2017 – das Jahr der Fake-News?

KOMMENTAR: Gerade sind wir im Jahr 2017 angekommen. Es steht unter dem Zeichen der Postfaktizität. Was das heißt? Wir sind scheinbar über die Fakten hinausgewachsen. Emotionen sind die neuen Fakten und gefühlte Wahrheiten werden immer mehr salonfähig. Der neue Trend-Begriff „Fake-News“ reiht sich hier verblüffend gut ein, denn der Anglizismus beschreibt eigentlich schlicht: Falschmeldungen. Informationen sollten nach journalistischen Leitsätzen immer geprüft werden, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen. Stattdessen ist es heute gängige Praktik – das haben wir nicht nur im vergangenen Jahr vielfach beobachten können – Schlagzeilen einfach voneinander abzuschreiben. Der Spiegel-Redakteur liest die Bild-Zeitung, die Süddeutsche, die FAZ und selbstverständlich auch umgekehrt. Außerdem erwerben alle Massenmedien Datensätze von Nachrichtenagenturen, die sie des Öfteren sogar wortwörtlich übernehmen.

2016 – ein Krisenjahr für die Massenmedien

Stichwort: Lügenpresse, leicht abgewandelt auch Lückenpresse. Überall heißt es: „Wem kann ich denn noch glauben?“ Von „Social Bots“ ist die Rede, die automatische Antworte generieren und von „Trollfabriken“, die im Auftrag des (russischen) Staates Manipulationen im Internet betreiben soll. Das sei gezielte Manipulation, manchmal wird sogar von Propaganda gesprochen: Flüchtlinge würden gegen eine Kirche urinieren, Hillary Clinton leite einen Kinderporno-Ring und es würden Koran-CDs mit Gift umher gehen – je empörender, also emotionalisierender die Nachricht, desto häufiger wird sie geteilt, geliked und besprochen. Prinzipiell war das nie anders: Menschen interessieren sich mehr für Skandale und Pannen als für positive Nachrichten. Deshalb ist der laute Ruf und der Fingerzeig auf die vermeintlichen Fake-News-Macher – zumeist selbsternannte „alternative“ Medien – überaus schädlich. Denn die schlagen schneller zurück, als erwartet. So wurde dieser Tage die Washington Post überführt, die Hacker-Verschwörung von Russland gegen den US-amerikanischen Wahlkampf lediglich behauptet zu haben. Quellen? Keine.

Die Suche nach dem Fehler

Der Fehler liegt doch tatsächlich im System: Menschen machen Nachrichten. Ob diese nun alternativ oder im Sinne des „mainstreams“ von etablierten Medienhäusern stammen – sie werden immer von Menschen gemacht, deren Intentionen nicht immer nur gut sind. Nur eins hat sich geändert: Heute ist es bei weitem einfacher, eine enorme Reichweite zu erzielen, viral zu gehen. Sobald dann der virale Sumpf gelichtet wird, werden nicht nur ein paar Trolle entlarvt, das sind Online-Provokateure, die sich daran erfreuen, wenn ihr Gegenüber überreagiert und die zu diesem Zwecke verbreiteten Falschmeldungen und Scherze, also Hoaxes nicht selten in die Netz-Welt setzen. Das eigentliche Problem sind wir, die Menschen. Menschen wollen Dinge glauben, die ihrer Meinung entsprechen, sie empören sich gerne und sind sensationsgeil. „Jeder darf doch wohl seine eigene Meinung haben, hier gibt es doch immerhin Meinungsfreiheit!“ Diese Ignoranz, die Suche nach Selbstbestätigung und die Schwierigkeit mehr als nur eine Wahrheit anzuerkennen, verhärtet die Fronten. Jeder hat am Ende seine eigene Agenda, seine eigene Wahrheit und eigene Weltverschwörung.

