Talksympath, Lebensberater, Zuhörer – 20 Jahre Domian

Von Melanie Denzinger und Johannes Glaser.

Finn (16) ist verliebt. Vor einem Jahr stand sie plötzlich in seinem Zimmer. Die gleichaltrige Lara (†) kam einfach durch die Tür. Doch Lara ist ein Geist – den nur Finn sehen kann. Der Liebe tut das freilich keinen Abbruch. Diese unkonventionelle Liebesbeziehung erzählt der Jugendliche in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, den 13. März 2015, Jürgen Domian – und der gesamten Zuschauerschaft und Zuhörerschaft von WDR und 1Live.

Derlei Geschichten finden sich zuhauf in den über 3.000 Episoden Kult-Telefontalks Domian: Geschlechtsverkehr mit 60 Kilo Hackfleisch, Weltumrundungen auf dem Elektromobil oder die Lebensgewohnheiten erwachsener Muttersöhnchen – Nacht für Nacht versuchen etwa 30.000 Anrufer in Dialog mit Domian zu treten. Dabei kommen natürlich nicht nur lustig-absurde Stories zur Sprache; oftmals sind es Huren, Ratlose, Trauernde, aber auch Neonazis, angeblich gar Rapper Kay One, und eben auch unzählige andere Anrufer, die sich an den sympathischen Kölner Moderator wenden wollen; Domian talkt, und unzählige Zuhörer und Zuschauer hängen an seinen Lippen. Domian spricht mit jedem, egal, wie er eingestellt ist.

Damit vermittelt das Format seit 20 Jahren spannende Einblicke in die Lebenswelten und Gedanken von Menschen, die etwas zu erzählen haben – und darüber erzählen wollen. Dabei kommen eben auch ungewöhnlichere, geradezu skurrile Dialoge zustande, die offensichtlich ein voyeuristisches Bedürfnis des Publikums bedienen können, wie kaum vor anderer Kulisse. Dabei geht es aber gar nicht darum, diese Menschen zur Schau zu stellen. Domian begegnet all diesen Geschichten mit dem angemessenen Respekt und nimmt sich tatsächlich die Zeit – soweit das im Rahmen einer einstündigen Show eben möglich ist – sich mit den Problemen seiner Anrufer auseinanderzusetzen. Hat der Anrufer ein echtes Problem, endet jedes Telefonat mit einer Hand voll guter Ratschläge durch den Moderator, oft auch mit Vermittlung an das im Hintergrund arbeitende, psychologische Fachpersonal der Sendung, oder mit einem Aufruf an das Publikum. Wer bei Domian anruft, so könnte man meinen, dem wird geholfen.

Und kaum ein deutscher Rundfunkmoderator macht seinen Job so professionell wie Jürgen Domian: Indem er stets die richtige Frage parat hat, sich langsam an die Anliegen der Anrufer herantastet und für erst einmal alles ein Ohr hat – dabei aber auch stets seinen (moralischen) Standpunkt klarmacht. Moralisch aber scheint Domian offen für prinzipiell alles; zumindest für alles, was niemandem schadet, wie er regelmäßig äußert. Verletzt aber ein Anrufer diese Maxime, dann wird der Sachverhalt durch Domian klar abgeurteilt.

Wie viele Menschen tatsächlich schon von den Ratschlägen profitierten, lässt sich natürlich nur schätzen. Immerhin ist bekannt, dass etwa 20.000 Anrufer bislang durchgestellt wurden. Und so ist es problemlos möglich, unter der Woche nachts ab 1 Uhr von quasi jeder nur denkbaren Eigenart oder Lebenslage zu erfahren. Domian ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Medienlandschaft.

Kurz vor dem 20-jährigen Jubiläum – das während Domians österlichem Exil stattfindet – gab der Berufszuhörer allerdings die nahende Einstellung seines Kulttalkes Ende 2016 bekannt; die Anrufer äußern sich nach wie vor betrübt über diese Entscheidung. Aber Domian möchte, so sagt er, einmal wieder mehr von der Sonne sehen. Und diesen Wunsch respektieren seine Fans tatsächlich, wie bereits vielfach in Anrufen geäußert.

Domians Lebenswerk ist schon heute Teil der Mediengeschichte. Der Beichtvater des deutschsprachigen Rundfunks wird eine große Lücke im Nachtprogramm zurücklassen. Über seine Nachfolge ist bislang nichts bekannt, und auch, ob das Format überhaupt erhalten bleibt, ist nicht geklärt. Doch sicher ist: Ohne den kultigen Charakter von Jürgen Domian wird die Show einiges an Charme einbüßen.

IP – ob ich will oder nicht

Bald via Internet: Immer mehr Telefonanschlüsse sollen digital werden.

Bald via Internet: Immer mehr Telefonanschlüsse sollen digital werden. (© Rainer Sturm/Pixelio.de)

Neulich habe ich Post von der Telekom bekommen. An sich bin ich eher abgeneigt gegenüber Briefen von der Telekom, weil es immer etwas Schlechtes bedeutet. Bestenfalls sind es Werbebriefe à la „Internet zum Schnäppchenpreis“. Wie dem auch sei: Meine düstere Ahnung hat sich prompt bestätigt. Die Telekom hat mir mitgeteilt, dass ich jetzt IP-Telefonie nutzen muss, also Telefonieren übers Internet. Punkt. Andernfalls hätte ich eben gar keinen Anschluss mehr.

