Alle Jahre wieder – Deutschland im Weihnachtskaufrausch

Es beginnt wieder. Oder eigentlich muss ich sagen, dass es sich schon vor einer ganzen Weile ankündigte. Etwa in Form von Scharen in der Innenstadt herumwuselnder Menschen. Auffällig bepackt mit bunten Einkaufstüten der unterschiedlichsten Warenhäuser gleichen sie emsigen Ameisen, die ihren Beitrag zum prachtvollen Ameisenhaufen leisten. Was im übertragenen Sinne sogar zutrifft – Denn Weihnachten steht vor der Tür! Und da hat jeder gefälligst seinen Beitrag zu leisten. Am besten in Form von überteuerten und besonders kreativen Geschenken.

Glitzernde Geschenke: Zur Weihnachtszeit bleibt der Gang ins Kaufhaus meist nicht erspart (© Helene Souza  / pixelio.de)

Glitzernde Weihnachten: Zur Weihnachtszeit bleibt der Gang ins Kaufhaus meist nicht erspart (© Helene Souza / pixelio.de)

Ich habe mich damit abgefunden, dass es ab Oktober Lebkuchen und andere Weihnachtsgebäcke zu kaufen gibt und reagiere auch nicht mehr völlig verstört, wenn im Supermarkt das erste Weihnachtslied ertönt, ich selbst aber noch meinen Gedanken an den Sommer nachhänge. Doch woran ich mich nie gewöhnen werde, sind die Menschen, die schon im November beginnen, sich den Kopf über Weihnachtsgeschenke zu zerbrechen. Menschen die mir drei bis vier Wochen vor Weihnachten, damit auf die Nerven gehen, dass sie noch nicht alle Geschenke zusammen haben. Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie jemand sich für das Fest der Liebe, solch einem Stress aussetzt und zum Sklaven seiner selbst macht.

Okay, verständlich, dass den meisten Christen etwas darin liegt, ein besinnliches Weihnachten im familiären Kreise zu feiern, und dafür nun mal auch viel Zeit für Vorbereitungen und Besorgungen aufgeopfert wird.

Doch es ist sicherlich niemandem entgangen, dass in den letzten Jahren die Zahl der kaufsüchtigen Zombies, die zur (Vor)Weihnachtszeit in der Stadt herumtingeln, überhandgenommen hat. Ich kann die Unruhe dieser Zombies, die mit ihren glühenden Augen alles nach potenziellen Geschenken absuchen, förmlich spüren und weiche automatisch aus, sobald mir ein solcher über den Weg läuft. Ich mache das aus dem ganz einfachen Grund – Ich muss mich schützen. Ich habe Angst, dass mich diese Zombies mit ihrer Panikmache und ihrem krankhaften Kaufverhalten anstecken.

Besinnliche Weihnachten? So richtig Weihnachtsstimmung will gar nicht aufkommen, wenn alles sich nur ums Geschenke kaufen dreht (© Julien Christ  / pixelio.de)

Besinnliche Weihnachten? So richtig Weihnachtsstimmung will gar nicht aufkommen, wenn sich alles nur ums Geschenke kaufen dreht (© Julien Christ / pixelio.de)

Zur Vorweihnachtszeit scheinen die meisten nur noch damit beschäftigt ellenlange Geschenkelisten notorisch abzuarbeiten. Schnell ein, zwei, drei Tassen Glühwein runterkippen, um den Stress für einen Moment zu entkommen und sich selbst vorzutäuschen, dass die Vorweihnachtszeit ja im Grunde eine ganz besondere, besinnliche Zeit ist. Mit dem Duft von Zimt in der Nase und dem zirkulierenden Alkohol im Blut wird die Lüge glaubhafter. Dann geht der Shopping-Marathon auch schon in die zweite Runde.

Was ist passiert, dass sich zu Weihnachten bei einigen alles nur noch um die Geschenke zu drehen scheint?

Gehen wir ein paar Jahrtausende zurück. Weshalb beschenken wir uns überhaupt zu Weihnachten? Das Sich-Beschenken zur Weihnachtszeit geht ursprünglich zurück auf Bischof Nikolaus. Dieser Heilige soll um 280 nach Christi an der türkischen Mittelmeerküste gelebt haben und es ranken sich allerhand Legenden um seine Person. Er soll ein sehr großzügiger Mann gewesen sein, der sich zum Beispiel den Armen annahm. Sein Todestag, der 6. Dezember, wurde fortan ihm zu Ehren gefeiert und die Kinder erhielten Geschenke.

