Das Geschenk: richtig, wahr und immer mehr

Das Geschenk: oft eine halbherzige Sache (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Das Geschenk: oft eine halbherzige Sache (©Tim Reckmann / pixelio.de)

„Bekomm ich dann auch Geschenke“, fragt mein Ältester mit großen Augen. Es geht um den Familiengeburtstag, den er sich mit mir jedes Jahr teil, weil wir nur eine Woche nacheinander Geburtstag haben. Ich nicke, er strahlt – Kind sein ist so schön. Von meiner Warte her sieht das ganze schon etwas anders aus. Denn: Jedem, er mir etwas schenkt, schenke ich ja auch etwas. Übers Jahr verteilt, aber am Ende ist es wie an Weihnachten. Ein Übertrumpfen an Wertigkeit der Geschenke bei den Kleinen, ein Ausgleich bei den Großen. Manchmal, ja, manchmal denke ich, da können wir das doch gleich lassen. Anstatt Geld und Zeit zu investieren, einfach Geschenke abschaffen und gut ist.

Oh, jetzt kommt der große Aufschrei. Es geht doch nicht ums Geld, nicht um den Wert an sich, sondern um Zeit und Mühe. Ja, ja, alles schon gehört. Doch was ist mit Zeit und Mühe, wenn das Geschenk absolut nicht gefällt oder gebraucht werden kann? Verloren?! Ein dritter Geldbeutel, der doch wieder zu klein ist, ein Buch, das schon im Regal steht, Duschgel, das meine Haut nicht verträgt. Und das von Menschen, die es besser wissen sollten. Ja, es mag undankbar erscheinen, frech und egoistisch solche Worte zu Papier zu bringen. Aber wehe ich komme mit so etwas an, dass ernte ich verdrehte Augen, ein großes „Aber“, oder ein ironisches „Toll“. Erzählt mir, was ihr wollt, aber wenn nach Weihnachten große Umtauschaktionen sind, dann nicht von ungefähr.

Geld als Geschenk? Als lieblos verpöhnt (© I-vista / pixelio.de)

Geld als Geschenk? Als lieblos verpöhnt (© I-vista / pixelio.de)

Und auch mit einem gefüllten Briefumschlag wird doch kaum noch jemand froh. Unkreativ und langweilig nennt es der Volksmund und steckt die Scheine dann doch so schnell wie möglich ein. Nur Bares ist Wahres. Dass ich da die Lust auf Geschenke und Schenken verliere ist vielleicht ja doch zu verstehen. Ein Geschenk ist nicht nur eine unausgesprochene Aufforderung, ebenfalls zu schenken, es verliert in unserem Alltag das Magische der Überraschung, die Freude der unerwarteten Belohnung und den Reiz der Seltenheit. Denn neben dem Problem, was denn im Päckchen so drinnen sein mag, gibt es noch den Faktor der Masse. Und die Masse macht‘s eben auch hier.

So werden bei uns zu Ostern, Weihnachten, Nikolaus und Geburtstagen auch mal ganze Transportkörbe mit Eingepacktem gefüllt. Völlig Überfordert sitzen die Kinder in einem Meer aus Geschenkpapier und wissen gar nicht mehr, was sie alles bekommen haben und wann sie damit spielen sollen. Das Ergebnis ist eben kein zufriedenes Kind, sondern eines, das die Regale voll hat und jeden Tag quengelt „Mir ist langweilig“. Reizüberflutung mit Plastikschleife. Und nein, für uns große wird es nicht besser, nur anders. Denn mir laufen sämtliche Nachrichteneingänge schon Wochen vor diesem oder jenen Festtag heiß, womit mir denn eine Freude gemacht werden könnte. Von wegen also kreativ und sinnvoll.

Geschenkeflut: tückische Überforderung ©Lupo / pixelio.de)

Geschenkeflut: tückische Überforderung ©Lupo / pixelio.de)

Ja, ich stänkere, ich bin genervt, bis über beide Ohren. Und doch, ich könnte mir auch gut vorstellen, solche Festtage ohne Geschenke zu verbringen, weder von mir noch für mich. Ich würde meinen Kindern gerne die Konsumgeilheit aus den Familienfeiern ziehen und einfach nur mit den Menschen, die ich mag eine schöne Zeit verbringen. Geht nicht, ich hab‘s versucht. „Ja, ist doch nur ne Kleinigkeit“, heißt es dann. Ermüdend, oder? Ein Wettrennen ohne Sieger und irgendwie kein Land in Sicht. Wir verziehen uns selbst, erwarten immer mehr, werden undankbar und wissen auch Kleinigkeiten, liebe Gesten, nicht mehr zu würdigen.

Und dann, dann ist dieser Text nur die Folge des Geschenk-Crescendo, logisch, ein Gefühl, das Viele kennen, und sich doch zum nächsten Fest wieder ins Chaos werfen. Nein, aufgeben will keiner. Und das ewige Mantra lautet mehr, mehr, mehr.

Vorschau: Anne schreibt hier nächste Woche über Leistungsdruck und was er mit uns macht.


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Eva-Maria Obermann

Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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