Der Sport und der totale Absturz – Marco Pantani

Unvergessen: Pantani bleibt in Erinnerung als großer und tragischer Sportheld

Unvergessen: Pantani bleibt in Erinnerung als großer und tragischer Sportheld (Foto: Zyxwodron/pixelio.de)

Sieg, Geld und die Bewunderung der Zuschauer sind das, was wir am ehesten mit erfolgreichen Leitungssportlern verbinden. Sie sind Vorbilder, oftmals in manischer Manier von den Fans idealisiert und verehrt. Sie erreichen das, was für dem Normalsterblichen verwehrt bleibt, sie leben den großen Traum. Das ist weit weg von seelischem Schmerz und hoffnungsloser Depression. Oder?

Leider ist dem nicht so. Es gibt mehrfache Fälle von Leistungssportlern, die in das tiefe emotionale Nichts einer Depression gefallen sind. Einer der international bekanntesten Fälle ist der von Marco Pantani, dem letzten Radsportler, der vor genau 20 Jahren im Jahre 1998 das berüchtigte Double aus Giro d’Italia und Tour de France gewann.

Das Ausnahmetalent

Dies ist der Höhepunkt einer beispiellosen Karriere. Jahrgang 1970 begeistert sich der kleine Marco früh für den Radsport. Bereits in jungen Jahren trainiert er mit anderen Jugendlichen des Radsportvereins seines Heimatorts Cesenatico an der Adria. Das Außergewöhnliche: Er kann mit den anderen mithalten, obwohl diese Rennräder zur Verfügung haben, er selbst aber nur mit einem Damenrad unterwegs ist. Schnell ist klar, dass es sich bei Pantani um ein Ausnahmetalent handelt, dessen größte Stärke das Bergauffahren ist.

Bereits mit 20 Jahren wird Pantani Dritter beim Giro d’Italia der Amateure und 1993 bestreitet er den Giro d’Italia der Profis. Er besticht mit unglaublichen Qualitäten auf dem Rad und einem unbändigen Siegeswillen. Nur ein Jahr nach seiner Premiere beim Giro, also 1994, erreicht er das Ziel der Italien-Rundfahrt als Zweiter im Klassement, zwei Monate darauf wird er auch Zweiter bei der Tour de France. Dieser Mann scheint dazu bestimmt, den Radsport zu dominieren, ein Aufstieg ohnegleichen.

Das Ende der Karriere?

Dann der Rückschlag. 1995 ist die gesamte Radsportwelt sicher, dass Pantani, der inzwischen den Spitznamen „Il Pirata“ trägt, unangefochten die Italienrundfahrt dominieren wird. Ein Unfall sorgt jedoch dafür, dass er nicht teilnehmen kann. Auch bei der Frankreichrundfahrt kann er nicht vollends überzeugen. Doch es kommt noch schlimmer. Im Herbst 1995 wird Pantani bei einem Rennen von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Die Ärzte sind sich sicher: Die Karriere des Piraten ist hier zu Ende.

Lebensinhalt: Der Radsport war für Pantani Teil seiner Identität

Lebensinhalt: Der Radsport war für Pantani Teil seiner Identität (Foto: HilmarBuschow/pixabay.de)

Doch Pantani zeigt einen unglaublichen, fast schon übermenschlichen Kampfeswillen. Er quält sich durch monatelange Rehabilitationsprogramme und hat nur ein Ziel: Wieder aufs Rad, wieder zurück in den großen Radsportzirkus. Seine Unnachgiebigkeit wird belohnt. 1996 kann er, nicht einmal ein Jahr nach seinem verheerenden Unfall, wieder vorsichtig ins Renngeschehen zurückkehren. Ein weiteres Jahr später, 1997, wird er sogar Dritter bei der Tour de France.

Das Double

Jedem ist nun klar: Pantanis unbeugsamer Wille, sein frenetischer fast schon gejagt wirkender Stil werden ihm noch weitere Erfolge bescheren. 1998 wird der Pirat dann den gewaltigen Anforderungen gerecht: Er gewinnt das Double, der Sieg bei Giro d’Italia und Tour de France in einem Jahr – vergleichbar mit dem Grand Slam im Tenniseinzel. Pantani sollte der letzte Radsportler bleiben, dem diese Leistung gelingt.

