Kunst und Kultur auf dem Fusion Festival 2015

Auf dem ehemaligen Militärflugplatz in der 500-Seelen Gemeinde Lärz bricht die Dämmerung herein. Erst jetzt werden sich die 60.000 Besucher, die jedes Jahr in die mecklenburgische Provinz pilgern, der Vielzahl von Kunstinstallationen gewahr, die ihr volles Potential erst mit Einbruch der Dunkelheit entfalten.

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Das Fusion Festival: Die Eintrittskarte zu Elektronischer Musik, Kunst und Kultur (Foto: Privat)

Zum 18. Male jährte sich Ende Juni dieses Jahres nun die Fusion – ein Musikfestival, das vor allem die Herzen elektronischer Musikliebhaber höher schlagen lässt. Während man auf anderen Musikfestivals den Tag auf den Zeltplätzen verbringt und sich die Zeit mit exzessiven Alkoholkonsum und stupiden Trinkspielen vertreibt, so bietet die Fusion ein attraktives Rundumprogramm. Denn was die wenigsten Nicht-Fusionisten wissen ist, dass das Festival auch ein vielseitiges Kulturprogramm für die Besucher bereithält.

Während eine Kreidetafel vor einem zum Theater umgebauten Flugzeughangar die nächste Vorstellung verkündet, läuft im Kinohangar ein Filmklassiker. Nur ein paar Meter weiter finden Vorträge und Lesungen statt, die sich mit solidarischen Wohnprojekten oder Blogschreibern aus Berlin beschäftigen. Die Fülle an Angeboten ist erstaunlich und so ausgeprägt, dass eine Entscheidung schwer fällt. Jedoch ist man nicht bei allen Programmpunkten passiver Zuschauer. Im Workshop-Hangar kann sich an Graffiti oder Siebdruck versucht werden; an anderer Stelle lernt man tagsüber mit Feuer zu jonglieren und kann das Gelernte bei Nacht zur Schau stellen.

Doch dem nicht genug, finden sich überall auf dem Festivalgelände Kunstinstallationen. Ob feuerspeiende Drachen, riesige, sich bewegende Knospen, die an mit Spitzenstoff bespannten Bäumen hängen oder Dampfmaschinen in den skurrilsten Formen.

Auch die Spielstätten, Essensstände und Chill-Out-Areas sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Kurzum: Das ganze Festival ist ein einziges Kunstwerk, das sich auf Bildern nicht festhalten lässt. Die Fusion ist ein Spielplatz für Erwachsene, die zu Unrecht auf Drogenkonsum reduziert wird, während es dort so viel mehr zu entdecken gibt.

Versteckt und weltbekannt: zwanzig Jahre Club Ebene Eins

Die Ebene Eins: Eine umgebaute Scheune dient dem Kulturverein als Veranstaltungsort (Foto: Club Ebene Eins)

Die Ebene Eins: Eine umgebaute Scheune dient dem Kulturverein als Veranstaltungsort (Foto: Club Ebene Eins)

Versteckt hinter einem großen Hoftor in der Burgstraße in Schifferstadt, einer Einbahnstraße und 30-er Zone, liegt er. In einer umgebauten alten Scheune mit riesigem Garten dahinter, für die Sommerveranstaltungen, nicht wirklich groß, aber mit einer Akustik, die Musiker immer wieder zum Schwärmen verleitet und einer Atmosphäre, die zwischen familiär-gemütlich und faszinierend-künstlerisch ihr Gleichgewicht gefunden hat: Der Club Ebene Eins. Als Kulturverein längst etabliert und rund um die Welt bekannt, sind es vor allem die Einheimischen, die immer wieder überrascht sind, dass sich so ein Kulturgut in ihrer Stadt versteckt. 2015 feiert der Club Ebene Eins nun sein zwanzigjähriges Bestehen.

Am 08.06.1995 gründeten 34 Kulturfreunde den Club, der nach dem Umbauplan des Architekten für den unteren Teil der Scheune „Ebene Eins“ genannt wurde. Zur Eröffnungsvernissage stellte eine 16-jährige Schülerin aus, ein weiterer Schüler spielte Musik. Moritz Weißkopf, heute besser bekannt als Mo Anton, hat gerade das Gibraltar International Song Festival gewonnen. Angefangen hat er vor 20 Jahren im Club Ebene Eins. Noch immer ist die Förderung von jungen Kulturschaffenden ein Herzensanliegen des Vereins. Schüler der Kreismusikschule oder Teilnehmer von Jugend musiziert, junge Gruppen und Künstler, das Alter spielt für den Kulturausschuss des Club Ebene Eins keine Rolle. Talent zählt, die Freude an der Kunst, dass das Herz bei der Sache ist.

Kulturfreunde: Der Vorstand des Club Ebene Eins (Foto: Club Ebene Eins)

Kulturfreunde: Der Vorstand des Club Ebene Eins (Foto: Club Ebene Eins)

Und auch wahre Größen kommen immer wieder gerne zurück in die gemütliche Scheune. Etwa Ack van Rooyen, Jazz-Musiker, Flügelhornist, niederländische Musikgröße. Oder die A cappella Gruppe Viva Voce, die mittlerweile selbst weltweit bekannt sind. Bettina Belitz hat dort im letzten Jahr ihren Roman „Vor uns die Nacht vorgestellt“ im Herbst kam Julia Donaldson mit einem Grüffelo-Theater aus England, der gern gesehene Poetry Slam, der bisweilen zum Lieder Slam umgewandelt wird. Hier gibt es noch reine Lesungen, ohne viel außenrum, hier zählt das Wort. Und wer in die Scheune kommt wird immer von Bildern begrüßt. Die Liste der Künstler ist lang und vielseitig. Abel Robino aus Paris etwa war hier und Lukas Smithey-Eckrich aus den USA, Lotti Adaimi aus dem Libanon und Ulrike Kaiser aus München.

