Die Flüchtlingskrise: Ein Update

KOMMENTAR: Mittlerweile ist es November. Die sogenannte Flüchtlingskrise ist schon lange zum innenpolitischen Problem erhoben worden. Offiziell befindet sich diese Krise jetzt in ihrem zweiten Jahr – völlig ungeachtet der Tatsache, dass auch vor 2015 Einwanderung auf diesem Weg stattfand. Zur Erinnerung: Der Krieg in Syrien dauert bereits fünf Jahre an. Bisher wurde angenommen, dass etwa eine 250.000 Menschen dabei ums Leben gekommen sind. Allerdings wurde die Zählung der Opfer Mitte 2014 eingestellt, da zuverlässige Daten nicht zugänglich seien, so der UNHCR. Seit 18 Monaten können die Verluste also nicht einmal mehr erhoben werden. Wissenschaftler des Syrischen Zentrums für Politikforschung gehen bereits von einer Dopplung der Zahl aus.

Es haben zwar über den gefährlichen Seeweg mehr als 171.000 Personen von der Türkei aus die Ägäischen Inseln Griechenlands erreicht. Aber mit den Rekordzahlen des Vorjahres hat das nur noch wenig zu tun. Noch in den ersten beiden Monaten des Jahres kamen ganze Flüchtlingsströme auf den Inseln an. Der Strom aber hat sich seit dem Inkrafttreten des Abkommens zwischen der Türkei und der Europäischen Union vom 20. März 2016 verlagert. Nach Griechenland kommen vor allem Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak – knapp die Hälfte sind Syrer.

In Syrien verschlimmert sich die Lage zusehends. So erklärte Stephen O’Brien –UN-Koordinator für humanitäre Hilfe – , vor dem New Yorker UN-Sicherheitsrat, dass dort derzeit 974.080 Menschen in belagerten Städten und Dörfern ausharren. Vor einem halben Jahr sei weniger als die Hälfte betroffen gewesen. Dazu komme noch der Winter. Die Menschen  seien abgeschnitten von Hilfsleistungen. Fassbomben und Chlorgasangriffe kosten nicht nur unzählige Leben, mittlerweile seien auch die letzten verbleibenden Krankenhäuser und zivilen Einrichtungen unter Beschuss genommen. Schuldig sei daran – in der Regel durch Augenzeugen und lautstarke Äußerungen der US-Regierung bekundet – die Syrische Armee samt russischen Verbündeten. Eine Waffenruhe ist nicht in Sicht. Trotzdem sind die Ankunftszahlen seit März massiv abgefallen. Dass die Umsetzung eines politischen Abkommens derart signifikant auf den Flüchtlingsstrom einwirken kann, lässt tief blicken und eröffnet dabei trotzdem Raum für Spekulationen über eine Beteiligung – oder zumindest die Mitwisserschaft – der türkischen Regierung.

Signifikant steigt daraufhin allerdings die Zahl derer, die die Küsten Italiens ansteuern: Knapp 165.000 Personen kamen über das Mittelmeer aus Nigeria, Eritrea und anderen afrikanischen Ländern. Der Ausspruch „Afrika sitzt auf gepackten Koffern“ macht nicht nur die Runde, sondern auch Angst, denn Afrika ist groß und das Boot für viele schon voll.

Folter unter dem Deckmantel bedauerlicher Einzelfälle

KOMMENTAR: Verbrechen gegen die Menschlichkeit – das Englische „crime against humanity“, das sich mit der politischen Theoretikerin Hannah Arendt kritischer mit „Verbrechen gegen die Menschheit“ übersetzen lässt – beschreiben einen Straftatbestand im Völkerstrafrecht. Dieser wurde 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Londoner Statut eingeführt. Zunächst im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes erwähnt, wurde dieses Statut vom Internationalen Militärgerichtshof als Tatbestand vertraglich festgelegt.

Das seit 2002 in Kraft getretene Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshof listet im siebten Artikel elf Verbrechen, die einem „ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung“ entsprechen. Dieses Statut findet auch außerhalb von Kriegshandlungen Anwendung und beinhaltet vor allem Aspekte vorsätzlicher Handlungen in rassistischer oder sexuell-ausbeutender Absicht, Ausrottung, Versklavung und ebenso explizit jegliche Art der Folter.

