Escape – das englische Wort für Notausgang

Uni macht Spaß. Mal davon abgesehen, dass ich das wirklich glaube, hat sich eine Gruppe von Studierende in Mannheim zu Uni Spirit zusammengeschlossen und will Universitätsangehörige mit Gemeinschaftsgefühl und Identifikationsmöglichkeiten zusammenschweißen. Zuletzt etwa mit der Aktion „ Escape the Uni “. Wer jetzt wie Dori denkt: „Hey, das ist doch das englische Wort für Notausgang“, ist schon mal auf der richtigen Spur. Klassischer Weise geht es bei einem „ Escape the Room “ darum, Rätsel zu lösen, und so an einen Schlüssel zu kommen, mit dem ein Entkommen aus dem Raum möglich ist, in dem man eingeschlossen wurde.

Licht ins Dunkel bringen
Notausgang gesucht: beim live escape the room geht es darum, einen abgeschlossenen Raum verlassen zu können (Foto: geralt / pixabay.de)

Notausgang gesucht: beim live escape the room geht es darum, einen abgeschlossenen Raum verlassen zu können (Foto: geralt / pixabay.de)

Identifikation mit der Uni und ihren Angehörigen also, indem es ihr zu entkommen gilt. Gar nicht so abwegig, wie auf den ersten Blick angenommen. Dank einer aufmerksamen Freundin stand also auch ich in einem der präparierte Räume, Tür zu, Licht aus. Das Szenario indes war geradezu Uni-klassisch. „Ihr seid in der Bibliothek eingeschlafen und müsst jetzt versuchen, da irgendwie heraus zu kommen, aber ohne Schlüssel“, hieß es am Anfang, eine Bib-typische Tüte mit Taschenlampe und Schlampermäppchen gab es obendrauf. Dann sollten wir zuerst einmal Licht finden. Dass der Lichtschalter nicht mehr so ganz richtig abgeklebt war, sorgte dann bereit für den ersten Irritationsmoment, denn natürlich hat einer unserer Mannschaft sofort versucht, ob es so einfach geht. Sollte es aber eigentlich nicht. Wir haben also das Licht brav wieder ausgemacht und mit Stehleuchte und Projektor den Raum erhellt.

Was wird gesucht?
Kombiniere. Knifflige Rätsel stehen beim Escape the Room im Mittelpunkt (Foto: Clockedindk / pixabay.de)

Kombiniere. Knifflige Rätsel stehen beim Escape the Room im Mittelpunkt (Foto: Clockedindk / pixabay.de)

Dann ging es, wie früher in Mathe, erst einmal um die Frage, was eigentlich gesucht wird. Ein Name samt den letzten Ziffern einer Telefonnummer, wie ein Zettel am Notizbrett freimütig erzählte. Auch das erste Rätsel war mit einer offensichtlichen Anweisung „Entferne Zitrone, Lebkuchen und Essig“ innerhalb der ersten fünf Minuten gelöst. Dann aber wurde es betont kniffliger. Wir fanden zwar Anweisungen und Hinweise, die gehörten aber nicht zusammen. Und zusätzlich verwirrt waren wir durch das, was vorab am Whiteboard stand und nun im fahlen Licht wieder zu lesen war. Hinweis? Ablenkung? Zufall? Schließlich kamen wir auf zwei offensichtliche Dinge. „Lese“ meint tatsächlich ein Buch und der Rucksack am Projektor gehört keinem von uns.

Wir denken zu komplex
Zusammen sind wir stark. Escape the Room besticht durch Teamarbeit (Foto: Rilsonav / pixabay.de)

Zusammen sind wir stark. Escape the Room besticht durch Teamarbeit (Foto: Rilsonav / pixabay.de)