Aber der Club Ebene Eins bietet nicht nur für Aug und Ohr allerlei, sondern lockt auch zum Mitmachen. Ein Trommel-Selbstversuch unter der Leitung von Ashitey Nsotse beispielweise oder zuletzt ein Hörspiel-Workshop, geleitet von Karl Atteln. Und immer wieder gibt es spezielle Kinder-Kulturveranstaltungen. Diesen Herbst kommen die Olchis, jene müllfressende Stinkbande von Erhard Dietl, bei denen ich beim Vorlesen immer hadere, ob ich wirklich will, dass meine Kinder diese Wörter hören – aber sie lieben es.

Weltrekordträger: Künstler Jean-Yves Dousset mit Gisela Atteln vom Club Ebene Eins (Foto: Obermann)

Weltrekordträger: Künstler Jean-Yves Dousset mit Gisela Atteln vom Club Ebene Eins (Foto: Obermann)

Dabei geht es den Verein nicht nur darum, Kunst zu präsentieren und Neues zu zeigen, sondern auch immer wieder darum, Künstler zusammen zu bringen. Musiker und Maler, Maler und Autoren, Autoren und Musiker. Im kleinen Rahmen kann der Club dabei ausprobieren, was auf großer Bühne nur schlecht funktioniert. Improvisationstheater, bei dem das Publikum entscheidet, was als nächstes passiert, oder Jean-Yves Dousset, der nicht nur reimt, sondern den Weltrekord für den schnellsten Scherenschnitt hat, und zur Jubiläumsfeier gezeigt hat, was er kann. Oder wie im vergangenen Jahr ein Festival für das neue Instrument Campanula. Neues, Gewagtes, Innovatives.

„Kunst bleibt nicht stehen“, erklärte Vorstandsmitglied Horst Atteln zur Jubiläumsfeier. Und darum wird es auch immer wieder etwas Neues, Gewagtes und Innovatives geben, was der Club Ebene Eins präsentieren kann. Ein Besuch lohnt sich allemal.

Vorschau: Nächste Woche geht es hier um Kunst und Kultur auf dem Fusion Festival.

Die Welt ist ein Theater

Gut gespielt? Theater gibt es nicht nur auf der Bühne (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Gut gespielt? Theater gibt es nicht nur auf der Bühne (©Rainer Sturm / pixelio.de)

Wann wart ihr eigentlich zuletzt im Theater? Wisst ihr es nicht mehr? Oder gehört ihr gar zu den wenigen regelmäßigen Theatergängern? Vielleicht graust es euch auch bei der Vorstellung an eine Bühne weit vorne, auf der Menschen schreien, damit auch der Zuschauer in der letzten Reihe sie noch verstehen kann. Und zugegeben, Theater ist nicht gleich Theater.
Als Studentin der Universität Mannheim komme ich um das Nationaltheater meiner Universitätsstadt nicht herum. Auf hinteren Reihen habe ich mit Kommilitoninnen, ab und an hat sich auch mal ein Kommilitone in unsere Mitte verirrt, klassische und moderne Stücke, Uraufführungen und Neuauflagen angesehen. Als Journalistin habe ich Schultheater und sogenannte Performances besucht und darüber geschrieben, habe Kabarett und Improvisationen erlebt. Nein, Theater ist nicht Theater und die Bretter, die die Welt bedeuten sind ganz einfach die Welt selbst.
„Mach nicht so ein Theater“, hat mein Vater früher oft zu uns Kindern gesagt. Der Spruch ist zeitlos. Großeltern und Eltern nutzen ihn immer noch. Wandeln ihn ab, treiben die Metapher weiter. „Showmaker“, sagt mein Mann gerne. Denn schon als Kleinkinder, als Babys, lernen wir, Theater zu spielen. Die ersten Versuche im Lügen, das laute Weinen, wenn ein winziger Kratzer die oberste Hautschicht verändert hat, der leichte Plumps aus den mit Windel ausgepolsterten Hintern. Alles genügt, um zu schreien, um zu weinen. Denn, so schlau sind wir schon als Babys: Wenn wir weinen, kommt Mama, kommt Papa, werden wir hochgenommen, geknuddelt, sie spielen mit uns und wir sind im Mittelpunkt.
Das verlernen wir nie. Ja, manch einer kann besser lügen, anderen sieht der Gegenüber die Unwahrheit nicht nur an der Nase an, sondern am Blick, am Grinsen, am Erröten. Sind sie deshalb schlechtere Theaterspieler? Nicht im Mindesten! Zwar ist ihr Versuch, zu flunkern, erkennbar, doch das Erröten und die eindeutigen Zeichen, das ist Teil des Theaters. Eine Lüge, die nicht wirklich eine ist, beinahe niedlich, irgendwie süß. Und ganz große Kunst.

