Der neue Wutbürger

KOMMENTAR: Es ist noch gar nicht so lange her, da gingen in Stuttgart etliche Menschen auf die Straße, um gegen das Bauprojekt „Stuttgart 21“ zu demonstrieren. Damals prägte sich der Ausdruck „Wutbürger“: Wutbürger, das ist ein politisch frustrierter Mensch, der seinen Unmut demonstrierend kundtut. Diesen Wutbürger gibt es – das haben die vergangenen Wochen offenbart – nicht nur in Stuttgart. Auch die Frustration die er empfindet, muss wohl keinerlei politischen Anlass haben.

„Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – kurz PEGIDA – diesen doch recht sperrig anmutenden, reizwortüberladenen Titel hat sich die Vereinigung gegeben, die seit Mitte Oktober unter ihren Bannern den deutschen Wutbürger auf die Straße treibt – aus Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur, der eigenen Identität. Gekeimt ist diese Bewegung in Dresden. Inzwischen finden sich in vielen anderen deutschen Großstädten Ableger mit so klangvollen Namen wie „Dügida“ in Düsseldorf, „Kögida“ in Köln und „Wügida“ in Würzburg. Vor allem in Dresden wächst die Bewegung immer weiter. An dem als „Abendspaziergang“ bezeichneten Demonstrationszug am vergangenen Montag, den 22. Dezember 2014, nahmen etwa 17.500 Menschen teil. Natürlich tummeln sich hier Anhänger der rechtsextremen NPD und der rechtspopulistischen AfD, für die die Gefahr einer Überfremdung mehr oder weniger Grundlage der politischen Betätigungen überhaupt ist. Es nehmen aber eben auch Menschen an den PEGIDA-Zügen teil, die sich ausdrücklich nicht als politisch rechts gesinnt verstanden wissen wollen. Das erscheint – man muss es so klar sagen – in Anbetracht der vertretenen Ideen wie vollkommener Unsinn.

Straffere Zuwanderungs- und Abschiebungspolitik, die Stigmatisierung ganz bestimmter Minderheiten, eine Aufwertung der eigenen kulturellen Identität und des Nationalgefühls – das sind klassische Themen der Rechten, die freilich, sobald sie einmal als „rechts“ identifiziert und bezeichnet worden sind, in Deutschland nicht mehr salonfähig sind. Die gesamte Programmatik der Demonstranten entzündet sich dabei am Feindbild des Islamismus, der ohne Zögern mit der gesamten Glaubensgemeinschaft des Islams gleichgesetzt wird. Es erscheint geradezu grotesk, dass in einer Gesellschaft, die ihre Religiosität weitgehend in den privaten Raum verlagert oder ganz von ihr Abkehr genommen hat, plötzlich eine Rückbesinnung auf die „christlich-jüdische Abendlandkultur“ stattfindet.

Hier kristallisiert sich nicht nur eine offensichtlich gesellschaftlich latent vorhandene Fremdenfeindlichkeit: Es ist die Wut des Wutbürgers, die der PEGIDA so viele Anhänger in die Arme treibt. Frustriert über mangelnde Möglichkeiten der politischen Teilhabe, unzufrieden mit den Entscheidungen, die in der Politik getroffen werden, solidarisieren sich hier all die Frustrierten, Wütenden, Ohnmächtigen. Wenn sie auch sonst nichts gemein haben, gemeinsam ist ihnen zumindest die Zugehörigkeit zu einer abendländischen Kultur, die mythisch überhöht und verklärt wird. Das wütende Kollektiv kann aber selbst sehr wenig ändern an den Gründen seiner Frustration. Eine Ventilfunktion findet sich im Sündenbock Islam.

Ob Wertewandel oder Finanzpolitik: vermeintlich integrationsunwillige, in die Sozialsysteme einwandernde Moslems bieten zu Zeiten des Islamischen Staats einen attraktiven Sündenbock für den frustrierten deutschen Wutbürger. Einen winzigen Fehler gibt es allerdings in der ganzen PEGIDA-Argumentation: Eine Islamisierung des „Abendlandes“ – also eine Übernahme der im Islam gelebten Wertvorstellungen – findet ganz einfach nicht statt.

