Trimm dich krank!

„Ich habe mit Spaß am Sport angefangen“, sagt Anja (22). „Es war toll, Erfolge zu erzielen, Veränderungen wahrzunehmen und sich gesund und fit zu fühlen.“ Aber dann wurde aus dem Spaß ein Zwang und aus dem Zwang eine Sucht.

„Traumbody“ dank Fitness- und Ernährungsprogrammen

Die Kombination aus Sport und Ernährung wird uns oft als Lösung für nahezu alles verkauft. „Mit effektivem Training und gesunder Ernährung zum Traumbody“ oder „durch kohlenhydratarme, eiweißreiche Ernährung und moderates Workout den Körper auf schlank trimmen“ versprechen die Fitness- und Ernährungsprogramme der Promis. Dass man Sport und Ernährung aber auch gegen den eigenen Körper einsetzen kann, weiß sie besser als die meisten anderen: Anja hat sich aus Sportsucht und Essstörung gekämpft und ist heute… Foodbloggerin!

Kontrolle über das Essen

Superheldin oder Kontrollfreak: Das haben Sportsucht und Mangelernährung aus Anja gemacht (Foto: Anja)

Superheldin oder Kontrollfreak: Das haben Sportsucht und Mangelernährung aus Anja gemacht (Foto: Anja)

Pancake-Stapel mit Blaubeeren und Schokosauce, Pastateller mit Kirschtomaten und frischen Kräutern, Frühstücksbowls mit frischem Obst… Wem bei Anjas Instagram-Posts nicht das Wasser im Mund zusammenläuft, der hat wahrscheinlich gerade erst gegessen. Die 22-Jährige selbst zeigt sich dafür eher selten auf ihrem Profil. Und die Bilder, die es zu sehen gibt, passen so gar nicht zu den Foodporn-Beiträgen. Ein zartrosa, beinahe körperloses Geschöpf, dem selbst die coole Superman-Unterhose zu groß zu sein scheint, steht da vor dem Spiegel. Statt der Superheldin, die ihr Gewicht voll im Griff hat, sieht Anja heute nur noch den Kontrollfreak.
„Kontrolle war damals das Wichtigste für mich. Kontrolle über mein Essen, Kontrolle über mein Gewicht. Ich habe mich komplett auf eine bestimmte Zahl fixiert“, erklärt sie. Das Problem bei der Sache: „Kein Sixpack, keine Size-Zero und kein Gewicht haben dazu geführt, dass ich mich wohlgefühlt habe.“ Aber von vorne!

Zerfressen von Selbsthass

„Irgendwann diente der Sport nur noch zum „Kalorien-Verbrennen“, damit ich mir das Essen überhaupt erlauben konnte. Ich habe aufgehört, mich mit meinen Freunden zu treffen und habe stattdessen Sport gemacht“, erzählt Anja, „Sport, Kalorien zählen und Verzicht haben meinen Alltag geprägt und eingeschränkt.“ So wurde aus Spaß und Probieren eine Sucht. Phasen, in denen sie wenig bis gar nichts essen konnte, wechselten sich mit Heißhungerattacken ab. Das schlechte Gewissen darüber, zu viel gegessen zu haben und die Angst vor einer Gewichtszunahme mündeten in Bulimie oder, wie Anja selbst sagt, „einen Teufelskreis aus Heißhunger, schlechtem Gewissen und, Erbrechen“. Aus der Bulimie wurde eine Magersucht. Und dann endlich erkannte sie, was uns heute von den Fotos geradezu entgegenbrüllt: eine wandelnde Hülle, zerfressen von Selbsthass, Selbstzweifel und Unzufriedenheit.

Man muss damit aufhören. Ganz.

"Es ist möglich Sportsucht und Essstörung zu überwinden", sagt Anja und zeigt es auch (Foto: Anja)

„Es ist möglich Sportsucht und Essstörung zu überwinden“, sagt Anja und zeigt es auch (Foto: Anja)

„Wenn man etwas ändern möchte, muss man zunächst ehrlich zu sich selbst sein, auch wenn es weh tut. Man muss sein eigenes Verhalten, seine Gedanken und die Beweggründe hinterfragen. Und wenn man merkt, dass es etwas gibt, was einem nicht guttut, dann muss man damit aufhören. Ganz. Es bringt nichts, es nur „halb“ aus seinem Leben zu streichen. Der Anfang ist immer das Schwerste. Aber ich habe mir selbst bewiesen, dass es Hoffnung für alle gibt. Es ist möglich, Essstörungen und Sportsucht zu überwinden, wenn man dranbleibt und diesen schweren Weg durchhält. Es wird einfacher. Es lohnt sich“, sagt Anja. Also trainierte sie sich etwas Wichtiges an: gesundes Verhalten. Und das geht sogar ganz bequem von zu Hause aus – ohne Geräte, Joggingstrecke und Fitnessstudio. Dafür aber mit sehr viel Stärke und Willenskraft.

