Alles muss „perfekt“ sein

Alles muss „perfekt“ sein

Hoch hinaus: Der Wunsch nach Verbesserung treibt uns immer weiter voran (©Marianne J/Pixelio.de)

Das Verlangen nach Fortschritt, Verbesserung und Entwicklung ist wesentlich für den Menschen. Erst das Streben macht ihn zu dem, was er ist; nur durch das Bemühen, voranzuschreiten, können wir heute so leben, wie wir leben, mit allen technischen Möglichkeiten.

Streben ist etwas Gutes, etwas Lobenswertes. Wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben effektiver und einfacher zu gestalten, der verdient Respekt und Anerkennung. – Doch was, wenn das Streben nach Verbesserung das ganze Leben eines Menschen unterwandert? Was, wenn alles „perfekt“ sein soll?

Der viel gelobte Drang zum Besserwerden kann auch in Perfektionismus ausarten und Züge einer Sucht annehmen. Niemals zufrieden zu sein mit dem Status quo, immer weiter zu wollen, das kann enorm belasten, für Ruhe und Erholung ist kein Platz mehr übrig. Ganz wichtig: Perfektionismus kann überall im Alltag auftreten, nicht nur im Berufsleben.

Nehmen wir zum Beispiel den Sport. Das olympische Motto „Citius, altius, fortius“, das im Deutschen zu „Schneller, höher, weiter“ wird, enthält schon die Quintessenz. Wer im Sport Erfolg haben will, muss sich fortwährend verbessern, Stagnation bedeutet Verlieren. Und wer meint, nur Olympioniken und Profi-Sportler unter Vertrag seien anfällig für krankhaftes Streben, der sei eines Besseren belehrt. Auch im Hobbysport wollen viele immer höhere Leistungen erbringen. Oft liegen die Ergebnisse bei den sogenannten „Jedermännern“ fast auf Profi-Niveau. Um das zu erreichen, optimieren die Freizeit-Sportler fortwährend ihr Training, feilen an ihrer Ernährung, planen die Regeneration nach dem Wettkampf. Alles wird dokumentiert und analysiert, um das nächste Mal noch besser zu sein – ganz wie bei den Profis. Dabei kann jedoch auch die Lebensqualität leiden und es besteht die Gefahr, dass man gerade durch den Drang, besser sein zu wollen, schlechter wird – das nennt man dann Übertrainings-Syndrom.

Selbst im Alltag kann der Perfektionismus zuschlagen. Ganz banal: Putzen und Ordnung sind ja super. Wer will schon in einem Messie-Haushalt leben? Doch auch hier kann das Verlangen nach mehr Sauberkeit in einen zwanghaften Trieb umschlagen. Was früher noch Hygiene war, wird dann zur Desinfektion. Die Wohnung muss regelrecht steril sein, kein Staubkorn darf zu sehen sein. Oh, und wehe, wenn nicht aufgeräumt ist. Ein Buch, das einfach so herumliegt, ist das Schlimmste, muss sofort wieder ins Regal sortiert werden. Für den perfekten Haushalt wird immer mehr Energie aufgewendet, immer mehr Zeit geopfert. Diese Zeit fehlt dann an anderer Stelle im Leben, vor allem wenn es mal ums Abschalten geht.

Alles muss „perfekt“ sein

Unter Zeitdruck: Immer mehr in immer weniger Zeit – das scheint der heitige Lebensstandard zu sein (©Pascal Werth)

Auch eine Form des Perfektionismus: Zeitmanagement. Dieses moderne Übel soll uns helfen in 24 Stunden das Pensum von 48 Stunden zu erledigen. Dafür braucht es aber kontinuierlich Optimierung, einen ausgeklügelten Plan. Der kann zum Beispiel so aussehen: Aufstehen um 6.00 Uhr, dann 30 Minuten Frühstück, ab in die Arbeit; Mittagspause zum Sport nutzen, kurz einen Imbiss herunter schlingen, wieder arbeiten; dann nach Feierabend noch den Haushalt schmeißen, sich mit Freunden treffen; am besten zwischendurch noch ehrenamtlich tätig sein oder für den gebrechlichen Nachbarn einkaufen gehen; und trotzdem noch ein Buch lesen, sich über die Nachrichten informieren und ganz nebenbei entspannen, bis es um 23.00 Uhr ins Bett geht. Doch vielleicht geht auch noch ein Kurs an der Volkshochschule, wenn man etwas früher aufsteht, dann die Mittagspause um 10 Minuten verkürzt, hier ein bisschen straffen, da ein wenig optimieren. – Worauf ich hinaus will: Auch das akkurate Planen des Tagesablaufs, das jede Sekunde ausnutzt, ist eine Spielform des Perfektionismus und kann einem das Leben verderben.

Denn: Der Wunsch nach Fortschritt hat uns sicher viele Annehmlichkeiten beschert. Aber das stete Verbessern und Optimieren kann auch zur Last werden und ein lebenswertes Leben schier unmöglich machen. Ohne Streben ist der Mensch wie ein lebendiger Toter, doch er kann sich auch zu Tode streben. Dafür aber ist das Leben einfach viel zu schade.

Vorschau: Nächsten Mittwoch liefert Eva euch Fakten rund um das Thema Schwangerschaft und geht auf Vorurteile ein, die jungen Menschen dabei begegnen.


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Sascha Resch

Über Sascha Resch

Jahrgang 1992. In München geboren und aufgewachsen, beendete er 2015 erfolgreich seine Ausbildung zum Fachinformatiker, Schwerpunkt Software-Development. Nebenbei sammelte er journalistische Erfahrungen in der Redaktion des TOUR-Rennradmagazins, beim Magazin der Jungen Presse Bayern, durch seine eigene Webseite Alpenvettern.de und natürlich seit 2012 auch bei Face2Face. Seit 2015 studiert er in München am Institut für „Deutsch als Fremdsprache“ und arbeitet parallel als Deutschlehrer in einer Schwabinger Sprachschule. Auch bei Face2Face ist er flexibel: Zunächst als Autor unterwegs, kümmert er sich jetzt zusammen mit Denis Pollach um die IT-Infrastruktur des Magazins.

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