Endlich Heiligabend: Vor allem Kinder könen es bis zur Bescherung an Heiligabend  kaum abwarten  (© Lupo  / pixelio.de)

Endlich Heiligabend: Vor allem Kinder können es bis zur Bescherung an Heiligabend kaum abwarten (© Lupo / pixelio.de)

Martin Luther und die evangelische Kirche wollten Mitte des 16. Jahrhunderts im Zuge der Reformation die Verehrung Heiliger ganz abschaffen. Damit die Bescherung aber nicht ganz wegfiel, wurde diese auf Weihnachten verlegt. Plötzliche war es das Christkind, das den Kindern die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legte. Nach und nach stoß dies sowohl bei Protestanten als auch Katholiken auf Anklang. Das Sich-Beschenken zur Weihnachtszeit blickt also schon auf eine lange Tradition zurück auch wenn die Beweggründe dafür nicht ganz so durchschaubar scheinen.

Der ganze heutige Wahnsinn, der Weihnachten begleitet, ist wohl dem Kapitalismus und seinen folgenreichen Auswüchsen, wie dem zunehmenden Materialismus, zu Schulden. Ich für meinen Teil beginne eine Woche vor Weihnachten langsam mir Gedanken über das ein oder andere Geschenk zu machen. Ich finde auch nichts Verwerfliches daran, Menschen mit einem Geschenk eine Freude zu machen. Bis jetzt bin ich aber eben immer gut damit gefahren, mich von diesem Weihnachtsstress nicht anstecken zu lassen und einen kühlen Kopf zu bewahren. In diesem Sinne: Ein frohes und vor allem besinnliches Weihnachten.

Vorschau: Eva berichtet nächste Woche davon, warum sie kein großer Freund von Silvester ist.

IP – ob ich will oder nicht

Bald via Internet: Immer mehr Telefonanschlüsse sollen digital werden.

Bald via Internet: Immer mehr Telefonanschlüsse sollen digital werden. (© Rainer Sturm/Pixelio.de)

Neulich habe ich Post von der Telekom bekommen. An sich bin ich eher abgeneigt gegenüber Briefen von der Telekom, weil es immer etwas Schlechtes bedeutet. Bestenfalls sind es Werbebriefe à la „Internet zum Schnäppchenpreis“. Wie dem auch sei: Meine düstere Ahnung hat sich prompt bestätigt. Die Telekom hat mir mitgeteilt, dass ich jetzt IP-Telefonie nutzen muss, also Telefonieren übers Internet. Punkt. Andernfalls hätte ich eben gar keinen Anschluss mehr.

Mich stört schon die Tatsache, dass man auch freundlicher auf ein neues Netz hinweisen kann, als durch die Androhung einer Zwangskündigung. Sie hätten mir auch schreiben können, dass wir den Vertrag umwandeln müssen. Alles im Zuge der neuen Infrastruktur. Das klingt doch gleich netter als „Wenn sie sich nicht für einen neuen IP-Vertrag entscheiden, müssen wir leider ihren Festnetz-Anschluss kündigen“. Dann vielleicht noch ein paar erklärende Worte, warum die Umstellung überhaupt sein muss, und ich wäre deutlicher weniger sauer.

Doch genau da liegt eines der Probleme: Es gibt keinen wirklich guten Grund dafür, das analoge Festnetz abzudrehen, es ist wieder eine Sparmaßnahme. Momentan muss die Telekom immer noch zwei Netze betreuen und instand halten: Das analoge, also „normales“ Telefon, und das digitale, sprich Internet. Wo es dann kein analoges mehr gibt, muss die Telekom nur noch das digitale Netz verwalten und warten. Ganz schön praktisch, nicht?

Wenn ich zynisch bin, kann ich noch weiter gehen und behaupten, dass IP die Abhörmaßnahmen der Nachrichtendienste einfacher und billiger macht. Immerhin müssen sie nur noch das digitale Netz anzapfen. Das heißt, sie bekommen alle Daten über ein einziges Medium. Das sei nur am Rande erwähnt.

Schlagader der Moderne: Immer mehr Dienste laufen über das Netzwerkkabel.

Schlagader der Moderne: Immer mehr Dienste laufen über das Netzwerkkabel. (© Marko Greitschus/Pixelio.de)

Mich interessiert vor allem, dass diese seltsame Zwangs-Umstellung gehörig in meinen Alltag eingreift. Was zum Beispiel, wenn das Internet mal wieder weg ist? Mit dem analogen Netz konnte ich wenigstens noch bei der Telekom anrufen und den Ausfall melden, mich beschweren. Jetzt heißt es: Internet weg, alles weg.