Nach der Wahl ist nichts mehr wie vor der Wahl

Rund eine Woche nach der Wahl werden nun Konsequenzen gezogen, zumeist personeller Art. Auf einem kleinen Parteitag beginnen die Grünen mit der Fehleranalyse und begeben sich auf die Suche nach ihrem „grünen Ich“, der zukünftigen inhaltlichen Ausrichtung der Partei. Die Fraktionsführerin Claudia Roth hält hier bereits eine Abschiedsrede. Sie tritt – geschlossen mit dem Bundesvorstand – ihr politisches Amt ab. Lediglich Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt werden sich zu einer Wiederwahl im Oktober aufstellen lassen. Somit machen Jürgen Trittin, Özdemir und die anderen. Platz für neue Gesichter. Als Nachfolger sind bereits die saarländische Grünen-Landtagsabgeordnete Simone Peter und der Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter im Gespräch. Die scheidende Parteispitze beschäftigt sich währenddessen – wohl als eine der letzten Amtshandlungen – mit Sondierungsgesprächen. Ein schwarz-grünes Bündnis scheint allerdings aktuell nicht in greifbarer Nähe, da die Union zunächst mit der SPD verhandelt und die Grünen ohnehin mehr Wert auf ihre Selbstständigkeit legen wollen, um zukünftig nicht nur „Mittel zur Mehrheit“ zu sein.

Die Rücktrittswelle bricht sich direkt über der gebeutelten FDP, die mit dem Ausscheiden aus dem Bundestag einen historischen Tiefpunkt erreicht hat: Das gesamte Präsidium räumt seine Posten. Der Spiegel spricht von der Abwicklung der Partei. Etwa 500 Mitarbeiter verlieren vom einen auf den anderen Tag ihren sicher gewähnten Arbeitsplatz. Die CDU-Vizechefin Julia Klöckner wirbt bereits offen sowohl um die verbliebenen drei Prozent der fiktiven Wählerschaft wie auch um das Restpersonal. Der Vorsitzende der Liberalen, Christian Lindner, erscheint dieser Tage wie ein Kapitän der alten Schule, einer, der das Schiff als Letzter verlässt. Deutlicher erscheint dieses Bild auf digitaler Ebene: Der ehemalige Vizekanzler und das Gesicht der FDP, Philipp Rösler, wie auch der vergangene Fraktionschef Rainer Brüderle löschen ihre Online-Präsenzen auf Facebook und manövrieren sich so – laut Internetexperten – endgültig ins Aus.

Auch die Piratenpartei erwirtschaftete nicht den gewünschten Erfolg, was zum Rücktritt des Piratenchefs Bernd Schlömmer führte. Der Rücktritt erfolgte via Twitter: „Tschüß #Piraten! Das war es für mich. Ich ziehe mich zurück. Vielen Dank für 4 1/2 tolle Jahre im #BuVo.“  Die bisher einzige Konsequenz aus dem ernüchternden Ergebnis von 2,2 Prozent.

Einzig bei der Aufgabe der Regierungsbildung scheint die Welle der Veränderung noch nicht angekommen zu sein. Die Union will in dieser Woche mit der SPD in die Koalitionsverhandlungen starten. Dabei gibt es mehr Unklarheiten als Klarheiten über Steuererhöhung, Kurstreue und einzuhaltende Wahlversprechen. Peer Steinbrück löste sein Versprechen allerdings prompt ein: Er will kein politisches Spitzenamt mehr begleiten. Allerdings wolle er an den Koalitionsverhandlungen teilnehmen. Dabei wird er nicht der Einzige sein. Diesmal wirken ungewohnt viele Menschen an der Entscheidung über die Koalition mit – nämlich die rund 470.000 Parteimitglieder der SPD. Sollte es der Union nicht gelingen mit der SPD zu einer Einigung zu kommen, wird es in der Folge zu Sondierungsgesprächen mit der scheidenden Fraktionsspitze der Grünen kommen.

Das Einzige, was in Zeiten des Post-Wahlkampfs festzustehen scheint, ist, dass die Bundeskanzlerin bleibt. Man fragt sich nur, wen sie in der kommenden Legislaturperiode an ihrer Seite hat.

Wahl ohne Inhalt?

In Niedersachsen steht die Landtagswahl bevor; am Sonntag, 20. Januar, entscheidet das Bundesland, wer fortan regieren soll. Zumindest als Nicht-Niedersachse aber könnte man auf die Idee kommen, dass es bei der Wahl um etwas ganz anderes geht: Um das politische Schicksal des angeschlagenen FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler.

So ist die Presseberichterstattung dieser Tage überall dort, wo es um Niedersachsen geht, dominiert von der Personalie Rösler. Wahlkampfinhalte verirren sich kaum einmal in die überregionale Presse. Stattdessen scheinen Medien – wie auch Teile der FDP selbst – eher daran interessiert zu sein, den Chef der Freidemokraten so öffentlichkeitswirksam wie möglich zu demontieren.

