Enorme Qualität und viele Schweden

Am Freitag, 11. September, ist es wieder soweit: Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) startet in ihre 22. Spielzeit. Wer sind die heißen Titelanwärter, wer besitzt Außenseiterchancen? Gelingt es dem Deutschen Meister Adler Mannheim mit Neu-Trainer Greg Ireland den Titel zu verteidigen? Und wie schlagen sich die in der Vorbereitung so starken Kölner Haie mit ihren gleich sechs (!) neuen Schweden? Die Face2Face-Sportredaktion wagt eine Prognose… 

Top-Favorit:
Adler Mannheim: Klar, dass an dieser Stelle der Meister aus Mannheim genannt werden muss. Der Kader blieb nahezu intakt und bekam durch die jüngste Verpflichtung des deutschen NHL-Spielers Marcel Goc nochmals eine zusätzliche Portion Qualität verpasst. Die größte Veränderung gab es hinter der Bande. Meistertrainer Geoff Ward erlag schnell wieder den Verlockungen der NHL. Ein Verlust, der Verein und Fans gleichermaßen hart traf. Die Kurpfälzer entschieden sich mit Greg Ireland für ein eher unbeschriebenes Blatt, aber eines, das die gleiche Spielphilosophie wie sein Vorgänger vertritt.
Fazit: Die Mannschaft strotzt vor Klasse. In Punkto Qualität und Kadertiefe kann den Adlern kaum einer das Wasser reichen. Allerdings birgt der tiefe Kader auch Gefahren. Wenn alle Spieler gesund sind, müssen vier von ihnen auf der Tribüne platznehmen. Das kann schnell zu Unzufriedenheit und Unruhe führen. Ireland möchte diesem Problem mit „ausreichender und ehrlicher Kommunikation“ entgegentreten.

Titelkandidaten:
EHC RB München: Der Etat-Krösus der Liga hat erneut seinen Kader ordentlich umgekrempelt. Das Ziel ist klar: Nach zwei verpassten Play-off-Runden möchte der Brauseklub nach der Meisterschaft greifen. Mit Steven Pinizotto, Nationalspieler Frank Mauer, AHL-Star Keith Aucoin (944 Punkte in 861 Spiele), Frédéric St-Denis und Toni Söderholm haben die Münchner dafür Hochkaräter verpflichtet.
Fazit: Der Kader strotzt für DEL-Verhältnisse nur so vor Qualität. Außerdem kann der Club jederzeit reagieren, wenn die Mannschaft Verstärkung benötigt oder ein Spieler länger ausfällt. Dennoch muss Cheftrainer Don Jackson aus dem zusammengewürfelten Haufen erst einmal eine Einheit formen. Wenn die hochkarätigen Importspieler ihr Gastspiel in München nicht als Urlaub ansehen, ist vieles möglich. 

Kölner Haie: Klotzen statt Kleckern war bei den Kölner Haien in der Sommerpause die Devise. Es wurden sieben neue Ausländer geholt. Sechs davon sind Schweden. Auch der deutsche Nationalspieler Patrick Hager wurde für viel Geld von Vizemeister ERC Ingolstadt verpflichtet. Klar, dass da vom teuersten Kader der Clubgeschichte die Rede ist. Aber wird er die Kölner nach dem letztjährigen verpassen der Playoffs auch wieder in die Nähe der Meisterschaft schießen?
Fazit: Die Mannschaft hat die dringend benötigte Blutauffrischung bekommen. Vor allem im Angriff besitzen die Domstädter eine ungewohnte Tiefe. Allerdings ist auch die Erwatungshaltung riesig. Die Geduld der Fans aufgebraucht. Ein guter Saisonstart muss her, damit die Haie eine erfolgreiche Runde absolvieren.