Ich muss damit leben, dass ich meinen Router jetzt rund um die Uhr laufen lassen muss, wenn ich über das Festnetz erreichbar bleiben will. Das heißt im Endeffekt erhöhte Stromkosten für mich, denn bisher hatte ich die Angewohnheit dem Router den Saft abzudrehen, wenn ich ihn nicht gebraucht habe. Ab jetzt brauche ich ihn ja grundsätzlich immer, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Immerhin ist die Telekom so hilfsbereit und aufdringlich, gleich neue Hardware für das digitale Netz anzupreisen. Ich bräuchte ja unbedingt einen neuen Router. „Ach, wirklich, ist dem so?“, war da meine rhetorische Gegenfrage. Ich habe schon jetzt einen Router von der Telekom. Das Ding frustriert mich immer wieder aufs Neue, denn verwalten lässt es sich so gut wie nicht. Aber: Der Kasten ist IP-Telefonie-fähig. Definitiv! Zwei Telefon-Anschlüsse auf der Rückseite und, oh Wunder, in den Einstellungen kann ich auch Telefonnummern eintragen. „Nein, mein Router reicht, der ist IP-fähig!“

Für mich war das Gespräch damit beendet. Doch was ist mit all den älteren Leuten, die froh sind, dass sie überhaupt mit Routern und Computern zurecht kommen? Allein schon der Gedanke an eine Umstellung auf so eine komische Internet-Telefonie sorgt für Verwirrung. Dann noch der Mitarbeiter der Telekom, der seine überteuerten Geräte loswerden will – viele sagen da schneller ja und Amen als nötig. „Der junge Mann von der Telekom wird schon wissen, was ich brauche.“ Leider weiß er nur zu gut, was das Beste für den Konzern ist, nicht unbedingt für den Kunden.

Wehren kann ich mich ja leider nicht gegen die IP-Telefonie, ich muss in den sauren Apfel beißen. Dafür habe ich mein angebliches VDSL runter gestuft. Jetzt lebe ich wieder mit normalem DSL, wobei ich von der Geschwindigkeit und vom Durchsatz her keinen Unterschied erkenne. Leider ist auch das mit dem VDSL so eine Sache: Bin ich zu weit vom Verteiler weg, dann ist das superschnelle Internet genauso schnell wie der Standard-Anschluss, nur dass er mehr kostet. Aber das ist wieder eine andere Baustelle in der Welt des rosa Internet. Ob es wohl eine Möglichkeit gibt, wenigstens eines der vielen Probleme bei der Telekom zu beheben?

Vorschau: Regeln begegnen uns überall im Alltag und Eva wird sich nächste Woche mit der Frage beschäftigen, wie wichtig Regeln eigentlich sind.

Gefallene Helden?

Sportler sind Helden – das ist die weitverbreitete Meinung. Doch sobald der vermeintliche Superathlet mit einer positiven Dopingprobe konfrontiert ist, bröckelt das Bild des Siegers und übrig bleibt ein geächteter Verbrecher, der alle hinter das Licht geführt hat. So einen Menschen kann man doch nicht mehr als Vorbild ansehen. Oder etwa doch?

Hohe Erwartungen: Im Sport ist der Druck auf die Athleten enorm, immer bessere Erbenisse zu erzielen.

Hohe Erwartungen: Im Sport ist der Druck auf die Athleten enorm, immer bessere Erbenisse zu erzielen. (©Hans-Peter Reichartz/Pixelio.de)

Nehmen wir einmal das Beispiel Lance Armstrong. Siebenfacher Sieger der Tour de France in den Jahren 1999 bis 2005. Im Nachhinein wurden ihm aber alle Siege aberkannt, die Ermittler konnten ihm Doping bei allen seinen Erfolgen nachweisen. Kann ich – selbst begeisterter Radfahrer – den Doper Armstrong noch als Idol haben?

Trotz Dopings bleibt bei erfolgreichen Sportlern noch ein ganzer Blumenstrauß an positiven Charaktereigenschaften übrig, die durchaus nachahmenswert sind. Bleiben wir beim Fall Armstrong. Auch wenn er gedopt hat, so ändert das nichts an seiner grundlegenden Persönlichkeit. Die war in seiner Zeit als aktiver Radsportler geprägt von grenzenlosem Ehrgeiz, einem Drang zum Perfektionismus und einer Bereitschaft, unvorstellbar viel für sein Ziel zu arbeiten. Sind diese Eigenschaften etwa schlecht? Wohl kaum. Das einzige Problem ist vielmehr, dass Armstrongs Drang nach Perfektion ihn bis zum Missbrauch von verbotenen Substanzen getrieben hat. Doch von diesem Abdriften ins Extreme einmal absehen, bleibt eine leidenschaftliche Einstellung zum Sport, die einen Radfahrer wie mich enorm anspornt, wenn das Training wieder unerträglich mühsam ist.