Mit zwei Ziffern und dem entscheidenden Hinweis für die dritten standen wir dann ganz schön auf dem Schlauch. Warum? Wir dachten schlicht zu kompliziert und versuchten mittels Quersumme und Dechiffriercode auf Ziffer und Name zu kommen. Nachdem wir uns im Kreis gedreht, Handstand gemacht und schließlich durch die verstreichende Zeit in Zugzwang gekommen waren, griffen wir auf den Joker, Walkie-Talkie. „Ihr müsst die Seiten im Buch nachschlagen“, kam der Hinweis und sofort flutschte es wieder. Buchstaben für Zahlen und Punkt vor Strich, die dritte Ziffer hatten wir und standen vor dem letzten Hinweis, mit dem wir den Namen entschlüsseln sollten. „Häh“, durchzog es uns. Auch im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich auf die Lösung wohl nur durch raten gekommen wäre. Erst hat uns ein Missverständnis im falschen Quadrat des Atlanten suchen lassen, die 45 Minuten waren mittlerweile verstrichen, wir durften aber fünf Minuten überziehen. Schließlich ein „Ahh“ beim Mitstreiter, das Hand gezückt und raus aus der vermeintlichen Bibliothek.

Wieder in Freiheit

Ich kannte vorher Escape the Room – Spiele nur vom Computer. Dort sind die Aufgaben meinem Gefühl nach schwieriger, bauen mehr aufeinander auf und sind auch vielfältiger. Vielleicht habe ich deshalb sofort etwas komplexer gedacht und offensichtliche Möglichkeiten erst einmal außen vorgelassen. Andererseits bin ich am Computer auf mich alleine gestellt. Auf die Lösung des Namens wäre ich ohne Team vielleicht gar nicht gekommen. Mit etwas mehr Organisation hätten wir die verschiedenen Aufgaben aber bestimmt schneller lösen können. So standen wir alle vier vor den gleichen Hinweisen und kamen gemeinsam nicht weiter. Auf jeden Fall aber hätte ich Lust, so einen Rätselabend zu wiederholen, gerne mit mehr Zeit, mehr oder schwereren Rätseln. Und da die Veranstaltung nach Bekanntgabe innerhalb von 24 Stunden komplett ausgebucht war, ist meine Chance, dass es wieder mal einen „Escape the Uni“-Abend geben wird gar nicht so schlecht. Und zum Glück gibt es in Deutschland noch weitere Möglichkeiten aus verschlossenen Räumen zu entkommen.

„Karma is a bitch“ – Das Phänomen Jodel

Es ist Montag und der 21-jährige BWL-Student Christian sitzt in seiner allwöchentlichen Management-Vorlesung. Statt auf die Vorlesungsfolien starrt er jedoch wie gebannt auf sein Smartphone und aktualisiert die geöffnete App, gennant Jodel, im Minutentakt. Denn was dort geboten wird ist für den Studenten viel interessanter, als die SWOT-Analyse.

Jodel

Jodel und Kaffee: Für Studenten wie Christian elementare Bestandteile des Universitätsalltags (Foto: Privat)

„Heute gilt für mich das Badewannen-Prinzip: Volllaufen lassen!“ oder „Wenn der Professor deinen Vorschlag, die Vorlesung heute draußen zu halten, krachend ablehnt“ sind nur einige der Posts, die Christian schmunzeln lassen und ihn mit Erfolg von der Vorlesung ablenken.

Jodel ist eine Smartphone-App, die seit einigen Monaten an Deutschlands Universitäten kursiert. Doch im Gegensatz zu Facebook, Twitter und Co. wendet sie sich bewusst gegen die zunehmende Personalisierung. Bei Jodel müssen Nutzer kein Profil mit persönlichen Inhalten anlegen, alles geht komplett anonym vonstatten. Die Applikation greift mittels GPS lediglich auf den Standort des Smartphones zu und verbindet so alle Nutzer, die sich in einem Umkreis von zehn Kilometern aufhalten.

So simpel das Prinzip von Jodel auch ist, desto besser scheint es bei den Nutzern anzukommen. Mithilfe von Text- oder Bildposts, so genannten „Jodel“, können lustige Anekdoten, Events oder Neuigkeiten aus der Universität oder dem Alltag geteilt werden. Mittels Kommentaren können sich die Nutzer austauschen. Alle Posts können jedoch auch hoch- und runtergevotet werden. Ein Meldeprinzip sorgt dafür, dass anstößige oder unpassende Inhalte gelöscht werden. Doch auch das Voting trägt dazu bei, dass die Inhalte der App sich selbst regulieren: Bei einer gewissen Anzahl von Downvotes verschwindet ein Post von den Smartphone- und Tabletbildschirmen.