Hamburg Freezers: Solch ein Verletzungspech wie in der vergangenen Saison soll es in Hamburg nicht mehr geben. Dafür haben die Freezers vor allem im Sturm ordentlich aufgerüstet. Der Königstransfer von Torjäger Marcel Müller ließ die Konkurrenz aufhorchen. Auch die Rückkehr von David Wolf aus Nordamerika (vier NHL-Spiele für die Calgary Flames) sorgte für nicht weniger Aufsehen. Nun besitzen die Freezers zwei deutsche, bullige und dazu noch torgefährliche Stürmer. Damit müssen sich die Hamburger im Angriff vor keinem anderen Team in der Liga verstecken.
Fazit: Die Hamburger verfügen im Angriff über vier torgefährliche Reihen. Bitter allerdings, dass mit Kevin Clark der letztjährige Spieler der DEL, den Verein Richtung Schweiz verlassen hat. Schwachpunkt bleibt nach wie vor die Abwehr. Trotz 154 Gegentoren in der vergangenen Runde, verzichteten die Hamburger auf großartige Verstärkungen. Auch das an für sich starke Torhüterduo Sébastien Caron/Dimitrij Kotschnew wird nicht jünger. Sollte jedoch der Sprung ins Playoff-Halbfinale gelingen, scheint alles möglich.

ERC Ingolstadt: Der Meister und Vizemeister der vergangenen beiden Jahre gehört auch in dieser Saison wieder zum Kreis der Titelkandidaten. Unter den zehn Abgängen musste der ERC allerdings auch Identifikationsfiguren wie Patrick Hager (Kölner Haie) und Christoph Gawlik (Düsseldorfer EG) verkraften. Doch die neu geholten Stürmer Thomas Kubalik und Brian Lebler versprechen von ihrer Statistik her Top-Verpflichtungen zu sein. Auch die Verteidiger-Neuzugänge Brian Salcido und Patrick McNeill bringen ordentlich Offensivkraft mit.
Fazit: Auf dem Papier besitzen die Ingolstadter einen guten Kader. Allerdings muss es sich erst zeigen, wie sie die Abgänge von Hager und Gawlik verkraften und die vermeintlichen Top-Neuzugänge einschlagen werden. Auch der verletzungsbedingte Ausfall von Salcido für die ersten Wochen der neuen Saison wiegt schwer. Sollte allerdings alles nach Plan laufen, ist mit dem ERC zu rechnen.

Wer wird das Rennen um die deutsche Eishockeymeisterschaft machen: Top-Favorit, Titelkandidat, Playoff-Aspirant oder doch ein Außenseiter? Foto: Privat

Wer wird das Rennen um die deutsche Eishockeymeisterschaft machen: Top-Favorit, Titelkandidat, Playoff-Aspirant oder doch ein Außenseiter? Foto: Privat

Play-off-Aspiranten:
Thomas Sabo Ice Tigers: Mit Rob Wilson übernahm ein neuer Trainer das Ruder hinter der Nürnberger Bande. Mit David Steckel, Brandon Segal, Kurtis Foster und Colin Fraser kauften die Ice Tigers nicht nur eine Menge NHL-Erfahrung ein, sondern stärkten gleichzeitig auch das körperliche Element. Bitter: Mit Nummer-eins-Torwart Jochen Reimer fällt ein absoluter Leistungsträger für ein halbes Jahr aus. Die Suche nach einem geeigneten Ersatz läuft.
Fazit: Die Franken besitzen auf dem Papier deutlich mehr Erfahrung als in der vergangenen Runde. Schlagen die prominenten Namen ein, könnte es für Nürnberg dieses Jahr weit gehen. Dies hängt aber auch davon ab, wie sie den Ausfall von Reimer kompensieren können. 

