Das Leben ist kein Handyspiel

Mittlerweile ist es statistisch gesehen wahrscheinlicher zu sterben, weil jemand PokémonGo spielt, als durch einen Haiangriff getötet zu werden. Als mein Mann mir das heute sagte, glaubte ich es nicht. Am Ende war es dann auch nicht so schlimm. Ja, ich habe gehört, dass ein paar Kerle ins Übungsgebiet der Bundeswehr gelaufen waren. Und die Welt ist groß. Dümmere gibt es bestimmt. Aber so viele? Als wäre nicht bekannt, dass es hilfreich sein kann, vor dem Überqueren der Straße nach rechts und links zu schauen. Das lernen meine Kinder im Kindergarten. Und in der Schule noch einmal. Verkehrserziehung nennt sich sowas.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Augen auf die Straße. Aufs Handy zu starren ist auch für Fußgänger gefährlich (Foto: Stux / pixabay.de)

Augen auf die Straße. Aufs Handy zu starren ist auch für Fußgänger gefährlich (Foto: Stux / pixabay.de)

Vielleicht ist es mit Fußgängern wie mit Autofahrern. Da gibt es schon länger die Debatte, regelmäßige Tests einzuführen, um die Fahrtauglichkeit zu gewährleisten. Spätestens ab einem gewissen Alter. Das wäre aber dann ja Altersdiskriminierend, also doch lieber für alle. Finde ich, nebenbei bemerkt, eine gute Idee. Vielleicht könnten die Fahrer lernen, im Kreisverkehr beim Rausfahren zu blinken, statt beim Reinfahren. Oder wie das Reisverschlussverfahren funktioniert. Manche brauchen früh eine Auffrischung, dass das Auto bei Rot zu stehen hat, und am Steuer nicht nur Mobiltelefone verboten sind, sondern auch Zigaretten. Warum nicht gleich allgemeine einführen. Auch für Fußgänger. Ampel Rot, dann stehenbleiben. Wer aufs Telefon starrt sollte vielleicht langsamer laufen, oder gar nicht. Hans-guck-in-die-Luft ist heute halt ein Hand-guck-aufs-Display. Und das ist nicht nur lebensgefährlich (als wäre das nicht genug), sondern kann mancherorts auch zu Problemen mit der Polizei führen.

Böse, böse Medien

Gefährlich! Aber ist es die Technik oder doch der Mensch (Foto: succa / pixabay.de)

Gefährlich! Aber ist es die Technik oder doch der Mensch (Foto: succa / pixabay.de)

Dabei, seine wir doch ehrlich, geben wir die Verantwortung gerne ab, wenn wir dafür auch die Schuld abgeben können. Das Handyspiel ist schuld, dass die Leute virtuelle Monster jagen, statt auf den Weg zu achten. Das Telefon ist schuld, dass die Menschen in der Natur viereckige Augen bekommen und Momente auf Snapchat stellen, statt sie zu erleben. Computerspiele sind schuld an Amokläufen wie den in München. Das Darknet ist auch schuld, denn so kam der Kerl an eine Waffe. Das Internet ist sowieso immer schuld. Sexvideos sind schuld, Twittermeldungen, Facebookbeiträge. Medien sind böse, böse, böse. Skynet, eine Matrix, die um sich greift, der Mensch schon längst Cyborg, der ohne seine technischen Körperextinktionen ein Nichts ist. Was tut ihr hier? Ihr lest tatsächlich im Internet, online einen Artikel! Wohlmöglich unterwegs. Verflixte, verführerische, verdammte Technik, die uns einlullt und willenlos macht.

Lektion 1

Angst vor der Matrix? Nur der Mensch trägt die Verantwortung für sein Handlen (Foto: Comfreak / pixabay.de)

Angst vor der Matrix? Nur der Mensch trägt die Verantwortung für sein Handlen (Foto: Comfreak / pixabay.de)

Kompletter Blödsinn. Ihr kennt den Spruch nicht Waffen schießen auf Menschen, sondern Menschen schießen auf Menschen. Menschen haben die Waffe auch erfunden. Menschen haben Technik erfunden, erfinden immer weiter. Mehr. Und nicht etwa, um das Böse in der Welt zu verbreiten und nur aus Profitgier. Die mag durchaus mitunter eine gewaltige Rolle spielen. Ich wage aber zu behaupten, dass die grundlegenden Errungenschaften nicht zu Versklavung der Menschen gemacht sind, sondern um Ihnen zu helfen. Sicherheit durch die Möglichkeit überall zu telefonieren geht eben Hand in Hand mit der ständigen Erreichbarkeit. Das funktioniert nur in beide Richtungen. Und darum müsste es das Logischste der Welt sein, dass wir Menschen, wenn wir Technologien nutzen, auch lernen, damit umzugehen. PokemonGo sagt dir nicht, wann ein Auto kommt, das müssen deine Augen übernehmen, darum schau gefälligst auf die Straße, bevor du rüber gehst. Das ganze Internet schafft eine virtuelle Realität und wir werden darin zu virtuellen Abbildern. Würden wir uns die Mühe machen, das richtig zu begreifen, wäre es nur halb so schrecklich. Aber wir benehmen uns lieber wie Eingeborene, die glauben, ihre Seele wäre von einer Fotografie gefangen genommen worden. Das Internet ist Neuland? Dann erforscht es! Es gibt Schreckliches, ja, aber auch Großartiges darin zu entdecken. Die Verantwortung, mit Medien umgehen zu lernen, nimmt uns keine Technik ab. Die müssen wir tragen. Wir lernen nie aus, schon allein, weil die Welt nicht still steht. Und Neues heißt nicht, dass das Alte plötzlich nicht mehr gilt. Niemand hat gesagt, dass es einfach ist. Aber das Leben ist nun mal kein Handyspiel. Trotzdem erfreut es sich erstaunlicher Beliebtheit.

 


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Eva-Maria Obermann

Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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