Dass es im Zuge des sogenannten „Antiterrorkriegs“ zu Handlungen kam, die unzweideutig als Folter zu bezeichnen sind, wird bereits darin deutlich, wie diese etwa im Film „Zero Dark Thirty“ aus dem Jahr 2012 präsentiert, wenn nicht gar naturalisiert werden: Eingeleitet durch originale Telefonmitschnitte des kollektiven Trauma-Erlebnisses des 11. Septembers 2001 wird im Kontext des Films etwa in einer Szene die Folterungspraxis des „Waterboardings“ (Anm. d. Red.: Unter Waterboarding versteht man ein Vorgehen, bei dem ein Handtuch über Mund und Nase gelegt wird, das mit Wasser übergossen wird, was den Eindruck herbeiführt, man würde ertrinken) aufgegriffen und in zeitlicher Folge mit dem Anschlag auf die Londoner U-Bahn 2005 in Verbindung gebracht. Die Fiktionalität dieses von Kathryn Bigelow verfilmten Werkes wurde dabei stets betont, obwohl seit der vergangenen Woche eindeutig klar ist: Das ist – wenn überhaupt – nur die Spitze des Eisbergs.

Unter dem Euphemismus „erweiterter Verhörmethoden“ wurden mindestens 119 Personen gefoltert, wobei 29 davon nicht hätten festgehalten werden dürfen. Diese Methoden erstreckten sich nicht nur auf das bereits erwähnte und schwer zu verurteilende „Waterboarding“, sondern auch auf tagelangen Schlafentzug, Drohungen von Gewalt gegen Familienmitglieder, schmerzhafte Maßnahmen bis zur Zwangsernährung. Damit endet nur die Aufzählung dessen, was in Absprache mit der CIA in einer mehr als hundertseitigen Zusammenfassung – neben zahllosen Schwärzungen und Pseudonymen beziehungsweise Anonymisierungen von Orten und Personen – Platz findet.

Bei einer Pressekonferenz zu diesem Bericht sprach der Direktor der CIA, John Brennan, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung, von „bedauerlichen Einzelfällen“ und „einigen Fehlern“, und versucht somit, dem Skandal einen Anstrich von Legitimität – angesichts der Situation nach den Terroranschlägen des 11. Septembers – oder gar Normalität zu geben. Die Regierung sei über das Vorgehen informiert gewesen, heißt es weiterhin, es habe keine systematische Täuschung stattgefunden. Der Schutz der Vereinigten Staaten von Amerika sei stets erklärtes Ziel gewesen. Es wird sogar noch weiter gegangen: Der Bericht sei zu verurteilen, weil er jene verunglimpfe, die ihr Leben für die USA riskierten.

Allerdings heißt es im erläuternden Absatz 2 des Römischen Statuts, dass „Folter […] die absichtliche Schmerzenszufügung, körperlich oder mental, von Personen in Haft oder unter Kontrolle durch Ankläger [bedeutet]“ und dieses menschenverachtende Vorgehen steht seit 1945 unter Strafe, sodass sich höchstens durch den zweiten Teil dieser Erläuterung Aufschluss geben kann. Denn „ausgenommen sind Schmerzen und Leiden, die der legale Strafvollzug mit sich bringt“ – was nun aber im jeweiligen Land als „legaler Strafvollzug“ gilt, kann als sehr unterschiedlich bezeichnet werden und offenbart die tiefschwarze Grauzone, in der sich das Vorgehen der CIA einordnen lässt.

Die Süddeutsche Zeitung führt am gestrigen Sonntag, den 14. Dezember, den Titel „Europa muss anklagen“, auch wenn das politisch heikel erscheinen mag: Während des Zweiten Weltkriegs stellte sich die USA auf die Seite der ethischen Moral – gemeinsam mit den anderen alliierten Ländern – und stellten mit der Verabschiedung des Londoner Statuts das Fundament, solche Verstöße gegen die Menschlichkeit zu ahnden. Dies nicht zu tun kommt einem Verstoß gegen Internationales Recht gleich. Die Bundesregierung, in Person von Regierungssprecher Steffen Seibert vertreten, dekliniert ihre Verantwortung allerdings im Rahmen einer Bundespressekonferenz – übrigens im Widerspruch zu den Aussagen von UNO- Menschenrechtsberichterstattern, die eine Anzeige als allgemeine, nicht-institutionsgebundene Pflicht auffassen – auf das Bundesjustizministerium. Ob dieser weitreichende Verstoß gegen die Menschheit überhaupt zur Anklage kommt, ist derzeit noch fraglich und angesichts der Tatsache, dass zuletzt sogar der nachweisliche Einsatz von Chemiewaffen in Syrien nicht zur Anklage kam, auch  unwahrscheinlich.

