Familiär verquer – ohne Familie geht es auch nicht

Manchmal wünsche ich mir, in einer anderen Stadt zu wohnen. In einer, in der mein Vater nicht um die Ecke wohnt, meine Großmutter an der Grundschule unterrichtet hat und mein Onkel Polizist war. In einer, in der meine Mutter nicht getuppert hat, die Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen mich und meinen Mann nicht selbst schon betreut haben. Kurz: In einer Stadt, ohne meine große Familie.

Die Überwachungskleinstadt

Geben und Nehmen: Eine Familie ist Fluch und Segen (©redsheep / pixelio.de)

Geben und Nehmen: Eine Familie ist Fluch und Segen (©redsheep / pixelio.de)

Als wir noch klein waren, kam unser Großvater immer an und sagte, er hätte von diesem oder jenem irgendwas gehört. Es war wie ein ständiger Nikolaustag, mit einem riesigen Buch, das jeden Tag wieder aufgeschlagen wurde. „Ich hab gehört“, fing er an, blickte von oben herab zu uns herunter und erzählte eine Geschichte, die oft so vage wie ein Horoskop war und uns dennoch Feuer unterm Hintern machte. Ständige Überwachung. Big Brother is watching you. In der Kleinstadt. Und mit den Jährchen ist es nicht besser geworden. Egal, in welches Geschäft ich gehe, in welche Straße ich komme, täglich treffe ich Menschen, die in mir meine Mutter erkennen, die meinen Familiennamen einem Mitglied meiner väterlichen Seite zuordnen und für die ich ewig ein Nachkomme eines Menschen sein werde, den sie einmal gekannt haben.

Viele Augen: Mit viel Familie am Ort ist man nie unbeobachtet (©Henning Hraban Ramm / pixelio.de)

Viele Augen: Mit viel Familie am Ort ist man nie unbeobachtet (©Henning Hraban Ramm / pixelio.de)

Fluch und Segen
Was macht sie mich wahnsinnig, diese große Familie. So kleinbürgerlich, spießig und allzu oft wie aus einem kitschigen Roman. Und ich bin unendlich froh, sie zu haben. Meine Mutter beispielsweise feiert ihre Überstunden ab, damit ich dafür arbeiten gehen kann. Meine Großmutter versorgt uns mit Gemüse aus dem Garten und selbstgemachtem Obstsaft, mein Vater kommt um die Ecke gesprungen, wenn bei uns der Notstand ausgerufen wird. Meine Familie ist mein Rettungsring, mein Fallschirm und mein persönlicher Notruf. Die Telefonliste, aus der ich wählen kann, wenn ich Hilfe brauche, ist lang und hat mich noch nie enttäuscht. Und natürlich ist das ein Geben und Nehmen. Als mein Vater letztes Jahr wegen eines Bandscheibenvorfalls über einen Monat ans Bett gefesselt war, haben wir geholfen und sind gesprungen.

Verbunden und verwandt

Alle für einen: ohne Familie geht es eben auch nicht (©birgitta Hohenester / pixelio.de)

Alle für einen: ohne Familie geht es eben auch nicht (©birgitta Hohenester / pixelio.de)

Im Grunde also, ist meine Familie so wenig selbstlos, wie ein Dienstleister. Ich zahle vielleicht kein Geld, wenn meine Mutter die Kinderbetreuung übernimmt. Dafür ruft sie zuerst mich an, wenn sie von der Werkstatt abgeholt werden muss oder krank ist und ein paar Sachen aus dem Laden braucht. Sie hat so einiges bei uns gut. Andererseits ist ihre bestehende Sorge um ihre Kinder und Enkelkinder ja auch dem Egoismus ihrer Gene zu verdanken. Jenem kleinen animalischem Trieb, den wir uns noch nicht abtrainieren konnten und der einer Familie zu einer engen Verbundenheit verhilft. Wenn die selbe Kraft auch noch in der gesamten Gesellschaft funktionieren würde, hätten wir bedeutend weniger Probleme, glaube ich.

Vorschau: In zwei Wochen frage ich mich hier, wie viel Eitelkeit gesund ist.


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Eva-Maria Obermann

Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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