Moschee und Burka – das sind zwei große Themen, die in diesem Zusammenhang oft geäußert werden. Wie aber etwa die paar hundert Burka-Trägerinnen, die in Deutschland leben, unsere Kultur islamisieren, bleibt sozusagen schleierhaft. Wo soll eine Islamisierung sonst stattfinden? Sind es am Ende die Dönerläden und Shisha-Lounges, die die Wutbürger provozieren?

Gefährlich sind freilich radikale Islamisten, etwa die Anhänger des Salafismus. Aber bedrohen diese wenigen Individuen mit ihren extremistischen Ansichten tatsächlich die kulturelle Identität der vielen Millionen Deutschen? Letztlich scheint die ganze Islamisierungsdebatte doch sehr überzeichnet. Den Wutbürger stört das freilich kaum. Schließlich erhält er ein attraktive – weil von der Norm abweichende – Projektionsfläche für seine Wut. Dass dabei unzähligen, gut integrierten Moslems in Deutschland Unrecht getan wird, das vergisst er dann. Wo früher Ausländer, Homosexuelle, Behinderte, generell also Minderheiten standen, steht heute in Deutschland leider der Moslem – alte Wut, neues Ziel.

Wutnacht

Es ist heiß, der Sommer hat Deutschland fest im Griff. Die Sonne ballert derartig vom Himmel herunter, dass man schon wieder vor Schweiß starrt, wenn man die Dusche verlässt. Nicht, dass mich das stören würde; wenn die Sonne so richtig knallt, fühle ich mich wohl. Warum also nicht in die Strandbar gehen?

Dieser Gedanke kommt mir an einem Donnerstagabend gegen halb zehn. Das ist einigermaßen problematisch. In einer Kleinstadt wie Speyer ist man unter der Woche quasi stets mit dem Dilemma konfrontiert, dass ungefähr jede Kneipe so früh schließt, dass man noch nicht einmal den Gutenmorgenkaffee halb heruntergewürgt hat. Doch mir als Großmeister der Soziologie erscheint das an diesem Abend als vernachlässigbar. Vor gerade einmal zwei Tagen hat das Speyrer Brezelfest seine Tore geschlossen. Ungeachtet des Wochentags wankten Dienstagnacht unzählige Schnapsleichen durch die Partyzelte auf dem Messplatz. Und die müssen ja heute Abend auch irgendwo sein! Wo? Na klar, bei dem Wetter hängen die selbstverständlich alle in der Strandbar rum! So früh wird da schon noch nicht dicht sein…

Schnell ist ein Kumpel organisiert, der mich begleitet. Besonders flott kommen wir allerdings nicht voran. Mehrfach müssen wir rasten, um Kippen zu drehen und mit den Weizendosen zu kämpfen, an denen wir uns wässern. Ernsthaft: Wer kauft eigentlich Weizen in der Dose? Vermutlich sind das dieselben Leute, die sich die Wohnung mit „Swarovski“-Kristallfiguren vollstellen.

Nach langen Umwegen und einer unterhaltsamen Diskussion über die Weltreligionen kommen wir endlich in der Strandbar an. Aber wo sind denn alle? Vor der Bar hat sich eine längere Schlange gebildet. Bringen die etwa gerade alle ihr Pfand zurück?

„Öy!“, will ich von der Barkeeperin wissen, „Öy! Macht ihr schon zu?“.
„Nein, erst um zwölf, wie jeden Abend“, erklärt sie.
Ich schaue auf mein Handy. Viertel nach elf. Shit.