Weltschmerz

KOMMENTAR: Mitten im deutschen Sommer, wenn Maut, Ferienstaus und Bahnunfälle die größten Ärgernisse der Gesellschaft sind, wütet andernorts Krieg, Verwüstung und Tod. Die Krisenherde umfassen beinahe den ganzen Globus – und kein Konflikt macht aktuell den Anschein, auf ein friedliches Ende hinzustreben.

Mit dem Scheitern des Assoziierungsabkommens begann bereits im November 2013 der Konflikt in der Ukraine, der mittlerweile zu einem Krieg um Land, Bodenschätze und Identität angeschwollen ist. Scheinbar als ein Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland geführt, verhärten sich die Fronten zusehends: Als die Boeing 777 der Malaysia-Airlines-Flug 17 – kurz MH017 – am Donnerstag, den 17. Juli mit 283 Passagieren und 15 Crew-Mitgliedern auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine abstürzt, spitzt sich die Lage erneut zu. Seitens der USA und Europa wurden nun in der zweiten Runde Sanktionen gegen den vermeintlichen Rebellenunterstützer im Kreml verabschiedet: Diesmal sollen der Finanz- und Wirtschaftssektor des Landes entschieden getroffen werden. In der Ukraine wird derweil eine Kriegsabgabe von anderthalb Prozent auf alle steuerpflichtigen Privateinkommen im Land erhoben, die bis zum 1. Januar 2015 gelten soll – das beschloss das Parlament in Kiew mit großer Mehrheit. Auch lehnte das Parlament am Donnerstag das Rücktrittsgesuch von Regierungschef Arseni Jazenjuk ab und sprach ihm das Vertrauen aus. Somit muss Jazenjuk jetzt doch im Amt bleiben.

Derweilen rafft auch der seit Anfang 2011 entbrannte Bürgerkrieg in Syrien mehr als 170.000 Menschen hin; Millionen Menschen sind noch immer auf der Flucht, wie der Spiegel berichtet. Allerdings hat sich der anfänglich auf eine Demokratisierung ausgerichtete Konflikt zu einem entropischen Endzeitszenario entwickelt: Ausländische Interessengruppen gewinnen mehr und mehr Einfluss. Auch hier ließe sich von einer Neuauflage des Kalten Kriegs sprechen. Der Spiegel berichtet von einem neuen Bündnis, bei dem in jüngsten Gefechten offenbar IS-Extremisten, die einen Gottesstaat anstreben, an der Seite anderer islamistischer Brigaden kämpfen. Die Gruppen galten bislang als verfeindet. Die Regierungstruppen wurden dagegen von Mitgliedern der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah unterstützt. Auch Iran unterstützt das Assad-Regime: immer mehr Milizen drängen von außerhalb in die Kampfgebiete, die gleichzeitig immer weiter anwachsen.

Auch Epidemien verselbstständigen sich rund um den Erdball: Der afrikanische Kontinent, insbesondere Westafrika, wird seit Mai diesen Jahres von einer – mittlerweile – außer Kontrolle geratenen Ebola-Epidemie heimgesucht. Das Ebolafieber, das sich mutmaßlich von Primaten oder Flughunden auf den Menschen überträgt, hat am Mittwoch, den 2. Juli 2014, bereits 759 Menschen in Guinea, Liberia und Sierra Leone infiziert, von denen 467 verstarben. Das bedeutet eine Sterberate von 61 Prozent; in Guinea sollen sogar 75 Prozent der Infizierten verstorben sein. Mittlerweile fürchten die USA – und mit ihr die ganze Welt – ein Übergreifen der Krankheit auf andere Kontinente. Die WHO versucht schon seit Monaten, den Virus zurückzudrängen – allerdings mit wenig Erfolg. Die Eingeborenen sind kaum über die Krankheit informiert und besonders bei Beisetzungen ist die Infektionsgefahr hoch, da auch Leichen weiterhin als Wirte fungieren. 100 Millionen Dollar sind nochmals für den Einsatz der WHO in den verseuchten Ländern vorgesehen.