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Auch die Face2Face Redakteurin Nadine hat Jodel für euch getestet: Das vielsagende Icon der App (Foto: Privat)

Auch das Anreizprinzip von Jodel ist interessant: Durch Aktivität oder durch Down- und Upvotes der eigenen Posts steigt oder sinkt das sogenannte „Karma“. Mit dem spirituellen Konzept des Handelns und deren Folgen hat das Jodel-Karma wohl wenig zu tun. Dennoch sind viele Jodler fleißig am Karma sammeln.

„Jodel eignet sich super zur Ablenkung in allen Lebenslagen, sei es in der Bibliothek, bei der Arbeit oder in der Vorlesung“, so der begeisterte Christian. Auch die Soziologiestudentin Sabine zeigt sich positiv gegenüber der Neuerung im Unialltag: „Man hat immer etwas zu lachen und die Community, die sich in Jodel herausgebildet hat, ist eine ganz besondere. Wenn man nach den richtigen Regeln spielt, kann man dort viel Spaß haben.“

Jodel scheint in vielerlei Hinsicht eine Eigendynamik entwickelt zu haben. So gibt es eine Vielzahl von ungeschriebenen Regeln oder Verhaltenscodes, an die sich die Nutzer halten. Die Wahrung der Anonymität ist vielen Jodlern sehr wichtig und auch Hashtags werden – wenn auch in Jodel komplett unnütz – rege benutzt.

In letzter Zeit scheint sich Jodel jedoch in eine Art Singlebörse oder Abklatsch von Frage-Portalen wie „gute-frage.de“ oder „Free your Advice“ verwandelt zu haben. Besonders Männer, die in die Welt und Denkweise der Frauen Einblick erhalten wollen und andersrum sind besonders häufig zu beobachten. Christian und Sabine zeigen sich von all dem unbeeindruckt – sie werden fleißig weiterjodeln und Karma sammeln. Ob die Entwickler von Jodel ihr Versprechen halten, dass etwas tolles passieren soll, wenn man viel Karma gesammelt hat, wird sich zeigen…

Vorschau: Nächste Woche berichten wir an dieser Stelle über die Cartoons von Gerhard Glück in der Caricatura Frankfurt.

Kulturelle Begegnungen – das VISUM Buddy Program an der Universtät Mannheim

Ein Semester in einem anderen Land zu studieren kann für viele Studenten eine ernste Probe ihrer Selbstständigkeit bedeuten. Doch dank der Studenteninitiative VISUM der Universität Mannheim muss sich theoretisch kein Austauschstudent mehr alleine durch den deutschen Bürokratiewahnsinn kämpfen.

Denn das VISUM Buddy Program stellt Kontakte zwischen deutschen Studenten der Universität Mannheim und Austauschstudenten aus aller Welt her, um ihnen die ersten Schritte in dem ihnen unbekannten Umfeld zu erleichtern.Auch ich habe dieses Semester das Experiment Buddy Program gewagt und möchte euch hier meine Erfahrungen mitteilen:

Schon einige Monate zuvor habe ich mich für das Buddy Program per Internet angemeldet und mich dort kundig gemacht, welche Behörden besucht werden müssen. Dann, etwa zwei Wochen vor Ankunft meines Buddy-Partners in Mannheim, erhalte ich eine Email von VISUM, in der wir einander vorgestellt werden und wir die Kontaktdaten des jeweils anderen erfahren.

Ich zögere nicht, meinem Buddy eine Email zukommen zu lassen.
Er, Südkoreaner, stellt sich mir mit dem Namen Kimmy vor. Er ist 24 Jahre alt, studiert Physik und Wirtschaft und macht einen sehr netten Eindruck auf mich.