Mich stört schon die Tatsache, dass man auch freundlicher auf ein neues Netz hinweisen kann, als durch die Androhung einer Zwangskündigung. Sie hätten mir auch schreiben können, dass wir den Vertrag umwandeln müssen. Alles im Zuge der neuen Infrastruktur. Das klingt doch gleich netter als „Wenn sie sich nicht für einen neuen IP-Vertrag entscheiden, müssen wir leider ihren Festnetz-Anschluss kündigen“. Dann vielleicht noch ein paar erklärende Worte, warum die Umstellung überhaupt sein muss, und ich wäre deutlicher weniger sauer.

Doch genau da liegt eines der Probleme: Es gibt keinen wirklich guten Grund dafür, das analoge Festnetz abzudrehen, es ist wieder eine Sparmaßnahme. Momentan muss die Telekom immer noch zwei Netze betreuen und instand halten: Das analoge, also „normales“ Telefon, und das digitale, sprich Internet. Wo es dann kein analoges mehr gibt, muss die Telekom nur noch das digitale Netz verwalten und warten. Ganz schön praktisch, nicht?

Wenn ich zynisch bin, kann ich noch weiter gehen und behaupten, dass IP die Abhörmaßnahmen der Nachrichtendienste einfacher und billiger macht. Immerhin müssen sie nur noch das digitale Netz anzapfen. Das heißt, sie bekommen alle Daten über ein einziges Medium. Das sei nur am Rande erwähnt.

Schlagader der Moderne: Immer mehr Dienste laufen über das Netzwerkkabel.

Schlagader der Moderne: Immer mehr Dienste laufen über das Netzwerkkabel. (© Marko Greitschus/Pixelio.de)

Mich interessiert vor allem, dass diese seltsame Zwangs-Umstellung gehörig in meinen Alltag eingreift. Was zum Beispiel, wenn das Internet mal wieder weg ist? Mit dem analogen Netz konnte ich wenigstens noch bei der Telekom anrufen und den Ausfall melden, mich beschweren. Jetzt heißt es: Internet weg, alles weg.

Ich muss damit leben, dass ich meinen Router jetzt rund um die Uhr laufen lassen muss, wenn ich über das Festnetz erreichbar bleiben will. Das heißt im Endeffekt erhöhte Stromkosten für mich, denn bisher hatte ich die Angewohnheit dem Router den Saft abzudrehen, wenn ich ihn nicht gebraucht habe. Ab jetzt brauche ich ihn ja grundsätzlich immer, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Immerhin ist die Telekom so hilfsbereit und aufdringlich, gleich neue Hardware für das digitale Netz anzupreisen. Ich bräuchte ja unbedingt einen neuen Router. „Ach, wirklich, ist dem so?“, war da meine rhetorische Gegenfrage. Ich habe schon jetzt einen Router von der Telekom. Das Ding frustriert mich immer wieder aufs Neue, denn verwalten lässt es sich so gut wie nicht. Aber: Der Kasten ist IP-Telefonie-fähig. Definitiv! Zwei Telefon-Anschlüsse auf der Rückseite und, oh Wunder, in den Einstellungen kann ich auch Telefonnummern eintragen. „Nein, mein Router reicht, der ist IP-fähig!“

Für mich war das Gespräch damit beendet. Doch was ist mit all den älteren Leuten, die froh sind, dass sie überhaupt mit Routern und Computern zurecht kommen? Allein schon der Gedanke an eine Umstellung auf so eine komische Internet-Telefonie sorgt für Verwirrung. Dann noch der Mitarbeiter der Telekom, der seine überteuerten Geräte loswerden will – viele sagen da schneller ja und Amen als nötig. „Der junge Mann von der Telekom wird schon wissen, was ich brauche.“ Leider weiß er nur zu gut, was das Beste für den Konzern ist, nicht unbedingt für den Kunden.

Wehren kann ich mich ja leider nicht gegen die IP-Telefonie, ich muss in den sauren Apfel beißen. Dafür habe ich mein angebliches VDSL runter gestuft. Jetzt lebe ich wieder mit normalem DSL, wobei ich von der Geschwindigkeit und vom Durchsatz her keinen Unterschied erkenne. Leider ist auch das mit dem VDSL so eine Sache: Bin ich zu weit vom Verteiler weg, dann ist das superschnelle Internet genauso schnell wie der Standard-Anschluss, nur dass er mehr kostet. Aber das ist wieder eine andere Baustelle in der Welt des rosa Internet. Ob es wohl eine Möglichkeit gibt, wenigstens eines der vielen Probleme bei der Telekom zu beheben?

Vorschau: Regeln begegnen uns überall im Alltag und Eva wird sich nächste Woche mit der Frage beschäftigen, wie wichtig Regeln eigentlich sind.