Alles nur Theater! Unser Verhalten hängt davon ab, welche Rolle wir spielen müssen (©S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Alles nur Theater! Unser Verhalten hängt davon ab, welche Rolle wir spielen müssen (©S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Und statt dass wir mit zunehmendem Alter weiser werden und Theater auf der Bühne lassen, reift unser Schauspieltalent. Jungs, die einen auf starker Mann machen, Mädchen, die rosa mögen und Einhörner. Das sind Rollen, Rollen, die wir verteilen und nach denen wir uns richten. Rollen, die wir spielen. Und auch das burschikose Mädchen mit Stoppelhaaren und Fußball unterm Arm wird zur Figur, zum Gegenpart, den es auf jeder Bühne braucht, sonst wird es langweilig. Nein, Erwachsene sind mitnichten besser. Frauen spielen Mütter, spielen Karrierefrau, spielen Erotikvorstellung. Männer spielen Handwerker, spielen Sportbegeisterte, spielen Ernährer. Die Welt ist ein Theater und wir sind die armen Schauspieler, die Rollen vorgesetzt bekommen und sich nach ihnen zu richten haben.
Es gibt kein Entkommen. Kein Aber, kein „Ich nicht“, kein Wegbleiben. So ist das bei gutem Theater, wir können nicht nicht mitmachen, wir können nicht nicht reagieren. Selbst der Ausstieg aus der Gesellschaft ist Teil des Stücks. Und wir wissen es. Über unseren Rollen haben wir vergessen, wer wir selbst sind. Schlimmer noch: Wir definieren uns über unsere Rollen. Aber: Ist es ohne sie überhaupt möglich? Was wäre das für eine Welt ohne Zuordnungen und Gruppenzugehörigkeiten? Traum oder Albtraum? Denn unsere Rollen bieten uns auch einen Rahmen der Orientierung, einen Schutz. Und solange theoretisch jeder alles erreichen kann – wäre es nicht schön, wenn es so wäre – sind wir zufrieden mit der Theorie und vergessen gnädig, dass die Praxis uns doch wieder in Rollen zwängt.
Und das Theater? Das richtige also, mit Bühne und bezahlten Schauspielern und Stücken, mit Geschichten und Drama? Das zeigt uns, was es uns immer schon zeigt. Die Welt. Mal als Spiegel, mal als Wunschvorstellung, mal als Ausblick, mal als Erinnerung. Und wir nehmen die Rolle der Zuschauer ein und applaudieren, wenn die Schauspieler sich verbeugen. Essen Popcorn im Kino, improvisieren vielleicht mal mit. Je nachdem, was unsere Rolle alles zulässt. Denn unsere Rolle, das sind wir.

Vorschau: Nächste Woche ist Sascha für euch hier mit einem neuen Thema bereit.

Biennale Wiesbaden – Theatererlebnisse aus ganz Europa

Spielt man Faust von Goethe oder den Sommernachtstraum von Shakespeare eigentlich auch in Ungarn? Sind die Monologe in italienischen Theaterstücken länger als in deutschen? Und spielt man in der Türkei eigentlich auch Theater?

Wenn ihr euch diese Fragen auch schon einmal gestellt habt oder ihr einfach internationale Theaterluft schnuppern wollt, dann kommt hier die Lösung. Im Juni heißt es wieder Bühne frei für „Neue Stücke aus Europa“. Vom 19.-29. Juni 2014 findet in Wiesbaden das Theaterfestival „Neue Stücke aus Europa – New Plays from Europe“ statt. Es gehört zu den bekanntesten internationalen Festivals und stellt thematisch ausschließlich zeitgenössische Theaterstücke in den Mittelpunkt.

Herrschaftlich: Das Staatstheater Wiesbaden wird wieder Schauplatz der europäischen Theaterbühne. (Foto: V.Wahlig)

Herrschaftlich: Das Staatstheater Wiesbaden wird wieder Schauplatz der europäischen Theaterbühne sein. (Foto: V.Wahlig)

In 11 Tagen wird mit 23 Produktionen aus 22 Ländern unter dem Thema „rebellisches Theater“ in 18 Sprachen das neue Bild Europas auf die Bühne gebracht. Im Jahr der Europawahlen stellen junge Europäer ihre Ideen und Verständnisse von einem vereinten Europa vielseitig vor. So auch die Dramaturgen, die von der Festivalleitung eingeladen wurden um mit dem Spiegel der Kunst Kritik, Ideen und europäische Geschichten zu erzählen. Es geht hierbei um Lebenswelten, die auch in einem vereinten Europa nicht in jedem Land dieselben sind.

Die alle zwei Jahre stattfindende Biennale machte ihre Anfänge 1992 in Bonn. Die 12. Ausgabe des seit 2004 in Wiesbaden stattfinden Festivals, ist nach 22 Jahren die Letzte. In Wiesbaden steht für die neue Spielzeit ein Intendantenwechsel an und somit findet auch die Biennale nach 10 erfolgreichen Jahren in Wiesbaden ihr Ende.

Gespielt wird vor allem in den Spielstätten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, aber auch im Lab und im Mousonturm in Frankfurt. Die Stücke werden in Originalsprache aufgeführt und während der Aufführung simultan übersetzt. So wird es dem Zuschauer ermöglicht sich ein Stück anzuschauen dessen Sprache er nicht spricht. Vor den Aufführungen wird es jeweils eine kurze Einführung geben, bei dem die Gruppe und der Inhalt des Stückes vorgestellt wird.

Die Biennale besteht aber nicht nur aus Aufführungen, sondern bietet auch ein breites Rahmenprogramm. Bei dem Forum für junge Europäer etwa werden unterschiedliche Workshops angeboten. So entsteht beispielsweise während des Festivals ein Blog, auf dem alles rund um die Biennale 2014 berichtet werden wird. Am Warmen Damm (direkt in der Parkanlage hinter dem Theater) wird es das Festivalzentrum geben. Hier werden Diskussionen stattfinden, aber es soll auch als Ort des Austauschs zwischen Beteiligten und Zuschauern dienen.

Mehr Informationen zu Stücken und dem Rahmenprogramm findet ihr auf der Internetseite des Festivals.

Vorschau: Auch im Juni gibt es wieder jede Menge Tipps für Theater, Kino und Lesefreude.