Wahrlich, die FDP und ihr Fortbestehen sind politisch alles andere als uninteressant für Deutschland. Und doch wird die Debatte darüber zur falschen Zeit geführt. Wo eigentlich Inhalte diskutiert werden sollten, wird stattdessen ein junger Politiker zerfleischt. Man kann zu Rösler und Partei stehen, wie man will – ungeachtet der öffentlichen Haltung zu den liberalen muss jedoch klar sein: Es gibt weit wichtigere Themen, die die Gemüter bewegen sollten. Gorleben. Studiengebühren. Massentierhaltung. Mindestlohn.

Gefährlich wird Politik immer dann, wenn Inhalte zugunsten von Personaldebatten in den Hintergrund treten. Gerade wenn es um kontroverse Themen wie das umstrittene Atommülllager Gorleben geht, darf eben dies nicht passieren. Hat die Endlagerung von nuklearen Abfällen doch nicht nur landesweite, sondern auch bundesweite und internationale Konsequenzen. Gerade im Hinblick auf die Energiewende sollte in diesen Tagen über Gorleben gesprochen werden – und nicht über das Schicksal der FDP und Rösler. Dass Vorsitzender und Partei am Boden liegen, ist längst bekannt. Weiter darauf herumzureiten, bringt schließlich auch niemanden weiter.

Gonzo – „Buy the ticket, take the ride”

Alljährlich wird in Louisville, Kentucky, das Kentucky Derby veranstaltet – ein von zwei Wochen andauernden Feierlichkeiten begleitetes Pferderennen. Im Jahr 1970 haben zwei Journalisten ein Problem: Sie sollen über das Kentucky Derby berichten, haben es aber versäumt, sich Presseakkreditierungen zu besorgen. Betrunken treiben sie sich zwischen den Zuschauern herum, können vom Rennen selbst aber kaum etwas sehen. Notierte Gedankenfetzen des einen enthalten Pläne, akkreditierte Journalisten zu vermöbeln, um an die begehrten Pressepässe zu bekommen. Der andere zeichnet. Zeichnet Karikaturen von Zuschauern des Derbys, die auf großen Unmut bei den Portraitierten stoßen.

Der Redaktionsschluss naht. Notgedrungen sendet der Schreiber einige unbearbeitete Seiten aus seinem Notizbuch an die Redaktion von Scanlan’s Monthly – eine Dokumentation der exzessiven Umtriebe des Verfassers während des Rennens. Doch die Nachlässigkeiten während des Rennens kosten die beiden nicht etwa ihre Anstellung. Scanlan’s Monthly druckt die Notizen tatsächlich ab – und der Gonzo-Journalismus ist geboren.

Hunter S. Thompson, der Verfasser von The Kentucky Derby is Decadent and Depraved und ganz nebenbei auch promovierter Journalist ist heute weltweit bekannt – spätestens, seit 1998 sein Roman Fear and Loathing in Las Vegas verfilmt wurde. Der Kultfilm – Hauptrolle: Johnny Depp, bis zu Thompsons Tod eng befreundet mit dem Exzentriker – behandelt Thompsons Suche nach dem American Dream, ist den meisten wohl aber eher als Drogenfilm in Erinnerung geblieben. Eingebettet ist diese tatsächlich sehr drogenfokussierte Suche in zwei Veranstaltungen, über die der Protagonist berichten soll: Das Mint 400, ein Motorradrennen in der Wüste Nevadas sowie ein Kongress der Bezirksstaatsanwälte in Las Vegas. Romanvorlage wie auch Verfilmung konzentrieren sich dabei aber quasi überhaupt nicht auf das, worüber da berichtet werden soll – eben purer Gonzo-Journalismus.