Im Südsudan, der vor nunmehr drei Jahren als jüngster Staat der Welt gefeiert wurde, verbreitet die Cholera Angst und Schrecken. Der Staat ist gebeutelt von Bürgerkriegen, die sich auf einen Machtkampf zwischen den hiesigen Volksgruppen, Nuer und Dinka, zurückführen lassen.

Gleichzeitig kursiert im südasiatischen Raum die Malaria, die möglicherweise aufgrund der kurzen Behandlungszeit von drei Tagen, eine Resistenz gegenüber den bisher wirksamen Arzneimitteln ausbildet. Die Grenzregionen im Norden und Westen von Kambodscha, im Osten von Myanmar, in Thailand und Vietnam sind besonders betroffen. Die mit dem Stich weiblicher Stechmücken der Gattung Anopheles übertragenen Erreger sind bisher kaum aufzuhalten. Die humanitäre Lage ist allerorts katastrophal, ebenso wie im umkämpften Gaza:

Der fünfte Kriegsausbruch in fünfeinhalb Jahren zwischen Israel und der islamistischen Hamas, bei der massenweise Zivilisten umkamen, dauert nun bereits mehrere Wochen an: am Donnerstag, den 17. Juli begann Israel die Bodenoffensive. Als Auslöser wird die Verschleppung und Tötung minderjähriger Religionsschüler angeführt. Jedweder Versuch einer Feuerpause wird – unter gegenseitiger Schuldzuweisung – innerhalb weniger Stunden gebrochen. Erklärtes Ziel Israels, die ihre Hauptstadt unter dem „Iron Dome“ – einem Raketenabwehrsystem, das, vom US-Kongress mit 225 Millionen Dollar bezuschusst werden soll, vor Angriffen aus dem Nachbarland schützt, sei es, die Tunnelsysteme der Hamas sowie ihre Waffenlager zu zerstören. Dagegen verschanzen sich die Hamas – und das wird in der Kriegsberichterstattung besonders hervorgehoben – in bewohnten Häusern oder in Krankenstationen; verkleiden sich als Helfer und verwenden demnach die Ortsansässigen als menschliche Schutzschilde.

Friedenskonferenz für Syrien – Schritt für Schritt Richtung Frieden?

Seit letztem Mittwoch laufen die Friedensgespräche zwischen der syrischen Opposition und dem Regime unter Mediation der Vereinten Nationen in Genf und Montreux. Die Erwartungen waren von Anfang an von allen beteiligten Seiten gering. Die kurzfristige Einladung Irans durch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon musste dieser unter internationalem Druck wieder zurücknehmen, nachdem die syrische Opposition daraufhin mit einer Absage gedroht hatte. Ein vorzeitiges Zeichen für das Scheitern der Konferenz?

Die Lage in Syrien ist verfahren – die syrischen Rebellen sind in verschiedene Gruppen gesplittet, das Regime unter Staatspräsident Baschar al-Assad ist nur schwerlich bereit, Kompromisse einzugehen. Dass überhaupt beide Konfliktparteien bereit sind, sich an einen gemeinsamen Tisch zu setzen, kann schon als Erfolg bewertet werden. Das bei der ersten Friedenskonferenz im Juni 2012 vereinbarte Ziel, eine Übergangsregierung unter Beteiligung der syrischen Opposition zu bilden, scheint jedoch utopisch.

Am Samstag trafen nun Vertreter beider Parteien zum ersten Mal direkt aufeinander, nachdem der UN-Sondergesandte Lakhdar Brahimi zunächst nur einzeln mit den Parteien verhandeln konnte. Wichtigstes Thema soll eine Waffenruhe bei der Stadt Homs sein, die von Rebellen gehalten und von Regierungstruppen belagert wird. Ziel ist es vor allem, den Zugang zur Stadt zu ermöglichen, da dort tausende von Zivilisten auf Hilfsgüter angewiesen sind. Gestern konnte eine erste Einigung erzielt werden – Brahimi erkläre, dass Frauen und Kinder das Zentrum verlassen dürften. Was mit der männlichen Bevölkerung passiert und ob und wie die Vereinbarung umgesetzt wird, bleibt noch unklar.

