Machet die Nacht zum Tag

Es ist soweit. Die vierte Kerze des Adventskranzes flackert beschaulich gemeinsam mit ihren Vorgängern, das Wohnzimmer wird warmen Kerzenschein gehüllt. Ach wie schön. Doch noch während ich die Ruhe genießen will, werde ich geblendet. Es dunkelt bereits und der Nachbar hat seine Außenbeleuchtung an, macht die Nacht wieder zum Tag. Gefühlter Flutscheinwerfer auf mein Gartenfenster. Dabei wäre das gar nicht nötig. Auch im Kamineck lodert nicht etwa das Feuerchen, sondern ein helles Fensterbild verbreitet angeblich weihnachtliche Stimmung. Die Kerzen gehen spätestens bei der blinkenden Weihnachtsbaumbeleuchtung unter, die angeblich wie echter Kerzenschein sein soll. Mir wird von der Blinkfrequenz nur schwindelig und ich frage mich: Muss das sein?

Geschmackssache? Wenn Deko die Nacht zum Tag macht (© Kurt Bouda / pixelio.de)

Geschmackssache? Wenn Deko die Nacht zum Tag macht (© Kurt Bouda / pixelio.de)

Früher, als ich jünger war, schaute ich mit meinem Bruder die „Abenteuer“ von Tim Allen alias Tim Taylor, der Heimwerkerkönig, der jedes Jahr zu Weihnachten Tonnen von Festtagsbeleuchtung in Garten und aufs Dach schleppt, dabei mehr als einmal runter fällt, und dank dessen massivem Weihnachts-Stromverbrauch sogar Flugzeuge bei Stromausfall noch landen können – denn er hat natürlich einen eigenen Weihnachtsdekogenerator. Heute ahne ich, dass mehr als ein Pseudo-Tim-Taylor mir auf der Straße entgegenkommt. In der Nachbarschaft meiner Großmutter ist laut blinkender Schilder der Nordpol zu finden und gegenüber vom Bahnhof gibt der Weihnachtsmann ein Warnlicht von sich, während er in seine Strickleiter verheddert ausgestellt ist. Ob Rentier, Schneemann oder Schlitten, alles ist in LED-Lichtschlauch-Format beim abendlichen Spaziergang zu entdecken und selbst meinem Mann konnte ich es nicht ausreden, die bunte Lichterkette auf die Gartenkräuter zu legen, die im hinteren Garten wachsen. Also hinten. Wo es eh keiner sieht, außer wir, wenn wir tatsächlich mal aus dem Fenster schauen und der Flutscheinwerfer des Nachbarn aus ist.

Meine schummrigen Kerzen tun mir da geradezu Leid. Nicht nur, dass sie Relikte vergangener Tage sind, sind ihre Vettern andernorts doch bereits durch nicht brennende LED-Varianten ausgetauscht worden. Sie werden auch noch übertönt, überstrahlt von Lampen, Lichtern, Leuchten. Als ich noch kleiner war – im Grundschulalter, lernte ich, dass Advent Ankommen bedeutet. Die Vorfreude auf die Ankunft des Herrn. Kitschig, na klar. Und in Zeiten des kommerziellen Weihnachtsfestes, bei dem Fernsehsender jährlich Passanten befragen, was wir an Weihnachten denn feiern und immer wieder schön skurrile Antworten bekommen, auch erschreckend religiös formuliert. Aber wenn ich mal kurz dabeibleiben darf und das heller werdende Licht durch die größer werdende Anzahl der brennenden Kerzen mit dem Strahl der Hoffnung vergleichen darf, der doch von Weihnachten symbolisiert und in Büchern, Filmen und Liedern immer wieder ausgeschlachtet wird, dann überstrahlt das Drumherum bald das Fest als solches im Ganzen.

Besinnlicher Schimmer? Weihnachtsbeleuchtung kann auch nerven (© Petra Bork / pixelio.de)

Besinnlicher Schimmer? Weihnachtsbeleuchtung kann auch nerven (© Petra Bork / pixelio.de)

Ohhh. Ich arme Kleine ärgere mich über ein paar Lichter? Ja, verdammt. Ich will in der Vorweihnachtszeit auch einfach mal meine Tasse Tee in Ruhe bei vier flackernden Adventskranzkerzen verbringen können, mir das Spiel der Flammen ansehen können, die ungewöhnlichen Schatten bestaunen und den original Wachs-Duft mit einem Lächeln genießen. Ohne Lichterkette im Garten, Flutscheinwerfer von nebenan, Pseudo-Blinkern von der Tanne. Denn das gehört zu Weinachten dazu. Die Ruhe, die Besinnung, der Pausenknopf – wenn auch nur für Sekunden – und Kerzen. Also entschuldigt mich bitte. Ich geh mal kurz die Sicherungen rausdrehen.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anne euch, was sie über Sylvester denkt.


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Eva-Maria Obermann

Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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