Das Prinzip Öffnung – wie viel Freiheit erträgt die Liebe?

„Ich will frei sein / frei wie ein Stern,der Himmel steht“, tönen die Goldkehlchen von Xavier Naidoo und „Glashaus“-Leadsängerin Cassandra Steen in ihrer Selbstverständlichkeit. Fast so, als wäre diese sogenannte Freiheit das erklärte und sogleich höchste Ziel eines jeden Menschen. Beinahe, als gäbe es nichts erstrebenswerteres als das. Ich frage mich ernsthaft, wie die beiden sich das in der Praxis wohl vorstellen.

Schließlich ist das mit der absoluten Freiheit ein ziemlich zweischneidiges Schwert. Einerseits wünscht sie sich jeder in gewisser Weise – sonst würde es vermutlich weit weniger junge Leute auf Reisen ins Ausland verschlagen und der besagte Song wäre wohl kaum mit derart goßer Begeisterung rezipiert worden – andererseits jedoch geht mit der Idee, sich selbst und andere von sich frei zu machen auch immer ein gigantischer Kompromiss einher. Ich denke da an niemand geringeren als meinen letzten Mehr-oder-minder-Freund zurück, als dieser mir den Vorschlag unterbreitete, unsere Hin-und-wieder-Beziehung auf eine ganz neue Ebene zu bringen und damit offener zu gestalten.

Schätzungsweise versprach er sich von dieser äußerst zeitgemäßen Alternative vor allem Eines: Freiheit. Damit ist jedoch keineswegs bloß die offensichtliche Freiheit, namentlich die Polygamie, gemeint. Hinter dem „Prinzip Öffnung“ steckt nämlich noch weit mehr als das. Zunächst einmal untersagt es mir, all die Dinge zu tun, zu sagen oder auch nur zu denken, die typischerweise einer Beziehung zugeschrieben werden. So hatte ich mir jedes Mal auf die Zunge zu beißen, wenn ich ihn in vollgekleckerten Jogginghosen in der Universität traf. Das Prinzip Öffnung entmündigte mich insoweit, als dass es mir die Rechtsgrundlage für Kritik entzog – schließlich sind nur feste Freundinnen befugt, für ihr Gegenüber die Style-Polizei zu spielen und bei Regelverstoß Sanktionen anzudrohen („Ich lasse mich mit dir nirgendwo mehr blicken, wenn du weiterhin außerhalb deiner Wohnzimmercouch keine vernünftigen Hosen trägst! Ach ja, und Sex bekommst du dann auch keinen mehr.“)

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Propagiert die uneingeschränkte Freiheit: Der deutsche R’n’B-Sänger Xavier Naidoo (Foto: Laljak)

Formulieren wir meinen persönlichen Präzedenzfall allerdings einmal nicht ex negativo, so haben wir es eigentlich doch mit einem richtigen Glückspilz zu tun. Hier hat sich jemand das Prinzip Öffnung beispielhaft zunutze machen können, sich eine rechtsfreie Zone geschaffen, in der ihm mehr als nur Beinfreiheit zusteht. Er kann sich melden, sooft oder so selten es ihm beliebt, schließlich darf niemand am anderen Ende der Leitung sitzen und über seine telefonischen An-und Abmeldungen Strichliste führen. Es erfordert seinerseits keiner besonderen „Investitionen“, im finanziellen wie im ideellen Sinn. Beinahe ist es so, als hätte das Prinzip Öffnung jede noch so kleine aufmerksame Geste, jeden widerwilligen Theaterbesuch und jedes Kaffeekränzchen mit versteinertem Lächeln und den angereisten Schwiegereltern einfach aus dem Programm verbannt.

Nun, wo man sämtliche vermeintliche Störfaktoren ausgemerzt hat, sollte doch als Essenz des selbst geschaffenen Weder-Fisch-noch-Fleisch-Verhältnisses pure Glückseligkeit übrig geblieben sein? Dem Namen nach haben wir es so immerhin mit keinem widerspenstigen Fisch zu tun, der uns, seinem glitschigen Naturell entsprechend, aus den Händen entflutscht. Allerdings hält das Prinzip Öffnung leider ebenso wenig Fleisch bereit, an dessen Substanz wir uns in guten wie in schlechten Tagen festhalten können, mag es manchmal auch von etwas zäher und knorpeliger Konsistenz sein.

So bleibt das Gefühl zurück, Xavier wie auch Cassandra könnten mir und dem Produkt meiner erprobten Freiheit unter Umständen die Kehrseite der Medaille vorenthalten haben – ich fühle mich um eine Beziehung betrogen. Doch vor allem haben sie mir mit ihrem musikalischen Populismus die Freiheit genommen, mich von vorneherein gegen das Prinzip Öffnung zu entscheiden. In dem Wissen, dass ich kein Vegetarier bin, möchte ich mir nämlich doch ganz gern die Optionen, mal Fisch und mal Fleisch sein zu dürfen, fürs Erste offenhalten.

Vorschau: Pünktlich zum Winteranfang lesen wir nächste Woche an dieser Stelle Saschas Hasstirade auf Schnee und Eis.

Ein Feuerwerk des Straßentheaters

Eine Gruppe Kopfloser halten jeweils ein Eis in der Hand und suchen wenige Stunden später einen Optiker auf. Eine goldene Zweisitzercouch unterhält sich mit einem Jungen, der sich erschöpft von der vorherrschenden Hitze darauf niedergelassen hat. Menschliche Rieseninsekten auf Sprungstelzen beschnuppern auf der Suche nach Nahrung ahnungslose Passanten.

