Der Zero Waste-Selbstversuch – müllfrei für eine Woche

Übelriechende Müllberge, Mikroplastik in den Mägen von Fischen und Vögeln, hilflose Schildkröten und Robben, die sich in alten Netzen und weggeworfenen Seilen verfangen haben – jeder kennt sie, die schockierenden Bilder, die so eng mit unserer „Wegwerf-Gesellschaft“ verflochten sind, dass auch wir uns bald nicht mehr daraus befreien können. Aber was sollen wir tun – gegen die Millionen Tonnen an Müll, die jährlich in Deutschland „produziert“ werden?

Jetzt geht´s los: Eine Woche Zero Waste (Foto: T. Gartner)

Jetzt geht´s los: Eine Woche Zero Waste (Foto: T. Gartner)

Nach meinem Interview mit den Gründerinnen des damals gerade frisch eröffneten Original Unverpackt-Ladens in Berlin im Herbst 2014 hatte ich so etwas wie ein Aha-Erlebnis. Vorher waren mir die Massen an Müll, die selbst ein zweiköpfiger Haushalt verursacht, gar nicht so bewusst. Seitdem maße ich mir an verhältnismäßig stark auf Müllvermeidung oder -wiederverwertung zu achten. Vor allem Lebensmittel wandern bei mir nur sehr selten in die Tonne. Ein bisschen Kreativität und aus den Resten vom Vortag und ein paar frischen Zutaten wird eine angesagte Buddha-Bowl. Bei so einem Trend mache ich doch gerne mit! Aber es gibt ja immer noch Verbesserungspotenzial. Also habe ich einen Selbstversuch gestartet: Eine Woche Zero Waste mit Tipps, die ich zuvor so noch nicht kannte. Denkanstöße dafür kamen von Heike Mack, Inhaberin des Unverpackt Landau, und Nicole Pollakowsky, die sich als freie Journalistin dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben hat. Lest hier, wie meine Zero Waste-Woche gelaufen ist:

Verpackungsmüll beim Lebensmitteleinkauf vermeiden

Geht doch: (fast) müllfreier Einkauf in der Zero Waste-Woche(Foto: T. Gartner)

Geht doch: (fast) müllfreier Einkauf in der Zero Waste-Woche (Foto: T. Gartner)

Meine Woche startet wie gewöhnlich mit einem Einkauf bei der Markthalle um die Ecke. Hier gibt es viel Regionales und das Tolle: Ich kann alles einzeln kaufen. Keine eingeschweißte Plastikschale voller Champignons, die wir zu zweit eh nicht schaffen würden, kein Netz Kartoffeln, wenn ich nur fünf brauche. Natürlich habe ich immer einen großen Korb dabei und inzwischen kennen mich auch die Verkäuferinnen und stöhnen nicht mehr, wenn sie alles einzeln raussortieren und wiegen müssen. Aber: Ein paar Sachen packe ich dann doch immer in Plastiktütchen. Zum Beispiel den Salat. Aber das geht in meiner Zero Waste-Woche logischerweise nicht. Also ziehe ich mit einer Schüssel, einem Pappkarton von irgendeinem Online-Kauf und ein paar Seiten Zeitung los. Meine sieben Champignons kommen direkt in eine Schüssel, den Salat wickle ich in das Zeitungspapier und die Kartoffeln und Zwiebeln landen im Pappkarton. Die Dunkelheit im Karton verhindert, dass die Pflanzen austreiben. Und das andere Gemüse hält sich in Papier bzw. in der Schüssel sogar länger als in den Plastiktüten, wie ich nach ein paar Tagen feststelle. So stolz war ich selten auf einen Einkauf. Abgelenkt durch mein Erfolgserlebnis greife ich an der Kasse dann aber doch noch zu Kresse im Plastikbehälter und bemerke meinen Fauxpas erst beim Nachhausefahren – zu früh gefreut. Aber der Anfang ist gemacht und meine neuen Shopping-Utensilien werden ab sofort fester Bestandteil meines montäglichen Obst- und Gemüseeinkaufs.

Peeling mit Grieß und Olivenöl

Lebensmittel für etwas anderes als zum Essen zu benutzen, widerstrebt mir. Die Idee ein Peeling aus Grieß und Olivenöl herzustellen, um Verpackung und Mikroplastik einzusparen, hat mich dann aber doch so neugierig gemacht, dass ich es einfach ausprobieren musste. Beide „Zutaten“ hatte ich ohnehin zuhause, sodass ich nichts extra kaufen musste. Ruckzuck ist das Peeling zusammengerührt. Der Geruch ist dank Olivenöl doch eher gewöhnungsbedürftig, der Peelingeffekt dafür umso erstaunlicher – ich wage sogar zu behaupten besser als bei meinem gekauften Peeling aus der Tube. Nach dem Einmassieren kommt das Abwaschen – dank Öl leider mit nur geringem Erfolg. Meine Haut glänzt fettig und der unangenehme Essensgeruch ist leider auch immer noch da… Ich wasche nochmal. Diesmal mit meinem Abschminkgel – besser! Das Ergebnis: Eine babypopozarte, glatte Haut. Das Gute beim Lebensmittel-Peeling: Um Mikroplastik, das sehr häufig in Kosmetikprodukten enthalten ist, braucht man sich keine Sorgen zu machen. Und auch die Mengen, die man benötigt (halber Teelöffel Gries), sind in meinen Augen noch vertretbar. Beim nächsten Mal greife ich dann aber wohl doch eher zu Kokosöl – das wirkt nicht nur antibakteriell, sondern riecht auch noch gut.