Die Kraft zu Laufen

„Heute kann ich Sport wieder aus Spaß betreiben und meiner Psyche und meinem Körper etwas Gutes zu tun. Ich liebe zum Beispiel Yoga am Morgen. So spüre ich meinen Körper auf eine ganz andere Weise und kann seitdem wieder eine Verbindung zu ihm herstellen, die lange verloren war. Außerdem gehe ich drei- bis viermal die Woche laufen. Es ist schön, wieder die Kraft zu haben laufen gehen zu können. Es hilft mir dabei von meinem Uni-Alltag herunter zu kommen, meine Gedanken zu ordnen und mich lebendig zu fühlen.“ Und das Essen?

Essen macht schön!

„Essen ist nicht länger mein Lebensmittelpunkt, kontrolliert und bestimmt mich nicht mehr. Essen hält meinen Körper am Leben, macht mich schön und gesund“, ist Anja heute überzeugt. „Ich habe Spaß an der veganen Ernährung gefunden, da sie sehr vielseitig ist und ich mich damit sehr gut fühle.“ Vor erneuter Mangelernährung hat sie keine Angst: „Wenn man darauf achtet, ausgewogen zu essen, kann man sich mit nahezu jeder Ernährungsweise gesund ernähren.“

Gute und schlechte Tage

Mit ihrem Instagram-Profil und ihrem Youtube-Kanal möchte Anja anderen den Druck nehmen, perfekt sein zu müssen. „Auf Social Media wird oft ein Scheinbild gezeigt – eine optimale Welt ohne Rückschläge und Fehler. Ich teile dort sowohl die guten als auch die schlechten Tage. Es kann nicht immer gut laufen und das ist auch völlig in Ordnung. Oft geht es nicht darum, Probleme zu lösen, sondern zu lernen, mit ihnen umzugehen.“

 

Abhängigkeit und Sucht- Selbstverschuldung oder Gehirnkrankheit?

Illegale Drogen: Der World Drug Report 2016 (Foto: Bernd Kasper  / pixelio.de)

Illegale Drogen: Der World Drug Report 2016 (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Der World Drug Report 2016 der Vereinten Nationen ist erschienen und besagt, dass 29 Millionen Menschen weltweit an den Folgen illegaler Drogen und deren Bekämpfung leiden und es 207 000 Drogentote gab (alle Daten beziehen sich im Bericht auf 2014). Die Debatten können hiermit befeuert werden, denn der Bericht bezieht sich nur auf illegale Drogen und gerade deren Bekämpfung und die damit entstehende Korruption und Gewalt führt, so einige Stimmen, zu vielen Tötungsdelikten. In Deutschland gibt es seit längerem die Debatte, ob Cannabis legalisiert werden sollte, doch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, ist dagegen. Doch auch die legalen Drogen müssen in Betracht gezogen werden, denn sie verursachen mehr Tote und machen teilweise abhängiger, als viele illegale Drogen. Doch selbst bei Alkohol und Tabak geht es den meisten Konsumenten im Alltag gut und nur wenige sind wirklich süchtig. Doch ab wann macht etwas dann abhängig? Wann wird man süchtig?

Was ist Sucht?

Computerspielsucht: kommt häufiger vor, als man denkt (Foto: Bernd Kasper  / pixelio.de)

