Anleitung zum Kranksein

Erkältungszeit? Hier eine Anleitung zum Kranksein (© S--Hofschklaeger / pixelio.de)

Erkältungszeit? Hier eine Anleitung zum Kranksein (© S–Hofschklaeger / pixelio.de)

Es regnet. Und mit jedem Tropfen vor der Tür schwillt die Nase, die Augen tränen, der Kopf brummt. Herbst heißt Erkältungszeit, Grippezeit, Krankenzeit. Überall hustet, keucht, schnieft und röchelt es, denn – jetzt mal ehrlich – nicht mal krank sein können wir richtig. Im letzten Jahr verbuchte das statistische Bundesamt, hat sich jeder Arbeitnehmer neun Tage krank gemeldet. Neun Tage. Für die alte Regel, dass eine Erkältung vierzehn Tage lang dauert und mit Medikamenten zwei Wochen heißt das, dass kaum jemand diese Krankenzeit auch wirklich krank war. Wahrscheinlicher ist, dass er mehr als die Hälfte dieser Zeit gearbeitet hat.

Ja, ich weiß, nicht jede Erkältung zwingt uns in die Knie. Manch einer lässt sich von keinem Schnupfen die Stirn bieten und andere gehen sogar mit Fieber arbeiten. Gesund ist das nicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Dann schleppen wir die Krankheit tapfer mit uns, verschwinden am Wochenende mit Wickeln im Bett, betäuben uns mit Medikamenten und Hausmittelchen. Thymiantee, Ingwertropfen, Kräuterbalsam, Lutschpastillen.

Richtig Kranksein: Mit Kräutertee und Lutschpastillen (© w.r.wagner / pixelio.de)

Richtig Kranksein: Mit Kräutertee und Lutschpastillen (© w.r.wagner / pixelio.de)

Warum sind wir nicht mal wieder so richtig krank. Schlagen dem Tag, der immer nur fordert, einfach die Nase vor der Tür zu und sagen: Nö, du, heute mal nicht. Wir legen uns ins Bett oder auf das Sofa, mit Wärmflasche und Kirschkernkissen, die dampfende Teekanne steht neben unserer Tasse, ein großes Glas Honig und eine Tüte Bonbons daneben. Wir stehen erst auf, wenn die Suppe kommt, gekocht von Mutti, Papa, dem Partner oder dem Lieferservice. Und danach legen wir uns wieder hin. Wir schauen miese Wiederholungen im Fernsehen oder hören den ganzen Tag das gleiche Hörbuch, bei dem wir immer wieder einschlafen. Wir besorgen uns ein Lavendelkuscheltier für die Mikrowelle, eine Decke mit Ärmeln.

Lasst uns krank sein – und es genießen. Der Druck auf unsere Nebenhöhlen ist groß genug, da können uns die Arbeit, die Kinder, der Abwasch und der Müll einfach mal egal sein. Unser Körper kämpft in einem Krieg und wir können die Alliierten sein. Für ein oder zwei Tage ticken die Uhren anders, wir hören nur auf uns, unser Wehklagen, unsere Bedürfnisse. Wir sind große Babys, die bemuttert werden wollen, denn wir sind verdammt nochmal krank. Singt das Katzentanzlied für uns, wer auch immer gerade noch auf den Beinen steht.

Kranksein genießen? Geht, wenn wir umsorgt werden (© Stefan Bayer / pixelio.de)

Kranksein genießen? Geht, wenn wir umsorgt werden (© Stefan Bayer / pixelio.de)

Kosten wir unsere Situation aus, die Hilfsbereitschaft von Verwandten, Freunden und Nachbarn, die schnelle Krankschreibung beim Arzt, die volle Tüte aus der Apotheke. Gönnen wir uns ein bisschen von dieser Aufmerksamkeit, dem Mitleid, der Sorge. Solange wir nicht wirklich ernsthaft krank sind – und die Zeiten, dass eine Grippe die Massen der Bevölkerung hinweggerafft hat, sind vorbei – können wir uns ziemlich sicher sein, dass unser Körper den Sieg davon trägt und die Viren, so oder so, in die Flucht schlägt.

Dann kommt das dicke Ende. Unsere Stimme klingt wieder normal, unsere Nase wird frei, unsere Gedanken fassen wieder, was da noch alles vor uns liegt. Dann können wir uns immer noch sorgen, hetzten, wieder einsteigen in die Beschleunigung des Alltags. Die Arbeit läuft uns nicht davon, die Möglichkeit, uns wirklich zu kurieren schon. Frisch erholt arbeiten wir schneller, effektiver, besser, als mit triefender Nase. Wenn wir nur etwas mehr Zeit in unsere Genesung investieren würden, hätten alle etwas davon. Unsere Kollegen, die wir nicht anstecken. Unser Stapel auf dem Schreibtisch, der plötzlich erklimmbar wird, schon allein, weil wir unseren Kopf wieder ohne Stechen in den Nebenhöhlen heben können. Unsere Familie, die sich auch einmal um uns kümmern durfte und weiß, dass sie etwas bei uns gut hat. Denn die nächste Grippe kommt bestimmt und wer weiß schon, wer dann auf der Couch landet.

Die richtige Pille? Manchmal müssen wir einfach krank sein (© l-Vista / pixelio.de)

Die richtige Pille? Manchmal müssen wir einfach krank sein (© l-Vista / pixelio.de)

Ich für meinen Teil koche meinem kranken Mann jetzt noch einen Tee und rate ihm dringend, das Kranksein doch auch mal als Möglichkeit der Entschleunigung zu sehen. Als Erholungsurlaub, wenn der Körper ihn dringend nötig hat. Er wird mir nicht recht geben, aber ein bisschen, so ein kleines bisschen freut er sich, dass die Couch für ihn reserviert ist, die Kinder etwas leiser spielen und die Welt sich auch ohne ihn weiterdrehen kann.

Vorschau: Nächste Woche meint Anna hier, wir sollten uns mehr den Jahreszeiten anpassen.


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Eva-Maria Obermann

Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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