Mein Leben auf dem Wahlzettel

Informiert? Die Unterschiede in den Wahlprogrammen sind vielleicht klein, aber oft entscheidend (©Lars Kulesch  / pixelio.de)

Informiert? Die Unterschiede in den Wahlprogrammen sind vielleicht klein, aber oft entscheidend (©Lars Kulesch / pixelio.de)

Noch bis zum Sonntag, 25.05.2014 dauert es an, mein Leben auf dem Wahlzettel. In unserem Städtchen sind zur Europawahl auch Kommunalwahlen angesetzt und irgendwie bin ich auf die Liste für den Stadtrat gekommen. Wie das so in einer Kleinstadt ist, hatte der Zufall und die Bekanntschaft zum Vorsitzenden etwas damit zu tun. Der ließ über meinen Vater anfragen, „ob ich mich zur Verfügung stellen würde“. Zuerst dachte ich, es seien ein paar Termine gemeint, bei denen ich aushelfen sollte. Aber nein, ich sollte auf den Wahlzettel, Listenplatz 20, und ab in den Wahlkampf.
Dabei war ich früher wirklich kein sonderlich politischer Mensch. „Die machen ja doch alle das Gleiche“, hörte ich und sagte es nach. Das Interesse kam mit der Verantwortung. Als Student ist es ja durchaus wichtig, dass Studenten und Bildung auch unterstützt werden. Als Mutter aber sind nicht nur Bildungsangebot, sondern auch Betreuungseinrichtungen, Familienunterstützungen und Prinzipien entscheidend, wenn es darum geht, wen ich wähle. Ich fing an, politische Berichte nicht nur als Zeilenfüller in der Zeitung zu betrachtet und fand eben die Eckpfeiler, die mir wichtig waren und die ich in den Programmen der Parteien suchte.

Schon benachrichtigt? Wählen ist in der Demokratie Recht und Pfllicht (© Esther Stosch  / pixelio.de)

Schon benachrichtigt? Wählen ist in der Demokratie Recht und Pfllicht (© Esther Stosch / pixelio.de)

Dabei stand für mich auch schon vor dieser Zeit fest: Alles ist besser als Nicht-Wählen. Mit einer Bekannten stritt ich zuletzt wieder, weil sie das letzte Mal gar nicht zur Wahl gegangen war. „Ich habe keinen Zettel bekommen“, sagte sie und meinte die Wahlbenachrichtigung. Alle Beschwörungen damals, dennoch zur Urne zu gehen und auf den Missstand aufmerksam zu machen, scheiterten. Und auch diesmal ist sie noch unschlüssig, ob sie die nun eingetroffene Benachrichtigung überhaupt nutzen will. Dabei sorgt Nicht-Wählen für eine Veränderung der Prozentzahlen. Jede Stimme zählt nicht nur, weil so irgendeine Partei eben eine Stimme mehr hat, sondern weil die Prozente gemessen an der Wahlbeteiligung gewertet werden. Gehen von 100 Menschen nur 50 wählen, hat eine Partei, die zehn Stimmen bekommt, schon 20 Prozent. Vom Nicht-Wählen profitieren also die Randparteien, die Kleinen, deren Werte sonst zu niedrig ausfallen würden. Und meistens sind das nicht nur spezialisierte Parteien wie Familienpartei oder die Violetten, sondern auch die extremeren und ausländerfeindlichen Parteien.

Geh wählen, denn jede Stimme zählt (©Wilhelmine Wulff  / pixelio.de)

Geh wählen, denn jede Stimme zählt (©Wilhelmine Wulff / pixelio.de)

Mein Leben auf dem Wahlzettel gestaltet sich aber bis zum Urnengang noch ziemlich aufregend. Ostereierverteilen, Muttertagsrosenaktion, Fraktionssitzungen, Waldfest, Infostände und Verteilen von Infomaterial, mein Terminplan ist bis Ende Mai prall gefüllt. Tatsächlich lässt sich aber vieles erstaunlich gut mit Arbeit, Studium und Familie vereinbaren. Zur Muttertagsrosenaktion hatte ich die Kinder kurzerhand mitgenommen und beide hatten ihren Spaß mit den ganzen Werbegeschenken der verschiedenen Parteien, die versammelt waren. Da ein Luftballon, hier eine Brezel und sogar einen Lippenpflegestift hat mein Großer abgestaubt. Mein kleines politisches Gastspiel entwickelt sich so zum Spaß für die ganze Familie. Aber natürlich geht es auch anders. Etwas Stress gehört dazu und nunmal auch ein voller Terminkalender.
Ende Mai heißt es dann aber erst mal, ausruhen. Denn dass ich mit Listenplatz 20 tatsächlich in den Stadtrat komme, ist dann doch eher unwahrscheinlich. Ein paar nette Menschen, die mich direkt wählen wollen, habe ich zwar gefunden, aber das streichelt wohl eher mein Ego, als dass es mich tatsächlich am Ende so weit nach oben schiebt. Dennoch hat es mir Spaß gemacht und wer weiß, vielleicht stehe ich ja in ein paar Jahren wieder dabei, ein paar Zeilen weiter oben.
Wer sich jetzt wundert, dass ich gar nicht geschrieben habe, bei welcher Partei ich denn nun zu finden bin: Das hier ist kein Wahlwerbespot. Ein kleiner Einblick in den doch sehr entspannten Wahlkampf einer kleinen Stadt. Und mehr als nur eine Erinnerung an die anstehende Wahl soll es ein Apell sein: Geht wählen. Selbst wenn ihr heute noch nicht so politisch seid, wird vielleicht der Tag kommen, an dem ihr die Politik ernster nehmt. Und so oder so: Jede Stimme zählt.