Computerspielsucht: kommt häufiger vor, als man denkt (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Abhängigkeit ist charakterisiert durch ein zwanghaftes Verlangen nach belohnenden Stimuli, ungeachtet nachteiliger Konsequenzen. Die Sucht tritt durch ein wiederholtes Aussetzen zu diesen Stimuli auf, welche als positiv und begehrenswert wahrgenommen werden und somit auch die Wahrscheinlichkeit eines wiederholten Aussetzens erhöhen. Es gibt eine substanzabhängige Abhängigkeit, bei der  eine Substanz diese positiven Stimuli auslöst. Zu diesen Substanzen gehören die meisten Drogen und der Körper entwickelt eine Toleranz gegenüber diesen Substanzen, sodass man irgendwann für den gleichen Effekt eine höhere Dosis braucht. Es gibt aber auch einen schädlichen Gebrauch von nicht abhängig machenden Substanzen. Diese Abhängigkeit ist eine Zwangsstörung und umfasst den Missbrauch von Arzneimitteln, Antidepressiva oder Steroiden. Auch eine substanzungebundene Abhängigkeit ist möglich und bezieht sich auf Glücksspiel, Computerspiele – und Internetsucht, Sexsucht, Pornographie, Arbeitszwang, Kaufzwang,  Extremsport und sogar exzessives Sporttreiben. Selbst intensive romantische Liebe zeigt die gleichen Symptome. All diesen Beispielen gemeinsam ist eine Störung der Impulskontrolle, bei dem die Kräfte des Verstandes dem Verlangen untergeordnet werden und es können physische und/oder psychologische Absetzerscheinungen bzw. Entzugssymptome auftreten.

Die Rolle des Gehirns

In den letzten Jahrzehnten unterstütze die Forschung die Sicht, dass Abhängigkeit eine Gehirnkrankheit ist. Die charakteristischen, zwanghaften Verhaltensweisen können immer besser zur Neurologie  verknüpft werden. Durch chronische Aussetzung zu einem suchterzeugenden Stimulus, kommt es im Belohnungszentrum des Gehirns zu transskriptionalen und epigenetischen Veränderungen und einer Desensibilisierung der Neuronenschaltkreise, die die Möglichkeit Vergnügen zu empfinden dämpfen und die Motivation senken, alltäglichen Aktivitäten nachzugehen.

Krankheit oder Wahl Dichotomie

Doch inwieweit ist die Person das Problem? Welche Wahl hat das Individuum, welchen Einfluss und kann man fehlende Selbstkontrolle verantwortlich machen? Es gibt viele Fälle von Süchtigen, die ohne medizinische Behandlung ihrer Sucht Herr werden und es gibt einige Stimmen, die besagen, dass psychosoziale Faktoren und das soziale Umfeld einzelner Personen den größten Faktor ausmachen und somit gar nicht zu einer Sucht führen oder zumindest, so andere, bei der Genesung stark helfen. Sucht ist kein Randproblem der Gesellschaft und ist auch kein eindimensionales Problem, sondern funktioniert auf vielen Leveln. Das Wichtigste ist, dass Süchtigen besser geholfen wird, sie nicht eingesperrt und von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, sondern, dass man sich um sie kümmert. Und vielleicht kann die Neurologie durch weitere  Forschungen einen Erfolg beschleunigen.

Das Smartphone – Droge oder nützlicher Gebrauchsgegenstand?

Ständig in der Hand: Das Smartphone. Sind wir schon suchtgefährdet? (© Ute Mulder / pixelio.de)

Ständig in der Hand: Das Smartphone. Sind wir schon suchtgefährdet? (© Ute Mulder / pixelio.de)

Beim Treffen mit Freunden, beim Autofahren, während der Vorlesung – das Smartphone ist heutzutage fast überall dabei. Wenn dann noch Stichworte wie Handy-Sucht oder digitale Demenz durch die Medien geistern, bekommt es der eine oder andere mit der Angst zu tun.

Doch wie Smartphone-suchtgefährdet sind junge Menschen überhaupt? Und sind die Ängste, die mit der scheinbar ununterbrochenen Smartphone-Nutzung einhergehen, berechtigt?

15 Personen zwischen 20 und 30 haben uns in Form einer anonymen Umfrage Einblick in ihr Smartphone-Nutzverhalten gegeben. Acht der Befragten sind weiblich, sieben männlich, sodass wir euch ein ausgewogenes, wenn auch nicht repräsentatives Ergebnis präsentieren dürfen.

Hier ein Pfeifen, dort ein Summen und das im Minutentakt – kostenlose Messaging-Dienste und Gruppenchats sorgen dafür, dass am laufenden Band Nachrichten via Smartphone verschickt werden. Ein in der FAZ geschildertes Experiment mit Oberstufenschülern, die ihre Handys zwei Stunden lang ausschalten mussten, zeigt Erschreckendes: Teilweise erhielten die Schüler in besagtem Zeitraum rund zweihundert Kurznachrichten.
Tatsächlich gab ein Teilnehmer der Face2Face-Befragung an, im Durchschnitt über 50 Nachrichten pro Stunde zu erhalten.