Begeistern die Zuschauer: Zahlreiche Walkingacts in der Ludwigshafener Innenstadt (Foto: Gerald Kretzschmar)

Begeistern die Zuschauer: Zahlreiche Walkingacts in der Ludwigshafener Innenstadt (Foto: G. Kretzschmar)

Eine Frau und ein Mann schieben einen alten Kinderwagen, gefüllt mit allerhand Gemüse, durch die belebte Fußgängerzone der größten Stadt der Pfalz. Nach einem flüchtigen Blick in den Wagen bekomme ich eine Honigmelone in den Arm gedrückt. Sie ist mit Augen, einer Windel, einem Pflaster und einem Schnuller gefüllt. Es folgt ein Babyfläschchen, darin ist flüssiger Kompost. Das Baby – es hört auf den Namen Francesca – hat Hunger, ich solle es füttern. Die Blessur an ihrer Stirn kam durch zu heftiges Auf- und Abspringen im Flugzeug, so wird mir erklärt. Ein Mädchen neben mir streichelt liebevoll einen Bund Möhren.

Bei vorangegangener Schilderung handelt es sich keineswegs um die Szenerie einer Heil- und Pflegeanstalt, sondern um eine Darbietung des britischen Straßentheaterduos Plunge Boom, welches vorletztes Wochenende zusammen mit 20 Künstergruppen das vielseitige Programm des internationalen Straßentheaterfestivals in Ludwigshafen ausfüllte.

Trotzen den hochsommerlichen Temperaturen: Über 35.000 Menschen lassen sich vom Straßentheater verzaubern (Foto: Gerald Kretzschmar)

Trotzen den hochsommerlichen Temperaturen: Über 35.000 Menschen lassen sich vom Straßentheater verzaubern (Foto: G. Kretzschmar)

Das Spektakel für Jung und Alt jährte sich bei hochsommerlichen Temperaturen vom 25. bis zum 27. Juni zum 14. Male und lockte ganze 35.000 Menschen auf die Straße. Von skurrilen Walkingacts, die die Ludwigshafener Fußgängerzone unsicher machten bis hin zu pompösen Abendinszenierungen bot das Festival Programm satt. So konnte man auf dem Bürgerhof Irrwisch einen Tanz mit Klopapier und Leitern bestaunen. Auf dem Karl-Kornmann-Platz entführte uns das Bash Street Theatre mit ihrer Show The Strongman ganz nach Charlie Chaplin Manier in die Zeit der Stummfilme der 1920er Jahre. Weitaus lauter ging es auf dem Europaplatz zu. Dort boten die Pyromantiker ein hochexplosives, schwarzpulvergeladenes Lichterspektakel.

Einen musikalischen Wettkampf lieferten sich Paul Morocco & Olé bei einer wahrhaft clownesken Show auf dem Rathausplatz. Anita Eich (21), die dieses Jahr zum ersten Mal Besucherin des Internationalen Straßentheaterfestivals war, zeigte sich durchweg begeistert. „Die Ludwigshafener Innenstadt ist wie verwandelt und die sonstige Tristesse wie weggeblasen. An jeder Ecke gibt es etwas Neues zu entdecken. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus und es gibt immer was zu lachen“, so die Mannheimer Studentin.

Eine der großen Abendinszenierungen auf dem Europaplatz: die Pyromantiker (Foto: G. Kretzschmar)

Eine der großen Abendinszenierungen auf dem Europaplatz: die Pyromantiker (Foto: G. Kretzschmar)

Blickt man in die fröhlichen Gesichter der Besucher, so behält Anita Recht. Die Arbeiterstadt präsentierte sich diesertage in einem neuen Gewand und lieferte einen entscheidenden Beitrag zum Kulturangebot der Rhein-Neckar-Region.

Auch für Mannheimer lohnt es sich in jedem Fall, die sonst so verhasste Brücke über den Rhein zu passieren und sich von der Atmosphäre mitreißen zu lassen, wenn auch im nächsten Jahr wieder ein Internationales Straßentheaterfestival in Ludwigshafen stattfindet.

Vorschau: Nächste Woche gibt es hier ein echtes Stück Berliner Kultur – einen Artikel über das Deutsche Currywurstmuseum in Berlin.

Theaterkritik: Der zerbrochene Krug am Mannheimer Nationaltheater

Ein halbnackter Mann liegt auf einem roten, abgeschrägten Podest in der Mitte von zwei sich gegenüber befindlichen Stuhlreihen. Seine markerschütternden Schreie hallen von den Wänden wieder. Von der Decke hängen zwei lange Seile, die wie man sich nach einem Blick nach oben gewahr wird, zu zwei identischen Glocken gehören. In dieser Szenerie wälzt sich Dorfrichter Adam, scheinbar in einem nicht enden wollenden Alptraum gefangen, im eigenen Schweiß.

Mit derart gewaltigem Auftakt riss Nora Schlockers Inszenierung des Lustspiels „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist die Zuschauer des Mannheimer Nationaltheaters in ihren Bann.

Der Gegenstand der Handlung ist schnell erklärt: Ein kostbarer Krug der Frau Marthe Rull wurde zerstört, als jemand des Nachts in Tochter Eves Gemach eingedrungen ist. Die erboste Frau Marthe, gespielt von Anke Schubert, hat Eves Verlobten Ruprecht (Matthias Thömmes) in Verdacht und klagt diesen bei Dorfrichter Adam an. Im Beisein von Schreiber Licht (Sven Prietz) und Gerichtsrat Walter, der in die Stadt gekommen ist, um sich von der Ehrbarkeit des dortigen Gerichtswesens zu überzeugen, sieht sich Adam gezwungen, über eine Tat zu richten, die er selbst begonnen hat.