Etwa eine Woche später finde ich mich wie verabredet früh morgens am Mannheimer Hauptbahnhof ein, um ihn abzuholen. Zugegebenermaßen bin ich ein bisschen aufgeregt, wer mich dort erwarten soll. Nach einiger Verspätung treffen wir dann schließlich aufeinander. Bei einem Kaffee stellt sich meine Befürchtung, er könnte vielleicht zu introvertiert sein und wir hätten Verständigungsprobleme, als völlig ungerechtfertigt heraus – welch Erleichterung.

In den nächsten vier Stunden begleite ich ihn zum International Office unserer Universität, helfe ihm, ein deutsches Bankkonto zu eröffnen, sich an der Universität zu immatrikulieren, den Studentenausweis abzuholen und begleite ihn schließlich zum Bürgerbüro, wo wir seinen Wohnsitz in Deutschland anmelden und sein Semesterticket abholen. Wir verabreden uns für den kommenden Montag, an dem ein von VISUM organisierter International Stammtisch stattfinden soll.

Haben sich durch VISUM kennengelernt: Steffen aus Deutschland und Steffi aus den USA.

Haben sich durch VISUM kennengelernt: Steffen aus Deutschland und Steffi aus den USA. (Foto: Schwalb)

Dort treffe ich auch andere Buddy-Paare, die mir ihre Erfahrungen mitteilen.

„Das VISUM Buddy Program ist ein interkultureller Austausch, bei dem deutsche Studenten den Austauschstudenten die wundervolle Stadt Mannheim näher bringen“, so Steffen, der gleichzeitig Mitgliedervorstand bei VISUM ist. Seine Buddy-Partnerin Steffi aus den USA erzählt, dass auch sie von Steffen vom Bahnhof abgeholt wurde, er ihr bei den Behördengängen geholfen hat und ihr die Stadt und den Weg zum Wohnheim gezeigt hat. „Das Programm ist aber auch sozial sehr wichtig, denn man lernt viele neue Menschen kennen und hat die Chance sein Deutsch zu verbessern“, erklärt sie. Dann überrascht sie mich, obwohl sie sehr gut Deutsch spricht, mit ein paar Wörtern echtem Monnemer Dialekt, der ihr von Steffen beigebracht wurde.

Keine landesübliche Kleidung, sondern die Verkleidung für das Motto des International Stammtisch: Buddy Paar Judith aus Deutschland und Uy aus Norwegen.

Keine landesübliche Kleidung, sondern die Verkleidung für das Motto des International Stammtisch: Buddy Paar Judith aus Deutschland und Uy aus Norwegen. (Foto: Schwalb)

„So optimal läuft es beim Matching jedoch nicht immer. Judith aus Deutschland konnte ihrem Buddy Uy aus Norwegen die ersten Tage nicht helfen, weil sie nicht in Mannheimm war, als er ankam. Dennoch verstehen sich die beiden, die sich auch beim International Stammtisch wiedergetroffen haben, blendend. „Das VISUM Buddy Program ist eine gute Möglichkeit sich mit internationalen Studenten auszutauschen und die Buddys zu integrieren“, findet Judith. Auch Uy kann dem nur zustimmen: „Judith ist ein sehr netter Buddy und hat mich all ihren deutschen Freunden vorgestellt.“

Auch ich kann bisher nur Positives über das Buddy Program berichten und bin mir sicher, dass ich den Kontakt mit meinem Buddy auch nach seinem Deutschlandaufenthalt weiter aufrechterhalten werde.

Zur Feier des zweijährigen Jubiläums von Face2Face verlost die Film-Kunst-Kultur Redaktion einen Thalia Gutschein im Wert von 30 €. Zum Gewinnspiel geht’s hier.

 

 

 

Bachelor – und was dann?