Über 50 Nachrichten pro Stunde? Einer der 15 Umfrage-Teilnehmer gab diesen Wert an (Grafik: T. Gartner)

Über 50 Nachrichten pro Stunde? Einer der 15 Umfrage-Teilnehmer gab diesen Wert an (Grafik: T. Gartner)

Jedoch legten sich auch sechs Personen darauf fest, nur ein bis zwei Nachrichten pro Stunde zu erhalten.

Durchschnittlich drei Stunden pro Tag und damit fast 50 Minuten länger als im Jahr davor waren Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren 2013 online. Zu diesem Ergebnis kam der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest in der jährlich erscheinenden JIM-Studie (Jugend, Information, Multi-Media). Die Verbreitung von Smartphones wird als Hauptgrund für die verstärkte Internetnutzung gesehen: 2013 besitzen 73 % ein Handy beziehungsweise Smartphone – 2011 hingegen waren es nur 29 %.

Erschreckend oder längst Alltag? Drei Stunden am Tag beschäftigen sich viele mit ihrem Smartphone (Grafik: T. Gartner)

Erschreckend oder längst Alltag? Drei Stunden am Tag beschäftigen sich viele mit ihrem Smartphone (Grafik: T. Gartner)

Unsere Face2Face-Umfrage zeigt, dass drei Stunden ein durchaus realistischer Wert für die Beschäftigung mit dem Smartphone ist. Zwar gaben sechs Personen an, eine Stunde oder weniger pro Tag mit ihrem Smartphone zu verbringen, insgesamt 8 Befragte sehen sich jedoch bei zwei bis drei und drei bis fünf Stunden. Ein Teilnehmer gab sogar an, sich täglich fünf bis sechs Stunden mit dem Smartphone zu beschäftigen.

Unzählige Nachrichten, stundenlanges Online- und Erreichbarsein – sind wir denn nun Smartphone-abhängig oder nicht?
„Das Smartphone ist meine Droge an stressigen Tagen“ – so beschreibt ein an der Umfrage Teilnehmender sein Nutzverhalten. Ein weiterer Teilnehmer spricht sogar von einer „Mutter-Kind-Beziehung“ zwischen ihm und seinem Smartphone. Ohne Handy fühle er sich schutzlos, schreibt er.
Doch auch weniger emotionale Bindungen zwischen Smartphone und Nutzer offenbaren sich in unserer Umfrage: „Nützlicher Gebrauchsgegenstand“, „praktisch“ und „schön, wenn man’s hat, aber es geht auch ohne“ schreiben die Befragten.

Smartphone-Nutzung: Hauptsächlich zu Kommunikationszwecken (Grafik: T. Gartner)

Smartphone-Nutzung: Hauptsächlich zu Kommunikationszwecken (Grafik: T. Gartner)

Und was sagen die Experten?
„Viele Jugendlichen nutzen das Smartphone zwar intensiv, sie sind aber nicht abhängig“, sagte Medienpädagogin Angelika Beranek der FAZ. Stattdessen biete das Internet und damit verbunden auch das Smartphone „große Chancen für die sozialpsychologischen Reifungsprozesse in dieser Lebensphase“ weiß Mediensoziologin Sabina Misoch. Das Knüpfen und Pflegen von Kontakten ist also ein wesentlicher und vor allem positiver Aspekt der Smartphone-Nutzung. Das bestätigt auch die Face2Face-Umfrage: Am häufigsten wird das Handy zu Kommunikationszwecken genutzt.

Aber geht´s denn auch ganz ohne? Das wollten wir von unseren Umfrage-Teilnehmern wissen. Und siehe da: Die deutliche Mehrheit antwortete auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, einen oder mehrere Tage ohne Smartphone zu leben, mit „Ja, klar, kein Problem!“ Vier der Befragten würden sich immerhin problemlos einen Tag lang von ihrem Handy trennen – mehrere Tage aber auf keinen Fall.

Wer mehr über seine ganz persönliche Smartphone-Nutzung herausfinden möchte, dem empfehlen die Face2Face-Mitarbeiterinnen Vanessa und Melanie die an der Uni Bonn entwickelte Android-App „Menthal“. Sie analysiert, wie viel Zeit ihr am Tag mit dem Handy verbringt und welche Apps ihr am häufigsten nutzt.

Mehr zum Thema Smartphone gefällig? Wie der Selbstversuch einer Face2Face-Autorin, vier Tage lang ohne Whatsapp zu leben, ausgeht, lest ihr HIER.