Grizzlys Wolfsburg: Mit neuem Namen versuchen die Wolfsburger ihr überschaubares Image aufzupolieren. Auf dem Eis hat sich ebenfalls etwas getan. Mit Norman Milley, Matt Dzieduszycki und Aleksander Polaczek habe drei ehemalige Leistungsträger den Club verlassen. Die neuen Hoffnungen ruhen nun auf dem schwedischen Neuzugang Daniel Wilding. Doch kann der Stürmer die letztjährige Ladehemmungen im Angriff alleine vergessen machen?
Fazit: Die bereits in der vergangenen Saison gut stehende Defensive wurde mit dem Ex-Berliner James Sharrow nochmals zusätzlich verstärkt. André Reiß und Patrick Seifert verpassen dieser zusätzliche Tiefe. Das Sorgenkind bleibt aber weiterhin der Sturm. Schwer zu sagen, wer dieses Problem auf anhieb lösen soll. Dennoch schaffen es die Grizzlys erneut locker in die Playoffs.

Eisbären Berlin: Der Rekordmeister der DEL hat zwei Seuchenjahre hinter sich. Dennoch verzichteten die Verantwortlichen um Trainer Uwe Krupp und Manager Peter John Lee auf einen großen Umbruch. Wahrscheinlich auch, weil sich der Club die teuren Vertragsauflösungen nicht leisten konnte oder wollte. Dennoch strotzt der in die Jahre gekommene Kader noch vor Meisterspielern.
Fazit: Die deutsche Fraktion gehört in Top-Form weiter zum Besten, was die Liga zu bieten hat. Sieht man von Constantin Braun und Frank Hördler einmal ab, sucht man nach wahren Führungsspielern in den Reihen der Eisbären allerdings vergeblich. Auch, weil die Ausländer, mit Blick auf die Konkurrenz, nur noch Mittelmaß sind. Einzig Neuzugang Bruno Gervais sticht aus der Importmasse heraus. Für die Playoffs reicht es in diesem Jahr – mehr aber auch nicht.

Düsseldorfer EG: Die DEG stieg in der vergangenen Runde wie der Phönix aus der Asche bis ins Playoff-Halbfinale vor. Und das gelang mit einer größtenteils jungen und unbekümmerten Mannschaft. Dieser Weg wurde nun mit den Neuzugängen etwas verlassen, dafür aber mehr Erfahrung aufgewertet. Reicht diese aus, um den Abgang von DEL-Torhüter des Jahres Tyler Beskorowany und den langzeitverletzten Neuzugang Christoph Gawlik zu kompensieren?
Fazit: Der Abgang von Beskorowany schmerzt. Auf dem Papier hat die DEG allerdings an Qualität hinzugewonnen. Auch die zahlreichen deutschen Talente dürften diese Saison einen weiteren Schritt nach vorne machen. Einige Neuzugänge haben jedoch schon bessere Zeiten erlebt. Fraglich, ob sie an ihre alten Glanzzeiten anknüpfen können.

Iserlohn Roosters: Böse Zungen behaupten, dass kanadische Neuzugänge in Iserlohn neben einem Zweijahresvertrag auch noch gleich einen deutschen Pass in die Hand gedrückt bekommen. Aber in der Tat: Die Roosters führen gleich acht Deutsch-Kanadier, von denen keiner in der Bundesrepublik geboren ist, in ihrem Kader. Und damit haben sie noch keine der elf verfügbaren Ausländerstellen besetzt. Auf dem Eis musste Iserlohn die Abgänge von Sean Sullivan (Hamburg) und Brent Raedeke (Mannheim) verkraften, holten mit Loui Caporusso, Jason Jaspers, Robert Raymond und DEL-Rückkehrer Jean-Philippe Coté aber gleichzeitig Verstärkungen ins Team.
Fazit: Der kanadisch geprägte Stil stoßt bei den Fans im Sauerland auf viel Gegenliebe. Mit Blick auf die Feuerkraft hat der zweitbeste Sturm der zurückliegenden Vorrunde nichts eingebüßt. In der Verteidigung drückt aber nach wie vor der Schlittschuh. Auch die beiden Top-Center Mike York (37) und Jaspers (34) sind bereits in einem gehobenen Alter. Für die Pre-Playoffs reicht es aber allemal.