In jener intriganten und manipulativen Rolle des Dorfrichter Adams, brillierte Klaus Rodewald mit altbekanntem schauspielerischem Genie. Bekleidet mit einer eher unkonventionellen Richterrobe, stellte er den kompletten Gegensatz zum seriös wirkenden und gekleideten Martin Aselmann, in der Rolle des Gerichtsrates Walter dar. Trefflich erwies sich auch Marie Roths Kostümwahl für Eve, gespielt von Katharina Hauter, welche nicht nur äußerlich, sondern auch schauspielerisch ganz das unschuldige, hin- und hergeworfene Opfer mimte und schließlich zu einer entschlossenen und fordernden Frau wird, als sie den gesamten Hergang um die Zerstörung des Kruges aufdeckt. Zwischen Bibelanspielungen, wilder Hetzjagd um das Publikum und einigen humoristischen Mitteln ist das Stück, selbst in der selten gespielten Variant-Fassung, sehr kurzweilig.

Bei ihrem Mannheimer Regie-Debüt gelingt es Nora Schlocker, nicht nur Gerichtsrat Walter, sondern auch das Publikum mit Ratlosigkeit zurückzulassen, was nun recht und was unrecht ist. Das Publikum steht für das Volk ein, wird zum Spielball der Positionen und zum Teil der Verschwörung. Im politischen Kontext weisen die Lügen und Intrigen des Dorfrichters Adam auch einen aktuellen Bezug auf vorherrschende Systemstrukturen auf die, ebenso wie der Krug, schon mit Rissen überzogen sind. „Das Misstrauen und der Zweifel daran, dass irgendwer auf einer Staatsebene für das Volk einsteht und die Kritik daran, dass dieses System an seinen Wurzeln schon längst krankt , das finde ich an diesem Stück so unglaublich spannend“, so Schlocker selbst gegenüber dem Mannheimer Morgen.

Das vom Publikum mit viel Beifall bedachte Stück gibt es im Mai wieder im Mannheimer Nationaltheater zu sehen. Und sowohl auf Kleists Textvorlage, als auch auf die gelungene Inszenierung scheint diese Stellungnahme des Literaten Ludwig Tiecks perfekt zu passen:

„Aus einer Kleinigkeit so ein Gewebe herauszuspinnen , das sich vor unsern Augen bald mehr und mehr verwickelt, bald wieder schnell zu lösen scheint, so lebendig, stets neu, alle Figuren wahr, alles die höchste Teilnahme erregend, sodass man das Unbedeutende der Sache selbst vergisst und sie uns ebenso wichtig wie den streitenden Parteien erscheint, ist meisterhaft.“

Vorschau: Im zweiten Teil des großen Serienchecks dreht sich nächste Woche alles ums Thema Dramaserien.

 

 

„Wir sorgen für ein positives Image der Stadt“ – ein Interview mit Dietrich Skibelski, Leiter des Ludwigshafener Kulturbüros

„Kultursommer“, „Internationales Straßentheaterfestival“ und „Schultheaterwoche“ – das Kulturangebot in Ludwigshafen ist groß. Zuständig für das bunte Programm ist das Kulturbüro der Stadt. Face2Face sprach mit Diplom-Bibliothekar Dietrich Skibelski (58), dem Leiter der Einrichtung, unter anderem über die Planung von Großveranstaltungen und über spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche.

Face2Face: Durch das durch Nachkriegsarchitektur geprägte Stadtbild Ludwigshafens reagieren viele Menschen überrascht, dass es dort ein großes Kulturangebot geben soll. Was hat also eine Stadt wie Ludwigshafen mit Kultur zu tun?
Skibelski: Ohne Kultur würde es kein richtiges städtisches Leben geben. Gerade in einer Stadt wie Ludwigshafen, mit großem Anteil an Arbeiterbevölkerung, ist im kulturellen Segment „kulturelle Bildung“ sehr wichtig. Auch wenn viele überrascht wirken: an kulturellen Angeboten mangelt es keinesfalls und ich kann nur dazu aufrufen, sie zu nutzen.

Face2Face: Sie sind jetzt seit 17 Jahren Leiter des Kulturbüros der Stadt Ludwigshafen. Welche Entwicklung hat das Kulturbüro in dieser Zeit genommen?
Skibelski: Wenn das Kulturbüro auch eine kleine, aus zwei Personen bestehende Einheit ist, sorgt es für ein positives Image der Stadt und verschafft den Menschen ein Stück Lebensqualität. Im Laufe der Jahre haben wir es geschafft, diverse Veranstaltungen fest in den Jahresplan zu etablieren. So gibt es zum Beispiel eine Schultheaterwoche, an der jährlich viele hundert Schüler teilnehmen und einen Kultursommer, der als regelrechte Bürgerbewegung bezeichnet werden kann, bei der lokale Künstler, kulturell interessierte Vereine und Vereinigungen aktiv sind.
So könnten wir etliche Veranstaltungen des Kulturbüros nennen, die mittlerweile eine Visitenkarte für Ludwigshafen geworden sind, wie zum Beispiel das Ludwigshafener Straßentheaterfestival.

Face2Face: Veranstaltungen wie das gerade erwähnte „Internationale Straßentheaterfestival“, „Kindertheater International“ oder das „Festival des deutschen Films“, finden jedes Jahr statt. Was ist Ihr persönlicher Höhepunkt im Jahr?
Skibelski: Obwohl die meisten Leute vom „Festival des deutschen Films“ schwärmen, das mit der Parkinsel eine eindrucksvolle Location, qualitativ hochwertige Filme, sowie ein großartiges Ambiente bereithält, ist der persönliche Höhepunkt für mich jedoch ohne Zweifel das „Internationale Straßentheaterfestival“.