Vorschau: Am Dienstag, 15. Juli erwartet euch an dieser Stelle ein Interview mit einer Autorin, die erotische Romane schreibt. 

Computerspielsucht – wenn aus Spiel Ernst wird

Videospielsucht ist ein in vielen Bereichen heiß diskutiertes Thema – sei es in der Politik, der Psychologie oder in den Medien. Trotz der zahlreichen Debatten und Diskurse ist das Gebiet der Computerspielsucht bis heute kaum erforscht. Ob es sich dabei um eine Sucht handelt, wie viele Menschen bereits abhängig sind und welche Gründe für das Suchtverhalten vorliegen – all diese Fragen werden noch immer diskutiert, erwiesen und wieder widerlegt. Sicher scheint nur, dass den Betroffenen dabei geholfen werden muss.

Computerspielsucht

Verhängnisvoll: Aus einem harmlosen Spiel kann eine Krankheit werden (© Gerd Altmann / pixelio.de)

Wie es zu der Krankheit kommt, ist durch zweierlei Faktoren bedingt – durch das Spiel und dem Spieler selbst. Videospiele basieren auf der Grundlage eines psychologischen Belohnungssystems. Nutzer werden dazu animiert, ein Spiel durchzuspielen und sich zu verbessern, um aufsteigen zu können. Aber auch der Spieler selbst kann prädestiniert für sein eigenes Suchtverhalten sein: Ist der Betroffene psychisch belastet, depressiv und mit seinem Leben unzufrieden, nimmt er die virtuelle Welt als neuen Rückzugs- und Fluchtort wahr. Das virtuelle Videospiel dient somit als Ersatzbefriedigung für reelle Bedürfnisse wie Sicherheit und Anerkennung.

Die Folgen einer Computerspielsucht unterscheiden sich dabei kaum von denen anderer Süchte: Die Leistungen im Beruf und in der Schule lassen nach, soziale Kontakte werden vernachlässigt oder wenden sich ab. Das Verhalten und die Gedanken der Betroffenen engen sich auf das Videospiel ein, so dass es zu Konzentrationsschwächen im Alltag kommen kann. Die negativen Auswirkungen auf das reale Leben steigern wiederum das Bedürfnis, sich immer weiter in das Computerspiel zurück zu ziehen. Auch Symptome wie Unruhe, Nervosität und Angst können dabei Symptome für eine Erkrankung sein. Oft geht mit dem Suchtverhalten eine Toleranzentwicklung, der Verlust der Selbstkontrolle und eines gesunden Zeitgefühls einher. Da der Tagesablauf sich nur noch nach dem Spielverlangen richtet, gehen geregelte Alltagsabläufe verloren. Die Sucht kann durch den Bewegungsmangel und die schlechte Ernährung weitere gesundheitliche Konsequenzen mit sich ziehen.

Daher ist es bei der Behandlung wichtig, zu strukturierten Tagesabläufen zurück zu finden und soziale Kontakte auszubauen. Das tägliche Spielpensum sollte dabei nach und nach eingeschränkt werden. Ein abrupter, völliger Entzug steigert nämlich die Gefahr eines Rückfalls. Hier lohnt es sich, Zeitpläne zu erstellen und sich der Spieldauer bewusst zu werden. Außerdem sollten Alternativen zum Spiel aufgesucht werden – so beispielsweise, reale soziale Kontakte, Hobbys und nicht digital geführte Freizeitbeschäftigungen. Zu normalen Schlaf- und Essensrhythmen zurück zu finden und die eigenen psychischen Probleme und Belastungen abzubauen fördert dabei die Heilungsmöglichkeiten. Vor allem professionelle, psychologische Hilfe in Form von Therapeuten, Behandlungszentren, Kliniken und Selbsthilfegruppen ist für eine erfolgreiche Behandlung unabdingbar.

Info:
Sabine Grüsser-Sinopoli Ambulanz für Spielsucht
Beratungshotline: 0800 1 529 529 (kostenlos)
Mo – Fr von 12.00 – 17.00 Uhr
Checkliste und Selbsttest der Universitätsmedizin Mainz

Vorschau: Nächste Woche erwartet euch hier ein leckeres Rezept für gefüllte Eier.

