„Liebe deinen Nächsten…“

Zweifelsohne: Nächstenliebe und die Bereitschaft, seinen Mitmenschen zu helfen, sind Tugenden. Doch aus der Tugend kann schnell ein Problem werden, nämlich dann, sobald aus dem „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ein „Liebe deinen Nächsten mehr als dich selbst“ wird.

„Liebe deinen Nächsten...“

One-Man-Show: Wer hilfsbereit ist, darf oft alles machen. (©Erysipel/Pixelio)

Nehmen wir mal Folgendes an: In einer WG leben fünf Personen. Idealerweise werden die Aufgaben des täglichen Lebens auf die einzelnen Bewohner aufgeteilt. Jeder hat etwas zu tun, für keinen wird es zu viel. Nun muss aber einer der Bewohner Überstunden schieben und schafft es nicht mehr die Wäsche zu waschen, was eigentlich sein Part im Haushalt wäre. „Könntest Du nicht vielleicht für mich einspringen?“, fragt er seinen Zimmernachbarn. Dieser ist unglaublich hilfsbereit, und versteht natürlich die Misere seines Mitbewohners und beruhigt: „Klar, das geht schon in Ordnung, ich mache diese Woche die Wäsche.“

Doch dann geht es weiter: Zwei Wochen später kommt unser Freund mit den Überstunden wieder auf den Hilfsbereiten zu. „Du, ich habe heute Abend eine Verabredung mit dieser unglaublich netten Kollegin. Du weißt schon: Die, mit der ich schon seit Ewigkeiten ausgehen will, die ich aber bisher nicht angesprochen habe, weil ich zu schüchtern war. Jetzt hat doch glatt sie mich gefragt, ob wir nicht heute Abend gemeinsam Essen gehen wollen. Das Problem ist: Ich müsste heute noch die Einkäufe für die WG erledigen… Könntest du das nicht vielleicht für mich übernehmen? Ich wäre dir ja unendlich dankbar.“ Die Antwort des Hilfsbereiten können wir uns schon vorher denken: „Na ja, in Ordnung; so eine Gelegenheit bekommt man ja nicht alle Tage. Geh‘ nur mit Deiner Kollegin aus, ich mach das schon mit den Einkäufen. Viel Spaß heute Abend.“

„Liebe deinen Nächsten...“

Happy Hour: Während einer schuftet, lassen es sich die anderen gut gehen (©Rainer Sturm/Pixelio)

Schnell hat sich unter den anderen Bewohnern der WG herumgesprochen, wie verständnisvoll und zuvorkommend einer ihrer Mitbewohner ist. Ehe sich der Hilfsbereite versieht, hat er einen ganzen Berg voller Aufgaben am Hals und schmeißt den Gemeinschafts-Haushalt praktisch im Alleingang.

Sein Problem: Der Gutmütige ist nicht nur hilfsbereit, er ist schon geradezu naiv und kann nicht „nein“ sagen. Er will jedem helfen und einspringen, wo es nur geht. Auch wenn er selbst gerade jede Menge Arbeit hat und eigentlich keine Zeit hätte, so übernimmt er trotzdem noch die Aufgaben anderer. Dabei vergisst er seine eigenen Bedürfnisse, vergisst, dass er auch etwas Ruhe braucht. Er möchte für jeden da sein, doch das geht de facto einfach nicht und im Endeffekt werkelt er sich kaputt.

Nichtsdestotrotz wäre es fatal, jetzt einer Seite die Schuld zuzuschieben. Es ist so, dass sowohl der Gutmütige als auch die Nutznießer Verantwortung tragen. Diejenigen, die sich auf die faule Haut legen und lieber arbeiten lassen als selbst anzupacken, sollten die Hilfsbereitschaft des Gutmütigen nicht über die Maßen beanspruchen. Aber genauso trägt der Hilfsbereite selbst seinen Teil dazu bei, dass er ausgenutzt wird. Denn er müsste lernen „nein“ zu sagen und seinen Mitmenschen zu zeigen, wo seine persönlichen Grenzen liegen.

Aber leider ist es gar nicht so leicht zum Neinsager zu werden. Wer es gewohnt ist, immerfort seine Hilfe anzubieten und anderen Arbeit abzunehmen, der wird lange brauchen, um einen Satz wie diesen die Lippen zu kriegen: „Tut mir leid, ich kann dir da jetzt nicht helfen, ich schaff‘ das nicht.“ Und wer bereits von Kindheit an zu übermäßiger Fürsorge den anderen gegenüber regelrecht dressiert wurde, der wird es vielleicht nie schaffen, Hilfsdienste zu verweigern. Einfacher ist es da für die andere Seite, die Nutznießer: Auch wenn die Versuchung groß ist, so sollten sie ihr doch widerstehen und möglichst selbst anpacken.

Hilfe kann man in Anspruch nehmen, wenn man sie braucht, aber auch nur dann; jeder sollte selbst Verantwortung übernehmen und seine Aufgaben erledigen, alles andere muss die Ausnahme bleiben.

Vorschau: Starbucks – viel Hype um wenig Kaffee? Ob das wirklich so ist, erfahrt ihr nächste Woche in Sonjas Kolumne.

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Über Sascha Resch

Jahrgang 1992. In München geboren und aufgewachsen, beendete er 2015 erfolgreich seine Ausbildung zum Fachinformatiker, Schwerpunkt Software-Development. Nebenbei sammelte er journalistische Erfahrungen in der Redaktion des TOUR-Rennradmagazins, beim Magazin der Jungen Presse Bayern, durch seine eigene Webseite Alpenvettern.de und natürlich seit 2012 auch bei Face2Face. Seit 2015 studiert er in München am Institut für „Deutsch als Fremdsprache“ und arbeitet parallel als Deutschlehrer in einer Schwabinger Sprachschule. Auch bei Face2Face ist er flexibel: Zunächst als Autor unterwegs, kümmert er sich jetzt zusammen mit Denis Pollach um die IT-Infrastruktur des Magazins.

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