Face2Face: Der „Kultursommer“ in Ludwigshafen erstreckt sich über fast zwei Monate im Sommer. Wie viel Zeit wird im Voraus benötigt, um diesen zu planen?
Skibelski: Etwa neun Monate vorher laden wir die Beteiligten des letzten „Kultursommers“ und neue Künstler zu einer Besprechung ein, in der wir den vergangenen „Kultursommer“ Revue passieren lassen und schon für das nächste Jahr planen. Pauschal kann man jedoch sagen, dass das Ende des letzten der Anfang des nächsten „Kultursommers“ ist.

Face2Face: Die Heranführung von Kindern und Jugendlichen an die Kultur ist ein Thema, das nicht vernachlässigt werden sollte. Wo sehen Sie das kritische Alter, in dem Kinder oder Jugendliche nur schwer für Kultur zu begeistern sind und welche Lösungsvorschläge hält die Stadt Ludwigshafen dafür bereit?
Skibelski: Bei meiner Tätigkeit als Bibliothekar und durch die Arbeit der Stadtbibliothek bezüglich kultureller Bildung bei Kindern und Jugendlichen, habe ich erlebt, dass man Kinder für Kunst, Theater und Literatur unheimlich begeistern kann. Meiner Meinung nach geschieht irgendwann im Jugendlichenalter dann ein Bruch. Man kann nur hoffen, dass die Saat, die man gesät hat, überwintert und bei den jungen Erwachsenen wieder durchbricht. Ebenfalls sollte man darauf achten, dass die Bemühungen nicht zu penetrant werden. Es sollte lediglich darauf geachtet werden, diese kleine Flamme nicht erlischen zu lassen.

Face2Face: Ludwigshafen hat einen über 20%-igen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und viele sozialschwache Familien, in denen es vielleicht weniger geläufig ist, Kulturveranstaltungen zu besuchen. Wie gelingt es Ihnen, diese Menschen zu erreichen?
Skibelski: Natürlich vernachlässigen wir in Ludwigshafen die Angebote, die man zur Hochkultur zählen würde, keineswegs. Aber seitens der städtischen Kultureinrichtungen legen wir sehr viel Wert darauf, Angebote mit einer geringen Schwellenhöhe bereitzustellen, um die Schwellenängste zu reduzieren. Beim „Straßentheaterfestival“ oder dem „Hack-Museums-GARTen“ beispielsweise muss man weder die Schwelle eines hohen Eintrittsgeldes, einer Abendgarderobe, intellektueller Gesprächen in der Pause noch die eines direkten Gangs zum Theater überwinden. Die Kultur wird in eine Alltagssituation integriert, was dazu führt, dass man die Kultur zu den Menschen bringt, anstatt die Menschen zur Kultur zu bringen.

Face2Face: Trotz angespannter Haushaltssituation ist es Ihnen möglich, viele Veranstaltungen kostengünstig oder gar kostenlos anzubieten. Wie schaffen Sie es, dieses umfassende Kulturprogramm zu finanzieren?
Skibelski: Größtenteils werden die Veranstaltungen durch die Stadt Ludwigshafen finanziert. Dennoch müssen finanzielle Drittmittel akquiriert werden, also Gelder vom Land, Eintrittsgelder oder Geld von privatwirtschaftlichen Sponsoren, wie zum Beispiel der Sparkasse Vorderpfalz oder der BASF.
Ebenfalls verkaufen wir beim „Straßentheaterfestival“ sogenannte Sympathiebuttons, die zum Preis von nur zwei Euro ein bisschen zum Etat beisteuern sollen.

Face2Face: In Ludwigshafen, Mannheim und Umgebung gibt es viele Studenten. Für uns wäre es daher interessant zu erfahren, welche kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen sich an diese Zielgruppe richten.
Skibelski: Vor allem allen geisteswissenschaftlich interessierten Studenten und Studentinnen empfehle ich die Veranstaltungen des „Ernst-Bloch-Zentrums“, das angefangen bei Diskussionsrunden, über kontroverse Fragen, bis hin zu Ausstellungen einiges an universitär ausgerichteten Kulturangeboten bereit hält.
Am Freitag, 21. September wird zudem der „Ernst-Bloch-Preis“ verliehen. Dabei handelt es sich um eine Auszeichnung, die alle drei Jahre an Personen verliehen wird, die in den Geisteswissenschaften Großes geleistet haben.

Face2Face: Auch 2013 wird das Kulturbüro bestimmt viele Veranstaltungen für Kulturbegeisterte bereithalten. Geben Sie uns doch einen kurzen Ausblick!
Skibelski: Im Herbst 2013 wird, wie vor zwei Jahren, wieder das „Fotofestival“ unter Kooperation der Städte Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen stattfinden. Dieses Jahr wird es jedoch eine Besonderheit geben: Das „Fotofestival“ wird zusammen mit der Fotoagentur „Magnum“, die international als wegweisend und sehr erfolgreich gilt, durchgeführt.
Aber natürlich wird es 2013 auch wieder einen „Kultursommer“ sowie ein „Straßentheaterfestival“ geben. Auch die großen Kultureinrichtungen werden ihre Angebote aufrechterhalten.

Kontakt
Stadtverwaltung Ludwigshafen
Bereich Kultur – Kulturbüro
Bismarckstraße 44-48
67059 Ludwigshafen
Tel. 0621/504-2263
Ansprechpartnerin: Sabine Sahling

Vorschau: Nächste Woche Freitag lest ihr Interessantes über das „Projekt-X“-Phänomen.