Zwei Bier später verlassen wir die Strandbar und stehen vor der beißenden Frage: Wohin? Das Problem löst sich an diesem Abend jedoch verblüffend schnell. Etwa hundert Meter entfernt vom Ausgang der Strandbar sitzt eine Gruppe aus etwa fünfzehn Hippies auf dem Boden. Die Hippies, die eigentlich gar keine Hippies sind, haben zwar keine Ahnung, wo noch etwas los sein könnte, laden uns aber freundlich ein, uns zu ihnen zu setzen. Ein Abschlussseminar eines freien sozialen Jahres wird hier gefeiert, danach will ein Großteil der Gruppe scheinbar soziale Arbeit studieren. Sympathische Leute, eigentlich.

Wir sitzen also am Rhein, die knallende Sonne ist längst untergegangen. Irgendein Fabian drückt mir ein Bier in die Hand, was viel zu schnell verzehrt ist. Wir könnten an die Tankstelle laufen, denke ich mir, bleibe dann aber doch sitzen. Die Gruppe ist ziemlich unterhaltsam. Ein Mexikaner und ein Kolumbianer sitzen neben mir und erzählen irgendwelche Geschichten, denen ich nicht mehr so ganz folgen kann.

Stattdessen werfe ich mit allgemeinen Ratschlägen um mich: „Ihr solltet studieren gehen!“, „Fahrt mit uns nach Rock’n’Heim!“ und „Ey, lasst uns mal an die Tanke laufen, wir brauchen Bier!“. Die Leute fangen an, mich mit dem Namen eines Hendrix-Songs anzureden. Da fällt mir ein: Wir brauchen eine Gitarre!

Also schnell hinters Telefon geklemmt und ein wenig Sozialkapital mobilisiert. Es ist kurz vor eins, als ich tatsächlich eine Gitarre aufgetrieben habe. Problem: Sie steht im Nachbarkaff am Bahnhof. Noch problematischer: Keine Sau kann mehr Auto fahren. Tja.

Viele unserer Probleme an diesem Abend hängen mit unserer Immobilität zusammen. „Lasst uns mal zu mir nach Hause fahren, Ghettoblaster holen!“ – Geht nicht. „Lasst uns mal zur Tanke fahren, wir brauchen Bier“ – Pech gehabt. „Alter, wir müssen sofort nach Freiburg, da gibt’s ’ne Wasserrutsche mit ’nem Looping!“ – Woah, geil! Kann noch wer fahren? Wir drehen uns ein wenig im Kreis.

Zumindest Musik kriegen wir tatsächlich aufgetrieben. Irgendjemand zaubert einen CD-Spieler herbei, den ich nach wenigen Minuten kapere. „Los! Alle müssen tanzen! Major Lazer!“, verkünde ich – und alles tanzt. Danach Deichkind. Danach Prodigy. Danach Prinz Pi. Und immer noch tanzt alles.

Doch da kippt die Stimmung. Offensichtlich davon überzeugt, dass wir ihr Bier oder ihre Telefone klauen wollen, beginnt eine Frau – nennen wir sie „Conny“, denn ich weiß leider nicht mehr, wie sie wirklich hieß – die Grüppchen abzuschreiten und gegen meinen Kumpel und mich herumzuhetzen. Ich mag manchmal ein wenig paranoid sein, aber so etwas merke ich dann doch. Mein Gewissen schaltet sich ein. Gehen wir den Leuten hier etwa auf den Wecker? Ich frage in die Runde. „Nö, alles okay!“. Beruhigt tanze, trinke, rauche ich weiter.

Der Hammer kommt um kurz vor zwei. Conny baut sich vor der Gruppe auf: „Ey, wir hauen jetzt ab!“, brüllt sie.
„Was? Wieso?“, will ich wissen.
„Verpiss dich jetzt, du blöder Spack!“, schreit es mir entgegen. Was zur Hölle?!

Sinnlose Streitereien kann ich einfach nicht mehr ertragen. Ständig raufen sich die Leute aus den allerschwachsinnigsten Gründen. Ich habe diesen Sommer schon einige wirklich doofe Anfeindungen erlebt: „Du hast beim Flunkeyball übertreten. Fick dich, du Spastie! Du hast einen anderen Glauben als ich, gleich macht’s Klatsch“. „Woah, bist du blöd. Ich trete dir gleich ins Gesicht!“. Ich kann einfach nicht verstehen, dass sich manche Leute immer wieder streiten müssen. Warum denn auch? Ist unsere Gesellschaft heute wirklich so frustriert, dass da nur noch ungezügelte Wutausbrüche Abhilfe schaffen? Mich macht das traurig.

