Die liebe Verwandtschaft

Familie des 19. Jahrhunderts

Institution Familie: Im 19. Jahrhundert war die Familie noch Mittelpunkt des Lebens (Grafik: Pascal Werth)

Wer die Buddenbrooks von Thomas Mann gelesen hat, der weiß, dass dieser Roman äußert langwierig ist. Aber er ist mehr als bloß lang, denn die Buddenbrooks verkörpern eine Mentalität, in der die Familie den höchsten Stellenwert im Leben einnimmt. Die Familienehre ist das höchste Gut, für das es zu leben und zu opfern gilt. Vor allem in den höheren Schichten des 19. Jahrhunderts war es durchaus üblich, so zu denken.

Wie sieht es heute aus? Was kann Familie, was verlangt Familie vom Einzelnen? Immerhin hat die Institution Familie in der modernen Welt einen ernst zu nehmenden Konkurrenten bekommen: Den Freundeskreis.

Freunde sind so ziemlich das genaue Gegenstück zur Verwandtschaft. Jeder kann sich seine Kumpel frei aussuchen, Freundschaft ist äußerst dehnbar und flexibel, die Maschen dieses Netzwerkes sind deutlich lockerer gestrickt als die der Familie: Sobald die Chemie nicht mehr stimmt, man sich nicht mehr auf einer Wellenlänge befindet, dann kann man die freundschaftlichen Bande ebenso schnell wieder lösen, wie man sie geknüpft hat.

Heißt das nun, dass die Verwandtschaft ausgedient hat? Überwiegen die Vorteile der Freundschaft und die Familie ist nichts weiter als starres, strenges und kitschiges Spießertum?

Sicher: Die Verwandten sind nicht frei wählbar, ein gewisser Fatalismus ist nicht zu leugnen, denn man wird in eine bestimmte Familie hineingeboren, ob es einem nun passt oder nicht. Vor allem dann, wenn die Familie nicht intakt ist und es unlösbare Probleme gibt, dann kann ein funktionierender Freundeskreis Abhilfe schaffen und das traute Heim zumindest zum Teil ersetzen.

Ansonsten kann Familie jedoch genau das, was Freunde nur schwer oder gar nicht können. Dieses bedingungslose Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Familie auszeichnet, das aus der Tatsache entspringt, dass man eben mehr ist, als bloß eine Gruppe von Gleichgesinnten. Dieses Gefühl der Gemeinschaft ist in der intakten Familie nicht zu überbieten. gerade, weil die verwandtschaftliche Beziehung auch nach einem Streit noch besteht, sich also nicht so leicht wieder lösen lässt.

Natürlich sei nicht verschwiegen, dass es auch unter Verwandten zu Streitereien und kleinen Kriegen kommen kann. Aber trotz aller Probleme kann die Familie eine Basis sein und Halt geben, kann dem Einzelnen das Gefühl geben, dass er ein Zuhause hat, zu dem er zurückkehren kann, wenn gar nichts mehr geht. Sicher können Freunde auch Halt geben und Kraft schenken, manch ein Freund kann so vertraut werden wie ein Bruder oder eine Schwester. Dann jedoch handelt es sich nicht mehr um einen bloßen Freund, dann ist er mehr, dann gehört er schon fast zur Verwandtschaft.

Familie jetzt gleich zur Religion auszurufen, so ähnlich wie in Manns Buddenbrooks, ist eindeutig zu viel des Guten. Genauso schade wäre es allerdings, wenn wir anfangen Familie als Irrglauben und Unsinn abzustempeln. Auch wenn die Beziehungen zwischen den Menschen heute deutlich lockerer geworden sind, sind die Verwandten ein wertvolles Gut, genauso hilfreich und wertvoll wie ein intakter Freundeskreis. Deswegen sollten wir nicht nur Freundschaften pflegen. Wir sollten uns gleichermaßen um eine möglichst funktionierende und harmonische Familie bemühen, in der sich jeder auf jeden verlassen kann.

Vorschau: Nächste Woche berichtet Eva vom Glück, Lesen zu können und was Analphabetismus für den Einzelnen bedeutet.


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Sascha Resch

Über Sascha Resch

Jahrgang 1992. In München geboren und aufgewachsen, beendete er 2015 erfolgreich seine Ausbildung zum Fachinformatiker, Schwerpunkt Software-Development. Nebenbei sammelte er journalistische Erfahrungen in der Redaktion des TOUR-Rennradmagazins, beim Magazin der Jungen Presse Bayern, durch seine eigene Webseite Alpenvettern.de und natürlich seit 2012 auch bei Face2Face. Seit 2015 studiert er in München am Institut für „Deutsch als Fremdsprache“ und arbeitet parallel als Deutschlehrer in einer Schwabinger Sprachschule. Auch bei Face2Face ist er flexibel: Zunächst als Autor unterwegs, kümmert er sich jetzt zusammen mit Denis Pollach um die IT-Infrastruktur des Magazins.

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