Ja, ich altere

Es passiert mir immer öfter. Ich merke, dass ich alt werde. Nicht, weil ich Falten hätte, oder Rheuma, graue Haare. Erscheinungen, die ich zwar kenne, aber nicht unbedingt von mir persönlich. Auch der Ernst des Lebens hat mich noch nicht so wirklich eingeholt. Als Studentin bleiben manche Sorgen einfach fern. Mein Sohn hält mich eher jung, als dass er alt machte. Ohne Reue Zeichentrickfilme, Kinderbücher und mit Wasserfarben klatschen, Kinderlieder trällern und Seifenblasen machen. Nein, das klingt nicht nach alt.

Ja, ich altere

Wer hat den Größten? Digitale Kuchenschlachten machen nicht dick, dafür aber alt (Foto: Obermann)

Was mich erschrickt, eigentlich lächerlich, wenn ich bedenke, dass selbiger Schritt von mir für nächstes Jahr schon lange geplant ist, ist das Heiraten. Präzise: Wenn alte Schulfreunde, Leute von denen ich ewig nichts gehört habe, heiraten. Am Wochenende hatten wir besuch. Zwischen Partywok und „Megamind“ erzählt er uns, ohne mit der Wimper zu zucken, dass eine Bekannte kürzlich geheiratet hat und nun ein Kind erwartet. Das saß. Und es war nicht die erste unheimliche Begegnung in Weiß und Tüll. Schon vor einigen Jahren erfuhren wir, dass ein guter Freund beschlossen hatte, spontan zu heiraten. Wir jedenfalls wussten von nichts und glaubten der Computer wäre kaputt. Der zeigte nämlich ungetrübt beim Facebook-Status „verheiratet“ an. Einfach so, von einem Tag auf den anderen.
Facebook scheint überhaupt der große Hit zu sein, wenn es darum geht, vom Ringtausch zu prahlen. Die Fotos im Profil werden in sepiafarbene Hochzeitsbilder vom teuren Fotografen ersetzt, nach und nach, damit es auch alle erfahren und keiner sich den gestellten Liebesbilden entziehen kann, werden auch die übrigen Hochglanzabzüge digitalisiert und in einem oder mehreren Alben der Internetgemeinde vorgeführt. Ganz schlaue richten für Standesamt und Kirche verschiedene Ordner ein, die dann noch in professionell und selbst geschossen unterteilt werden wollen. Irgendwas wird da auf jeden Fall geschossen, womöglich ja der Twitter-Vogel. Denn Hochzeitswahnsinnige dieser Tage haben ja nicht nur Facebook, sondern mindestens noch Twitter, wenn nicht sogar schon Google+.

Selbige Rüschenliebhaber melden dann auch immer wieder, wie schön alles gewesen sei, die Torte, die Gäste, das Wetter und überhaupt. Hochzeitswettkampf 2.0. Endlich habe ich den ultimativen Grund für Facebook gefunden. Es geht nicht mehr darum, Frauen Noten für ihr Aussehen zu geben, sondern um ganze Vermählungen. Warum noch Einladungen verschicken, wenn alle Welt im Netz teilhaben kann an perfekt sitzenden Frisuren, makellosen Bildern und der Liebe, die durchs World Wide Web schwebt. Kommen bei euch da etwa leise Zweifel an der Perfektion?
Und dann gibt es noch die absoluten Facebook-mit-Hochzeit-überschwemm-Finalistinnen. Die kommen mit den Hochzeitsbildern nicht erst nach der Trauung. Nein, warum auch? Schon Monate vorher geben sie täglich Statusmeldungen ab, wie weit die Planung vorangeht. Eine alte Freundin hatte sogar eine eigene Hochzeits-Website eingerichtet mit Kennenlerngeschichte, Trauzeugenvorstellung, Menuplan. Und das, bevor der Termin offiziell angemeldet war. Jeden Mittag gab es denn Ich-heirate-Countdown mit zwei Zahlen, damit auch wirklich keinem entgehen konnte, wann sie und ihr Liebster sich vor Staat und Kirche das Ja-Wort geben wollten.

Ja, ich altere

Hier kommt die Braut: Das Online-Wettrennen um das schönste Brautkleid hat längst begonnen (Foto: Beutler)

Ja, ich bin auch eine Frau. Ja, ich will auch heiraten. Ja, ich freue mich auch darauf. Aber dem großen Rest der Welt wird das egal sein, warum muss ich ihn dann bis aufs Blut damit konfrontieren? Ich warte nur darauf, bis eine der Spezialistinnen Bilder der Geburt ihres ersten Kindes hochlädt. Oder gleich ein Video. Erklärt es mir, ich brenne darauf: Muss das sein? Ein Bild, dagegen sag ich nichts. Zwei, drei Meldungen, wenn der große Tag vor der Tür steht, meinetwegen. Wir wollen ja schließlich nur einmal heiraten und es ist toll, wunderbar, romantisch, was weiß ich. Aber irgendwie, irgendwo und irgendwann reicht es doch wirklich. Denn dann bekomme ich zumindest das Gefühl, dass alle Welt um mich herum heiratet. Der eine, die andere, die auch noch, die schon wieder oder immer noch, der jetzt auch.
Tja, und dann, dann fühle ich mich alt. Wenn Leute, mit denen ich im Sandkasten gesessen habe plötzlich einen anderen Nachnamen haben. Wenn Freundinnen und Freunde sich auf ewig binden. Wenn auf einmal überall so viele, wichtige Entscheidungen getroffen und Fragen mit „Ja“ beantwortet werden. Das ist der Ernst, ernster wird’s nicht, das macht uns alle auf einen Schlag erwachsen. Nicht nur erwachsen, auch vernünftig und nachdenklich, planend und berechnend. Und irgendwie eben auch alt. Daran kann ich schlecht was ändern und das ist noch viel schlimmer, denn für Falten gibt es Cremé, für Haare Tönung. Alt werden wir trotzdem, jeden Tag ein bisschen mehr. Woran merkt ihr, dass ihr alt werdet?

Vorschau: Nächste Woche berichtet Lea, wie es ist, wenn ihr einfach alles über den Kopf wächst.


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Eva-Maria Obermann

Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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