„Man muss den Leuten schon zeigen, was man meint“ – Interview mit dem Fernsehkritiker Holger Kreymeier

„Schalten Sie mal wieder ab“ – so das Motto des Fernsehkritikers Holger Kreymeier. Selbst schaltet der 39-Jährige die Röhre natürlich nicht ab, schaut und hinterfragt hingegen die Beiträge distanziert. Unseriöse Nachrichten, erlogene Gerichtsurteile, aber auch die erpresserischen Methoden der Fernseh-Macher hat der Kritiker in seinem satirisch-kritischen Magazin „Fernsehkritik.tv“ bereits aufgedeckt. Was er von der gegenwärtigen Fernsehlandschaft hält und worin er die Zukunft des Fernsehens sieht, erzählt er im Face2Face-Interview.

„Man muss den Leuten schon zeigen, was man meint“ – Interview mit dem Fernsehkritiker Holger Kreymeier

Nicht auf den Mund gefallen: Fernsehkritiker Holger Kreymeier (Foto: privat)

Face2Face: Wie kamen Sie auf die Idee, „Fernsehkritik.tv“ ins Leben zu rufen?
Kreymeier:
Ich habe selbst für das Fernsehen gearbeitet – unter anderem im Boulevard-Bereich. Dadurch habe ich mitbekommen, wie das Fernsehen so funktioniert. Die Erkenntnisse waren teilweise erschreckend – menschliche Schicksale wurden als Ware behandelt. Deshalb habe ich die Seite „Fernsehkritik.tv“ ins Leben gerufen. Vier Jahre lang habe ich dort erst Texte geschrieben, seit 2007 gibt es „Fernsehkritik.tv“ aber hauptsächlich als Magazin. Es reicht nicht aus, nur Texte zu schreiben. Man muss den Leuten schon zeigen, was man meint.

Face2Face: Wieso haben Sie gerade einen satirischen Umgang für die Medienkritik gewählt?
Kreymeier: Unter anderem wegen des Kalkofe-Urteils des Gerichtshofs über das Zeigen von Originalausschnitten. Beim Urteil ging es speziell um Satire, so dass man aus den Ausschnitten praktisch ein neues, künstlerisches Werk schafft ohne gegen das Urheberrecht zu verstoßen. Außerdem entspricht das meiner Art und erscheint mir sympathischer.

Face2Face: Mit „Fernsehkritik.tv“ üben Sie nicht nur Kritik am Fernsehen, sondern an Ihrem eigenen Format – beispielsweise via Forenbeiträge oder Livestream. Inwieweit übt ein Kritiker dabei Selbstkritik?
Kreymeier: Beim Livetalk zum Beispiel kann jeder anrufen, der möchte – und dabei auch kritische Fragen stellen. Mehr Transparenz geht nicht. In der Postfolge lese ich speziell die kritischen Mails vor und im Forum kann auch offen und transparent diskutiert werden. Wenn ich was veröffentliche und berichte, muss ich mich dann auch dazu stellen können.

Face2Face: Wo sehen Sie das eigentliche Ziel und die Aufgaben des Fernsehens? Wie sieht die gelebte Realität aus?
Kreymeier: Die Ziele der Privatsender ist es Geld zu verdienen, Quote zu machen. Das sind ja private Unternehmen, die Fernsehen machen. Auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern scheint das Ziel die Quote zu sein. Sie glauben, dass sie sonst ihre Berechtigung verlieren würden, obwohl das von den GEZ-Gebühren her ganz anders gedacht ist. Die eigentlichen Ziele der Öffentlich-Rechtlichen sind der Kultur- und Bildungsauftrag. Sie sollen die Leute informieren, aufklären und bilden. Aber nicht die Menschen verdummen oder mit hirnlosem Fernsehen vollstopfen.

Face2Face: Wie urteilen Sie über die Zukunft des Fernsehens? Was wird uns in den nächsten zehn Jahren erwarten?
Kreymeier: Na ja, das Fernsehen soll interaktiver werden – als eine Art Mediathek im Internet. Sendungen zu jeder Zeit abrufen zu können – bis auf Live-Veranstaltungen wie Fußball natürlich – das wird die Zukunft sein. Das Fernsehen wird somit interaktiver werden und mit dem Internet verschmelzen. Bei den Privatsender könnte ich mir vorstellen, dass für hochwertige Beiträge Geld verlangt wird. Dadurch hätten wir ein Zwei-Klassen-Fernsehen.

Face2Face: Inwieweit unterscheidet sich die deutsche Fernsehlandschaft von der ausländischen?
Kreymeier: Es gibt sehr viel schlimmeres in den anderen Ländern – aber auch sehr viel besseres. Deutschland liegt da so im Mittelfeld. In Österreich ist das Fernsehen beispielsweise schlimmer, weil die Öffentlich-Rechtlichen dort jede Menge Müll bringen. Da kann man sich manchmal nur an den Kopf fassen.

Face2Face: Was halten Sie davon, dass Katia Saalfrank die „Super Nanny“ verlassen hat?
Kreymeier: Die Super Nanny wurde abgesetzt, das ist die Hauptsache. Sie hat sich ja distanziert von den Skripten und Verfälschungen. Aber sie selbst hat sich bei den Familien kaum blicken lassen und hat sich nicht interessiert für die Kinder. Deshalb soll sie nicht so tun, als würde das Format ihren pädagogisch-hohen Ansprüchen nicht entsprechen. Die hat sie nie gehabt.

Face2Face: Bei Ihren Interviews lassen Sie gerne den Interviewpartner Sätze zu Ende führen. Daher nun bitte Ihre Antworten: Die GEZ ist…
Kreymeier: …eine dubiose Organisation, die mich ein bisschen an die DDR-Stasi erinnert und eigentlich abgeschafft werden sollte.

Face2Face: Mit Jürgen Milski würde ich gerne einmal…
Kreymeier: …vor Gericht streiten, wenn er auf der Anklagebank wegen Betruges sitzt.

Face2Face: Mein Top-Favorit für die Nachfolge von „Wetten, dass“ lautet…
Kreymeier:…Joko und Klaas. Die beiden sind eine neue, frische Generation von Moderatoren. Dem ZDF würde es gut stehen dadurch frisches Blut reinzubringen.

Kontakt:
www.fernsehkritik.tv


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