Gut geträumt?

Gut geträumt? Nächtliche Träume sind oft schemenhaft und wirr (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Gut geträumt? Nächtliche Träume sind oft schemenhaft und wirr (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Jede Nacht wünsche ich meinen Kindern süße Träume, wenn ich sie ins Bett bringe. In meiner Nachtischschublade liegt ein Notizbuch für besonders inspirierende oder bewegende Träume. Und einer der bedeutendsten Aussprüche, den wir medial immer wieder vorgespielt bekommen, ist Martin Luther Kings „I have a dream“. Selbst die knallharten Realisten unter uns können sich für ihren nächtlichen Gedanken nicht verstecken, können sie maximal ausblenden. Und auch wenn wir jede Nacht träumen, erinnern wir uns nicht immer daran.

Dabei benutzen wir den „Traum“ für zwei, ziemlich gegensätzliche Dinge. Zum einen den nächtlichen Traum, mit dem unser Gehirn die Geschehnisse des Tages versucht zu ordnen und uns manchmal damit ganz schön verwirrt. Schulstress lässt uns im Traum schon mal ohne Hosen durch die Korridore eilen, wir träumen von Prüfungen, Arztbesuchen und nicht zu Letzt von Menschen, die uns irgendwie beeinflussen. Und dann gibt es den Traum, den auch King angesprochen hat, der mehr eine Vision ist, eine Wunschvorstellung, kein unterbewusster Gehirn-Ordnungs-Mechanismus. Und wie die nächtlichen Träume gehören auch diese „Lebensträume“ fest zu unserem Sein. Ob was wir später einmal werden wollen, wie unser Leben mit diesem oder jenem Schwarm aussehen könnte, was passieren würde, wenn dies oder jenes geschehen könnte.

Geträumte Möglichkeiten. Nächtliche Träume und Wunschvorstellungen sind sich manchmal gar nicht so unähnlich (© Bernd Kaspar / pixelio.de)

Geträumte Möglichkeiten. Nächtliche Träume und Wunschvorstellungen sind sich manchmal gar nicht so unähnlich (© Bernd Kaspar / pixelio.de)

Die Wahrheit ist auch, wir können ohne beiden Arten von Träumen gar nicht bestehen. Nächtliche Träume, selbst wenn wir uns nicht daran erinnern können, ereilen uns jede Nacht. Sie nutzen uns, sorgen dafür dass bestimmte Dinge vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis gelangen. Wir brauchen unsere nächtlichen Träume. Wer nur so kurz schläft, dass er das Stadium der Träume, das REM-Stadium, nicht erreicht, fühlt sich gerädert, egal wie oft er schläft. Wir lernen dadurch, wir entspannen uns, wir verarbeiten. Ich merke immer wieder, wie mein Gehirn mehr braucht, als nur Schlaf. Wenn ich beispielsweise durch ein Kind die Nacht immer wieder nur für kurze Etappen schlafen kann, egal wie lange diese Etappen zusammengenommen sind, ist mein Gehirn danach auf Minimalleistung. Schlafe ich dagegen kurz, aber an einem Stück so lange, dass ich zumindest geträumt habe, bin ich wesentlich erholter.

Doch auch die anderen Träume, die Wunschvorstellungen, die wir uns durchaus bewusst setzten, brauchen wir. Ich möchte nie den Punkt erreichen, an dem alle meine Träume erfüllt sind. Wer keine Träume mehr hat, hat nichts mehr. Sie treiben uns an, sorgen dafür, dass wir aufstehen, dass wir den Alltag durchstehen und uns auf kleine Freuden konzentrieren. Es sind Etappen, die wir erreichen wollen. Manche können wir erreichen, denn dahinter steht gleich der nächste Traum, die nächste Etappe, die uns wieder antreibt.

Ausgeträumt? Lebensziele treiben uns an, darum brauchen wir immer wieder neue (© Peter Smola / pixelio.de)

Ausgeträumt? Lebensziele treiben uns an, darum brauchen wir immer wieder neue (© Peter Smola / pixelio.de)

Immer wenn ich jemanden jammern höre, dass er seine Träume nicht verwirklichen kann, denke ich, ob er das wirklich will. Es gibt Träume, die will ich nicht verwirklichen. Sie zu erreichen würde mich träge machen, mir schließlich Lethargie einbringen. Ich hätte nichts mehr, wonach ich streben kann. Jedes Glück existiert nur, wenn wir wissen, was Unglück ist, was der Gegensatz dazu war. Wir können nur glücklich sein, wenn noch etwas vor uns liegt, was wir erreichen können. Ich möchte viel erreichen, immer, gerne, am liebsten sofort, aber was liegt danach? Ein bisschen Utopie in unseren Träumen tut uns gut, gerade weil sie dann so unerreichbar bleiben.

Wenn mein Sohn mir sagt, er will Feuerwehrmann oder Pilot werden, Astronaut oder sonst etwas, lasse ich ihn träumen. Wenn er davon redet, mich dann in den Urlaub zu fliegen, mich zu retten oder dieses oder jenes Mädchen zu heiraten (ja, mit 6 fängt er da früh an), hoffe ich, dass er sich diese Träume bewahrt, sie abwandelt, wenn er über sie hinauswächst, und immer etwas hat, wovon er träumen kann. Ich bin glücklicher mit meinen Träumen, als ich mit ihrer Erfüllung je wäre. Weil es jene gibt, die ich realisieren kann, die mich Erfolg und Zufriedenheit spüren lassen, und jene, die immer wieder vor mir stehen und aus der Ferne winken, egal wie nah ich an sie herangekommen sein mag. Das ist mein Motor, mein Antrieb und wahrscheinlich Teil meines größten Traums.

Vorschau: Nächste Woche gibt Sascha euch einen Countdown zur Wiesn.


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Eva-Maria Obermann

Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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