In Syrien tobt schon seit ungefähr drei Jahren ein Bürgerkrieg, der nach Angaben der UN bereits mindestens hunderttausend Todesopfer forderte. Im Vordergrund der Auseinandersetzungen stand zu Beginn die Demokratisierung des Landes – mit der gewalttätigen Eskalation des Konflikts geriet diese jedoch immer mehr in den Hintergrund. Mittlerweile stehen Kämpfe aus religiösen und ethnischen Gründen im Vordergrund.

Chemiewaffen und Wählerstimmen

Im Bürgerkrieg von Syrien wird – so Gerüchte – mit Giftgas gekämpft. Angeblich habe Regimeführer Baschar al-Assad chemische Waffen gegen von Rebellen kontrollierte Städte einsetzen lassen. Vor Ort sterben die Menschen zu Hunderten – auch deshalb, weil im umkämpften Gebiet Medikamente rar sind.

Aus Deutschland vernimmt man dieser Tage Ungewöhnliches: Zurückhaltung gegenüber dem syrischen Bürgerkrieg. Humanitäre Gründe scheinen dabei allerdings in den Hintergrund zu treten; offensichtlich vermeidet es die deutsche Parteienlandschaft etwa einen Monat vor den Bundestagswahlen tunlichst, ihr Volk zu verärgern. Mit Bundeswehreinsätzen im Ausland lassen sich traditionell keine Wählerstimmen gewinnen. Das hat man in Deutschland nach dem Afghanistan-Einsatz wohl gelernt. Und so ist es nicht nur die Linke, die sich gegen eine Militäraktion stellt. Aus den Reihen aller Parteien vernimmt man diese sonst wenig gekannte Zurückhaltung.

In Syrien herrscht – ausgehend von den Revolutionen um den arabischen Frühling 2011 – ein schrecklicher Bürgerkrieg. Ursprünglich gegen die Ein-Parteien-Herrschaft der Baath-Partei gerichtet und auf einen Rücktritt des Präsidenten hoffend, kämpfen die Rebellen in Syrien heute eher um das Privileg religiöser Vorherrschaft im Land. Präsident Assad setzt weiterhin seine Streitkräfte gegen das eigene Volk ein und spricht von Terroristen, die das Land stürzen wollen. Mehrfach drohte der Konflikt, über die syrischen Grenzen hinweg getragen zu werden, hinaus in die umliegende Welt. Vor allem zwischen Syrien und Türkei kam es mehrfach zu Problemfällen.

Der Schlacht um die Vormacht im Land sind bereits etliche Menschen zum Opfer gefallen: Neben den Hunderttausend Gefallenen befinden sich mehrere Millionen Syrer innerhalb wie außerhalb des eigenen Landes auf der Flucht. Den Präsidenten scheint das kaum zu kümmern. Zwar hat er wiederholt Dialogbereitschaft erkennen lassen, einen Rücktritt aber schließt er offensichtlich aus.

Stattdessen scheint er die Rebellen geradezu zu verhöhnen: Der vermeintliche Giftgasangriff fand kurz nach Eintreffen von internationalen Inspektoren der UN im Lande statt. Deren Anwesenheit in Syrien verschafft auch den deutschen Politikern den Luxus, eine Entscheidung im Syrienkonflikt einfach zu vertagen – bis Mitte September Deutschland gewählt hat.

Der Krieg in Syrien als Neuauflage des Kalten Kriegs?

