. Man kann sich das so vorstellen: Das lange Oberteil geht meist bis zum Knie und wird locker über dem Salwar, der Stoffhose, getragen. Das Dupatta, ein langer, breiter Schal, was auch als Kopfbedeckung genutzt wird, rundet das „Outfit“ ab. Den Salwar Kameez gibt es in unterschiedlichen Farben, Mustern und Stilen. Auch betet meine Mutter im Gurdwara mit uns. Wir haben auch gemeinsam den goldenen Tempel in Amritsar in Indien besucht. Das war für mich ein ganz emotionaler Moment. Ich war noch nie so überwältigt von meinen Gefühlen. Es war mir eine Ehre und ein unbeschreibliches Gefühl, als Sikh, das höchste Heiligtum der Sikhs zu besuchen, um dort zu beten. Der Islam wird bei uns nicht gelebt, aber als Kulturgut verstanden.

Face2Face: Kommen wir zu einem anderen Thema: Wenn du mal heiraten möchtest, muss es denn eine Inderin oder Türkin sein? Oder keins von beidem?

Parmjit: Also, ich weiß von Freunden und Bekannten, die verheiratet sind, dass eine Ehe auf Dauer kein Zuckerschlecken ist. Und mir ist bewusst, dass nicht jeder so ein Glück hat wie meine Eltern. Mir ist es wichtig, dass die gemeinsame Basis gegeben ist – spätestens bei der Kindererziehung. Aber da ich sowieso glücklich an eine Inderin vergeben bin, erübrigt sich die Frage.

Face2Face: Wie möchtest du heiraten – traditionell indisch oder türkisch?

Parmjit: In dieser Sache bin ich mir ganz sicher. Als Sikh möchte ich gerne traditionell indisch heiraten.

 

Face2Face: Sind Frauen für dich gleichberechtigt?

Parmjit: Meine Mutter, Tanten und Cousinen sind alle unabhängig im Leben: Sie besitzen einen Führerschein, studieren oder sind berufstätig, unabhängig davon, ob sie hier, in der Türkei oder in Indien leben. Darüber bin ich froh. Ich kenne es auch gar nicht anders. Daher ja, sind sie.

Face2Face: Und als was fühlst du dich?

Parmjit: Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Habe auch deutsche Freunde und Kollegen, die ich sehr schätze. Deutschland ist meine Heimat. Wenn ich aber gefragt werde, woher meine Wurzeln sind, sage ich, dass sie in der Türkei und in Indien liegen. Und die möchte ich auch behalten.

Face2Face: Wie stehst du persönlich zur multikulturellen-Erziehung?

Parmjit: Natürlich finde ich es gut, wenn es klappt. Ist aber trotzdem eine Herausforderung, den man sich im Klaren sein soll. Ich denke, damit sie langfristig funktioniert, muss man Kompromisse eingehen. Wenn jeder nur seinen Willen durchsetzen will, wird es bestimmt für die beteiligten schwer.

Face2Face: Wie würdest du deine Kinder erziehen? Sind deine Eltern diesbezüglich ein Vorbild für dich?

Parmjit: Meine Eltern sind definitiv ein Vorbild für mich, vor allem meine Mutter. Weil sie immer und gerne bei allem dabei ist und auch teilnimmt. Trotzdem hat sie nie das Gefühl, etwas von sich oder ihrer Identität herzugeben. Bis es soweit ist, dass ich eigene Kinder habe, dauert es wahrscheinlich noch ein bisschen. Von daher habe ich mir darüber noch nicht so viele Gedanken gemacht. Soviel kann ich aber sagen: Ich bzw. Wir werden sie mit Verständnis, Respekt und Liebe erziehen.

Modern Music School

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.