Der Gonzo-Journalismus ist aber eigentlich gar kein Journalismus, scheint er doch jeglichen journalistischen Ansprüchen den Kampf erklärt zu haben und fällt so eher in den Bereich der Literatur. Typischerweise steht nicht die Berichterstattung über ein Ereignis im Mittelpunkt, sondern Wahrnehmung und Erleben des Verfassers von praktisch allem, was dieser für erzählenswert hält. Thompson selbst lebte den Gonzo-Journalismus. Er treibt sich ein Jahr lang mit den Outtlaws der Bikergang Hells Angels herum, um ein Buch zu veröffentlichen, in dem er offizielle Presseberichterstattung seinen eigenen Eindrücken entgegenstellt und darin die Presselandschaft der 60er-Jahre als reißerisch entlarvt. Er nimmt Ende der 60er-Jahre am Wahlkampf in Aspen teil und schmückt sein Programm mit wahnsinnig anmutenden Ideen – ein Punkt seiner Agenda lautet: „Change the name Aspen to Fat City. This would prevent greed heads, land rapers, and other human jackals from capitalizing on the name ‚Aspen‘. These swine should be fucked, broken, and driven across the land.“ (Etwa: “Aspen in Fat City umbenennen. Das sollte Geizkrägen, Landesvergewaltiger und menschliche Heuschrecken davon abhalten, aus dem Namen ‚Aspen‘ Kapital zu schlagen. Diese Schweinehunde sollten gefickt, gebrochen und übers Land geschleift werden.“)

Gewählt wird Thompson nicht, veröffentlicht jedoch einen langen Artikel im einflussreichen Kulturmagazin Rolling Stone, der seine Kampagne und seine Erlebnisse in den Rockies schildert. Er schreibt Kurzgeschichten, etwa eine über einen Berglöwen, der auf den Rücksitz seines fahrenden Wagens springt und den er nur unter Zuhilfenahme einer – warum auch immer – brennenden Zeitung, die sich auf eben diesem Rücksitz befindet, überwältigen kann. Eine ganze Sammlung solcher Geschichten aus seinem Leben veröffentlicht Thompson als Kingdom of Fear.

Unverkennbar ist Thompsons Leben eng mit der von ihm geschaffenen Literaturgattung verwoben. Inspiriert von dessen Lebenswerk drehen sich die meisten Gonzo-Stories um Drogenkonsum, Rebellion, Wahnsinn und Paranoia. Was erlebt wird, scheint dabei völlig egal; viel zentraler: Wie es erlebt wird. Die dem Journalismus so heilige Objektivität wird dabei vollkommen über Bord geworfen, an ihre Stelle tritt eine hochsubjektive Erzählweise gefüllt mit persönlichen Ansichten, Assoziationen und Gefühlen, illustriert durch Sarkasmus, Flüche und Beleidigungen. Das alles präsentiert sich für gewöhnlich als Wechselspiel von Fakten und Fiktionen.

Thompson nahm sich im Februar 2005 das Leben – nicht, ohne sich mit einem kurzen Brief, der später unter dem Titel Football Season Is Over im Rolling Stone veröffentlicht wurde – zu verabschieden. Doch der inzwischen in die Welt der Literatur eingegangene Gonzo-Journalismus überlebte dieses schmerzliche Ereignis. Besonders in den letzten Jahren erlebt die eigenwillige Kunstform eine wahre Renaissance – das Internet und die damit verbundenen digitalen Medien scheinen ein geschaffener Hafen für Thompsons Vermächtnis zu sein.

Thompson mag möglicherweise der genialste und gleichzeitig wahnsinnigste Journalist der jüngeren Literaturgeschichte gewesen sein – sicherlich war er der exzentrischste. In Gedenken an sein Schaffen hat nun auch Face2Face eine Gonzo-Redaktion einberufen, die zunächst einmal monatlich – jeden dritten Sonntag – in der Literaturrubrik veröffentlichen wird . In diesem Sinne – mit Thompson gesprochen: „Buy the ticket, take the ride“.

Vorschau: Nächste Woche erscheint an dieser Stelle ein Buchreview zu Mara und der Feuerbringer von Tommy Krappweis.

Fehlender Respekt

Ein Anruf beim ZDF bringt die CSU ins Schwitzen: Parteisprecher Hans Michael Strepp hatte in der vergangenen Woche versucht, eine Berichterstattung über den SPD-Landesparteitag zu verhindern. Und so hat die Bundesrepublik – gerade pünktlich zum Auftakt des Bundestagwahlkampfs – einen neuen Medienskandal.