Außerdem dürfen wir eines nicht vergessen, wenn wir Sportler verurteilen: In den meisten Fällen nutzen Sportler ihren Ruhm, um Gutes zu tun – und sei es eine PR-Aktion, am Ende profitiert die Gesellschaft. Im Fall Armstrong ist es so, dass er seine Berühmtheit direkt in seine wohltätige Organisation „Livestrong” einbrachte. Diese Institution kümmert sich um die Belange von Krebspatienten und unterstützt sie und ihre Familien im Kampf gegen den Tumor – die Idee dazu kam durch Armstrongs eigene Krebserkrankung. Doping hin, Doping her: Wenn am Ende etwas Gutes für die Gemeinschaft steht, dann dürfen wir doch den Sportler nicht als übelsten Schurken aller Zeiten abstempeln. Also ich trage nach wie vor mein gelbes Livestrong-Armband und daran wird sich nichts ändern.

Vielschichtig: Beim Doping im Sport geht es um mehr als nur Rekorde, so auch um viel Geld.

Vielschichtig: Beim Doping im Sport geht es um mehr als nur Rekorde, so auch um viel Geld. (©querschnitt/Pixleio.de)

Wenn wir schon so viel über Doping sprechen, dann lohnt sich auch ein etwas differenzierterer Blick auf das Problem: Warum dopen Sportler eigentlich? In der Regel sind die Athleten selbst nicht allein für den Gebrauch verbotener Substanzen verantwortlich. Vielmehr sind sie gleichzeitig Opfer eines kranken und korrupten Systems, das sich Hochleistungssport schimpft. Dort vermischen sich überzogene Ansprüche von Medien und Fans, Druck von den Sponsoren und Teams sowie die finanzielle Abhängigkeit vom Beruf als Sportler. Wer nicht gewinnt, der ist schnell weg vom Fenster und hat Probleme im gesamten Leben. Also müssen Siege her, und am Ende ist jedes Mittel recht. Ich wage es nicht, mit dem Finger auf die Sportler zu zeigen, wenn sie des Dopings überführt sind. Ich weiß nicht, ob ich unter solch einem Druck nicht genauso handeln würde.

Insbesondere im Fall Armstrong muss ich persönlich auch zugeben, dass mir das Thema Doping mehr oder minder egal ist. Klar sehe ich die Problematik und ich weiß, dass es besser wäre, wenn nie jemand dopen würde. Doch trotzdem spornt es mich im Training immer wieder an, wenn ich mir vorstelle, wie toll es wäre, so zu fahren wie die Profis. Dann geht es gleich ein bisschen schneller bergauf. Ganz ohne verbotene Substanzen.

Und darum geht es doch bei Vorbildern: Sie sollen Kraft und Mut geben, sollen anspornen. Das geht auch, wenn sie gedopt haben, denn am Ende sind die gefallenen Helden nur noch menschlicher. Immerhin ist niemand perfekt, nicht einmal große Vorbilder.

Vorschau: Nächste Woche berichtet Eva über die Bretter, die die Welt bedeuten – sie widmet ihre Kolumne ganz dem Theater.

Abschied von der Kirche – Abschied von der Menschlichkeit?

Zweifelhaft: Bedeutet der Austritt aus der Kirche, dass ich ein schlechter Mensch bin?

Zweifelhaft: Bedeutet der Austritt aus der Kirche, dass ich ein schlechter Mensch bin? (©Lisa Spreckelmeyer/Pixelio.de)

„Heide“, „Ketzer“, „Antichrist“ – so in etwa hätten mich die Leute vor 500 Jahren beschimpft. Vor einem halben Jahrhundert wäre es undenkbar gewesen, einfach so aus der Kirche auszutreten. Wer sich gegen die Institution Kirche wandte, der landete schnell auf dem Scheiterhaufen. Zum Glück schreiben wir heute das 21. Jahrhundert. So darf ich unbehelligt weiter leben, obwohl ich mich von der Kirche verabschiedet habe.

Meine Kindheit war nicht wirklich christlich im streng gläubigen Sinne, meine Eltern verschonten mich vor einer übermäßig religiösen Erziehung. Ich wurde getauft und musste die Konfirmation wohl oder übel über mich ergehen lassen. Doch davon abgesehen waren wir nie sehr kirchlich. Wir waren so gut wie nie im Gottesdienst, das Thema Religion an sich war kaum präsent. Und so bin ich jetzt aus der Kirche ausgetreten. Bin ich deswegen jetzt ein schlechter Mensch?

Wir sollten daran denken, dass die Mitgliedschaft im „Verein“ Kirche nicht automatisch bedeutet, dass alle in der Gemeinde gute Menschen sind. Manchmal entpuppt sich die überdurchschnittliche Frömmigkeit bei besonders überzeugten Kirchgängern als geheuchelte Maske. Dahinter steckt dann ein schlechtes Gewissen oder auch der Wunsch, sich selbst als guten Menschen und ordentlichen Christen zu bestätigen.

