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Nur für Kinder? Kinder sind wir alle (Foto: Obermann)

Nur für Kinder? Kinder sind wir alle (Foto: Obermann)

Mein Küchenschrank ist leergeräumt. Alle flachen Schüsseln und Tupperdosen liegen im Wohnzimmer auf den Regalen verteilt. In ihnen sind kleine und größere Steinchen schön ordentlich sortiert, dort die grauen, hier die schwarzen und da drüben die weißen. Nicht genug, dass im Kinderzimmer das Baby den Inhalt der Duplokiste auf dem Boden verteilt hat und ich regelmäßig über die Steine stolpere, auf unserem Regal über dem Sofa thront seit zwei Wochen ein halbfertiges Prachtstück aus LEGO.

Nein, mein Großer wurde nicht auf Bauklötzchenentzug gesetzt. Seine Feuerwache ist im Spielzimmer einsatzbereit, denn endlich hat er den Dreh raus und baut tatsächlich selbst. Auch wenn er danach mit seinem Gebauten wenig anzufangen weiß. Das gute Stück im Wohnzimmer gehört dem größten Kind bei uns. Und das ist meine Schuld: Denn ich habe meinem Mann zum dreißigsten Geburtstag (liest sich erschreckend erwachsen) das ultimative Geschenk besorgt. Den LEGO Star Wars Todesstern.

Wir haben sie doch alle, diese eigentlich kindischen Wünsche, die wir uns selbst nie erfüllen würden. Eben weil sie kindisch sind, Spielzeug, auf gewissen Weise eben unnötig. Völliger Humbug sage ich und habe darum meinem Mann zu Weihnachten auch noch ein eigenes Laserschwert besorgt. Wir leben nur einmal und solche Träume sollte keiner auf die Seite schieben, nur weil er schon Geld verdient oder nicht mehr in der Kinderabteilung einkaufen kann. Das Kind in uns, in uns allen, darf nicht einfach todgeschwiegen werden.

Nützliches Ding: Im Spiel werden auch Große wieder klein und freuen sich (Foto: Obermann)

Nützliches Ding: Im Spiel werden auch Große wieder klein und freuen sich (Foto: Obermann)

Das Phänomen ist nicht neu. Bereits in der Romantik wurde das Motiv des goldenen Zeitalters als idealer Zustand gesehen. Das goldene Zeitalter war aber nicht unbedingt ein Jahr, es war die Zeit der Kindheit. Die Kindheit mit ihrem großen Staunen, ihrem Spaß an Neuem, der Neugier und Zufriedenheit. Und mit ihrem Spieltrieb. Und mal ganz plakativ: Schon Jesus sagt: Bringt die Kinder zu mir. Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, und so weiter.

Immerhin ist unser Leben schon „erwachsen“ genug. Wir müssen morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, Geld verdienen, um Rechnungen zu bezahlen. Wir müssen einkaufen und kochen, aufsaugen und das Klo putzen, vom Babypopo abwischen ganz zu schweigen. Irgendwann brauchen wie Anti-Falten-Creme und zupfen uns graue Haare aus. Und deswegen sollen wir jetzt einfach aufhören zu spielen oder Star Wars Todessterne aus LEGO zu bauen? Auf keinen Fall. Indem ich also meinem Mann einen Wunsch erfülle, der ihn wieder zum Kind werden lässt, erlaube ich mir selbiges auch.

Damit meine ich jetzt keine Konkurrenzspiele, von Mensch ärger dich nicht zu Fußball. Diese Spielchen befreien nicht, viel mehr engen sie uns immer wieder in Machtstrukturen ein. Aber zwangloses Schaukeln, konzentriertes Bauen, befreiendes Malen – was auch immer wir schon als Kinder gerne gemacht haben. Spiele, bei denen wir unseren wild denkenden Kopf endlich mal abschalten können.

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Spieltrieb oder Entspannungsnot? Warum nicht beides (Foto: Obermann)

Daneben hat das Bauen mit LEGO beinahe schon therapeutische Züge. Wie schön da ein Steinchen auf das andere passt und sich zu einem großen Ganzen fügt. Die Zeit verfliegt, die Beutelchen werden leerer und man selbst ruhiger. Was könnte es besseres geben für gestresste Arbeitnehmer, Studenten oder Auszubildende? Wo Kinder Zusammenhänge lernen und Formen begreifen, finden Erwachsene Ruhe und Entspannung. Und mal ehrlich: Wenn das Gebaute dann fertig vor einem steht haben auch wir ein kleines Erfolgserlebnis. Und die sind im Leben doch selten geworden. Mal ganz davon abgesehen, könnte so ein kleiner Todesstern vielleicht nochmal nützlich werden. Irgendwann, vielleicht. In dem Sinne: Möge die Macht …

Vorschau: Sascha schreibt nächste Woche von den Momenten, in denen das Internet ausfällt.


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Eva-Maria Obermann

Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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