Ein knappes Jahr, nachdem der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff mit seinem Anruf bei der BILD eine bundesweite Medienaffäre auslöste – die ihn schließlich den Kopf kosten sollte – wird ein weiterer Zensurversuch aus den Reihen der Union bekannt. Strepp hatte das ZDF ermahnt, auf die Ausstrahlung eines Beitrags zu verzichten, in welchem Sozialdemokrat Christian Ude als SPD-Spitzenkandidat für die kommende Bayern-Wahl ernannt wurde.

Nun wurden im Laufe der Woche weitere Versuche aus den Reihen der CSU bekannt, unliebsame Berichterstattungen zu unterbinden. Das lässt tief blicken: Offensichtlich ist es nicht all zu ungewöhnlich, dass Politiker versuchen, die Pressefreiheit zu beschneiden. Was man sonst nur aus totalitären Staaten kennt, scheint hier plötzlich gängige Praxis zu sein.

Strepp hat inzwischen Konsequenzen gezogen und ist zurückgetreten, doch vermag das den Schaden kaum zu begrenzen. Unglücklich für die Union, dass die Medienskandale der vergangenen Monate sich vor allem auf Politiker aus ihren Reihen beschränken. Unglücklich auch, dass ein solcher Skandal genau zum Auftakt zweier wichtiger Wahlkämpfe bekannt werden muss. Doch vielleicht ist es genau das, was es braucht, um die Politik Respekt vor freier Berichterstattung zu lehren: Eine Ohrfeige von den Wählern.

Wahlkampf auf allen Fronten – Die Medienschlacht in den USA

Wahlkampf in den USA geht üblicherweise einher mit Konfettiregen – frenetischen Parteianhängern, die das Konterfei des politischen Gegners gern mal mit Hitlerbärtchen verzieren – und der obligatorischen Diskussion um Abtreibung.
Debattiert wird reichlich und das mit möglichst wenig konkreten Inhalten. Sowohl Obama als auch Romney versuchen sich derzeit als Kandidaten der Mittelschicht zu verkaufen, während der jeweils andere als die fleischgewordene Korrumpierung der Gesellschaft portraitiert wird.

Doch der Wahlkampf findet längst nicht mehr nur in den Parteizentralen statt, sondern vor allem medial. Ob Zeitungen, Radio oder Fernsehen – Meinungsmache gehört zum Alltagsgeschäft. Am schillerndsten flimmern dabei Moderatoren des Fox News Channels über die heimischen Bildschirme: die Herren meist staatstragend mit graumeliertem Haar und Anzug – die Frauen mit Glitzerlipgloss in roten oder blauen Kostümchen, weil sich das auf HD-Bildschirmen so gut macht.

Zwar schreibt sich Fox das Credo „Fair And Balanced“ auf die Fahnen, der Sender gilt dennoch als Sprachrohr der Republikanischen Partei. Fox umgeht den Vorwurf der Parteinahme, indem der Sender darauf verweist, dass sein Programm in sogenannte harte Nachrichten und Meinungssendungen – die wohlgemerkt zur besten Sendezeit laufen – aufgeteilt ist. Die harten Nachrichten seien selbstverständlich objektiv und was die persönliche Meinung eines Moderators sei, wisse der Zuschauer durchaus zu unterscheiden. Zudem seien alle anderen Sender liberal eingestellt und würden wohlwollend über die Demokratische Partei berichten. Dementsprechend sei Fox der einzig wirklich ausgewogene Sender, der beide Parteien ausreichend repräsentiert, ließ einst Medienmogul Rupert Murdoch, zu dessen Sendergruppe Fox News gehört, verlauten.

Und schaut man sich die Medienlandschaft an, lässt sich dieses Argument nicht ganz von der Hand weisen. Der Sender MSNBC hat beispielsweise überwiegend liberale Kommentatoren im Programm wie Rachel Maddow, die sich als eine der ersten TV-Persönlichkeiten öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannte. Auch bei Comedy Central flimmern mit der „Daily Show“ und dem „Colbert Report“ gleich zwei liberale Satiresendungen über den Bildschirm. Bei ABC diskutieren mittags die Ladys von „The View“ über das tägliche Politikgeschehen, auch hier sind die Damen mit liberalen Ansichten in der Mehrheit. Abends übernimmt auf ABC dann der liberale Satiriker Bill Maher das Programm mit seiner Late-Night-Show. Selbst bei CNN, wo sich die Anzahl liberaler und konservativer Kommentatoren noch die Waage hält, scheuen die Moderatoren nicht mehr davor zurück, Gäste mit allzu kruden konservativen Ansichten zurechtzuweisen.