Müsliriegel selbst backen

Puh, so eine Zero Waste-Woche kostet schon einiges an Zeit, wobei sich das Backen meiner eigenen Müsliriegel dann doch als weniger zeitaufwändig herausstellt als gedacht. Für die Basis greife ich zu einem einfachen Chefkoch-Rezept und ergänze das um die Zutaten, die ich ohnehin zuhause habe:

·       100g Mehl

·       250g Haferflocken

·       30g Zucker (ich habe Kokosblütenzucker verwendet)

·       1 Banane (mit einer Gabel zerdrücken)

·       1 TL Zimt

·       Ein paar Tropfen Vanillearoma

·       Eine Hand voll getrockneter Cranberries (hacken)

·       Eine Hand voll Erdnüsse (hacken)

·       Eine Hand voll Walnüsse (hacken)

·       Sesam

Alle Zutaten verrühre ich mit einem Löffel, dann kommt etwas Wasser dazu. Mit den Händen knete ich solange bis eine einheitliche, klebrige Masse entsteht. Die kommt dann auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech. Das klebrige Zeug zu einem maximal einen Zentimeter hohen Viereck zu formen ist eine kleine Herausforderung. Bei 180 Grad kommt das Ganze dann 30 bis 45 Minuten in den Backofen. Ich schaue immer wieder, ob es in der Mitte auch langsam fest wird. Bevor die Ränder verbrennen, kann „mein Werk“ raus. Nach einer kleinen Abkühlzeit, als die Masse noch lauwarm ist, schneide ich sie in Riegel – nicht gerade schön, aber sie duften schon mal gut. Natürlich kann ich mich nicht zusammenreißen und probiere direkt. Lecker! Mein Snack für die Woche steht! Und ein hübsches Geschenk sind die selbstgemachten Müsliriegel eigentlich auch – also vorausgesetzt ich gebe mir beim nächsten Mal mehr Mühe. In einer Tupperbox halten sie sich locker eine Woche – länger überleben sie bei mir auch gar nicht. Dass ich so wirklich viel Müll einsparen kann, glaube ich anfangs nicht. Wenn ich mir aber vorstelle, dass meine knapp 20 Riegel alle einzeln verpackt gewesen wären und das Ganze dann natürlich nochmal in einem Karton, bin ich doch ganz zufrieden mit dieser neuen Methode Müll einzusparen (und lecker zu naschen).

Kleiderkauf – Kleidertausch

Aussortieren und dann mit Freunden tauschen: "Alte" Klamotten (Foto: T. Gartner)

Aussortieren und dann mit Freunden tauschen: „Alte“ Klamotten (Foto: T. Gartner)

Gegen Ende der Woche soll es meinen Shoppinggewohnheiten an den Kragen gehen. Ich soll mir also vor jedem Kauf überlegen: Brauche ich das wirklich? Macht mich das glücklich? Außerdem gilt laut Müll-Experten: weniger kaufen, dafür hochwertiger. Schlecht für mich als Sparfuchs. Aber ich kann ja auch wirklich rein gar nichts dafür, dass gerade überall Winterschlussverkauf ist. Also erbeute ich drei Schnäppchen. Ganz objektiv betrachtet, brauche ich nur eines der drei Kleidungsstücke wirklich: Meine Lederimitathose ist nämlich kaputt. Müllfreier wäre natürlich Reparieren, aber die neue Hose ist halt auch noch schöner als die alte. Ein kleinwenig beruhigend für mein Gewissen ist die Tatsache, dass meine „alte“ Hose vorher meiner Schwester gehört hat, die sie auch schon ein paar Jahre getragen hat – immerhin. Also beim müllfreien Shoppen bin ich schon mal durchgefallen.
Jetzt kommt mein Kleiderschrank an die Reihe. Fehlkäufe und ungetragene Kleidung sollten natürlich nicht weggeworfen werden. Weiterverkaufen ist eine Methode, kostet aber viel Zeit. Deshalb entscheide ich mich für den Kleidertausch. Ich animiere also ein paar Freundinnen ihren Schrank ebenfalls auszumisten, dann treffen wir uns und durchstöbern die Sachen der jeweils anderen. Was für den einen Müll ist, ist für den anderen vielleicht ein kostenloser, kleiner Schatz! Meine Mädels freuen sich auf jeden Fall schon sehr auf unser Treffen. Was nach dem Kleidertausch übrig bleibt, bringe ich dann zum Warenkorb in Speyer – Wegwerfen ist bei Klamotten also wirklich keine Option!