Die Erwartungen beim folgenden Giro sind enorm, der Leistungsdruck immens. Trotzdem scheint Pantani nicht zusammenzubrechen. Ganz im Gegenteil dominiert er auch 1999 über weite Strecken die Italien-Rundfahrt. Doch dann das sportliche Erdbeben: Kurz vor dem Ende des Rennens wird Pantani suspendiert. Grund dafür ist ein leicht erhöhter Hämatokritwert, Pantani gilt als gedopt.

Ist die Mafia in den Fall verstrickt?

Sofort kursiert das Gerücht, es handle sich um ein Komplott der italienischen Wettmafia, um die Gewinne in die Höhe zu treiben. Pantani selbst beteuert immer wieder seine Unschuld, sieht sich als Opfer, nicht nur der Mafia, sondern der Medien, ja der gesamten Sportwelt.

Von der öffentlichen Welt verlassen und gedemütigt wird es immer finsterer in der Seele des Piraten. In einem Interview mit dem italienischen Journalisten Gianni Minà berichtet Pantani von „Wut, Frustration und Schande“, er fühlt sich konfrontiert mit „einer Mauer, die zusammenbricht und dich begräbt, etwas, das dich trifft in der Moral und in der Seele.“ Seine Mutter erzählt später, wie ihr Marco immer wieder versucht, auf das Rad zu steigen, doch nur wenige Meter weiter bricht er verzweifelt in Tränen aus.

Das tragische Ende

Obwohl Pantani nochmals versucht, auf die Bühne des großen Radsports zurückzukehren, geht sein Abstieg unaufhaltsam weiter. Il Pirata zieht sich immer mehr zurück und beginnt, Kokain zu konsumieren. Am 14. Februar 2004 dann die tragische Meldung: Pantani ist tot. Seine Leiche wird in einem Hotel in Rimini gefunden.

Schatten seiner Selbst: Die Vorwürfe verletzten die Seele Pantanis schwer

Schatten seiner Selbst: Die Vorwürfe verletzten die Seele Pantanis schwer (Foto: CFalk/pixelio.de)

Die genauen Ursachen seines Todes sind bis heute unklar, offiziellen Berichten zufolge ist er an einer Überdosis Kokain gestorben. Ob es sich um Selbstmord handelt, ist immer noch nicht restlos geklärt.

Eines ist jedoch mittlerweile bewiesen: Im Jahr 2017 kann eine detaillierte Untersuchung des Dopingfalls Pantani zeigen, dass in der Tat die Mafia die Dopingkontrolle manipuliert hatte. Pantani wurde Opfer eines kriminellen Komplotts. Diese Verschwörung gegen ihn warf ihn aus der Bahn. Dem schon immer schüchternen, introvertierten Marco wurde die Grundlage seiner Identität genommen. Konnte er einen schweren Unfall mit unbeugsamem Willen verkraften, so hielt er es nicht aus, dass ihm der Sport, ein Teil seiner selbst, genommen wurde. Das Resultat waren schwere Depressionen und am Ende der tragische Tod einer Legende.

Wer selbst unter einer Depression leidet oder jemanden kennt, der depressiv erkrankt ist, sollte sich möglichst früh professionelle Unterstützung suchen, z.B. über die Deutsche Depressionshilfe. Insbesondere bei Selbstmordgedanken ist dringend spezialisierte Hilfe nötig!


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Sascha Resch

Über Sascha Resch

Jahrgang 1992. In München geboren und aufgewachsen, beendete er 2015 erfolgreich seine Ausbildung zum Fachinformatiker, Schwerpunkt Software-Development. Nebenbei sammelte er journalistische Erfahrungen in der Redaktion des TOUR-Rennradmagazins, beim Magazin der Jungen Presse Bayern, durch seine eigene Webseite Alpenvettern.de und natürlich seit 2012 auch bei Face2Face. Seit 2015 studiert er in München am Institut für „Deutsch als Fremdsprache“ und arbeitet parallel als Deutschlehrer in einer Schwabinger Sprachschule. Auch bei Face2Face ist er flexibel: Zunächst als Autor unterwegs, kümmert er sich jetzt zusammen mit Denis Pollach um die IT-Infrastruktur des Magazins.

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