Egal, wie ehrlich die Einstellung der Gemeindemitglieder am Ende auch sein mag, insgesamt bleibt die Kirche für mich verstaubt und alt. Die sehr starren Regeln, die schwerfällige Liturgie, vor allem in der römisch-katholischen Konfession – das ist eher Machtgehabe, denn Bekenntnis zur Menschlichkeit. Was haben Zölibat und eine engstirnig verneinende Haltung zu Homosexualität und Abtreibung mit der Würde des Menschen zu tun? Diese Doktrin ist weder lebensbejahend noch steht dabei der Mensch selbst im Mittelpunkt.

Zu Eng: Der Zwang der christlichen Kirche ist nicht jedermanns Sache.

Zu Eng: Der Zwang der christlichen Kirche ist nicht jedermanns Sache. (©Kai Stachowiak/Pixelio.de)

Der Kirchenaustritt ist für mich ein Ausbruch aus einem zu engen religiösen Korsett: Die christliche Lehre unter kirchlichem Zwang war für mich nur verkrampft. Ich ziehe es vor, frei zu sein, auch für andere Kulturen und Religionen: Ein respektvoller Eklektizismus, der allen Denkweisen gegenüber offen ist. Das heißt auch, dass ich gut und gerne den ein oder anderen christlichen Standpunkt übernehme. Mein Kirchenaustritt bedeutet keine absolute Abkehr vom Christentum als Religion, sondern vielmehr eine Verabschiedung von der Institution Kirche.

Denn auch ohne Kirchen gibt es genügend Möglichkeiten Gutes zu tun: Wenn ich in der Schlange beim Bäcker den gehetzten Busfahrer vorlasse, der nur zwei Minuten Pause hat, bis er weiter fahren muss. Oder wenn ich der gebrechlichen Nachbarin helfe, ihre schweren Einkaufstüten in den dritten Stock zu tragen. Und das ganz ohne Kirchenzwang. Allein schon ein freundlicher Gruß auf der Straße kann eine Wohltat sein und dem anderen ein gutes Gefühl schenken. Und sobald mir der Sinn nach etwas Größerem ist, dann kann ich auch als „Heide“ ehrenamtlich beim Stadtteilfest mithelfen oder spenden – ohne es gleich in der Gemeinde breit treten zu müssen.

Ich mag nicht leugnen: Aus der Kirche auszutreten ist ein Bruch mit Tradition und Konvention. Doch wer sagt denn, dass unkonventionell gleich schlecht ist? Jedenfalls sollte das nicht so sein in einer Gesellschaft, die sich Toleranz und Menschenwürde auf die Fahne geschrieben hat.

Vorschau: Unsere Kolumnistin Eva schwärmt für Wissensspiele à la Quizduell oder Trivial Pursuit. Warum das so ist, erfahrt ihr in der nächsten Kolumne.

Gefangen im Zwangsurlaub

Hattet ihr schon einmal Zwangsurlaub? Ob als unfreiwillige Beurlaubung vom Arbeitgeber selbst, oder als eigentlich mehr vorsorgliche Krankschreibung vom Arzt, auf Dauer kann es ganz schön nerven, nicht raus zu können. Gut, der Beurlaubte kann immerhin das Haus verlassen und seinen Spaß draußen suchen. Der Krankgeschriebene eher nicht.

Urlaub? Erzwungen wird’s wenig schön (Foto: T. Gartner)

Mir ging es Ende Januar so. Arbeitsunfähig, weil meine vorangegangene Erkältung meine Schwangerschaft ihrem normalen Ende schon näher gebracht hatte. Und die strikte Anweisung: Schonen. Wenigstens keine Bettruhe, wenigstens etwas. So toll fand ich das trotzdem nicht. Einerseits, weil ich meine Kollegen früher als geplant im Stich lassen musste, andererseits, weil auch ein Sofa irgendwann an Reiz verliert. Spätestens, als ich das Vormittagsfernsehprogramm auswendig wusste, war es mit der Gemütlichkeit zu Hause auch vorbei. Ich wollte raus, ich fühlte mich gefangen, die soziale Interaktion mit realen, lebenden Menschen fehlte mir ungemein. Mann und Sohn waren ja den ganzen Tag nicht da.