Und Lust zu streiten habe ich auch nicht. „Yeah, ich bin ein blöder Spack! Aber was hab ich dir eigentlich getan?“.

Darüber will Conny nicht sprechen. Stattdessen befiehlt sie mir plötzlich, die Hosentaschen auszuleeren. Scheinbar unzufrieden über das Ergebnis und über die Tatsache, dass wir wirklich nichts geklaut haben, steigert sie sich immer weiter in einen Wutanfall hinein. Mehrfach entschuldige ich mich für was weiß ich was. Ich habe wirklich keine Lust, einen so schönen Abend kaputtzustreiten. Es wird Zeit, sich vom Acker zu machen.

Aber nicht, ohne was zu rauchen. Vorher müssen natürlich Wegkippen gedreht werden. Conny links liegen lassend verkünde ich in die gerade aufbrechende Runde: „Tja, also Leute. War schön, euch kennengelernt zu haben. Wir machen uns noch ’ne Kippe und sind dann auch weg“. Das will sie aber auch nicht hören. Conny baut sich vor uns auf und brüllt uns laut an. Abhauen sollen wir. „Chill jetzt, verdammt. Wir machen noch Kippen und sind dann weg“. Schließlich wird sie weggezerrt. „Zu viel gesoffen“, verkündet ihr Seminarkollege und verabschiedet sich. Und lässt uns doch einigermaßen desillusioniert zurück am Rhein sitzen.

Was ist da gerade passiert? Keine Ahnung, aber es ist doch alles in allem ein ziemlich niederschmetternder Einblick in die menschliche Psyche.

Braune Wut

Eine Serie rechtsextremer Gewalt erschüttert Deutschland. Nachdem der 2007 begangene Polizistenmord von Heilbronn nun aufgeklärt wurde, konnte eine Reihe bisher ungeklärter Morde mit der rechtsextremen Organisation „Nationalsozialistischer Untergrund“ in Verbindung gebracht werden. Nach und nach wird klar, was für eine massive Bedrohung der Rechtsterrorismus für Deutschland darstellt.

Im Juli 2011 verübt Anders Behring Breivik zwei Attentate, denen dutzende Menschen zum Opfer fallen. Unter Benutzung einer Autobombe begeht Breivik einen Sprengstoffanschlag im Osloer Regierungsviertel, um kurze Zeit später 68 Jugendliche in einem parteigebundenen Ferienlager auf der Insel Utøya niederzustrecken. Ein von ihm veröffentlichtes, politisches Manifest offenbart Motive und Hintergründe der Tat: Breivik sieht die Zukunft von Europa bedroht durch eine vermeintliche Überfremdung und die Ausbreitung eines von ihm angenommenen Kulturmarxismus.

Weltweit reagiert man entsetzt auf die Anschläge. Anstatt aber eine kritische Auseinandersetzung mit den Gefahren des Rechtsterrorismus zu forcieren, schreibt man Breivik als gestörten Einzelfall ab. Gefahren durch rechtsmotivierten Extremismus beständen, so das damalige Credo, für die deutsche Bevölkerung in keinem Falle.

Doch die Enthüllungen um den „Nationalsozialistischen Untergrund“ weisen in eine andere Richtung: Mitglieder der terroristischen Vereinigung hatten nicht nur eine deutschlandweite Mordserie zu verantworten, es gab darüber hinaus einige – zum Teil glücklicherweise gescheiterte – Sprengstoffanschläge.