 

Von links: Selin Akyol, Thomas Steinbrecher, Freya Spindler, Marieke Pahlke, Alex Lesser (Fotos: privat)

Der Bachelor gilt seit 2010 als der erste internationale berufsqualifizierende und akademische Abschluss,den man an einer Universität oder Fachhochschulen erwerben kann. Mit ihm folgen viele Veränderungen und vor allem eine Verkürzung der Regelstudienzeit auf drei bis maximal vier Jahre. Zur Reform scheint es eine breitgefächerte Meinung zu geben, die von „besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ bis hin zu „ Unsicherheiten und Perspektivlosigkeit“ reicht. Doch welche Berufsaussichten hat man mit dem jeweiligen Bachelorabschluss? Über die Erfahrungen mit dem Bachelor berichten fünf Studenten in der Face2Face- Umfrage.

Vielen fällt es schwer den Stellenwert ihres Bachelors einzuschätzen, so auch Selin Akyol. Die 22- Jährige studiert Germanistik an der Universität Mannheim und habe den Eindruck, dass selbst Arbeitgeber nicht wüssten, was sie von Bachelorabsolventen zu erwarten haben. Die Komprimierung auf drei Jahre empfinde sie als puren Stress und fordere seitens der Universität eine engere Zusammenarbeit, die Studenten in Hinblick auf die Zukunft besser unterstützen.Auf die Frage, welche Berufsaussichten sie hat, antwortet sie: „ Das weiß ich nicht so genau. Vielleicht kann ich die Wegbeschreibung zum Arbeitsamt drauf schreiben.“ Für Akyol biete das Studium mehr Unsicherheiten und keine Spezialisierung, daher strebe sie auch keinen Master an.Wenn die 22- Jährige erneut die Wahl hätte sich zwischen einem Studium und einer Ausbildung zu entscheiden, dann würde sie lieber die Ausbildung machen, denn „da weiß man am Ende wenigstens wo man steht.“

Sehr zufrieden und glücklich mit dem BWL- Studium sei Thomas Steinbrecher (22). Den Bachelor sehe er als Chance an und nicht als „großes Ungeheuer“, mit dem er sicher einen Job finden würde. Im Vergleich zu Diplom- Betriebswirten ziehe der Bachelor auch mal den Kürzeren, dennoch stünden Wirtschaftswissenschaften im Gegensatz zu anderen Disziplinen im Vorteil, so Steinbrecher. Der 22-Jährige lobt die vielen Möglichkeiten und das große Angebot der Universität zu Köln, denn „im Wahlbereich ist da wirklich für jeden was dabei“. Allerdings wünscht auch er sich persönliche Betreuung, die die bürokratische Hürden etwas abbauen und beim anfänglichen Einfinden in das Studium behilflich wären. Mit einem direkten Einstieg in den Beruf beschäftige sich Steinbrecher nicht, denn während dem Bachelor habe er herausgefunden welche Bereiche der BWL ihm Spaß machen und ihm liegen. Diese möchte er im anschließenden Master vertiefen. „Mit einem Master steigen die Chancen“. Steinbrecher ist der Meinung, man solle sich nicht mit weniger zufriedengeben, vor allem weil die Studienzeit viel zu schön sei.

Ein Berg von Lernstoff: Der Bachelor hat´s gern interdisziplinär (Foto: Sharifi)

„In manchen Unternehmen gelten Bachelorleute als Studienabbrecher, weil sie keinen Masterabschluss haben, weshalb es sinnvoll wäre, ihn zu machen“, zeigt die Erfahrung von Freya Spindler. Die 23- Jährige BWL- Studentin habe das Gefühl, dass Bachelorabsolventen oftmals als günstigere Alternative zu Diplomabsolventen gesehen werden und dementsprechend auch ein niedrigeres Gehalt bekämen. Für sie stehe fest, dass ein Master folge, der ihr mehr Möglichkeiten biete. Spindler würde sich jederzeit wieder für den Trierer- BWL-Bachelor entscheiden. Dieser habe die Besonderheit, dass er noch Fächer wie VWL und Soziologie umfasse, welche je nach Interesse und Spezialisierung gewählt werden können. Im Allgemeinen biete das Studium nach dem dritten Semester eine Spezialisierung in Marketing, Management und Personalwirtschaft an. Die 23-Jährige äußert Verbesserungsvorschläge bezüglich der hohen Anzahl von Klausuren, die in einem größeren Zeitraum als innerhalb von zwei Wochen verteilt werden sollten. Auch die Regelstudienzeit solle um ein Semester verlängert werden, „weil es fast unmöglich ist das Studium in sechs Semestern zu schaffen“.