Vorschau: Nächste Woche fragt sich Sascha, ob er ein schlechter Mensch ist, wenn er aus der Kirche austritt.

Die Qual der Wahl: Urnengang

Es ist wieder einmal so weit: Wahlen stehen ins Haus, allen voran die Wahl zum Bundestag am 22. September 2013. Alle wahlberechtigten Bürger dürfen ihre Stimme abgeben, um zu entscheiden, wer die nächsten vier Jahre Deutschland lenken soll.

Stimmabgabe zur Bundestagswahl

Die Qual der Wahl: Welcher Partei soll man die Stimme schenken? (©Thomas Siepmann/Pixelio.de)

Doch das ist gar nicht so einfach, wie es scheint – wen soll man jetzt wählen? Manchmal sieht es gar so aus, als ob es fast egal wäre, wer nun am Ende an die Macht kommt. Die Unterschiede zwischen den Parteien sind für Otto Normalverbraucher meistens marginal, und diejenigen Parteien, die sich klar erkennbar von den anderen abheben, sind leider oft auf radikalen Pfaden unterwegs.

Außerdem, Hand aufs Herz: Wer kennt schon das komplette Programm der Partei, für die er stimmt? In der Regel heißt Wahlkampf doch nichts anderes als Werbung mit einer einzelnen Person. Bürgt etwa die Beliebtheit von Angela Merkel für die Kompetenz aller Christdemokraten? Oder ist die gesamte SPD unwählbar, nur weil ihr Kanzlerkandidat sich im letzten Jahr eher als Fettnäpfchenjäger denn als kompetenter Staatsmann profiliert hat? Was hinter den einzelnen Personen steckt, welche Richtung die gewählte Partei als Ganzes konkret und im Detail einschlagen wird, das wissen nur die wenigsten.

Zugegebenermaßen wird es immer schwieriger für die Parteien ein genaues, scharfes Profil anzubieten: Wirtschaftskrisen, internationale Abkommen und Verhandlungen zwingen die Politiker auch im Inland oftmals zu Kompromisslösungen. Was bleibt denn anderes übrig, als eine EU-Vorgabe umzusetzen, wenn diese erste einmal das EU-Parlament passiert hat – es sei denn, man möchte sich isolieren. Beispielhaft ebenso die Situation der US-Politik in den letzten Jahren. Auch wenn Obamas Gegner ihm gerne innenpolitisches Versagen vorwerfen und viele seiner Anhänger von ihm enttäuscht sind, so blieb dem US-Präsidenten wenig übrig als angesichts zahlloser Krisen seine ehrgeizigen Pläne mit Kompromissen und Notlösungen zu verwässern. Politik zwingt eben oft zu Mittelwegen und Halblösungen.

Trotzdem, am Ende entscheidet der Wähler selbst, wonach er sich richtet. Ob er die Sympathie des einzelnen Kanzlerkandidaten oder das Parteiprogramm höher anrechnet oder gar durch Nichtwählen ein Signal setzt – sei es nun bewusst oder unbewusst – das entscheidet jeder Bürger für sich. Nach der Wahl wird sich dann zeigen, in welche Richtung Deutschland gehen wird. Sobald die Stimmen ausgezählt und die Verhältnisse geklärt sind, ist es erst einmal aus mit der direkten Demokratie. Dann dürfen die Parteien untereinander ausmauscheln, wer mit wem oder mit wem schon gleich gar nicht.

Simbabwes Präsident Robert Mugabe

Fragwürdig: Simbabwes Präsident Mugabe wird häufig Wahlbetrug vorgeworfen (©Al Jazeera via Wikimedia, Creative Commons – Attribution-ShareAlike 2.0 Generic)

Immerhin können wir froh sein, dass wir in einem Land leben, in dem wir alle vier Jahre die Gelegenheit haben, unseren politischen Willen kundzutun. Faire und transparente Wahlen sind mitnichten eine Selbstverständlichkeit, vielmehr ein Geschenk. Ein Blick in Länder wie zum Beispiel Venezuela oder Simbabwe reicht, um zu verstehen, dass wir ein politisches Privileg genießen. Ob wir davon Gebrauch machen oder nicht sei dahingestellt, aber das Bewusstsein für die glückliche Lage, in der wir uns befinden, sollten wir nicht verlieren trotz allen Unmuts über die Politik.

Einziger Wermutstropfen: Direkt nach der Bundestagswahl wird wohl nicht das deutsche Volk als erstes erfahren, wer die neue Mehrheit im deutschen Parlament stellen wird. Schon viel früher wird die NSA herausgefunden haben, wer Deutschland regieren wird, aber das ist wieder eine ganz andere Baustelle.

Vorschau: In der nächsten Kolumne nimmt Eva Erntedank zum Anlass, um über die Bedeutung der Landwirtschaft für unser Leben nachzudenken.