Rechtsextremer Terror ist in Deutschland also in keiner Weise nur eine Fantasie – er stellt heute eine ganz reale Bedrohung dar. Wie kann es aber sein, dass in einem Land mit einer Vergangenheit, wie Deutschland sie hat, nach wie vor so achtlos mit der Problematik rechtsextremer Gewalt umgegangen wird? Bis heute ist eine offen menschenverachtende und demokratiefeindliche Partei wie die NPD in der Politiklandschaft zumindest geduldet, Programme und Initiativen gegen rechte Gewalt werden generell, auch von Seiten des Staates, unter den Generalverdacht des Linksextremismus gestellt und auch die breite Bevölkerung geht nur sehr lax mit der Problematik der Fremdenfeindlichkeit um, wie die Debatte um Thilo Sarrazin im letzten Jahr gezeigt hat.

Parallel dazu erstarken in vielen europäischen Staaten die Rechtsparteien, die teilweise unter Äußerung populistischster Thesen gegen Randgruppen und Minderheiten hetzen, um auf Stimmenfang zu gehen. Diese Entwicklungen zeigen: Ein öffentlicher Diskurs, eine bundesweite (oder besser: europaweite) Aufklärungskampagne sowie eine verstärkte Auseinandersetzung mit den sozialen Problemen bezüglich Migration und Integration ist so nötig wie noch nie.

Denn durch Globalisierung und Vernetzung wird die Welt immer kleiner; die Integrationsproblematik ist eine brennende Zeitfrage. Die Wanderung zwischen den Nationen wird in den nächsten Jahren nicht geringer werden, ganz im Gegenteil: Sie wird weiterhin steigen. Ein so mangelhafter Umgang mit den dadurch entstehenden Konflikten, wie er aktuell gepflegt wird, führt ohne eine grundlegende Änderung in der Wahrnehmung von Zuwanderern zu einem Ausbau der Ressentiments. Hier setzen die Parteien des rechten Politspektrums an: Ganz im Gegensatz zu den größeren Parteien bieten sie vermeintlich attraktive Lösungen im Umgang mit Migranten – doch anstelle durchdachter, tatsächlich an der Gegenwart orientierten Ansätzen bieten die Rechten wutgeprägte Hassfantasien, die auf den ersten Blick möglicherweise logisch wirken, in ihrer Ausführung aber einen Zusammenbruch des Staatswesens nach sich ziehen würden. Wer heute noch glaubt, dass ein Staat wirtschaftliche und soziale Probleme dadurch lösen könnte, alle Migranten abzuschieben, offenbart mehr als eine ethisch zumindest fragwürdige Haltung: nämlich ein absolutes wirtschaftliches Unverständnis. Die tatsächliche Abschiebung der Migranten nämlich hätte für vermutlich jeden Staat der Erde einen fatalen Wirtschaftskollaps zur Folge; schon deshalb, weil unzählige Arbeitskräfte fehlen würden.

Die gesellschaftliche Toleranz gegenüber intoleranten Parteien wie der NPD, allgemeiner auch gegenüber fremdenfeindlich motivierten Äußerungen ist es, die nun den Boden legt für rechtsextreme Wahnsinnstaten, denen immer wieder Menschen zum Opfer fallen. Denn solange ein rassistischer Diskurs in irgendeiner Form als salonfähig empfunden wird, erhalten rechtsextreme Organisationen weiterhin Zulauf von Menschen, die von der gelebten Tagespolitik frustriert sind.

Das rechtsextreme Milieu zeichnet sich durch ein erhöhtes Aggressionspotential aus. Es wird gepöbelt, gehetzt und gehasst. Eine Bedrohung, die nur durch konzentrierte Aufklärungsarbeit auf allen Ebenen der Gesellschaft neutralisiert werden kann.

„Wir bedanken uns für Ihre Fahrt mit der deutschen Bahn…“

„And I think to myself, what a wonderful world“, singe ich in meinem Kopf, um meine Wut eindämmen zu können. Wobei dieses Lied eher ironisch in dieser Situation zu verstehen ist. Denn wenn ihr am Bahnhof steht und auf euren Zug wartet, der mit 10-minütiger Verspätung angesagt wird, dann doch ausfällt (was bedeutet, ihr steht noch einmal fast 20 Minuten in der Kälte), ärgert man sich zwar, aber es gibt deutlich Schlimmeres. Wie zum Beispiel, dass man beim Umsteigen das gleiche Spiel noch einmal erlebt. Ja, und genau das passiert gerade JETZT!