Hat Murdoch also Recht? Ist Fox nur das konservative Element, das eine ansonsten liberale Medienwelt braucht?
Murdochs These ist vielmehr als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung anzusehen. Seit der Gründung 1996 hat der frühere Stratege der Republikanischen Partei Roger Ailes die Senderführung bei Fox News inne. Und sein Erfolgsrezept, bestehend aus zwei einfachen Grundregeln, funktioniert bis heute: Nachrichten müssen nicht nur informativ sein, sondern einen Unterhaltungswert bieten. Und Meinung bringt Quote: Seit nunmehr zehn Jahren ist Fox News mit Abstand der meistgesehene Nachrichtensender der USA.

Zum Vergleich: CNN sendet bereits seit 1980 und hat die größte Nachrichteninfrastruktur mit Korrespondenten und Niederlassungen auf der ganzen Welt. Trotzdem ist der Sender quotenmäßig am weitesten abgeschlagen. Studien zeigen, dass die regelmäßigen Zuschauer von Fox News hingegen am schlechtesten über das politische Alltagsgeschehen Bescheid wissen, sogar schlechter als die Befragten, die angaben, überhaupt keine Nachrichten zu schauen. Doch der kommerzielle Erfolg von Fox News scheint das zu legitimieren und immer mehr Sender springen auf den Quotenzug auf.

Bei der Wahl am 06. November  entscheidet sich also nicht nur welche politische Partei, sondern auch welches ideologische Lager triumphiert. Wer hat es in den vergangen vier Jahren geschafft, seine Inhalte besser zu verkaufen? Sollte Mitt Romney als Wahlsieger hervorgehen, wird das auch den Tenor der Medien verändern. Rachel Maddow wird nicht mehr die Rolle der Verteidigerin, sondern die der Anklägerin übernehmen. Die Fox-News-Crew wird wie schon zur Amtszeit von George Bush postulieren, dass jetzt  nicht die Zeit ist, Kritik zu üben, sondern sich geschlossen hinter dem Präsidenten zu versammeln. Alles andere sei schließlich unamerikanisch – ein Vorwurf den man in konservativen Kreisen nicht gerne auf sich sitzen lässt. Es sei denn der Wahlsieger heißt erneut Barrack Hussein Obama…Das wäre seit langer Zeit tatsächlich die erste große Niederlage für Fox News.

Vorschau:  Nächste Woche gibt es hier die Buchkritik und ein Gewinnspiel zu „Die Herren von Winterfell“ von Geroge R. R. Martin

Politik 2.0

Durch das Internetzeitalter wird im Moment die routinierte Polit-Welt in Deutschland ziemlich über den Haufen geworfen. Deshalb soll an dieser Stelle nun regelmäßig über das politische Tagesgeschehen berichtet werden, zunächst in Form eines Rundumschlags, um einen Einblick in das aktuelle Geschehen zu vermitteln.

 Seit einiger Zeit interessiert sich Deutschland wieder für die Politik: Ein Bahnhofsbau in Stuttgart erregt die Gemüter in der ganzen Bundesrepublik, eine fatale Natur- und Nuklearkatastrophe in Japan treibt überall die Menschen auf die Straße und selbst die seit Jahren erstarrte und festgefahrene Politiklandschaft ist plötzlich wieder in Bewegung. Es scheint, als sei die Politik endlich im 21. Jahrhundert angekommen und habe ihren angestaubten Mantel der Eigenbrötlerei zumindest teilweise abgelegt.

 Wohl insbesondere Dank der neuen Medien und der dadurch inzwischen etablierten breiten Vernetzung der Gesellschaft kann sich kein Politiker mehr darauf verlassen, einfach „machen“ zu dürfen. Durch „Twitter“ und „Facebook“, Online-Nachrichten und Portale wie „WikiLeaks“ muss jeder Politiker damit rechnen, dass alles, was er sagt und tut, irgendwo nach außen dringen kann. Die FDP bekommt das gerade zu spüren: Hatte sie bei den Bundestagswahlen 2009 einen unglaublichen Stimmenanteil von über 14 Prozentpunkten abgeräumt, dümpelt sie in aktuellen Umfragen irgendwo zwischen drei und vier Prozent der Stimmen auf APO-Level (also auf Niveau einer außerparlamentarischen Opposition) vor sich hin. Etwa ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl wurde bekannt, dass die FDP – die CSU darf hier natürlich nicht unerwähnt bleiben – Parteispender mit Steuererleichterungen beglückte, plötzlich brachen die Statistiken ein, doch man vertröstete sich: Meinungsumfragen seien schließlich keine Wahlen.