Wie Hausarest. Schnell fühlt mancher sich da isoliert (Foto: T. Gartner)

Vielleicht kennt ihr das ja. Auch wenn wir wirklich krank sind, vermissen wir über kurz oder lang unser normales Leben. Die Bekannten in Schule oder Uni, die Kollegen, die Freunde, ja selbst das Gesicht der Frau an der Wursttheke, die immer die gleiche Geschichte ihrer Nichte erzählt, nur weil die gerade zwei Monate älter als mein Sohn ist – ich wäre froh gewesen, sie zu sehen. Auf der anderen Seite waren natürlich alle anderen – die Freunde, Verwandten, Bekannte – mit Arbeit, Schule oder Uni bestens versorgt und hatten keine Zeit mal vorbeizuschauen. Noch dazu bei einer Kranken, das macht ohnehin nicht jeder so ohne Weiteres. Kurz: schön ist was anderes und wirklich erholend war diese Zeit, zumindest für meine Psyche, auch nicht.

Da ist es schon leicht zu verstehen, dass Menschen, die alleine wohnen, dazu noch arbeitslos sind und aus den verschiedensten Gründen eben nicht so gern das Haus verlassen, sich unweigerlich immer mehr abschotten. Selbst wenn sie Kontakt nach außen suchen, ist der nicht immer leicht zu finden. Irgendwie lebt man da doch in unterschiedlichen Welten. Bestes Beispiel: Großmütter, wenn der Mann schon gestorben ist. Da warten einige die ganze Woche auf Kind oder Enkelkind, um aus den Erzählungen noch irgendwie am Leben teilzuhaben. „Was soll ich denn da“, heißt es, wenn man ihnen den Vorschlag macht, doch auch mal rauszugehen. Aber wirklich verstehen können weder sie unsere Geschichten noch wir ihre Hausbesetzung.

Langeweile? Irgendwann ist jedes Buch gelesen, jeder Film gesehen, soziale Beziehungen fehlen (Foto: T. Gartner)

Meine Schonzeit, und damit auch mein Zwangsurlaub, gingen irgendwann vorbei. Erst wurde die Erkältung besser, dann kam die Geburt, und während ich noch damit beschäftigt bin, meinem neugeborenen Kind Dinge wie Milchtrinken und Schlafen beizubringen, wartet in ein paar Wochen schon wieder die Uni auf mich. Schön, denke ich mir. Schön, dass es weitergeht. Und dass sie nicht so lang war, die Schonzeit. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was Menschen, die ein halbes Jahr im Bett liegen müssen, da zu erleiden haben. Irgendwann reichen Telefon und Internet eben nicht. Die Welt verkleinert sich, je länger wir ihr fern bleiben und irgendwann erreichen wir ihre Grenzen beim Überqueren der Türschwelle.

Vielleicht ist es bei dem Gedanken mal wieder Zeit, zur Großmutter – oder dem Großvater zu fahren – und wenigstens eine Viertelstunde mit ihm spazieren zu gehen. Es gibt bestimmt einen Freund, der gerade krank ist und Aufmunterung vertragen könnte. Oder einen anderen Menschen, von dem ihr wisst, dass er nicht so leicht aus dem Haus kommt. Wenn wir einmal in so eine Situation kommen, sind wir über jede Ablenkung, jeden Besucher, jeden Kontakt zur Welt da draußen wirklich dankbar.

Zwangsurlaub ist eben nicht einfach Urlaub, Entspannung und etwas Zeit für sich, sondern vor allem eines: Zwang. Und gezwungen wird keiner von uns gerne, oder?

Vorschau: Nächste Woche gibt uns Alexandra Einblicke in die Aufzeichnungen einer Nachteule.

Alles muss „perfekt“ sein

Hoch hinaus: Der Wunsch nach Verbesserung treibt uns immer weiter voran (©Marianne J/Pixelio.de)

Das Verlangen nach Fortschritt, Verbesserung und Entwicklung ist wesentlich für den Menschen. Erst das Streben macht ihn zu dem, was er ist; nur durch das Bemühen, voranzuschreiten, können wir heute so leben, wie wir leben, mit allen technischen Möglichkeiten.

Streben ist etwas Gutes, etwas Lobenswertes. Wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben effektiver und einfacher zu gestalten, der verdient Respekt und Anerkennung. – Doch was, wenn das Streben nach Verbesserung das ganze Leben eines Menschen unterwandert? Was, wenn alles „perfekt“ sein soll?

Der viel gelobte Drang zum Besserwerden kann auch in Perfektionismus ausarten und Züge einer Sucht annehmen. Niemals zufrieden zu sein mit dem Status quo, immer weiter zu wollen, das kann enorm belasten, für Ruhe und Erholung ist kein Platz mehr übrig. Ganz wichtig: Perfektionismus kann überall im Alltag auftreten, nicht nur im Berufsleben.