Mein Fazit

Eine Woche Zero Waste. Eine Woche noch bewusster und achtsamer auf das Thema Müll schauen. Eine Woche voller Tipps, die auf den ersten Blick entweder leicht abgedreht – Stichwort Peeling – oder vielleicht sogar unangenehm wirken, zum Beispiel wenn es um die eigene Kleidung und Einkaufsgewohnheiten geht. Mal aus der Komfortzone herauskommen, Neues ausprobieren und dabei Lösungsansätze finden, die ohne großen Zeitaufwand zu einem müllfreieren Leben führen. Ich werde definitiv einige, wenn nicht sogar alle Tipps der Müll-Experten für die Zukunft übernehmen. Und wer weiß, vielleicht kann ich ja sogar den einen oder anderen von euch von einem ähnlichen Selbstversuch überzeugen. Was meint ihr?

 

Free Your Stuff – Ein Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft unsrer Zeit

Ein Messerset, eine Couch, eine Anlage mit zwei Boxen und einen Verstärker – diese Gegenstände hat sich der 23-jährige Medizinstudent Jonas im letzten Jahr „erstufft“. Free Your Stuff heißt die Plattform, der diese Wortneuschöpfung geschuldet ist. Seit einigen Jahren kursiert diese Idee nun im Internet und findet durch die Gruppenfunktion des sozialen Netzwerks Facebook Anwendung.

So könnte ein Post bei FYS aussehen: Eine Senseo Kaffeemaschine wird gesucht (Screenshot: N. Schwalb)

So könnte ein Post bei FYS aussehen: Eine Senseo Kaffeemaschine wird gesucht (Screenshot: N. Schwalb)

„Diese Gruppe soll die Möglichkeit bieten, mit ausgedienten Gegenständen aus dem eigenen Haushalt, anderen eine Freude zu machen“, steht in der Beschreibung der Mannheimer Version, die mittlerweile über 12.000 Mitglieder zählt. Verschenken statt Wegwerfen heißt das einfache Prinzip, das der Wegwerfgesellschaft des 21. Jahrhunderts die Stirn bietet. Vor Angebote wird ein „GIVE“ gestellt, vor Gesuche ein „NEED“. Von der geöffneten Reispackung, über Mirabellen vom eigenen Obstbaum, bis hin zum Auto, wandern Gegenstände hier statt in die Mülltonne (oder auf den Schrottplatz) zu einem neuen Besitzer.

Jedoch ist hier Schnelligkeit gefragt. Viele Anbieter verfolgen der Einfachheit halber das „First-Come, First-Serve“-Prinzip. Jonas, begeisterter User von FYS, wie es in der Kurzform genannt wird, ist sich dieser Schwachstelle bewusst: „Ich finde das Konzept, dass der erste der sich meldet den Zuschlag bekommt nicht gut. Es gibt bei FYS leider viel zu viele Leute, die alles abgreifen wollen, was sie in die Finger bekommen und die machen diese Gegenstände dann zu Geld. Das ist nicht der Sinn der Sache. Deshalb bin ich sehr froh, dass die Mitglieder langsam auf ein anderes Konzept umschwenken. Der Interessent, der den besten Grund vorweisen kann oder sich etwas Kreatives einfallen lässt, bekommt den Gegenstand.“

Ist der Zweck der Gruppe auch durchweg positiv gedacht, kommt sie leider nicht ohne Regulierungen aus. Mangelnder Umgangston, an Unverschämtheit grenzende Gesuche und immer wieder die Frage nach Geld erfordern das Eingreifen der Gruppenadministratoren. 10 – 30 Gesuche oder Angebote werden täglich in FYS gepostet . Wurde FYS in der Vergangenheit auch zur Frage nach Tipps genutzt, so hat sich zu Gunsten der Übersichtlichkeit nun der Ableger Free Your Advice gebildet. Hier geht es um die Weitergabe von Informationen aller Art, wie beispielsweise günstige Fahrradwerkstätten in der Nähe oder gute Ausgehtipps. Eine weitere Gruppe, die aber hinsichtlich der Mitgliederzahlen weit hinter FYS zurückliegt, ist Free Your Craft – gedacht für den Austausch von Fähigkeiten oder Kenntnissen. Hier bieten Hobbykonditoren ihre Tortenkünste an oder Computerkenner Hilfe mit PC-Problemen.

Eines haben all diese Gruppen jedoch gemeinsam: Sie sind kostenlos. Ob man dem geneigten Spender nun eine Tafel Schokolade oder eine Packung Tee mitbringt, bleibt jedem selbst überlassen. Doch schonen solche Angebote nicht nur unseren Geldbeutel, sie sind in erster Linie ein Mittel, dem Tenor der Zeit, der von Konsum und hoher Wegwerfbereitschaft geprägt ist, etwas entgegenzusetzen. Solltet Ihr Euch also beim nächsten Ausmisten fragen „Wohin damit?“ bietet euch Free Your Stuff eine geeignete Alternative zur Mülltonne.