Ähnlich sieht das auch Marieke Pahlke. Mit der Studienwahl „Wirtschaftsmathematik“ an der Universität Bielefeld sei die 22-Jährige sehr zufrieden und glaube durchaus eine Arbeit zu finden. Sie ist der Ansicht, dass Wirtschaftsmathematiker schon gefragt sind, denn „als Wirtschaftsmathematiker hat man durch Kenntnisse in BWL und VWL Vorteile gegenüber den ‚reinen‘ Mathematikern“. Ab dem vierten Semester könne sie Profilierungen und Spezialisierungen wählen, um sich von der Masse besser abzuheben. Auch Pahlke finde die vielen Klausuren auf engem Zeitraum negativ. Oft bleibe einem dadurch nichts anderes übrig als sich vieles nur im Kurzeitgedächtnis einzuprägen und das sei ihrer Meinung nach nicht Sinn der Sache. „Ich bin mir eigentlich fast sicher nach meinem Bachelorabschluss noch den Master zu machen“, so die 22-Jährige, denn auch ihr mache das Studieren Spaß. Da der Master nur zwei Jahre dauere, lohne sich der Aufwand. Anderenfalls befürchte sie, dass „wenn man den Master nicht direkt nach dem Bachelor macht, verpasst man leicht den Anschluss und macht ihn dann nie“.

„Mein Studium macht mir Spaß. Es weckt sowohl mein Interesse und fordert meinen Ehrgeiz zu gleich“, findet Alex Lesser. Der 22-Jährige studiert an der Universität Mannheim den einmaligen Studiengang: Unternehmensjura. Da dieser auch ein ziemlich neuer sei, wisse er nicht wie die Arbeitgeber auf ihn reagieren. Jedoch könne er sich gut vorstellen, dass er beispielsweise bei einer Unternehmensberatung gute Einstiegschancen hätte. Die Zusammensetzung aus Wirtschaft und Jura sehe Lesser aber auch etwas problematisch, denn beide Bereiche seien sowohl umfangreich als auch zeitaufwändig. Somit finde nur ein grober Überblick und Anschneiden statt, denn für eine Vertiefung biete die Regelstudienzeit keinen Platz. „Der größte Knackpunkt beim Bachelor ist das Abarbeiten und Abhacken von Lerninhalten“. Mit dem Master habe sich der 22-Jährige noch nicht auseinandergesetzt. „Ich denke, dass ich den Master auch einfach unterschätze“. Im Gegensatz dazu strebe er die Möglichkeit an, sein erstes Staatsexamen zu machen und ergo den juristischen Teil zu erweitern.

Vorschau: Nächste Woche gibt es interessantes zum Thema „Interview Stress“.


„Die Studenten müssen ihre Bedürfnisse mehr zum Ausdruck bringen!“ – ein Interview mit dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi

Am Donnerstag, 15. März, sprachen bei der Veranstaltung „Wie funktioniert soziale Bildungspolitik?“ Julien Ferrat, Landesgeschäftsführer der Hochschulgruppe „Die Linke.SDS“ sowie Sarah Hermes, Kreissprecherin der „Linksjugend“, vor rund 500 Mannheimer Studenten. Auf Einladung der Hochschulgruppe machte der Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi die Studierenden auf die Missstände in der Bildungspolitik aufmerksam. Gysi ist ein immer wieder gern gesehener Talkshow-Gast bei politischen Sendungen, wie beispielsweise „hart aber fair“ oder „Günther Jauch“.

Gysi nahm sich nach seiner Rede in der Mannheimer Universität Zeit, um mit Face2Face unter anderem über Rebellion, Missstände in unserem Schulsystem und soziale Ausgrenzung zu sprechen.