Außenseiter:
Krefeld Pinguine: Die Pinguine schafften es in der vergangenen Saison, allen Unkenrufen zum Trotz, bis in die Pre-Playoffs. Trotzdem erlebte das Team in der Sommerpause einen Umbruch. In die Jahre gekommene Akteure wie Meyers, Beechey oder Perrault wurden durch jüngere Ausländer ersetzt. In der Verteidigung wie im Tor blieb aber alles beim Alten. Die Krefelder setzen im Sturm ebenfalls auf einen Schweden. Der talentierte Eriksson soll den nach Hamburg abgewanderten Marcel Müller ersetzen.
Fazit: Der deutsche Meister von 2003 scheint zumindest auf dem Papier im Sturm tiefer besetzt. Dennoch gehören die Pinguine rein vom Etat nach wie vor zu den Underdogs der Liga. Somit sind entsprechende Schwachstellen im Kader, die eine Playoff-Teilnahme verhindern könnten, kaum zu verhindern.

Straubing Tigers: Die Hälfte der Mannschaft wurde nach der zurückliegenden Katastrophensaison in die Wüste geschickt. Gleichzeitig wurde der Spieler-Etat erhöht. Somit konnte sich Trainer Larry Mitchell viele Wünsche erfüllen. Mit Colton Jobke, Ryan Bayda, Michael Conolly und Martin Hinterstocker bediente sich der Ex-Augsburg-Coach dabei vor allem von seinem ehemaligen Club. Dies könnte ein Plus sein.
Fazit: Der Angriff ist teilweise prominent und tief besetzt. Die Ausleihe von Jung-Nationalspieler Mirko Höfflin (Adler Mannheim) könnte sich als goldwert erweisen. Die Abwehr ist dagegen eher unterbesetzt und rein körperlich betrachtet zu schmächtig, um effektiv etwas auszurichten. Trainer Mitchell wird der Leuchtturm in der Schlacht sein. Eine Playoff-Teilnahme wird dennoch schwer.   

Augsburger Panther: Alles neu macht der Mai dachten sich wohl auch die Panther und ließen in der Sommerpause keinen Stein auf dem anderen. 15 Neuzugänge stehen 16 Abgänge gegenüber. Mit Mike Steward wurde zudem ein neuer Cheftrainer vom Zweitligisten Bremerhaven verpflichtet. „Iron Mike“, wie der neue Coach genannt wird, soll die Panther wieder in ruhigere Gewässer führen. Helfen sollen dabei die beiden eingebürgerten Arvids Rekis und Ivan Ciernik, als auch das Torhüterduo Deslauriers/Meisner.
Fazit: Steward wird in Augsburg sicherlich für frischen Wind sorgen. Mit Mark Mancari, Drew LeBlanc, Ivan Ciernik und Michael Iggulden besitzen die Panther namhafte Spieler im Sturm, die allesamt allerdings auch schon bessere Zeiten erlebt haben. Die Panther bleiben damit eine (wenn nicht sogar die) große Wundertüte der kommenden Saison.

Schwenninger Wild Wings: Auch die Schwenninger haben einen großen Umbruch hinter sich gebracht. Es wird überwiegend auf die deutsche Karte, zusammen mit erfahrenen Ausländern, gesetzt. Bei gleich sechs verschiedenen Nationen in der Mannschaft wird auch gerne von der „Multi-Kulti-Truppe“ gesprochen. Neu-Trainer Helmut de Raaf muss diese zu einer Einheit formen.
Fazit: Von den Importspielern blieb nur Ashton Rome übrig. Aus Finnland, Tschechien und Schweden kamen im Gegenzug interessante Spieler in den Schwarzwald. Die Altersstruktur scheint zu passen. Allerdings fehlt es dem Team an spielerischer Klasse und dem lebenswichtigen Scoringpotenzial. Die Teilnahme an den Pre-Playoffs wäre bereits ein großer Erfolg.

Vorschau: Nächste Woche erscheint ein Artikel über die neue Trendsportart Headies.

   

 


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