Die Ereignisse überschlagen sich im für uns so fernen Orient: Samstag berichten die Medien von einem Bombenattentat in Reyhanli, eine türkische Stadt nahe der Grenze zu Syrien, das 46 Menschen das Leben gekostet hat. Die türkischen Staatsbürger, die als Verdächtige gefangen genommen wurden, sollen Verbindungen zum syrischen Geheimdienst unterhalten haben, so stellt es der Vizepremier Besir Atalay in Ankara dar. Demnach soll das Regime in Syrien direkt an dem Attentat beteiligt sein. Die syrische Regierung weist das natürlich entschieden zurück, wenngleich die Situation dadurch nicht gerade entschärft wird. So hält sich die Türkei einen Vergeltungsschlag als Option gegen Syrien offen. Doch das ist nur der aktuelle Gipfel des Eisbergs.
Gleichzeitig tobt die Debatte über den mutmaßlichen Einsatz von Giftgas und Chemiewaffen:  US-Präsident Barack Obama hatte

im vergangen Jahr den Einsatz von chemischen Kampfstoffen als „rote Linie“ bezeichnet und angesichts der „starken Beweise“, die es laut US-Außenminister John Kerry für deren Einsatz seitens des Regimes gegen die Rebellen gebe, scheint die US-Regierung in deutlichem Zugzwang zu sein. Noch betont Kerry, werde dennoch eine diplomatische Lösung angestrebt. Obwohl die USA für einen Rücktritt des Regimeführer Baschar al-Assad plädiert, reiste der US-Außenminister zum Zwecke der Deeskalation in der vergangenen Woche nach Moskau. Zunächst warnte er die Regierung in Russland vor einem Rüstungsdeal mit dem syrischen Regime, mit dem sie eine enge Partnerschaft unterhalten. Um dieses Konfliktpotential mindestens zu überblicken und es im Idealfall diplomatisch zu einem Abschluss zu bringen, wie es Washington, London, Paris, sowie auch Jerusalem anstreben. Bei einer „internationalen Syrien-Konferenz“ (auch als „Genf 2“ bezeichnet), die noch im Mai über die Bühne gehen soll, sollen der Sechspunkteplan von Genf als Wegweiser für die weiteren Entwicklungen in Syrien gelten. Dabei sollen angeblich alle Parteien an einen Tisch geholt werden. Allerdings plädieren die westlichen Staaten zusammen mit Israel für eine Übergangsregierung ohne den Regimeführer. Russland zeigt sich verhandlungsbereit, doch erscheint ein so kurzfristig angelegtes Treffen – trotz der weltweiten Zustimmung – eher unrealistisch. Bereits am Samstag zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen russischen Offiziellen, wonach Gespräche Ende Mai nicht möglich seien.
Neben Russland bildet sich eine Front der Assad-Unterstützer, denn auch aus dem Iran bezieht das syrische Regime Waffen. Doch auch hier brodelt der Konfliktherd schon seit mehreren Monaten: Zuletzt brach die mediale Berichterstattungswelle im Juni über den Cyberangriff der USA auf eine mögliche Atomanalage des Irans. Allerdings scheint von dieser Seite neue Hoffnung zu keimen: Irans Außenminister Ali Akbar Salehi distanzierte sich von dem bisher unterstützten syrischen Regime und merkt an, dass der Iran selbst in der Auseinandersetzung mit dem Irak mit Chemiewaffen konfrontiert worden war. Seine Position markiert er klar: „Wir verdammen Chemiewaffen.“ Er warnt die Kriegsparteien vor weiteren Einsätzen von „Massenvernichtungswaffen“ und fügt an, dass er eine Möglichkeit sehe, die Konfliktparteien Syriens zu Verhandlung zu animieren.
Außerdem soll es auch im Streit um atomare Kampfstoffe eine Wende geben. Am 14. Juni soll ein Nachfolger für den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gewählt werden, der „auf jeden Fall mit neuem Elan an die Sache herangehen“ werde. Ob neuer Elan das richtige Mittel für eine diplomatische Lösung ist, sei zunächst einmal dahingestellt.
Während Syrien am heutigen Tag den Rücktritt des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan fordert, scheint die westliche „Allianz“ der Regimegegner machtlos zu sein, gleichzeitig schwelt der Konfliktherd stetig weiter vor sich hin. Eine klare Frontenbildung ist zwar glücklicherweise dank der Verhandlungsbereitschaft Russlands und der kürzlichen Distanzierung des Irans nicht eindeutig auszumachen, dennoch scheint die Welt sich mal wieder in Ost und West zu  teilen und die ganze Welt ist in Lauerstellung auf den sprichwörtlichen Tropfen zu warten, der das Fass zum Überlaufen bringt.