Sprach vor 500 Studenten der Mannheimer Universität: der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei Gregor Gysi (Foto: Pitsch)

Face2Face: Gerade in Ihrer Rede haben Sie bemängelt, dass die Studierenden zu wenig rebellieren. Wieso glauben Sie das?
Gysi: Weil die Zustände zunehmend ungerechter werden und das Studium zunehmend verschult wird. Die Möglichkeit für Studenten zu einer vernünftigen Allgemeinbildung verringert sich, sie werden in die ökonomische Abhängigkeit gedrängt. Universitäre Bildung ist entscheidend, um später sein Leben einschließlich Beruf zu meistern. Die 1968er-Studentengeneration hätten sich dass nicht bieten lassen. Heute hat eine andere Disziplinierung stattgefunden – was ich nicht in Ordnung finde.

Face2Face: Wie weit war es Ihnen möglich, zur Zeit der DDR zu rebellieren?
Gysi: Durch die diktatorischen Verhältnisse in der DDR war eine Rebellion nur sehr begrenzt möglich, aber es war schon einiges los. Natürlich habe auch ich ein wenig rebelliert, das führte zu Auseinandersetzungen an meiner Fakultät.

Face2Face: Wie sieht Ihr Vorschlag aus, die Studiengebühren abzuschaffen?
Gysi: Wenn man es geschafft hätte, dass alle Studenten auf die Straße gegangen wären und gesagt hätten wir gehen erst wieder in die Uni wenn die Studiengebühren abgeschafft werden – wären sie jetzt schon abgeschafft worden. Das Problem ist heute, dass nicht alle auf die Straße gehen und sich äußeren. Die Studenten müssen mehr ihr Bedürfnisse zum Ausdruck bringen!

Face2Face: Was schlagen Sie vor, um dem vorzubeugen?
Gysi: Mein Vorschlag wäre ein zeitlich begrenztes Stipendium. Ich würde dabei aber immer schauen, dass den Studenten genügend Zeit bleibt für einen Besuch des Theaters oder der Oper. Vielleicht möchte man die Zeit auch nutzen, um selbst Theater zu spielen. Ich denke dabei auch daran sich aus Interesse andere Vorlesungen anzusehen, die nicht unmittelbar etwas mit dem eigenen Studiengang zu tun haben.

Face2Face: Was kritisieren Sie am neo-liberalen Zeitgeist?
Gysi: Am neo-liberalen Zeitgeist in der Bildung ist zu bemängeln, dass die Unis zunehmend verschult werden. Hinzu kommen die schlechteren Berufsaussichten für ein abgeschlossenes Bachelor-Studium im Vergleich zu einem Masterabsolventen. Für jeden zukünftigen Bachelor-Absolventen muss es möglich sein, einen Platz für einen Masterstudiengang zu bekommen, um später bessere Job-Aussichten zu haben. Ökonomisch werden die Studierenden zu sehr unter Druck gesetzt, indem du ihnen ein Darlehen, gibst was sie später wieder zurückzahlen müssen. Ich wünsche mir, dass die Abhängigkeit von Eltern aufgehoben wird. Ist man nun mit dem achtzehnten Lebensjahr volljährig und kann über seinen Lebensweg entscheiden oder nicht?

Face2Face: Wie stehen Sie zu den Anti-„Acta“-Demonstrationen und der „Occupy“-Bewegungen?
Gysi: Diese Bewegungen sehe ich positiv. Das ist ein Beginn von gesellschaftlichen Bewegungen. Ich kann sagen an welchem Punkt ich das fest mache: die Studiengebühren. Ich finde den Widerstand insgesamt zu gering – besonders der Eltern. Ich hätte mir das ganze rebellischer gewünscht, um allen klar zu machen das lassen wir uns nicht bieten. Wir haben eine unterschiedliche Struktur. Es gibt Länder die Studiengebühren haben und Länder die Studiengebühr frei sind. Das hat die Schwierigkeit erhöht für Leute aus ärmeren Schichten einen geeigneten Studienplatz zu finden. Ich bin gegen eine soziale Ausgrenzung.