 Während ich heute Morgen beim Aufstehen die Hoffnung hatte, es könnte alles glatt gehen und ich würde wirklich „nur“ eine Stunde zu Uni brauchen, muss ich nun – alles andere als begeistert – feststellen, dass dem nicht so ist. Es ist kalt, es schneit und es ist früh am Morgen. Ich schaue mich um. Nein, leider niemand da, den ich kenne. Ich muss also weiterhin „Wonderful world“ von Louis Armstrong laut in meinem Kopf singen, damit ich nicht gleich meine Contenance verliere. Das wollen wir ja schließlich auch nicht!

 Und vielleicht singe ich angesichts der nassen Kälte lieber „Wenn jetzt Sommer wär“ von Pohlmann, dann wird mir vielleicht auch wärmer. Also wechsle ich die CD in meinem Kopf und trällere dort das besagte Sommerlied. Ich bilde mir sogar ein, dass es schon ein bisschen wärmer wird! Als allerdings die Ansage gemacht wird, dass auch die nächste Bahn 10 Minuten Verspätung hat, ist mir schlagartig wieder kalt. Ich habe noch nicht einmal die Hälfte der eigentlichen Strecke gepackt und eigentlich sollte ich jetzt schon längst da sein.

 „Das gibt’s doch nicht“, höre ich ein Mädchen wütend sagen. „Wie soll ich jetzt rechtzeitig zu meiner Klausur kommen?! Da fährt man schon früher los und dann so was!“ Tja, wenn man sich mal auf die Bahn verlässt, ist man verlassen… naja, trifft nicht immer zu, aber irgendwie haben die immer wieder Probleme mit der Pünktlichkeit. Dabei gilt das doch als eine der deutschen Eigenschaften, für die man uns doch so lobt: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Aber es muss ja auch ab und an mal ein paar schwarze Schafe geben – Bahnstreiks hin oder her.

 Jetzt ist mir nicht mehr nach Pohlmann! Und während ich überlege, was ich nun singe, um meine Laune nicht weiter gen Gefrierpunkt sinken zu lassen, sehe ich, wie ein älterer Herr die Hände faltet und zu beten anfängt. In einer Sprache, die ich nicht ganz verstehe. Ich hoffe, er schließt in sein Gebet auch diesen elenden verspäteten Zug ein!

 „Meine Damen und Herren auf Gleis 3 fährt nun der verspätete Zug nach Homburg ein. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt“, dröhnt es nach einer gefühlten Ewigkeit über das Gleis. Wunder geschehen scheinbar doch immer wieder – juhu! Meine Freude währt aber nicht lange, denn als die S-Bahn langsam zum Stehen kommt, bleibt mir fast die Luft weg. „Scheiße“, höre ich neben mir einen Jungen sagen. Der Zug ist propenvoll; kaum noch Platz für weitere Fahrgäste. Prompt fallen mir die Songzeilen von Glashaus ein: „Und wenn wir das hier überleben, dann fehlt nichts mehr zum Beweis, dass wir alles überstehen können…“ Wenn auch sehr melodramatisch, passt es doch irgendwie.

Die Türen gehen auf, ein paar Menschen steigen aus und eine Masse neuer Menschen drängt nach drinnen. Die Scheiben sind angelaufen und ich schaffe es gerade so, mich hineinzuzwängen. Neben mir ein Mann mit Wanderausrüstung. Toll, wahrscheinlich ist heute Morgen auch der ganze Pfälzerwald-Verein unterwegs.