Alles muss „perfekt“ sein

Hoch hinaus: Der Wunsch nach Verbesserung treibt uns immer weiter voran (©Marianne J/Pixelio.de)

Das Verlangen nach Fortschritt, Verbesserung und Entwicklung ist wesentlich für den Menschen. Erst das Streben macht ihn zu dem, was er ist; nur durch das Bemühen, voranzuschreiten, können wir heute so leben, wie wir leben, mit allen technischen Möglichkeiten.

Streben ist etwas Gutes, etwas Lobenswertes. Wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben effektiver und einfacher zu gestalten, der verdient Respekt und Anerkennung. – Doch was, wenn das Streben nach Verbesserung das ganze Leben eines Menschen unterwandert? Was, wenn alles „perfekt“ sein soll?

Der viel gelobte Drang zum Besserwerden kann auch in Perfektionismus ausarten und Züge einer Sucht annehmen. Niemals zufrieden zu sein mit dem Status quo, immer weiter zu wollen, das kann enorm belasten, für Ruhe und Erholung ist kein Platz mehr übrig. Ganz wichtig: Perfektionismus kann überall im Alltag auftreten, nicht nur im Berufsleben.

Nehmen wir zum Beispiel den Sport. Das olympische Motto „Citius, altius, fortius“, das im Deutschen zu „Schneller, höher, weiter“ wird, enthält schon die Quintessenz. Wer im Sport Erfolg haben will, muss sich fortwährend verbessern, Stagnation bedeutet Verlieren. Und wer meint, nur Olympioniken und Profi-Sportler unter Vertrag seien anfällig für krankhaftes Streben, der sei eines Besseren belehrt. Auch im Hobbysport wollen viele immer höhere Leistungen erbringen. Oft liegen die Ergebnisse bei den sogenannten „Jedermännern“ fast auf Profi-Niveau. Um das zu erreichen, optimieren die Freizeit-Sportler fortwährend ihr Training, feilen an ihrer Ernährung, planen die Regeneration nach dem Wettkampf. Alles wird dokumentiert und analysiert, um das nächste Mal noch besser zu sein – ganz wie bei den Profis. Dabei kann jedoch auch die Lebensqualität leiden und es besteht die Gefahr, dass man gerade durch den Drang, besser sein zu wollen, schlechter wird – das nennt man dann Übertrainings-Syndrom.

Selbst im Alltag kann der Perfektionismus zuschlagen. Ganz banal: Putzen und Ordnung sind ja super. Wer will schon in einem Messie-Haushalt leben? Doch auch hier kann das Verlangen nach mehr Sauberkeit in einen zwanghaften Trieb umschlagen. Was früher noch Hygiene war, wird dann zur Desinfektion. Die Wohnung muss regelrecht steril sein, kein Staubkorn darf zu sehen sein. Oh, und wehe, wenn nicht aufgeräumt ist. Ein Buch, das einfach so herumliegt, ist das Schlimmste, muss sofort wieder ins Regal sortiert werden. Für den perfekten Haushalt wird immer mehr Energie aufgewendet, immer mehr Zeit geopfert. Diese Zeit fehlt dann an anderer Stelle im Leben, vor allem wenn es mal ums Abschalten geht.

Unter Zeitdruck: Immer mehr in immer weniger Zeit – das scheint der heitige Lebensstandard zu sein (©Pascal Werth)

Auch eine Form des Perfektionismus: Zeitmanagement. Dieses moderne Übel soll uns helfen in 24 Stunden das Pensum von 48 Stunden zu erledigen. Dafür braucht es aber kontinuierlich Optimierung, einen ausgeklügelten Plan. Der kann zum Beispiel so aussehen: Aufstehen um 6.00 Uhr, dann 30 Minuten Frühstück, ab in die Arbeit; Mittagspause zum Sport nutzen, kurz einen Imbiss herunter schlingen, wieder arbeiten; dann nach Feierabend noch den Haushalt schmeißen, sich mit Freunden treffen; am besten zwischendurch noch ehrenamtlich tätig sein oder für den gebrechlichen Nachbarn einkaufen gehen; und trotzdem noch ein Buch lesen, sich über die Nachrichten informieren und ganz nebenbei entspannen, bis es um 23.00 Uhr ins Bett geht. Doch vielleicht geht auch noch ein Kurs an der Volkshochschule, wenn man etwas früher aufsteht, dann die Mittagspause um 10 Minuten verkürzt, hier ein bisschen straffen, da ein wenig optimieren. – Worauf ich hinaus will: Auch das akkurate Planen des Tagesablaufs, das jede Sekunde ausnutzt, ist eine Spielform des Perfektionismus und kann einem das Leben verderben.