Äußerte sich im Interview besorgt über die Missstände in der Bildungspolitik: der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei Gregor Gysi (Foto: Pitsch)

Face2Face: Im Bundesland Bayern fallen beispielsweise Studiengebühren von über 750 Euro an.
Gysi: Das ist eine Unverschämtheit. Für meine Tochter könnte ich diesen Betrag bezahlen und wenn ich dies dann bezahlte hat das wieder etwas Elitäres. Da sind Studierende aus anderen sozialen Schichten gar nicht mehr dabei, genau das will ich nicht.

Face2Face: Wie sieht Ihr Masterplan aus, um dem entgegen zu wirken?
Gysi: Ich möchte nicht die soziale Ausgrenzung mit der wir es hier zu tun haben. Stattdessen würde ich ein Stipendium einführen, dass elternunabhängig ist. Das würde ein Leben in Würde, aber nicht im Übermaß garantieren. Somit müssten die Studenten nebenher keine Nebenjobs machen. Im Gegenzug würde ich dann aber Studienzeiten festlegen. In der Freizeit muss es auch möglich sein ins Theater oder in die Oper zu gehen.

Face2Face: Wie war die Situation zur Zeit der DDR?
Gysi: In der DDR hattest du entsprechend deiner Qualifikation ein Recht auf Arbeit. Wenn man aber vor hatte Archäologie zu studieren, war das nicht einfach. Wenn  jedes Jahr zwanzig Archäologen ausgebildet worden wären, hätten ihnen keine Arbeit als Archäologen geboten werden können – also wurden jedes Jahr nur zwei Archäologen ausgebildet. Dadurch wurde der Kampf einen Studienplatz für diesen Studiengang zu bekommen zur eigentlichen Herausforderung – das will ich auch nicht. Ich möchte dann lieber, dass man die Möglichkeit hat, dass zu studieren, was den persönlichen Interessen entspricht. Nach Abschluss des Studiums muss man dann aber dafür kämpfen, den entsprechenden Job, entsprechend der Qualifikation zu finden.

Face2Face: Wie stehen Sie den Bachelor- und Master-Studiengängen gegenüber?
Gysi: Mir wird das zu sehr verschult, das ist so als ob man die Schule fortsetzt. Ein Studium ist eigentlich etwas ganz anderes. Beispielsweise an einer Technischen Hochschule in Berlin sehe ich unter welchem Druck die Bachelorabsolventen stehen –  da würde ich gerne Druck wegnehmen.
Zum Leitwesen der Studenten kommt kein richtiges Studentenleben mehr auf. Das schöne an der Uni ist auch das ich woanders hingehen kann, indem ich mir eine Vorlesung griechische Geschichte anhöre, obwohl ich eigentlich Jura studiere. Diese Möglichkeiten sollten nach wie vor erhalten bleiben.

Face2Face: In Ihrer Rede haben Sie kurz die Missstände in der Bildungspolitik angedeutet. Wie schlagen Sie vor das Schulsystem zu verändern?
Gysi: Mich ärgert es, dass unser Schulsystem immer noch so organisiert ist wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – da können wir noch viel von anderen Ländern lernen. Es gibt Kinder, die ihren Durchbruch erst viel später in der siebten oder achten Klasse haben. Wieso trennt man Kinder nach der vierten Klasse? Die vierte Klasse ist ein schlechter Zeitpunkt. Nach dem Ende der Grundschule kann man nach Begabungen und Fähigkeiten überhaupt noch nicht entscheiden, zum Leidwesen der Kinder. Wenn man das als Gemeinschaftsschule organisierte bis zum Abitur mit Spezialisierungen. Es muss auch möglich sein, die Schule zu wechseln.

Face2Face: Sie haben ebenfalls eine Gemeinschaftsschule bis zum Abitur besucht.
Gysi:  Genau wie der Bundespräsident Joachim Gauck und die Bundeskanzlerin Angela Merkel, habe auch ich eine Gemeinschaftsschule bis zur 8., später bis zur 10. Klasse besucht – und wie man sehen kann ist aus uns etwas  geworden.

Das Interview wurde geführt von Jean-Claude Jenowein und Melanie Denzinger.