Nehmen wir zum Beispiel den Sport. Das olympische Motto „Citius, altius, fortius“, das im Deutschen zu „Schneller, höher, weiter“ wird, enthält schon die Quintessenz. Wer im Sport Erfolg haben will, muss sich fortwährend verbessern, Stagnation bedeutet Verlieren. Und wer meint, nur Olympioniken und Profi-Sportler unter Vertrag seien anfällig für krankhaftes Streben, der sei eines Besseren belehrt. Auch im Hobbysport wollen viele immer höhere Leistungen erbringen. Oft liegen die Ergebnisse bei den sogenannten „Jedermännern“ fast auf Profi-Niveau. Um das zu erreichen, optimieren die Freizeit-Sportler fortwährend ihr Training, feilen an ihrer Ernährung, planen die Regeneration nach dem Wettkampf. Alles wird dokumentiert und analysiert, um das nächste Mal noch besser zu sein – ganz wie bei den Profis. Dabei kann jedoch auch die Lebensqualität leiden und es besteht die Gefahr, dass man gerade durch den Drang, besser sein zu wollen, schlechter wird – das nennt man dann Übertrainings-Syndrom.

Selbst im Alltag kann der Perfektionismus zuschlagen. Ganz banal: Putzen und Ordnung sind ja super. Wer will schon in einem Messie-Haushalt leben? Doch auch hier kann das Verlangen nach mehr Sauberkeit in einen zwanghaften Trieb umschlagen. Was früher noch Hygiene war, wird dann zur Desinfektion. Die Wohnung muss regelrecht steril sein, kein Staubkorn darf zu sehen sein. Oh, und wehe, wenn nicht aufgeräumt ist. Ein Buch, das einfach so herumliegt, ist das Schlimmste, muss sofort wieder ins Regal sortiert werden. Für den perfekten Haushalt wird immer mehr Energie aufgewendet, immer mehr Zeit geopfert. Diese Zeit fehlt dann an anderer Stelle im Leben, vor allem wenn es mal ums Abschalten geht.

Unter Zeitdruck: Immer mehr in immer weniger Zeit – das scheint der heitige Lebensstandard zu sein (©Pascal Werth)

Auch eine Form des Perfektionismus: Zeitmanagement. Dieses moderne Übel soll uns helfen in 24 Stunden das Pensum von 48 Stunden zu erledigen. Dafür braucht es aber kontinuierlich Optimierung, einen ausgeklügelten Plan. Der kann zum Beispiel so aussehen: Aufstehen um 6.00 Uhr, dann 30 Minuten Frühstück, ab in die Arbeit; Mittagspause zum Sport nutzen, kurz einen Imbiss herunter schlingen, wieder arbeiten; dann nach Feierabend noch den Haushalt schmeißen, sich mit Freunden treffen; am besten zwischendurch noch ehrenamtlich tätig sein oder für den gebrechlichen Nachbarn einkaufen gehen; und trotzdem noch ein Buch lesen, sich über die Nachrichten informieren und ganz nebenbei entspannen, bis es um 23.00 Uhr ins Bett geht. Doch vielleicht geht auch noch ein Kurs an der Volkshochschule, wenn man etwas früher aufsteht, dann die Mittagspause um 10 Minuten verkürzt, hier ein bisschen straffen, da ein wenig optimieren. – Worauf ich hinaus will: Auch das akkurate Planen des Tagesablaufs, das jede Sekunde ausnutzt, ist eine Spielform des Perfektionismus und kann einem das Leben verderben.

Denn: Der Wunsch nach Fortschritt hat uns sicher viele Annehmlichkeiten beschert. Aber das stete Verbessern und Optimieren kann auch zur Last werden und ein lebenswertes Leben schier unmöglich machen. Ohne Streben ist der Mensch wie ein lebendiger Toter, doch er kann sich auch zu Tode streben. Dafür aber ist das Leben einfach viel zu schade.

Vorschau: Nächsten Mittwoch liefert Eva euch Fakten rund um das Thema Schwangerschaft und geht auf Vorurteile ein, die jungen Menschen dabei begegnen.

Verspielt, verkleidet, verdammt

Cool? Die Kleinsten zu verkleiden muss nicht immer süß sein. (Foto: Obermann)

Prinzipiell habe ich ja nichts gegen Fastnacht oder Fasnacht, oder Fasching, oder Karneval, oder wie immer ihr es nennen wollt. Als dieser Brauch entstand, war er wohl auch sehr sinnvoll. Nämlich um seinem Herrn und Meister einmal ungestraft die Meinung sagen zu können, ohne gleich am Pranger zu enden, oder schlimmer. Die Zeiten liegen hinter uns – oder?

 Prinzipiell habe ich nichts dagegen, wenn Meinungen gesagt werden. Ich bin sogar dafür. Nur macht ein – Tada, tada, tada – zwischenrein die gute und ehrliche Aussage nicht immer klarer. Und gegen Verkleidungen hab ich schon gar nichts. Aber gegen Nichtverkleiden auch nicht.