 Es geht los. Vier Stationen bis ich wieder aussteigen kann und sich die Türen öffnen und schließen. Menschen ein- und aussteigen und sich gerne noch manch einer mit einem Fahrrad zu uns gequetscht hätte. Den müssen wir leider zurücklassen – nicht aus Boshaftigkeit, wir sind sogar noch ein wenig zusammengerutscht, sondern aus Platzmangel. Lautes Fluchen, Schimpfwörter und erzürnte Gesichter. Manchmal fällt auch eine Drohung. Tja, herzlich Willkommen im wirklichen Leben…

 Mir kommt es vor, als würden wir Ewigkeiten brauchen. Doch irgendwann ertönt wieder die metallene Stimme und ich weiß, dass ich gleich da bin. Ich stehe auf und stelle mich auf den Gang. Der Zug bremst leicht. Die Dame vor mir mit ihrem Gehwägelchen schwankt gefährlich. Oh weh, hoffentlich kann sie sich festhalten. Der Zug bremst abermals, dieses Mal etwas stärker. Die Dame und ihr Gehwägelchen schwanken gefährlich. Oh, oh…

 Und bevor ich noch irgendetwas anderes denken kann, bremst der Zug so stark ab, dass ein Ruck durch das Abteil geht, alle sich irgendwo festhalten, um nicht umzufallen. Nur die Dame vor mir schafft es nicht. Sie schwankt, dreht sich irgendwie mit ihrem Gehwägelchen in meine Richtung und fällt halbwegs. Ich versuche, sie abzufangen, schaffe es aber nicht, weil der Zug zum Stehen kommt und wieder ein Ruckeln das Abteil ergreift. Mir gelingt es irgendwie, mit der Dame auf dem Boden zu landen. Das Wägelchen zwischen uns. Aua!

 Spanische Wörter hageln auf mich ein wie Donnerschläge. Ich verstehe kein Wort, merke nur, dass die Dame sauer ist – und zwar auf mich! Dabei wollte ich ihr nur helfen…

 Die metallene Stimme über mir ertönt wieder: „Wir bedanken uns für ihre Fahrt mit der Deutschen Bahn!“ Das ist jetzt hoffentlich nicht ernst gemeint! Ich rappele mich auf. Mit hochrotem Kopf. Meine Reizschwelle ist deutlich gesunken. Mir ist zum Schreien zumute. „Alles in Ordnung?“, fragt ein Mädchen.

 Und alles, was mir nach diesem Höllenritt einfällt, ist Alanis Morissette: „Isn’t it ironic, don’t you think? A little too ironic… and, yeah, I really do think…“.

 In diesem Sinne: Starke Nerven – gerade jetzt – für all die Bahnfahrer unter euch

Vorschau: Bei Eva dreht sich das nächste Mal alles um das Thema Fasching und warum sie den Gruppenzwang, sich schon im Kindergarten zu verkleiden, furchtbar findet.

“Reden hilft oft viel!” – Tipps gegen Eifersucht

Ein ungutes Gefühl in der Magengegend, rasender Puls und eine unerklärliche Hitze, die einem ins Gesicht steigt – nicht ohne Grund kommt der Begriff „Eifersucht“ unter anderem vom indoeuropäischen Wort „ai“, was soviel heißt wie Feuer. Kurzum: Eifersucht ist ein extrem unangenehmes Gefühl. Um herauszufinden, wie man es am besten bekämpft, habe ich eine kleine Umfrage gestartet.

 „Ich bin eifersüchtig und das nicht zu wenig“, sagt Sebi, 22 Jahre alt und laut eigenen Angaben „glücklich vergeben“. Sein naheliegender aber logischer Tipp wäre, dem/der Partner/-in zu vertrauen und auch einmal über Kleinigkeiten hinwegsehen zu können. „Ein bisschen Eifersucht gehört immer zu einer Beziehung dazu“, ist sich die 19-jährige Tanja (vergeben) sicher. Zu viel Eifersucht könne hingegen alles kaputt machen. Eifersüchtig mache sie es beispielsweise, wenn ihr Freund mit einem Mädchen rede, dass sie selbst nicht kenne. Ihr Ratschlag: bei Problemen wie solchen miteinander reden! Ähnlich sieht das auch Single Florian. „Ich würde mich als eifersüchtig bezeichnen. Insbesondere dann, wenn meine Partnerin anderen viel Nähe und Zuneigung schenkt.“, sagt der 21-jährige. Wenn man eine/-n extrem eifersüchtigen Partner/-in hat, sollte man diesem, seiner Meinung nach, vermitteln, dass die Eifersucht grundlos ist.