Denn: Der Wunsch nach Fortschritt hat uns sicher viele Annehmlichkeiten beschert. Aber das stete Verbessern und Optimieren kann auch zur Last werden und ein lebenswertes Leben schier unmöglich machen. Ohne Streben ist der Mensch wie ein lebendiger Toter, doch er kann sich auch zu Tode streben. Dafür aber ist das Leben einfach viel zu schade.

Vorschau: Nächsten Mittwoch liefert Eva euch Fakten rund um das Thema Schwangerschaft und geht auf Vorurteile ein, die jungen Menschen dabei begegnen.

Game Over – Wenn Glücksspiel zur Sucht wird

Einfühlsam: Mit Tuncay kann man auch Verbotenes denken (Foto: privat)

„Ich selbst spiele auch mal Lotto. Gewettet habe ich auch schon“, gesteht Mete Tuncay, Sozialpädagoge und Berater aus Mannheim. Aus einem Praktikum im Drogenverein Mannheim e.V. wurde eine Leidenschaft und so ist der 32-Jährige bereits mehr als neun Jahre in der Suchtarbeit tätig. Dabei sieht er bei der Glücksspielsucht vor allem die Gefahr, dass diese – anders als bei substanzbezogenen Drogenproblemen wie Alkohol – äußerlich keine Zeichen mit sich tragen. Erkrankte seien meist jahrelang süchtig, bevor sie sich Hilfe holen.

Face2Face: Wie kann aus einem Spiel eine Sucht werden? Wodurch wird Glücksspielsucht ausgelöst?
Mete Tuncay: Das ist ein schleichender Prozess, der individuell und unterschiedlich lange ausfallen kann. Für die Suchtentwicklung spielen persönliche Faktoren, glücksspielspezifische Faktoren, aber auch die Gesellschaft eine Rolle. Ein Auslöser ist dabei das Gewinnerlebnis. Wenn der Spieler gedanklich durch den Tunnel fährt, er könne mit Spaß und Geschick in nur kurzer Zeit viel Geld machen, kann daraus ein gewohnheitsmäßiges und problematisches Spielen werden. Um denselben Effekt zu erzielen, muss der Spieler schließlich immer länger spielen und höhere Einsätze bieten. Man spielt immer weiter mit dem Motiv, eine Leere zu füllen oder den Verlust wieder gut zu machen.

Face2Face: An welchen Symptomen kann man eine Sucht erkennen?
Mete Tuncay: Ganz banal am Geldverkehr, am Kontoauszug und an den Schulden. Daran, dass eigene Verpflichtungen und Hobbys vernachlässigt werden und das Glücksspiel eine immer größere Rolle einnimmt. Beispielsweise, wenn man von den Spielerlebnissen fantasiert und träumt oder nur noch vom Spielen reden kann. Spielt man gerade nicht, so empfindet man eine innere Unruhe und Nervosität. Man lügt bezüglich des Ausmaßes, den das Glücksspiel einnimmt, verschuldet sich oder begeht kriminelle Handlungen, um die Einsätze bieten zu können.

Face2Face: Wie sehen die möglichen Folgen einer Glücksspielsucht aus?
Mete Tuncay: Eine mögliche Folge ist die finanzielle Verschuldung. Dies kann wiederum Depressionen und Suizidgedanken hervorrufen. Man ist einfach verzweifelt und sieht keinen Ausweg mehr. Mit dem finanziellen Ruin kann aber auch der Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung und der Familie einhergehen. Glücksspielsucht gefährdet nicht nur eine Person, sondern auch das nähere Umfeld. Der Verlust der Familie, die soziale Isolation, kann dann zu psychischen Erkrankungen beziehungsweise Depressionen beitragen.

Face2Face: Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es für Betroffene und wie wird genau therapiert?
Mete Tuncay:Es gibt Beratungsstellen, ambulante Therapieangebote, aber auch teil- und vollstationäre Entzugs-Behandlungen. Bei uns kann man zu den offenen Sprechstunden kommen, anrufen – auch bei der Beratungshotline – und sich anonym und kostenlos Hilfe holen. Bei einer Therapie steht der Mensch im Mittelpunkt. Man muss die Selbstbestimmung des Menschen wahren, auch wenn er sich gegen eine Therapie entscheidet. Dann versuchen wir den Schaden zu begrenzen und das Potential des Menschen auszuschöpfen. Entscheidet sich der Betroffene für eine Therapie, frage ich danach, welche Probleme der Patient hat, welches Ergebnis er aus der Sitzung ziehen möchte. Dabei unterhalten wir uns auf gleicher Augenhöhe, da der Mensch selbst der Experte für sein eigenes Leben ist und ich ihm nichts überstülpen möchte. Ziel sollte es sein, den Menschen zurück ins Leben zu holen.