 Gut ein Jahr später kam es zur Atomkatastrophe von Fukushima, die den anstehenden Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz massiv prägte: Plötzlich war scheinbar jede Partei eine Anti-Atom-Partei geworden. Der politische Genickbruch der FDP ereignete sich in den letzten Tagen vor der Wahl: Interna eines Treffens zwischen dem Lobbyisten-Verband „Bundesverband der Deutschen Industrie“, kurz BDI, und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle  von der FDP wurden publik; Brüderle hatte sich im Gespräch mit zwei der vier Chefs der großen Energiekonzerne in Deutschland darüber ausgelassen, dass die aktuelle Atomabkehr auch wahlkampftaktisch zu verstehen sei. Die Folgen für die FDP waren ein Desaster: In Baden-Württemberg schaffte sie es nur knapp in den Landtag, in Rheinland-Pfalz scheiterte sie an der Fünfprozent-Hürde.

 Doch werden Verfehlungen längst nicht mehr nur auf dem „klassischen“ Weg über Wahlergebnisse abgestraft; eindrucksvoll hat die Plagiatsaffäre um Karl Theodor zu Guttenberg demonstriert, welche Möglichkeiten der breiten Öffentlichkeit inzwischen zur Verfügung stehen: Es waren nicht die zuständigen Kommissionen der Universität Bayreuth, die für Guttenbergs Ausscheiden aus seinen Ämtern verantwortlich waren – nein, ein freies Webprojekt war es, das ihn schließlich seiner Tätigkeit enthob. Nachdem ein Bremer Wissenschaftler Zweifel an der Authentizität von zu Guttenbergs Dissertation geäußert hatte, formierte sich im Internet das „GuttenPlag“-Wiki, eine jedermann zugängliche Plattform, die die genannte Doktorarbeit auseinandernahm und unzählige Plagiate entlarvte.

 Weiter geht´s: Das mit dem Zusammenbruch des Ostblocks verloren gegangene politische Interesse scheint im Moment wiedergeboren zu werden. Es wird diskutiert, analysiert und sogar wieder demonstriert. Damit steht nun aber auch eine ganz neue Gefahr im Raum: Noch nie war es so leicht, publikumswirksam zu polemisieren. Thilo Sarrazin hat das im Spätsommer 2010 mit seiner Schmähschrift „Deutschland schafft sich ab“, in der er mit kruden Thesen gegen Zuwanderer hetzt, illustriert. Unter Zuhilfenahme teils aus dem Zusammenhang gerissener, teils schlicht ausgedachter Statistiken und Thesen wurde hier das Bild von „integrationsunwilligen“ Migranten gezeichnet, das aufgrund mangelnder Reflexion zeitweise – und möglicherweise gar bis heute – als salonfähig galt. Zwar ist es so einfach wie nie, sich neutral über jedes beliebige Thema zu informieren, doch ist es nach wie vor gemütlicher, eine Meinung einfach zu übernehmen. Solange hier die sachliche (!) Diskussion ausbleibt, kann gerade durch breitere Vernetzung ein sehr gefährliches, fremdenfeindliches Klima entstehen, denn die unreflektierten Thesen sind ja überall präsent.

 Glücklicherweise gibt es inzwischen durch die jüngste Vernetzung der Online-Medien mit „Facebook“ die Möglichkeit, diesen Missstand wieder zu beseitigen. Es muss diskutiert und nachgedacht werden. Ob diese Option allerdings erfolgreich genutzt werden kann, steht bisher noch in den Sternen. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft nicht nur aus blanker Wut agiert wird, sondern dass mit den neuen Möglichkeiten des Internetzeitalters eine kritische Diskussionskultur entsteht.

Vorschau: Nächsten Montag erzählt euch Norman etwas über Corporate Governance.