 Wie genau man das vermitteln könnte, glaubt die 20-jährige Rebecca (single) zu wissen: „Er sollte romantische Dinge sagen, zum Beispiel, dass man die Einzige ist.“ Grund für sie eifersüchtig zu werden sei, wenn jemand die ganze Zeit ihren Freund anhimmeln würde. Ihr Tipp: bei aufkeimender Eifersucht erstmal an den Partner wenden und klären, was vorgefallen ist, damit keine Missverständnisse auftreten.

 „Hinterhertelefonieren und –spionieren geht gar nicht!“, meint die 18-jährige Steffi (single), „wenn man einen besonders eifersüchtigen Partner hat, gibt es nur zwei Möglichkeiten: damit leben lernen oder Schluss machen.“ Sie hält es für vorteilhaft im Vorhinein – sprich am Anfang einer Beziehung – mit dem Partner über Situationen zu sprechen, in denen Eifersucht auftreten könnte. Ähnlich radikal sieht das auch der 22-jährige Toni: „Ich gebe einer Person immer ein bestimmtes Maß an Vertrauen. Wenn dieses aufgebraucht ist, will ich mit dieser Person nichts mehr zu tun haben.“ Sich selbst würde er nicht als besonders eifersüchtig bezeichnen, er gehe mit einem gewissen Grundvertrauen an eine Beziehung heran. „Wenn jemand dich wirklich von ganzem Herzen mag beziehungsweise liebt, wird er/sie dein Vertrauen niemals ausnutzen.“, ist sich der Single sicher. Sein Fazit: „Reden hilft oft viel!“

 Um noch ein wenig mehr Lebenserfahrung und auch einen weiteren, interessanten Lösungsansatz der Problematik ins Spiel zu bringen, hier der Tipp der 38-jährigen Claudia (verheiratet): „Wenn man in einer Situation eifersüchtig wird, einfach das gleiche tun wie der Partner oder die Partnerin, damit er/sie merkt wie sich sowas anfühlt.“ Sich selbst schätzt sie als „ein bisschen eifersüchtig ein“.

 Selbstverständlich sind die Umfrageergebnisse keinesfalls repräsentativ, hier dennoch noch einmal die besten Tipps der Befragten auf einen Blick:

1. Versuchen über Kleinigkeiten hinwegsehen zu können und erst einmal ruhig bleiben, bis man in Ruhe mit  dem Partner sprechen kann (mein Tipp hier: sich in einer „brenzligen“ Situation einfach ein besonders schönes Kompliment des Partners in Erinnerung rufen)

2. Reden, reden, reden! Im Vorhinein besprechen, was den anderen eifersüchtig macht und dann versuchen dem anderen zuliebe Situationen wie diesen aus dem Weg zu gehen

3. Einem besonders eifersüchtigen Partner oft zeigen, was er/sie ihm/ihr bedeutet, zB. mittels Komplimenten

4. Sich selbst mehr Freiheiten gewähren, wenn der Partner dies ebenfalls für sich beansprucht, um so möglichweise ein Gespräch zu provozieren (aber Achtung: hier geht es nicht um blutige Rache!!!)

5. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende: Wenn gar nichts mehr geht und die Eifersucht unerträglich zu werden scheint, besser einen Schlussstrich ziehen

Ich hoffe ich konnte euch weiterhelfen und freue mich jederzeit über Kommentare und Mails!

 In der nächsten Woche erfahrt ihr wie man in wenigen Schritten ein paradiesisch-schönes Augenmakeup zaubert. Lasst euch überraschen!