Auf den Brettern, die die Welt bedeuten…

Stimmengemurmel. Rascheln. Lachen. Irgendwo hinter dem schwarzen Vorhang sitzen unsere Zuschauer und warten darauf, dass das Stück „Küsschen, Küsschen“ beginnt. Wir haben uns eingeschworen, jedem über die Schulter „Toi, toi, toi“ gewünscht und sind ganz nervös. Für mich ist es das erste Mal, dass ich selbst auf der Theaterbühne stehe und nicht Zuschauer bin. Einerseits freue ich mich wahnsinnig, gleich in eine andere Rolle zu schlüpfen, auf der anderen Seite habe ich Angst, dass etwas schief geht. Meine Hände zittern und mein Magen scheint einen Salto rückwärts hinzulegen, als es endlich losgeht.

 Acht Geschichten des bekannten englischen Schriftstellers Roald Dahl hat die Theatergruppe Dicke Luft aus Speyer unter Norbert Franck auf die Bühne gebracht. Roald Dahl wurde in den 50-iger und 60-iger Jahren durch seine Kindergeschichten wie „Charly und die Schockoladenfabrik“ oder „Matilda“ sowie durch seine makaberen, oftmals mit schwarzem Humor versehenen Kurzgeschichten für Erwachsene bekannt. Die berühmtesten Kurzgeschichten finden sich in den Sammelbänden „Küsschen, Küsschen“ oder „… und noch ein Küsschen“. Die Zuschauer durften sich also auf einen schaurig-schönen Abend freuen und auf die Umsetzung gespannt sein.

 Etwas über zwei Monate hatten wir an den einzelnen Stücken geprobt und viel Herzblut hineingelegt – und nun war es so weit: Wir durften vor einem Publikum spielen. Während ich auf meinen Einsatz als schwarzhaarige Hebamme wartete, lugte ich ab und an durch den schwarzen Vorhang, um einen kurzen Blick auf die Zuschauer und deren Gesichter zu erhaschen. Erleichterung durchflutete mich. Das Stück gefiel. Auf manchen Gesichtern erkannte ich ein breites Grinsen, auf anderen Skepsis, um bei manch einem Zuschauer auf Verwunderung oder gar leichten Ekel zu treffen. Alles in allem Reaktionen, die unsere kleinen Geschichten hervorrufen sollten.

 Schließlich war es auch für mich an der Zeit – zusammen mit Dorothea Förster, Bernhard Friedmann und Stefan Sold – die Bühne zu betreten und unsere Geschichte aufzuführen. Im schummrigen Dunkel traten wir nach draußen, nahmen unsere Plätze ein und warteten, bis das Scheinwerferlicht wieder anging und wir beginnen konnten. In diesem Augenblick schoss mir ein passender Auszug aus dem Lied von Juli durch den Kopf: „Elektrisches Gefühl, ich bin völlig schwerelos; elektrisches Gefühl, wie beim ersten Atemzug…“. Genauso fühlte ich mich, als das Licht anging und ich einfach alles um mich ausblendete. Adrenalin floss durch meinen Körper und ich konzentrierte mich nur noch auf das Spielen. Es war unglaublich – alles, was zählte, war das, was ich gerade tat. Nichts weiter…

 Der Abend verging wie im Flug. Keine Pannen und fast fehlerfrei brachten wir zweieinhalb Stunden hinter uns. Der Applaus der Zuschauer zum Schluss riss uns wieder zurück in die Realität. Die Premiere war geschafft, und wir mit unseren Leistungen zufrieden. Mittlerweile haben wir sechs weitere Aufführungen hinter uns und bisher eine gute Resonanz bekommen. Die vorerst letzte Aufführung von „Küsschen, Küsschen“ wird am 21. Juni 2011 um 20Uhr im Kulturbeutel im Domgarten in Speyer stattfinden.

 Ich habe während dieser Zeit viel über mich selbst gelernt. Rollenspiele können uns eine Menge erkennen lassen und uns einen Spiegel vorhalten. Ich bin über mich selbst hinausgewachsen, in dem ich in zwei verschiedene Rollen geschlüpft bin, die mit mir so gar nichts zu tun haben. Kein einfaches Unterfangen und dennoch ist es mir zum Schluss gelungen. Diese Erfahrungen sind wertvoll. Theaterspielen kann wirklich gut für die eigene Psyche sein, denn man lernt fast spielerisch – bedingt durch den Perspektivenwechsel – einerseits Fremdes aber auch sich selbst besser zu verstehen. Ansätze, die sich beispielsweise bei Kaspar H. Spinner und auch im heutigen Unterricht oft finden lassen. Außerdem wird die Imaginationsfähigkeit gefördert und das eigene Ich-Verständnis, da man sich teilweise recht intensiv mit der zu spielenden Figur auseinandersetzen muss.

 Aber nicht nur das zeichnet das Theaterspielen an sich aus, sondern auch der Kontakt zu neuen Menschen, das Sammeln neuer Erfahrungen und die Erinnerungen an lustige, schaurige und großartige Momente. Es kann uns dabei helfen, mehr über uns selbst zu erfahren und unseren oft hektischen Alltag hinter uns zu lassen. Denn mit dem Theaterspielen machen wir uns ja nicht nur selbst eine Freude, sondern schenken auch anderen – nämlich denjenigen, die uns zuschauen – einen Moment jenseits des Alltagsgeschehens. Voraussetzung ist natürlich, dass man selbst Theater spielen möchte und auch Spaß daran hat, sonst ist das Ganze wohl eher kontraproduktiv

 In diesem Sinne wünsche ich euch eine kreative Woche!

Eure Lea

Vorschau: Was EHEC eigentlich ist, und warum Eva der ganze Medienrummel suspekter ist, als der Erreger selbst, lest ihr hier nächste Woche.