Komponieren für Anfänger – ein Interview mit Klaus Kauker

„So wie ich spricht vermutlich niemand über Musik“, urteilt der Pop-Komponist Klaus Kauker über sich selbst. Das könnte auch der Grund sein, weshalb zahlreiche Musik-Laien und Profis die „YouTube“-Videos des Studenten begeistert mitverfolgen. Erst kürzlich wurde der 24-Jährige für seine Beiträge mit dem „Webvideo“-Publikumspreis 2012 ausgezeichnet. Die Musik wurde dem Essener Produzenten dabei in die Wiege gelegt. Bereits mit sechs Jahren erhielt er die ersten Klavierstunden – und bis heute hat sich an Kaukers Leidenschaft zur Musik nichts geändert: „In Musik kann man einfach wunderbar eintauchen und sich seine eigene Klangwelt schaffen. Sie ist einfach unendlich vielfältig, so dass man immer wieder faszinierende Dinge entdeckt“. Durch seine eigene musikalische Tätigkeit weiß der Komponist genau, was es beim Komponieren zu beachten gibt.

Komponieren für Anfänger – ein Interview mit Klaus Kauker

Hat Musik im Blut: Klaus Kauker (© C.K. Banski)

Face2Face: Ist das Komponieren erlernbar? Sind dazu alle Menschen fähig?
Kauker:
Ja und ja. Nur Mut an alle, die Lust haben, sich musikalisch auszudrücken. Man lernt ständig dazu und man entwickelt sich laufend weiter. Man sollte einfach loslegen. Anfangs schreibt man seine Musik am ehesten für sich selbst. Es dauert seine Zeit bis der eigene Stil so sitzt, dass sich auch ein Publikum bildet.

Face2Face: Sind theoretische Kenntnisse und musikalische Grundlagen von Vorteil?
Kauker: Oh ja! Besonders als Anfänger ist es tödlich, sich vor diesem Themengebiet zu verschließen. Theoretisches Wissen verändert zwar den eigenen musikalischen Stil – aber aus meiner Erfahrung nur zum Positiven.

Face2Face: Muss man heutzutage noch Noten lesen und Instrumente beherrschen, um komponieren zu können?
Kauker: Ein Komponist ist meist so verliebt in die Welt der Klänge – er müsste sich schon in eine Zwangsjacke begeben, um nicht der Versuchung zu erliegen, ein Instrument in die Hand zu nehmen. Auch DJ-Turntables, Midi-Controller und alles, was Klänge produziert, kann dabei als Instrument dienen. Noten lesen können vereinfacht wiederum das Leben eines Musikers und ist auch nicht besonders schwer. Wer lesen und schreiben gelernt hat, kann auch lernen, wie man Noten liest und schreibt.

Face2Face: Was kommt zuerst: Der Text oder die Melodie? Sind beide Elemente gleich gewichtet?
Kauker: Bei mir kommt meist die Musik zuerst. Aber ich habe auch schon anders herum gearbeitet. Für mich hat der Songtext die Aufgabe, den Hörer auf eine grobe Spur zu bringen, Assoziationen zu wecken, auf sprachlicher Ebene musikalisch zu klingen. Ich sehe nicht vor, dass der Songtext wie ein Gedicht für sich allein stehen kann. Meine Melodien funktionieren hingegen auch ohne Text. Dort liegt also mein Hauptgewicht. Jeder Komponist trifft hier aber seine eigene Entscheidung.

Face2Face: C, A-Moll, F und G sind eine populäre Akkordfolge in der Popmusik. Wie kommt es, dass Lieder mit diesen Akkorden von Erfolg gekrönt sind?
Kauker: Die Akkordfolge, der man das größte Hit-Potential zuschreibt, ist wohl C, G, Am und F. Nachdem einige Welthits diese Harmonien in das Unterbewusstsein der Hörer eingebrannt haben, handelt es sich hier um ein Wiedererkennungsmerkmal, das sich neue Songs zunutze machen, um besonders leicht zugänglich zu sein. Da viele Songschreiber glauben, es handle sich bei dieser Folge um den Schlüssel zum Erfolg, werden einfach überdurchschnittlich viele Songs so geschrieben. In Wahrheit kann aber auch jede andere Akkordfolge einem Hit zugrunde liegen.

Face2Face: Was ist beim Übergang von Strophe zu Refrain beziehungsweise beim Übergang der Elemente im Allgemeinen musikalisch zu beachten?
Kauker:Schreibt man einen Popsong, sollte man sich darüber im Klaren sein, warum es Strophen und Refrains überhaupt gibt. Der Unterschied der beiden Formteile besteht darin, dass Strophen stets neue Inhalte haben – der Refrain dagegen in gleicher Form wiederkehrend ist. Für den Zuhörer schafft man damit eine gute Balance zwischen Neuem und Bekanntem. Für den Songwriter macht es dann Sinn, die Instrumente in den Strophen zurück zu nehmen, da man auf den neuen Text hören muss. Im bekannten Refrain dagegen kann der Zuhörer schon mitsingen, sofern die Melodie einfach genug ist. Die Instrumente dürfen sich hier ruhig weiter verdichten. Einen Übergang von „passiv“ zu „aktiv“ kündige ich musikalisch gerne an – beispielsweise durch einen Drum Fill-In. Der Bruch von „aktiv“ auf „passiv“ darf aber auch gerne völlig abrupt und überraschend sein.

Face2Face: Welche Musikprogramme und Editoren eignen sich besonders für Laien?
Kauker:
Es gibt tonnenweise Midi-Sequenzer zum kostenlosen Download oder Audio-Editoren wie „Audacity“. Viele Hersteller von USB-Soundkarten liefern ein gutes Musikprogramm für Einsteiger gleich mit. Arbeitet mit dem was Ihr habt – Es klappt auch mit Stift und Papier.

Face2Face: Wodurch kann man einem Lied eine Spannungskurve verleihen, damit es nicht langweilig wird?
Kauker: Bedient man sich den im Pop üblichen Formteilen, lässt sie in ihrer Länge nicht ausarten und beachtet dabei, dass sie sich musikalisch voneinander unterscheiden, kann nicht mehr viel schief gehen. Oft hilft eine Bridge, die sich musikalisch deutlich absetzt, um weiter Spannung aufzubauen. Manchmal ist es aber auch eine gute Entscheidung, eine Strophe zu streichen, um aus einem „langweiligen“ Lied ein kurzes und gutes zu machen.

Face2Face: Sollte man sich auch an ungewohnte Harmonien heranwagen?
Kauker: Die „Soll-Man-Frage“ ist die erste, die man sich als Komponist abgewöhnen sollte. Natürlich kann man sich von anderen Komponisten inspirieren lassen. Aber es bringt überhaupt nichts, alles so zu machen wie andere es bereits tun. Beim Komponieren geht es darum, seinen eigenen Weg zu gehen und dabei auch etwas zu wagen. Auf seinem Weg begegnet man neuen und ungewohnten Dingen. Diese nimmt man auf und verarbeitet sie in seiner Musik – oder man lässt sie eben links liegen. Man sollte nur nicht aufhören, immer einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Kontakt:
Klaus Kauker – Contemporary Music
MusikTraining Kostenlos

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