Du Arbeit, ich Kinder?

Ich Kinder, du Arbeit? Leider oft Alltag (©Wilhelmine Wulff / pixelio.de)

Ich Kinder, du Arbeit? Leider oft Alltag (©Wilhelmine Wulff / pixelio.de)

Neulich las ich in „Papa kann auch stillen“ von einem Paar, das von sich behauptet, alles gerecht zu teilen. Kindererziehung, Hausarbeit, Geldverdienen. Mit einem 50/50-Prinzip, dass offensichtlich beide zufrieden macht. Und ich kam ins Grübeln. Denn mal abgesehen davon, dass 50/50 mit kleinem Kind eben oft heißt, dass beide nur Teilzeit arbeiten, im besten Fall also eine dreiviertel Stelle haben, und so der Lebensunterhalt eine Rechenaufgabe wird, ist Gleichberechtigung in der Partnerschaft deutscher Haushalte eben selten 50/50.

Noch immer gehen die meisten Frauen, egal wie gut und erfolgreich sie gelernt haben, nach der Geburt des Kindes in Elternzeit. Männer nehmen oft nur die zwei sogenannten Vätermonate in Anspruch, wenn überhaupt. Dann geht die Familie nochmal genüsslich in Ferien, oder der Mann geht ein lang geplantes Projekt an. Von wegen Vätermonate. Und selbst wenn die Elternzeit nur ein Jahr dauert, reicht das, um das System, „du Haus, ich Arbeit“ in den Alltag einziehen zu lassen. Die Frau ist ja ohnehin zu Hause. Und das Kind läuft doch nebenher oder, wie schon unsere Großväter schunkelten „Das bisschen Haushalt macht sich von allein“.

Geteilte Arbeit: Heißt auch mehr Zeit für sich (© Cornelia Menichelli / pixelio.de)

Geteilte Arbeit: Heißt auch mehr Zeit für sich (© Cornelia Menichelli / pixelio.de)

Dass das nicht stimmt, weiß jeder, der wirklich mal mit einem kleinen Kind zu Hause war. Neulich waren meine beiden jüngsten krank und ich war stolz wie selten, als ich es endlich geschafft hatte ein Fach der Spülmaschine auszuräumen. An dem Tag, als ich nach der Geburt meines Sohnes endlich wieder an die Uni gegangen bin, hat mein Mann nach zwei Stunden angerufen und lauthals gefleht, ich solle wieder kommen. Ja, der zweite Tag war schon viel besser und er hat es richtig genossen, Zeit mit dem Kind zu verbringen. Ordentlicher wurde es in unserer Wohnung nicht. Und ja, meine Kinder sind nicht immer krank. Trotzdem ist das frühzeitige Ausräumen der Spülmaschine zwischen Kindern, Arbeit, Promotion und Ich-selbst-sein immer noch die Kür.

50/50 ist eine tolle Sache, wenn das Paar es sich leisten kann und beide bereit sind, dafür einzustehen. Mein Mann und ich bewegen uns etwa auf 60/40, an einem guten Tag. Schon allein, weil er eben die Vollzeitstelle hat und ich (auch) von zu Hause aus arbeiten kann. Das ist schwierig, denn von zu Hause aus zu arbeiten sieht für Außenstehende oft wie Freizeit aus. Doch Freizeittechnisch sind wir dann wieder sehr gleichberechtigt, bei maximal 1% pro Tag.

Viel Wert! Von Familienzeit profitiert jeder (©Rolf Handke / pixelio.de)

Viel Wert! Von Familienzeit profitiert jeder (©Rolf Handke / pixelio.de)

Viel wichtiger als das „wir teilen uns alles“ ist doch das „bei uns hat alles den gleichen Wert“. Wenn eine Beziehung es schafft, Hausarbeit, Kindererziehung und Heimarbeit einem täglichen Brotverdienst den gleichen Wert zuzuschreiben, dann fühlt sich auch keiner zurückgedrängt oder unten an gestellt. Und damit das in allen Beziehungen funktioniert, muss dieser Gedanke auch Eingang in unsere Gesellschaft finden. Nein, ich will nicht, dass Frauen nur noch zu Hause bleiben – um Gottes willen. Und dass das Betreuungsgeld keine Wahl ermöglicht, sondern eine klare Tendenz hat, weil Familien statt Geld für einen KiTa-Platz zu bezahlen auch noch welches bekommen, wenn sie keinen nehmen, ist ein erschreckendes Zeichen der Familienpolitik unseres Landes.

Vielmehr möchte ich noch einmal auf die Idee von Teilzeit/Teilzeit zurück. Paare, bei denen beide Teilzeit arbeiten gehen und beide gleichermaßen Kindererziehung und Haushalt teilen, das wären in meinen Augen glückliche Familien, in denen Mama noch Frau und erfolgreich sein kann und Papa nicht nur der neue Kaffeetrinker am Sonntagstisch ist. „Ohana“ heißt es im Disney-Film Lilo und Stitch „heißt Familie, Familie heißt, alle halten zusammen.“ Und wirklich zusammenhalten können wir nur, wenn Frau und Mann in einer Beziehung wie in der Gesellschaft nicht nur gleiche Rechte haben, sondern auch den gleichen Wert. Wenn Kindererziehung ebenso angesehen ist, wie die tägliche Arbeit. Wenn das Ausräumen der Spülmaschine so wichtig ist, wie die Aufgabe vom Chef.

Träumen wir nicht, dieser Tag ist noch nicht erreicht. Aber wir können aufschreien und etwas ändern. Bevor wir im Kreislauf der Rollenmodelle gänzlich gefangen sind. 50/50 kann funktionieren, wenn wir es wollen. Und ich jedenfalls will.

Vorschau: Nächste Woche lässt sich Anne hier über Hipster aus.


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Eva-Maria Obermann

Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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