 Als Kind habe ich es geliebt, mich zu verkleiden. Nur hab ich dazu gar nicht zwangsläufig ein Kostüm gebraucht. Mamas Lippenstift, ein wehender Rock (die lieb ich noch immer) oder ein schlicht kreativer Kleinkindgedanke reichte mir. Ich war eine Meerjungfrau in der Badewanne, ein Welpe im Hundekorb oder Hexe am Kochtopf. An meiner Küchentür steht es rot auf weiß geschrieben: Zauberküche. Diese Verkleidungen lassen uns nie mehr los. Sie sind die besten, die ohne billigen Stoff auskommen und Kleidergrößen locker überspringen.

 Solche Verkleidungen kennt auch mein Sohn schon. Er ist ein Saurier, der mich fressen will, eine Katze, die auf allen Vieren läuft, ein Fisch, der taucht. Ganz ohne Kostüm. Und jetzt? Und diese Woche?

 Diese Woche ist Faschingswoche im Kindergarten. Volle vier Tage verkleiden sich die Kinder, wenn sie wollen, als Prinzessinnen, Cowboys, Indianer und Feen. In der Hinsicht hat sich in den letzten 20 Jahren nichts verändert. Solche Kostüme ruhen noch, von Motten angefressen, auf dem staubigen Dachboden meiner Mutter. Ich war im Kindergarten eine Tomate, hatte Feenkostüme, die meine Oma genäht hat, und eine schwarze Katzenmaske. Doch ich kann mich nicht erinnern – wie tiefer ich auch grabe, mir fällt es dennoch nicht ein – wollte ich mich verkleiden?

Zwerg: Ob er sich auch freiwillig so anzöge? (Foto: Obermann)

 Ich stellte die Frage, ob Kinder zu Fastnacht im Gruppenzwang verdammt sind, in einem Forum und wurde kritisiert. „Kinder lieben es, sich zu verkleiden.“ Dabei hatte ich das nie hinterfragt. Ich wollte nur wissen, ob es notwendig ist, dafür ein paar Tage, eine Woche im Jahr festzulegen, anstatt ihnen diesen Spaß immer zu lassen, ja noch auf die Ebene der Phantasie und Vorstellungen zu erweitern. Ist es vernünftig, sie auf Fasching zu trimmen, dieser sogenannten närrischen Zeit. Sollten wir ihnen nicht lieber beibringen, dass sie jederzeit den Alltag auch mal Tagall sein lassen können, wenn es gut tut, und wichtig ist. Ist es nicht ein geradezu lächerlicher Versuch, sie in diese alte Vorstellung zu drängen. Einmal im Jahr lassen wir die Sau raus, aber wehe du benimmst dich ansonsten nicht!

 Oh weh. Was machen da die fiebernden Fans, die mit Fahne und bemalten Gesichtern ihre Mannschaften bejubeln. Still sein? Was sollen die Witzbolde und Spaßvögel außerhalb des Faschings machen. Buchhaltung? Mal ehrlich, so sind wir nicht, so wollen wir nicht sein. Wir wollen immerzu leben, lachen, lieben.

 Mein Sohn war nicht verkleidet. Er trug ein normales, blaues Hemd, eine normal, beige Hose. Ich glaube, er hat nicht mal verstanden, dass es etwas Besonderes sein soll, dass all die anderen Kinder in rosa Kleidchen und wilden Westen umherliefen. Wieso auch? Ich versteh es ja manchmal selbst nicht. Ich finde Fasching nicht schlimm, ich mag Verkleidungen, und gegen fliegende Bonbons kann keiner was einwenden, am wenigsten Zahnärzte, die verdienen daran. Aber, dass durchaus ein Gruppenzwang existiert, wenn auch nur dadurch, dass jemand ausgeschlossen ist, sobald er nicht „Helau“ ruft oder wenigstens eine Clownperücke aufhat, das finde ich nicht gut. Mein Sohn war nicht verkleidet und trotzdem fiel er am meisten auf. Alle starrten und staunten. So gesehen war das vielleicht das beste Kostüm. Am Abend davor, als ich ihn noch fragte, ob er nicht doch eine Tomate sein wollte, oder ein Cowboy sagte er – und genau das ist es doch – er sei ein Noah und wolle ein Noah sein. Und ich wünsche mir wirklich, dass wir anderen das auch von uns sagen können. Ich bin ich und will es auch sein. In dem Sinne viel Spaß beim ihr selbst sein.

Vorschau: Nächste Woche betrachtet Lea das Ende der fünften Jahreszeit und die Ernüchterung am Aschermittwoch.