Gefährlich: Aus harmlosem Spaß kann purer Ernst werden (© Thomas Siepmann / pixelio.de)

Face2Face: In welchem Maße kann das Umfeld angemessen reagieren und helfen? Beispielsweise durch Fremdsperre?
Mete Tuncay (lacht): Wenn es doch so einfach wäre. Sperren lassen kann man sich von den staatlichen Spielbanken, jedoch nicht von gewerblichen Spielhallen, Gaststätten, Imbissen oder dem Internet. Deshalb sollte sich das Umfeld unbedingt über das Thema erkundigen und keinesfalls im Affekt handeln. Es sollte alles auf einer guten Informationsbasis erfolgen. Man sollte mit dem Betroffenen darüber sprechen können, ohne dabei die Person zu kritisieren oder zu beschuldigen. Das gelingt aber kaum jemandem. Deshalb sollte man sich Hilfe suchen.

Face2Face: Wie kann man sich als Betroffener vor weiterem Glücksspiel schützen?
Mete Tuncay: Indem man sich Hilfe und Unterstützung sucht. Süchtige sollten selbst Respekt vor der Erkrankung haben, sich diese als solche eingestehen und sich über den eigenen Kontrollverlust bewusst werden.

Face2Face: Welches Bild sollte Kindern und Jugendlichen hinsichtlich des Glücksspiels suggeriert werden?
Mete Tuncay: Jugendliche müssen wissen: Der Automat gewinnt immer. Das hat nichts mit Können zu tun. Es ist egal, welche Tasten man drückt. Automaten sind nun mal programmierbar und man hat selbst keinen Einfluss darauf. Außerdem sollte man ihnen die möglichen Konsequenzen näher bringen und sie dafür sensibilisieren, dass aus dem Spiel ein Problem werden kann.

Face2Face: Sie sind der Meinung, dass Migranten aus dem orientalischen Kulturraum häufiger von Glücksspielsucht betroffen sind als andere. Woran liegt das?
Mete Tuncay: Laut Ergebnissen der „PAGE“-Studie (Anm. d. Red.: „PAGE“ steht für das Projekt „Pathologisches Glücksspielen und Epidemiologie“) sind Migranten dreimal mehr betroffen als andere. Es handelt sich um Menschen, die nur eingeschränkt sozial eingebunden sind und am gesellschaftlichen Leben nur bedingt partizipieren können. Durch das Glücksspiel versuchen sie Erlebnisse, die im Alltag vielleicht zu kurz kommen, nachzuholen: Erfolg, Selbstbewusstsein, das Gefühl, es zu etwas zu bringen beispielsweise.

Face2Face: Stichwort „Call-in-TV“, Pokerabende, Internet-Glücksspiel: Inwieweit spielen heutzutage die Medien, vor allem Fernsehen und Internet, eine Rolle bei der Glücksspielsucht?
Mete Tuncay: Die Medien haben einen massiven Einfluss auf das Glücksspiel. Es wird dadurch erst salonfähig gemacht. Glücksspiel ist omnipräsent und 24 Stunden lang verfügbar – die Werbung funktioniert dabei sehr perfide: Man inszeniert Erfolgstypen und Situationen, die in der Realität so nicht auftreten. Und je mehr man Glücksspiel bewirbt, umso mehr legitimiert man es und steigert die Toleranz. Man bereichert sich massiv an den Problemen einzelner. Das ist zwar juristisch legitim, moralisch jedoch nicht sauber.

Kontakt:
Drogenverein Mannheim e.V.

Mete Tuncay
Dipl.-Sozialpädagoge (BA)
K3, 11-14
Tel.: 0621/1 59 99 26
Fax: 0621/1 59 99 39
E-Mail: tuncay@drogenverein.de
Bundesweite Beratungshotline: 0800 137 27 00
Für türkischstämmige Anrufer: 0800 326 4762 (donnerstags von 20-22 Uhr)

Vorschau: Nächste Woche erscheint der siebte Teil unserer Traumberufe-Serie. Dieses Mal erzählt ein Radiologe, wie er zu seinem Beruf kam und weshalb er ihn schätzt.